Wie wird es gut?

Am 2. Februar startete die Jahrestagung der Sektion fĂŒr Landwirtschaft. Das Thema: â€čQualitĂ€t biodynamischâ€ș. Wie kann Demeter-Landbau vom Boden bis zum fertigen Produkt seine hohe und höchste QualitĂ€t halten und steigern? Dazu suchen die in der biologisch-dynamischen Land- und ErnĂ€hrungswirtschaft TĂ€tigen Antworten. Ein GesprĂ€ch mit den drei Verantwortlichen Jasmin Peschke, Ueli Hurter und Jean-Michel Florin. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Wie kam es zu dem Thema â€čQualitĂ€tâ€ș fĂŒr die diesjĂ€hrige Jahrestagung?

Ueli Hurter Das Thema â€čQualitĂ€tâ€ș gehört zu den Kernfragen des biologisch-dynamischen Landbaus, deshalb widmen wir uns immer wieder der Frage nach der QualitĂ€t, dem inneren Gehalt. Mit Jasmin Peschkes Forschungsarbeit zur ErnĂ€hrung und der Buchveröffentlichung â€čVom Acker auf den Tellerâ€ș rĂŒckte es jetzt unmittelbar in die NĂ€he.

Jean-Michel Florin Der biologisch-dynamische Landbau wĂ€chst ja seit einigen Jahren stark an. Das ist erfreulich! Doch nicht nur die Anzahl der Betriebe wĂ€chst, die Höfe selbst wachsen zum Teil krĂ€ftig, Erzeugung und Verarbeitung werden professioneller und effizienter. Da stellen sich die Betriebe natĂŒrlich die Frage, wie es gelingt, die hohe QualitĂ€t beizubehalten und sie nicht gegenĂŒber höherer Effizienz zu verlieren.

Das betrifft die Spanne von QualitÀt und QuantitÀt?

Florin Ja, das mĂŒssen keine GegensĂ€tze sein! So zeigen Landwirte und Landwirtinnen an der Tagung, wie wir mit den PrĂ€paraten die QualitĂ€t der Lebensmittel verbessern. Da wird es konkret! GĂ€rtnerinnen und Winzer, die Heilpflanzen und Wein anbauen, die mit den feinen QualitĂ€tsfragen vertraut sind, die zeigen uns, wie man die eigene Wahrnehmung hier schulen und tatsĂ€chlich die sinnlich wahrnehmbare QualitĂ€t beinflussen kann mit den PrĂ€paraten. Das sagen die Winzer und Winzerinnen, doch warum soll das nicht fĂŒr alle Produkte gelten.

Auf dem Teller ist dann die QualitÀt bei uns angekommen. Das ist dann die Frage an dich, Jasmin, als ErnÀhrungsfachfrau.

Jasmin Peschke Ja, die QualitĂ€tsfrage hat ja die Menschen um Rudolf Steiner veranlasst, nach einer spirituell orientierten Landwirtschaft zu fragen. Sie fĂŒhrte zum Landwirtschaftlichen Kurs, denn die Landwirte bemerkten, dass die Bodenfruchtbarkeit nachlĂ€sst und die Produkte ihre QualitĂ€t verlieren. In diesem Zusammenhang zur QualitĂ€t verstehe ich auch, wie sich Rudolf Steiner gegenĂŒber Ehrenfried Pfeiffer Ă€ußert. Pfeiffer fragte ihn nach dem, was man heute Handlungsgap nennt. Wie komme es, dass die Menschen studieren und geistige Einsichten gewinnen, aber dennoch nicht danach handeln, keine Initiative ergreifen. Da antwortete Rudolf Steiner, dass es an der ErnĂ€hrung liege. So wie die Produkte beschaffen seien, befĂ€higen sie uns nicht mehr, das Geistige ins Physische zu fĂŒhren. Ja, das ist eine QualitĂ€tsfrage. Und deshalb ist es auch wichtig, das an der Tagung aufzugreifen. Wenn sich jetzt bald die hundert Jahre Landwirtschaftlicher Kurs runden und Demeter-Produkte immer bekannter werden, vor allem in Mitteleuropa, wo sie in SupermĂ€rkten prĂ€sent sind, ist es wichtig, dass wir uns der QualitĂ€t auf allen Ebenen der ErnĂ€hrung bewusst werden.

