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Wo die Welt wild ist

Was an Natur ganz im Menschen aufgegangen und erlöst ist, das kann verschwinden. Ist die Wildnis also wirklich â€čerledigtâ€ș? Stephan Stockmar schaut, wo die Kunst diese Frage zu beantworten sucht.


«Wer wird der Tod der WĂ€lder sein? Der Tag wird kommen, an dem der Wald, der bis dahin ein SchĂŒrzenjĂ€ger war, sich entschließt, nur in alkoholfreien Lokalen, auf geteerten Straßen und mit SonntagsspaziergĂ€ngern zu verkehren. [
] TugendgeschwĂ€cht, wird er die bösen Gewohnheiten seiner Jugend vergessen. Er wird geometrisch, gewissenhaft, pflichtbewusst, grammatisch, richterlich, pastoral, klerikal, konstruktivistisch und republikanisch werden 
 Er wird ein Studienrat werden.» â€“ Max Ernst (1891–1976) (1)

Dieser zum Studienrat dressierte Wald hat nichts mehr gemein mit dem dunklen, wilden Wald, in den Dante einst geriet und der «in Gedanken noch die Angst erneuert» (â€čDie Göttliche Komödieâ€ș, Erster Gesang). Damals, im Mittelalter, waren die WĂ€lder gefĂ€hrlich, nicht nur der Tiere, sondern auch der RĂ€uber wegen. Und zugleich waren sie eine Art Spiegelbild fĂŒr das ebenfalls furchteinflĂ¶ĂŸende Unterbewusste des Menschen, das sich verwob mit einer von DĂ€monen bevölkerten Zwischenwelt, der Gegenwelt zu der SphĂ€re, die auf den alten Bildern als Goldgrund in Erscheinung tritt.

Als ein ReprĂ€sentant dieser Zwischenwelt galt einst der Werwolf â€“ ein Mensch, der ihr verfallen war und sich in den Augen der anderen in einen Wolf verwandelt hatte. Ein solcher Wolfsmensch ist es wohl auch, der in den MĂ€rchen RotkĂ€ppchen und seine Großmutter oder auch sechs der sieben Geißlein verschlingt. Oder den der heilige Franziskus der Legende nach in dem StĂ€dtchen Gubbio zĂ€hmt und mit ihm einen Vertrag schließt. Dante wurde am Ende des Waldtales nicht nur von einem Panther und einem Löwen in BedrĂ€ngnis gebracht, sondern auch von einer Wölfin, «die schien beladen in ihrer Magerkeit mit allen LĂŒsten». Dieses «ruhelose Untier» brachte ihm als «einem, der sich gern bereichert», offenbar auch seine eigene Gier zum Bewusstsein. (2)

Die dunkle Seite des Menschen

In dieser dunklen Seite von Natur und Mensch verbirgt sich aber auch noch ein anderes, das gerne ĂŒbersehen wird, etwas, das vielleicht eher mit dem weiblichen Element in â€čjedemâ€ș Menschen zusammenhĂ€ngt: die hervorbringende, schöpferische Kraft, die allem natĂŒrlichen Sein zugrunde liegt wie auch jedem menschlichen Schaffen, von Urbeginn an. Solange der Mensch noch ganz unmittelbar mit der ihn umgebenden Natur verbunden war, sich noch nicht mittels seines Eigenwillens abgesondert hatte, spielte auch diese dunkle Seite keine besondere Rolle. Im Bild erscheint dieser Zustand in der biblischen Schöpfungsgeschichte, wo der Mensch vor dem sogenannten SĂŒndenfall im Garten Eden noch friedlich mit den Tieren zusammenlebte. Oder im Gilgamesch-Epos, wo der in der WĂŒste aus Lehm erschaffene Enkidu mit den Gazellen im Gras der Steppe weidete und zusammen mit den wilden Tieren am Wasserloch trank â€“ bis er einer Frau begegnete; danach wollten die Tiere von ihm nichts mehr wissen.

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Je mehr der Mensch seinen seelischen Innenraum ausbildete, desto mehr wurde diese Seite ins Unterbewusstsein â€čweggedrĂŒcktâ€ș.

