Passion, 150x146cm, 2013

Wundzeit

Seit gut einem Jahr ist Karfreitag angebrochen. Genauer: ausgebrochen, ganz ähnlich wie eine Pandemie ausbricht. Jeder Tag ist heute Karfreitag. War dies vorher in dem einen oder anderen Teil der Welt der Fall, mal hier, mal dort, so gibt es heute keinen Ort, an dem es Karfreitag nicht gibt.


Vielen ist das Eingreifende, Verstörende dieses Ausbruchs inzwischen zum Alltag geworden. Aber dann ein Alltag, an dem immer aufs Neue eine Art Gratwanderung stattfindet. Zwischen Angst und Beruhigung, Täuschung und Wahrheit, Hoffnung und Verzweiflung, Rebellieren und Verzichten, zwischen Ausgrenzen und Zulassen. Ein Gefühl der Verlassenheit hat sich wie eine Aschewolke in der Seele niedergeschlagen: verlassen von der Obrigkeit, welcher auch immer, verlassen von Gott und der göttlichen Welt, verlassen von seinen Nächsten und von sich selbst, vom Leben, so wie es einst war. Auf einmal ist der große Mangel eingetreten.

Alles, was bis zu diesem Punkt einen Ausgleich hätte bieten können, ist dem Einzelnen und der Gemeinschaft nicht länger unmittelbar greifbar. Es fehlt die Wärme und Nähe einer Begegnung, die Vertröstung einer Umarmung, das Willkommen eines Moments füreinander. Es fehlt ein offener Blickwechsel, in dem man sich gegenseitig in seiner Würde bestätigen kann. Es fehlt die Epiphanie des Lächelns eines Unbekannten. Etwas unendlich Kostbares, was immer selbstverständlich da war, hat sich zurückgezogen. Letztendlich ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Man ist mit sich selbst allein, der ‹nackten Existenz› ausgeliefert. Das Leben wird zwar gelebt, aber es hat seinen Glanz verloren. Es ist auf das Überleben reduziert. Die ‹nackte Existenz› wird von Simone Weil als ‹le malheur›, das Unglück schlechthin, bezeichnet.

Leben ist Verwirklichen. Jeder Mensch vermag es, sich in seinen Intentionen erkennbar zu machen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als auszudrücken, wer man aus tiefstem Wesen werden will. Es geht um die Möglichkeit, sich zu ver-wesent-lichen. Dieses Vermögen bezeichnet man als Potenz. Das eigene Wesen kann zur Offenbarung kommen durch eine direkte, ununterbrochene Bewegung der Potenz zu der Form hin, die im Prozess der Verwirklichung entsteht. Das, was als ‹Leben› in der Bedeutung von ‹wirklich leben› statt ‹überleben› bezeichnet wird, umschließt die ganze Bewegung, angefangen bei der Potenz als Ursprung der Bewegung bis zur letztendlichen Form, in der sich Leben ausdrückt.

Ohnmächtig werden

Genau an diesem Punkt offenbart sich die Verletzlichkeit eines jeden Menschen. Denn die Potenz, in der seine Würde wurzelt, ist zugleich auch der Urgrund seiner Verletzlichkeit. Wie er aus seinem Vermögen das Menschwerden gestalten kann, hängt damit zusammen, wie er dem Widerstand der Welt begegnet oder die Welt ihm. Allerdings ist im Denken von Simone Weil dieser Zustand der Verletzlichkeit als ein Ausgeliefertsein nicht lediglich etwas, was durch machtpolitische Belange entsteht oder durch Machtinstanzen auferlegt werden kann, sondern es ist Teil der Wesensnatur eines jeden Menschen. Verletzlichkeit gehört zum menschlichen Wesen. Es repräsentiert mit anderen Worten ein Mysterium: das Mysterium der Wunde. Simone Weil schreibt, dass das große Rätsel des menschlichen Daseins nicht das Leiden (‹souffrance›) ist, sondern ‹le malheur›.