Dabei sind die Voraussetzungen fĂŒr Demeter-Produkte sehr gut: Bei vielen Kundinnen und Kunden lebt das GefĂŒhl, dass Demeter-Produkte etwas besser seien. Das begegnet mir auch bei Handelsschulungen. Da bestĂ€tigen die Fachleute der Supermarktketten, dass Erzeugnisse aus dem biodynamischen Landbau ein hervorragendes Image haben, ein Image, wie biologischer Landbau eigentlich sein sollte. Das ist ein sehr positives Bild. Aber es interessiert natĂŒrlich auch, wie es dazu kommt, was eigentlich dahintersteckt. Und das ist die QualitĂ€tsfrage! Dabei geht es nicht nur darum, â€čwasâ€ș man tut, sondern auch, â€čwieâ€ș man es tut.

Schwarzer Holunder: Die violetten Beerendolden werden eingekocht zum fruchtig-saftig gesunden Wintertrunk. Aus der Recherche zur Reihe â€čKlosterFarbenDinnerâ€ș von Nina Gautier

Wie ist das beim Besuch eines Demter-Hofes. Hat man da gleich einen QualitĂ€tseindruck? FĂŒhlt man: Hier ist es gut?

Hurter Das kann man sagen, allerdings ist dieses â€čgutâ€ș an jedem Hof komplett anders. Daran zeigt sich unser Begriff der landwirtschaftlichen IndividualitĂ€t. Da kann ein unordentlicher Hof voller Leben doch einen sehr guten Eindruck machen. Dann kommst du eine Stunde spĂ€ter auf einen Nachbarhof, da ist alles eingereiht, arrangiert und gewischt und da ist weniger Leben da und doch spĂŒrt man: Hier ist es gut!

Jeder Hof hat seine eigene QualitÀt?

Hurter Es gibt nicht den idealen archetypischen Demeter-Hof. Vielmehr hat jeder Bauernhof seine ganz besondere AusprĂ€gung von etwas, was prinzipiell darunterliegt, was als solches dann aber durchaus spĂŒrbar ist, intuitiv, inspirativ zu erfahren ist. Wenn du auf einen Hof kommst und dich lĂ€sst das GefĂŒhl nicht los, dass hier etwas noch nicht gut ist, dann bedeutet das eben nicht, dass bestimmte Normen nicht erfĂŒllt sind, sondern vielmehr, dass er diese ganz eigene AusprĂ€gung noch nicht erreicht hat. Das sind Prinzipien, die uns verbinden und die universell sind. Ich spreche gerne von dem universellen Impuls, der zum Inhalt hat, sich zu individualisieren.

Wenn dieses Spannungsfeld einer universellen Individualisierung nicht da ist, dann hat man das GefĂŒhl, da stimmt etwas nicht. Dann ist es oft nicht eine agronomische Frage, um die es geht, sondern meistens ist es eine soziale Frage. Beispielsweise sind die EigentumsverhĂ€ltnisse unklar oder es gibt kollegiale Spannungen.

Es geht in der QualitÀt darum, sich selbst treu zu sein?

Hurter 
 wenn man denn wĂŒsste, wer man ist, dem man treu sein möchte.

Peschke In der Vorbereitung zu unserer Jahrestagung haben wir uns gefragt, wodurch denn QualitÀt entsteht. Was sind die innerseelischen Voraussetzungen, dass gut wird, womit wir uns beschÀftigen? Da kommt es auf Haltung, Schönheit und Stimmung an. Welche Haltung haben wir auf dem Hof, in der Verarbeitung der Lebensmittel? Gibt es einen Gestaltungswillen, etwas Schönes zu schaffen und so AtmosphÀre zu bilden? Das schafft QualitÀt!