Je mehr der Mensch seinen seelischen Innenraum ausbildete, desto mehr wurde diese Seite ins Unterbewusstsein â€čweggedrĂŒcktâ€ș. Man kann dies aber auch als eine Art Schutz verstehen, der es ihm ermöglichte, fĂŒr die Ă€ußere Sinneswelt zu erwachen und an ihr das Selbstbewusstsein auszubilden. Die Folge ist allerdings, dass sich unterhalb der Bewusstseinsschwelle immer etwas zu verselbstĂ€ndigen droht. Wie prekĂ€r die Situation bereits zu Beginn der Neuzeit war, zeigen die hĂ€ufigen Darstellungen der Versuchung des heiligen Antonius, auf denen dieser von dĂ€monischen Wesen bedrĂ€ngt wird, die in verzerrten Tiergestalten erscheinen. Zugleich stellt sich fĂŒr den Menschen die Frage nach dem Umgang mit dem, was in seinem Unterbewusstsein lebt und ja ganz unterschiedlicher Natur ist â€“ das ganze Spektrum zwischen niedersten, ihn ganz an das Irdische fesselnden Trieben, und höherem Selbst. Diese Doppelnatur macht ja gerade seine besondere Stellung in der Welt als irdisches, aber geistbegabtes Wesen aus. Er steht gewissermaßen vor der Aufgabe, seine Naturseite so zu verwandeln, dass sie dem Geist zum Instrument werden kann, und den Geist so zu erden, um durch ihn sich mit der Ă€ußeren Welt gestaltend verbinden zu können. Bis das gelingt, bleibt es oft unklar, welche â€čNaturâ€ș sich im Menschen zeigt, aus welchen KrĂ€ften er schöpft und was sein Handeln antreibt. Außerdem ist es immer auch eine Frage der Perspektive, aus der heraus ich auf einen Menschen blicke. Ist es nur UnverstĂ€ndnis oder Neid, wenn ich einen anderen Menschen zum â€čUntierâ€ș erklĂ€re? Projiziere ich auf ihn etwas, was ich selbst in mir trage, aber verdrĂ€nge? (Liegt darin vielleicht der Grund fĂŒr die vor allem von der Kirche angestifteten Hexen- und Werwolf-Verfolgungen?) Oder bin ich einfach nicht bereit, ihm beizustehen?

 


Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

 

Der Film â€čDer freie Willeâ€ș von Matthias Glasner, der 2006 in die Kinos kam, zeigt einen Vergewaltiger, Theo, der verzweifelt gegen seine Triebe ankĂ€mpft, die ihn trotz der Liebe einer Frau immer wieder ĂŒberfallen. Er selbst erlebt sich dadurch letztlich unfĂ€hig zur Liebe und sieht schließlich als einzigen Ausweg den Selbstmord. Ihm «bleibt als Freiheit, sich selbst aus der Welt zu schaffen. Auch das geschieht gewalttĂ€tig, auch das ist begleitet von den Schreien einer Frau, die das nicht will und doch sehend geschehen lassen muss. â€“ In Nettie (Sabine Timoteo) spiegelt sich der freie Wille in ihrer Liebe, geht darin ĂŒber und wird darin unsterblich. Das Schlussbild», so beschreibt Enno Schmidt (mit dem ich damals den Film zusammen angeschaut habe) seinen Eindruck, «ist der unbesiegbare Mensch, der durch das kreatĂŒrliche Leiden gegangen ist und geht: der freie Wille der Liebe.» (3) – Nach diesem Film kann ich nicht mehr so einfach auf den â€čbösenâ€ș SexualtĂ€ter zeigen. Das Schicksal des Protagonisten berĂŒhrt mich so, dass ich tatsĂ€chlich mit ihm leide und zugleich Scham vor mir selbst empfinde.