Karfreitag ist jedes Mal da, wenn diese wesentliche Verletzlichkeit des Menschen, der Welt als Widerstand und Macht ausgeliefert zu sein, sich zeigt. Karfreitag ist dann, wenn alles, was davon noch ablenken und einen Ausgleich, leiblich und seelisch, schaffen könnte, allmählich entschwunden ist. Der Mensch wird seinem Menschsein nach ganz ausgekleidet. Der Glanz und die Farbigkeit des Lebens haben sich ihm entzogen. So wie während einer Sonnenfinsternis das Licht fahl wird oder der eben noch klare Tag immer schneller in einer Dämmerung vorübergeht, wobei in einer immer kürzeren Zeitspanne eine Farbe nach der anderen verblasst und entschwindet, bis das Licht völlig erlöscht. Was noch bleibt in diesem tiefsten Punkt der Verwundung, der auch Ohnmacht heißt, ist nur der Mensch als solcher: das Ecce Homo der ursprünglichen Wunde.

Bild: Emanuela Assenza, ‹Passion›, Acryl, Salz, 150 × 145 cm

Die Wunde bleibt offen

Jedoch nimmt uns dies nicht unsere menschliche Würde. Im Prozess, der zum tiefsten Punkt, dem Punkt der Ohnmacht führt, liegt eine einzige Chance. Diese ist kein Ausweg, sondern ein Einweg. Es kommt darauf an, diesen Einweg zu erkennen. Er überwindet nicht die Ohnmacht, sondern führt zu einer Eröffnung, die keine Garantie hat, dass sie auch erfolgreich sein wird. Karfreitag steht nicht im Zeichen des Sieges. Auch nicht im Zeichen einer Lösung, die so bald wie nur möglich den Ausgang finden sollte. Karfreitag hängt mit der Möglichkeit einer Erlösung zusammen, die noch nicht ist, die nur als radikal offene Möglichkeit existiert. Denn was wäre ein Opfer, wenn man schon im Voraus einen Erfolg erwarten könnte. Wo wäre die Freiheit, um die heutzutage so gerungen wird und auf die man sich beruft, ohne tätig zu werden. Und die man trotzdem im Voraus schon sicherstellen möchte. Wo wäre die Liebe zur Tat.

Der Einweg kann nicht an der Ohnmacht vorbei, sondern führt durch die Ohnmacht hindurch. In den Worten Rudolf Steiners: «Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag» und: «… dass wir etwas in unserer Seele tragen, das aus dem Tode jederzeit auferstehen kann im eigenen inneren Erleben.»1

Eines ist klar: Ohne Karfreitag gäbe es keinen Karsamstag und keinen Ostersonntag. Sie gehören zueinander wie die drei Flügel eines Triptychons: Leiden – Tod – Auferstehung. Nur dass man, wenn Karfreitag angebrochen ist, von den beiden anderen Flügeln keine Ahnung hat. Und auch nicht haben kann! Der «Umschlag» findet nicht am Karfreitag statt. Dies wäre ein Ausweg. Sonst könnte der tiefste Punkt der Ohnmacht nicht erreicht werden. Was aber am Karfreitag vollzogen werden kann, sind die weiteren Schritte auf dem langen Weg zum Menschwerden. Ein Menschwerden, in das alles Geschaffene, alle Kreaturen mit einbezogen werden. Und ein Menschwerden, in dem die vielen Verletzungen, die wir einander und den Geschöpfen um uns ständig zufügen, sich allmählich in der Urwunde der Menschheit einigen können. Karfreitag steht im Zeichen des Menschwerdens. Die Wunde bleibt offen, aber die menschliche Natur wird in ihrem Wesen verwandelt. Es ist mehr Menschlichkeit entstanden. Es entsteht mehr Mensch. Tatsächlich: Alles ist heute Karfreitag.

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, GA 182, Zürich, 16. Oktober 1918.
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