Florin Ja, woran erkenne ich einen guten Demeter-Hof? Das ist erst mal eine atmosphÀrische Wahrnehmung dessen, wie die verschiedenen Dinge zusammenspielen, sodass aus Pflanze, Tier und Mensch und Landschaft und Wetter ein Ganzes wird. Da sind die Arbeitsstufen nicht getrennt voneinander, sondern bilden etwas Gemeinsames, eine innere Logik. Die Arbeitsfelder sind getrennt, aber es ist doch ein Ganzes.

An unserer Jahrestagung spricht der Landwirt und BĂ€cker Oliver Clisson ĂŒber QualitĂ€t. Er baut Getreide an und hat eine schonende Art des Mahlens und Backens entwickelt. Jeder Schritt ist da ĂŒberlegt, damit es keinen inneren Bruch gibt. Es reicht eben nicht, sich um den Boden zu kĂŒmmern, die Verarbeitung des Getreides ist genauso wichtig. Es geht darum, den ganzen Weg zu begleiten. Deshalb freut es mich, wenn auf den Höfen dann das Mehl auch gemahlen und sogar zu Brot gebacken wird. Das gibt eine ganzheitliche Stimmung, wenn man nicht nur Rohmaterialien herstellt und dann verkauft, sondern bis zum Lebensmittel tĂ€tig ist.

Auf welche FĂ€higkeiten kommt es dabei an?

Hurter Ja, das ist so verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Es gibt sanguinische BĂ€uerinnen und cholerische oder melancholische Bauern und jeder muss seinen Weg finden. Es hat natĂŒrlich auch mit den Kulturen und Tierarten zu tun, die man auf dem Hof hat. Als Phlegmatiker wird man keine Ziegen halten, das wird schwierig. Es ist eine Charakteristik des Biodynamischen, dass sich zwischen den Bewirtschaftenden und ihrem Hof ein sehr enges Band knĂŒpft. Ich glaube, es ist stĂ€rker, als bei anderen Höfen. Das liegt an der atmosphĂ€rischen SensibilitĂ€t. Die AtmosphĂ€re entsteht nicht nur, weil man materiell arbeitet, sondern auch aus dieser SensibilitĂ€t. Da möchte ich eine Sache noch deutlich sagen: Es gibt die Ansicht, dass man, wenn man vom landwirtschaftlichen Organismus spricht, betont, dass die Menschen, die da arbeiten, auch dazugehören wĂŒrden. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Weil die Anbindung der Menschen an den Boden nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ ist. Wir haben uns nach schrecklichen Verirrungen im 20. Jahrhundert aus dieser Bindung gelöst. Wenn es hier um eine Bindung geht, dann um jene des Hofs zum Bauern, zur BĂ€uerin und nicht des Bauers oder der BĂ€uerin zum Hof, zu Boden. Die Freiheit des arbeitenden Landwirts, der Landwirtin ist primĂ€r. In diese FreiheitssphĂ€re kann der Boden hereinkommen, aber wir Menschen dĂŒrfen nicht mehr in die BindungssphĂ€re des Bodens geraten.

Peschke Ueli Hurter hat in meinem Buch â€čVom Acker auf den Tellerâ€ș schön beschrieben, wie er seine FlĂ€chen bearbeitet hat. Als Bauer kennt Ueli die Böden so gut, dass er, wenn es geregnet hat, weiß, auf welchen Acker er noch drauffahren kann und auf welchen nicht. Es gibt keine Massnahme, die fĂŒr alles gleich gut ist. Ich glaube, das macht den Hof und die Beziehung von uns Menschen mit dem Hof einzigartig.