Das Schicksal des Wolfes

Kein wildes Tier wird je zum Untier. Nur der Mensch kann es werden; er kann â€“ das wissen wir spĂ€testens seit Goethe â€“ Â«tierischer als jedes Tier» sein (â€čFaustâ€ș, Prolog). Den Wolf hat das Schicksal ereilt, fĂŒr diese menschliche Bestie, die letztlich in jedem von uns steckt, herhalten zu mĂŒssen, und das hat ihm, zumindest in Mitteleuropa, das Leben gekostet: In der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts war seine gezielte Ausrottung weitestgehend geschafft. FĂŒr den am 19. Januar 1835 erlegten letzten Wolf Westfalens wurde am 100. Jahrestag sogar ein Denkmal errichtet â€“ als Siegesmal?

Warum hat es gerade den meist scheuen Wolf getroffen? Nur, weil er neben dem schwerfĂ€lligeren BĂ€ren das grĂ¶ĂŸte Raubtier in unseren Breiten ist? Weil er so â€čschönâ€ș heulen kann? Oder auch darum, weil er in seinem sozialen Verhalten in gewisser Beziehung dem Menschen Ă€hnelt, wie die Verhaltensforschung herausgefunden hat? Wobei diese Ähnlichkeit sich gerade nicht auf das Raubtierhafte bezieht, sondern ganz im Gegenteil auf die gemeinsame FĂŒrsorge gegenĂŒber den Jungen und Alten und auf die TeamfĂ€higkeit bei der Jagd! Letzteres machte ihn vielleicht schon in der FrĂŒhzeit des Menschen zu einem ernsthaften Konkurrenten.

Und nun kehrt der Wolf zurĂŒck, und zwar von Osten her, von wo schon immer der russische BĂ€r drohte 
 Das löst bei NaturschĂŒtzern Freude aus, macht vielen Menschen aber auch Angst, die wohl kaum nur mit der GefĂ€hrdung von Schafen oder anderen Haustieren zusammenhĂ€ngt. Da steigen auch alte Ängste vor dem Wilden wieder auf, das ja im Menschenreich durchaus nicht als besiegt gelten kann. Ist es Zufall, dass dies gerade jetzt geschieht, wo der Raubtierkapitalismus sich kaum noch versteckt, wo Hetzkampagnen an der Tagesordnung sind, #MeToo-Debatten gefĂŒhrt werden mĂŒssen und sich mehr und mehr die AbgrĂŒnde sexuellen Missbrauchs zeigen â€“ der Mensch also dem Menschen tatsĂ€chlich zum Tier wird, ganz ohne Ă€ußere Verwandlung?

Die ursprĂŒnglich mal wilde Ă€ußere Natur haben wir erfolgreich an unser Studienratsdasein angepasst. DafĂŒr quĂ€len wir uns mit allradgetriebenen SUVs durch die StĂ€dte und Staus, um unsere Kinder sicher zur Krippe zu bringen, und lassen uns sicherheitshalber ĂŒberall von Videokameras ĂŒberwachen. Im Ausgrenzen der vermeintlich wilderen anderen mauern wir uns selbst mehr und mehr ein, verkehren oft nur noch digital miteinander oder begnĂŒgen uns gar mit Alexa und anderen sprechenden Bordcomputern. Beziehen sich unsere Ängste aber nicht eigentlich auf das Wilde in uns selbst, das zu verwandeln so schwer gelingt?

EindrĂŒcke von einer Ausstellung

Die kĂŒrzlich in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu Ende gegangene Ausstellung â€čWildnisâ€ș (1.11.2018 bis 3.2.2019) war nicht gefĂ€hrlich. Man ging von Bild zu Bild bzw. Video, las brav in den erlĂ€uternden Texten an der Wand â€“ beispielsweise, dass fĂŒr die CoBrA-KĂŒnstler «die Auseinandersetzung mit dem Tier als einer elementaren Dimension des Menschlichen» wesentlich war. Oder: «Durch die intensive, meist auch physische Auseinandersetzung mit den ungezĂ€hmten KrĂ€ften der Natur entstehen hier Werke, die Wildnis nicht vorrangig abbilden, sondern als einen integralen Bestandteil in sich tragen.»

Letzteres traf auf die Inszenierung der Werke in der Ausstellung allerdings nicht zu. Sie entsprach ein wenig dem mageren StĂŒck Wildnis, das Mark Dion auf einem kleinen PKW-AnhĂ€nger um einen ausgestopften Wolf drapiert hat. Dieses Werk â€“ â€čMobile Wilderness Unit â€“ Wolfâ€ș (2006) â€“ wie das ganze Ausstellungsarrangement widersprachen geradezu dem Motto der Ausstellung: â€čDie Wildnis kehrt zurĂŒckâ€ș, zeigten aber sehr wohl unser gebrochenes VerhĂ€ltnis zu ihr: Der â€čWildnisâ€ș wird ein sĂ€uberlich abgegrenzter Raum zugeteilt, sodass wir uns an ihr ergötzen können, ohne uns anzustrengen oder gar bedroht zu werden. Ähnliche Versprechungen machen auch die fĂŒr die letzten Reste von â€čwilder Naturâ€ș zustĂ€ndigen Nationalparks, die uns als â€čSonntagsspaziergĂ€ngerâ€ș anlocken, um Wildnis zu besichtigen â€“ von Aussichtsplattformen und Baumwipfelpfaden aus oder durch die ZĂ€une weitlĂ€ufiger Tiergehege.

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Der â€čWildnisâ€ș wird ein sĂ€uberlich abgegrenzter Raum zugeteilt, sodass wir uns an ihr ergötzen können, ohne uns anzustrengen oder gar bedroht zu werden.

Wie auch dort, konnte man in der Ausstellung durchaus spannende Entdeckungen machen. Ich war zunĂ€chst in der Parallelausstellung â€čKönig der Tiereâ€ș (25.10.2018 bis 27.01.2019), die Bilder des Malers Wilhelm Kuhnert zeigte, der als einer der Ersten Anfang des 20. Jahrhunderts die wilden Tiere Afrikas nicht im deutschen Zoo, sondern vor Ort, in der Savanne des damaligen Deutsch-Ostafrikas studiert hat. Auf den zum Teil monumentalen Schinken sind vor allem Löwen zu sehen, naturalistisch gemalt in eindrucksvollen Posen â€“ aber ohne jede Kraft. Sprechend ist das Bild â€čDie Streckeâ€ș, ein SelbstportrĂ€t mit Tropenhelm und Gewehr, zwischen offenbar selbst erlegten Tieren, einer Löwin und einer Antilope. Nach Kuhnerts EntwĂŒrfen sind viele Illustrationen der damaligen Ausgaben von Brehms und anderen â€čThierlebenâ€ș entstanden und haben ĂŒber Generationen das Bild des wilden Afrikas geprĂ€gt â€“ eben aus der Sicht der Kolonialherren.

 


Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, Foto: Robert Bayer, Basel

Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, Foto: Robert Bayer, Basel

 

In der Wildnis-Ausstellung stieß ich dann zuerst auf das GemĂ€lde â€čDer hungrige Löwe wirft sich auf die Antilopeâ€ș von Henri Rousseau, ebenfalls monumental und um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden. Es ist allerdings alles andere als naturalistisch, und Rousseau war auch nie in Afrika. Doch trotz der scheinbar naiven Akkuratesse, mit der hier gemalt ist, sehe ich dem Löwen deutlich seine Gier an â€“ und spĂŒre: Der Zöllner Rousseau kennt eine solche Gier aus eigenem Erleben! Er selbst beschreibt sein Bild sehr prĂ€zise: «Der hungrige Löwe stĂŒrzt sich auf die Antilope, er zerfleischt sie; der Panther erwartet unruhig den Augenblick, wo auch er seinen Anteil abbekommt. Raubvögel haben dem armen Tier, das eine TrĂ€ne vergießt, oben ein StĂŒck Fleisch herausgerissen! Sonnenuntergang.» Das dramatische Geschehen spielt sich zwar vor der Kulisse eines Dschungels ab, könnte aber ebenso gut unter Menschen vorgehen â€“ auch wenn das Ausstellungskapitel â€čWildnis in unsâ€ș erst spĂ€ter folgte.