Florin In einem kĂŒrzlich erschienenen Buch ĂŒber den biologisch-dynamischen Weinbau werden Winzer und Winzerinnen zu dieser Wirtschaftsweise und ihrem Wunsch, sich fĂŒr diese Art des Anbaus zu engagieren, befragt. Es geht also darum, sich fortwĂ€hrend die Frage zu stellen, wie man sich fĂŒr die Tiere und die Landschaft so öffnet, dass sie uns erzĂ€hlen, wie sie gehalten werden, wie sie gepflegt werden wollen. Sie beschreiben, dass man hier weniger Rezepte und Methoden anwendet als vielmehr sich auf Wesen einlĂ€sst, um mit ihnen einen Weg zu gehen. Ein Winzer fasst es in die Worte: «Ich beginne mit den Pflanzen zu sprechen.»

Echte Walnuss: Die grĂŒnen unreifen NĂŒsse riechen aromatisch wĂŒrzig und können zur Delikatesse der sogenannten â€čschwarzen NĂŒsseâ€ș verwandelt werden. Aus der Recherche zur Reihe â€čKlosterFarbenDinnerâ€ș von Nina Gautier

Hier geht die QualitĂ€tsfrage ĂŒber den biologischen Landbau hinaus?

Hurter NatĂŒrlich, das zeigt sich auf vielen Feldern. Wie Jasmin sagte: Die QualitĂ€tsfrage der ErnĂ€hrung gehört konstitutiv zu uns dazu. Und das war bei der Genese des biologischen Landbaus anders. Da lagen die Wurzeln eher im Naturschutz. In der Schweiz, in Österreich, Italien und England war mehr, wĂŒrde ich fast sagen, die ökologische Wahrheit, die Achtung vor der Schöpfung konstitutiv. Die Pioniere des Biolandbaus waren oft in einem guten Sinne religiös. Die Schöpfung zu verletzen, das ist einfach HĂ€resie. Beim biologisch-dynamischen Landbau ist die Frage nach der QualitĂ€t von Anfang an dabei.

NatĂŒrlich geht es bei der ErnĂ€hrung auch um Genuss â€“ es soll schmecken. Aber schlussendlich ist es wichtig, dass die ErnĂ€hrung uns darin unterstĂŒtzt, damit wir das, was wir erkennen, auch wirklich ergreifen und umsetzen. Das ist die heutige Aufgabe, das erfĂŒllt uns und stiftet Sinn. Das ist unsere Zeitgenossenschaft, weil wir in die Freiheit entlassen wurden, nicht mehr gefĂŒhrt werden von einer moralischen Instanz. Ja, Rudolf Steiner ist konsequent mit diesem Freiheitsblick auf den Menschen. Und jetzt fragt ihn einer seiner Mitarbeiter, und er schreibt natĂŒrlich eine fĂŒr ihn spezifische Antwort, aber die ist bei uns eingeflossen: Wieso machen wir denn nicht, was wir erkennen? Und dann deutete er darauf hin, dass uns etwas fehlt, um diese Kraft zu haben, diese Zivilcourage zu haben, obwohl es unbequem ist. Er sagt, weil wir nicht die richtigen Substanzen in uns tragen. Das ist seine Antwort.

Das hat sich in deiner Forschung zur ErnÀhrung bestÀtigt?

Peschke Ja. QualitĂ€t misst sich im Lebendigen am Maß der Begegnung. Was liefert mir, so lohnt es sich zu fragen, das Lebensmittel an BegegnungsqualitĂ€t? Begegnung ist ja dann interessant, wenn es auch mal reibt, wenn wir auch angeregt werden von den Sinnen, auch in der Verdauung. Das können Lebensmittel sein, die einen eigenen Charakter ausgebildet haben, die eine Balance zwischen Wachstum und Reife und Differenzierung ausgebildet haben. Sie sind nicht durch Stickstoff getrieben worden, sondern konnten die ReifequalitĂ€t hervorbringen und in dem Umfeld gedeihen, wo sie auch VitalitĂ€t und WiderstandsfĂ€higkeit entwickeln. Wenn ich solche Lebensmittel esse, dann habe ich ein entsprechendes Erlebnis, mir begegnet Vielfalt. Heute wissen wir, dass eine vielfĂ€ltige ErnĂ€hrung sich fĂŒr das Mikrobiom im Darm positiv auswirkt und das wiederum unsere ImmunitĂ€t stĂ€rkt.