Zu sehen waren auch Dokumente von KĂŒnstlern, die ihre Spuren direkt in der Natur hinterlassen haben. WĂ€hrend Richard Long auf wie GemĂ€lde inszenierten Fotos seine Steinsetzungen in erhabenen Landschaften zeigt, diese wie ĂŒberhöhend, hat sich die 1985 mit 37 Jahren verstorbene amerikanische KĂŒnstlerin mit kubanischen Wurzeln, Ana Mendieta, buchstĂ€blich mit Leib und Seele in die Natur involviert, dabei nur ephemere Spuren hinterlassend: «Ich warf mich hinein in die Elemente, die mich hervorgebracht haben, und benutzte die Erde als meine Leinwand, meine Seele als Werkzeug.» Von diesen schamanischen Aktionen zeugen Fotos, die sie selbst im Federkleid oder mit Schlamm ĂŒbergossen am â€čTree of Lifeâ€ș zeigen, meist aber nur als Körper-Silhouetten auf dem Boden, als zartes BlĂŒtenarrangement im GebĂŒsch oder â€“ im Video â€“ aus trockenem Gras gebildet, das von den FĂŒĂŸen her aufbrennt, bis schließlich nur noch verkohlte Reste die â€čSiluetaâ€ș bilden. Es sind tatsĂ€chlich einfach nur «Fotos von einem Gegenstand» oder von einem Menschen, wie sie einmal in einem Interview geĂ€ußert hat. (4) Hier finden Mensch und Natur fĂŒr Momente zusammen und berĂŒhren sich gegenseitig wie von innen her. In der Anverwandlung entsteht etwas Neues â€“ auch in mir als Betrachter.

Die «Wildnis in uns» war eindrĂŒcklich durch ein Bild des CoBrA-KĂŒnstlers Karel Appel vertreten: â€čDer wilde Jungeâ€ș ist kein harmlos tobendes Kind, sondern Ausdruck der in jedem Menschen schlummernden Kraft, die, wenn sie nicht in schöpferische Bahnen gelenkt wird, auch schweres Unheil anrichten kann. Dieses Bild lĂ€sst sich nicht mehr nur â€“ wie vielleicht noch die unheimlich-schönen Bilder von Max Ernst â€“ mit Ă€sthetischem Blick wĂŒrdigen; es trĂ€gt tatsĂ€chlich die Wildnis «als einen integralen Bestandteil in sich» und konfrontiert mich unmittelbar mit mir selbst.

 


WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang GĂŒnzel

WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang GĂŒnzel

 

Eine bewegende, bis in seine unruhig-zerrissene Bildsprache adĂ€quate Synthese zwischen Ă€ußerer und innerer Wildnis leistet das Video â€čBogman Palmjaguarâ€ș von Luke Fowler.(5) Hier erzĂ€hlt ein nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechender Mensch â€“ er nennt sich selbst «Jaguar-Sumpfmann» – seine Geschichte. Vor BehördenwillkĂŒr und anderen menschlichen Schikanen hat er sich in ein schottisches Moorgebiet zurĂŒckgezogen und engagiert sich dort als NaturschĂŒtzer: «Ich habe die letzten Reste von Zivilisation abgestreift. Und werde zu einem Wesen der Wildnis. In Momenten, wenn ich wie ein Hirsch in den Flows röhre, wĂ€hrend die dunstige Herbstsonne wie ein orangefarbener Ball am weiten Himmel hĂ€ngt â€“ in solchen Momenten dringt der Geist der Wildnis in mich ein, um immer in mir fortzuleben. [
] Ich weiß sehr genau um die Gesamtsituation, dass menschliche Verfolgung eine traurige Tatsache des Lebens in der heutigen Gesellschaft ist.» â€“ Am Ende der Ausstellung, nachdem man an Großstadtdschungeln, digital generierter Wildnis, kĂŒnstlichen Schlacken und postapokalyptischen Ursprungsszenarien vorbeigekommen war, betrat man einen ganz in zinnoberrotes Licht getauchten Raum. Dort hörte man Eis krachen und splittern sowie Tauwasser gurgeln und wusste nicht so recht: Wohne ich einem urtĂŒmlichen Geschehen in der erhabenen Welt des ewigen Eises bei â€“ oder lausche ich den letzten Seufzern eines dank KlimaerwĂ€rmung dahinschmelzenden Gletschers?

Doch wie gesagt: Was einzelnen Werken durchaus an existenzieller Wildnis innewohnt, fehlte der Ausstellung als solcher. Das ließ einerseits frei, eigene Entdeckungen zu machen, enttĂ€uschte aber auch ein wenig, nicht zuletzt aufgrund der distanziert-erklĂ€renden Sprache, der sie sich bediente.

Mit der Wildnis ins Reine kommen

KĂŒrzlich habe ich im Basler Kunstmuseum wieder den Film «I like America and America likes Me» ĂŒber Beuys’ Erstbegegnung mit dem amerikanischen Kontinent im Jahre 1974 angeschaut. WĂ€hrend dieser Aktion lĂ€sst sich Beuys in einen vergitterten Raum im Herzen New Yorks mit einem Kojoten einsperren, diesem kleinen Wolfsverwandten der amerikanischen PrĂ€rie, der den Ureinwohnern heilig und dem Mythos nach an der Entstehung der Welt beteiligt war. Mich beeindruckt, wie Beuys sich in seiner Interaktion mit dem Kojoten zugleich als Herr des Tieres und als dessen Diener zeigt â€“ wie eine Art Priester: Es ist ein KrĂ€ftemessen auf Augenhöhe. Beuys verstand diese Aktion offenbar auch als einen Beitrag zur Heilung des amerikanischen Traumas mit den Indianern: «Man könnte sagen, dass noch eine Rechnung mit dem Kojoten zu begleichen ist, erst dann ist dieses Trauma vorbei.» (6)

Ein solcher Rechnungsausgleich mit der Wildnis in uns scheint mir aktueller denn je zu sein. Er ist Voraussetzung, um auch mit unserer Umwelt wieder ins Reine zu kommen, der menschlichen wie der natĂŒrlichen. Dazu hat Beuys den Menschen mit seiner sich ins Soziale erweiternden Kunst herausgefordert: Jeder Mensch ein KĂŒnstler!


(1) Soweit nicht besonders nachgewiesen, stammen die Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung: Wildnis Wilderness, hrsg. von Esther Schlicht, Bielefeld 2018.
(2) Heute analysiert man aufgrund von Persönlichkeitseigenschaften wie Egoismus, GehĂ€ssigkeit, Machiavellismus, moralischer Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit sowie ĂŒbertriebenem Anspruchsdenken den sogenannten D-Faktor als â€čKenngrĂ¶ĂŸe der Niedertrachtâ€ș eines Menschen, in etwa vergleichbar mit dem IQ. Dieser Wert könne auch bei der Personalauswahl hilfreich sein, wird ein Autor der entsprechenden Studie zitiert, die kĂŒrzlich in der â€čPsychological Reviewâ€ș veröffentlicht wurde; vgl. sz vom 14.11.2018.
(3) Enno Schmidt: Der freie Wille. Zu dem Film von Matthias Glasner und JĂŒrgen Vogel, in: die Drei 10/2006, S. 70–73.
(4) Ana Mendieta â€“ Traces, hrsg. von Stephanie Rosenthal, Ostfildern 2014, S. 231 f.
(5) https://lux.org.uk/work/bogman-palmjaguar
(6) Nach Carin Kuoni, Energy Plan for the Western Man: Joseph Beuys in America, Four Walls Eight Windows, NYC, 1990; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/I_like_America_and_America_likes_Me#cite_note-1

Zu den Bildern:

Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand, 132 × 162 cm, Peter und Gudrun Selinka Stiftung, Ravensburg/Kunstmuseum Ravensburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, 200 × 301 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, Foto: Robert Bayer, Basel

WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang GĂŒnzel

Titelbild: Gerhard Richter, Tiger, 1965, Öl auf Leinwand, 140 × 150 cm, Museum Mors­broich, Leverkusen, © Gerhard Richter 2018 (0127)

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