SpĂ€testens dann ist so eine QualitĂ€t nicht teurer, sondern unter UmstĂ€nden gĂŒnstiger.

Peschke Man muss nur die Gesundheitskosten, die Reparaturkosten, alle diese Kosten hereinrechnen, die im konventionellen Landbau durch Nitrat und Pestizide im Trinkwasser und vieles andere entstehen.

Wo findet sich die spirituelle Dimension der QualitÀt?

Florin Wenn wir in die Vergangenheit gehen, sehen wir, welch hohen Stellenwert gemeinsame Mahlzeiten hatten. Heute hat sich die ErnĂ€hrung zweigeteilt: Hin und wieder kauft man sich etwas Außergewöhnliches zum Essen, und sonst im Alltag isst man allein aus dem Grund, keinen Hunger mehr zu haben. Da steht nicht BegegnungsqualitĂ€t im Vordergrund. Es gehört aber zur QualitĂ€t des Geistigen, dass wir uns zu der WahrnehmungsfĂ€higkeit entwickeln mĂŒssen, dass wir uns selbst entwickeln mĂŒssen. Ja, das heißt, ich muss mich auf die Sache einlassen, so wie es bei einer Verkostung geschieht. Was sagen die Menschen da, die nun höher sensibilisiert sind, aber jetzt nicht wissen, ob sie biologisch-dynamische oder konventionelle Produkte probieren? Die konventionellen Produkte schmecken einwandfrei. Man nimmt kein Problem wahr. Aber es ist langweilig, charakterlos. Da geschieht keine Begegnung, und weil es keine Begegnung gibt, gibt es kein GefĂŒhl. Ja, ich habe keine Emotionen. Bei den biologisch-dynamischen Produkten beschreiben dann die Menschen, dass sie eine Begegnung spĂŒren, ein Erlebnis, da berĂŒhrt mich etwas. Diese Erfahrung ernĂ€hrt mich! Diese Erfahrung ist wichtiger Bestandteil der QualitĂ€t. Was da so scheinbar flĂŒchtig geschieht, hat Gewicht, denn es ist die Begegnung mit einem Wesen.

Wilde Möhre: Die Samen schmecken nach KĂŒmmel und können roh zum verfeinern von Speisen dienen. Aus der Recherche zur Reihe â€čKlosterFarbenDinnerâ€ș von Nina Gautier

Die geistigste Begegnung habe ich zum anderen Menschen und die materiellste beim Essen. Welche Beziehung gibt es da?

Florin Wenn wir Kurse geben, gibt es den spannenden Moment beim gemeinsamen Mittagessen. Jeder bringt etwas mit von seinem Hof. Das ist dann ein Fest, denn jeder interessiert sich fĂŒr das, was die Kolleginnen und Kollegen so auf den Tisch bringen. Dein Brot, dein GemĂŒse, dein KĂ€se! Man isst, um zu essen, nicht allein, um Kraft zu finden, um satt zu sein. Man ist mit allen Sinnen dabei. Durch die Erfahrungen und Erlebnisse im Stofflichen können wir dann besser die BrĂŒcke zum anderen Menschen schlagen. Oder mit anderen Worten: Aus unserer entfremdenden Lage zur Welt heute ist eine substanziellere Begegnung und Erfahrung beim Essen oft der erste Schritt zu einer neuen BegegnungsfĂ€higkeit. DafĂŒr muss die ErnĂ€hrung aber auch etwas bieten. Sie muss diese Wesensbegegnung erlauben.

Hurter Wir sind heute beim Essen natĂŒrlich – und das mit Recht – anspruchsvoll geworden. Wie langweilig und eintönig waren frĂŒher die DiĂ€ten! Dreimal am Tag das gleiche, salzfreie Essen. Wir brauchen heute viel Abwechslung und eine Palette von Geschmacksrichtungen. Wir brauchen Reliefbildungen im Sauren, SĂŒĂŸen und Salzigen. Das gab es frĂŒher nicht. Und dann gibt es diese einfache Wahrheit, dass all das, was ich esse, mein Bruder, meine Schwester nicht essen kann. Essen ist ein egoistischer Akt. Darum rĂŒhrt uns so ein Satz: «Food is for sharing.» Essen ist zum Teilen. Das ist jetzt nicht die degustative QualitĂ€t, sondern die soziale. Ich könnte es essen, aber ich teile es dann. Dabei geht es nicht um Barmherzigkeit. Eine typische Situation in der Familie ist, dass vielleicht von dem einen oder anderen nicht so viel da ist: Wir sitzen am Tisch und alle haben Hunger. Bekommt nun der Älteste mehr oder alle gleich viel? So ist es am Tisch und so ist es in der Welt. Bekommen die Reichen mehr, oder diejenigen, die arbeiten? Wie ist es? Die Gerechtigkeitsfrage hĂ€ngt unmittelbar mit dem Essen zusammen.

Wo seht ihr den Entwicklungsbedarf in der QualitÀtsfrage bei Demeter?

Hurter Ja, ich wĂŒrde ihn weniger auf dem Feld oder im Stall suchen, sondern eher bei den nachgelagerten Schritten. Statt von â€čWertschöpfungâ€ș zu sprechen, sprechen wir lieber von â€čQualitĂ€tsbildungâ€ș. Da können wir bei falscher Verarbeitung QualitĂ€t, die wir bei der Anzucht und beim Ernten gewonnen haben, wieder verlieren. Demeter steht fĂŒr biologisch-dynamischen Anbau und eine schonende und entwickelnde Verarbeitung. Darauf wollen wir an der Tagung auch den Fokus richten. Da liegt noch viel Potenzial.

Das fĂŒhrt zum Gedanken, dass Stoffe auch eine Biografie haben?

Hurter Der Kern unseres QualitĂ€tsbegriffes ist, dass es auf die Genese, auf die Biografie ankommt, jene eines Apfels, aber auch jene des Baums und des Hofs, auf dem er steht. Wir sprechen nicht von einer analytischen QualitĂ€t, sondern vom Bogen eines Prozesses, den ich schlussendlich essen kann. Es ist ein QualitĂ€tsbegriff, der weit in die Peripherie greift und dann in den Apfel, das Brot, den KĂ€se sich kondensiert. Die Inhaltsstoffe zu messen, bedeutet dann, diese QualitĂ€t nachzuprĂŒfen.

Der Nutriscore ist dann nur ein Schattenwurf?

Hurter Ein schattiger Schattenwurf.

Florin In der Verarbeitung, gerade wenn es effizient sein soll, nimmt man die Maschinen, die man auf dem Markt findet. Wenn wir Nahrungsmittel biografisch entwickeln möchten, im ursprĂŒnglichen Sinne des Wortes â€čveredelnâ€ș möchten, ein StĂŒck weiterbringen möchten, dann gibt es da noch viel zu tun. KĂ€se aus Rohmilch ist ein Beispiel. Es gibt viele Studien, die zeigen, was wir bei der pasteurisierten Milch schon an QualitĂ€t verloren haben. Manches, was wir so auf dem Weg der Herstellung verlieren, lĂ€sst sich analytisch kaum messen, wohl aber schmecken. Das gilt zum Beispiel fĂŒr das Mahlen des Getreides. Die bildschaffenden Methoden bringen hier auch Licht hinein.

Heute haben wir durch den Klimawandel, durch zu trockene oder zu feuchte Jahre, oft beispielsweise weniger gute Weinsorten. Mit den PrĂ€paraten können die Winzer nun diese AusschlĂ€ge des Klimas ausgleichen. Da arbeiten Winzer sehr fein damit. Ist ein Jahr zu feucht, dann spritzen sie wenig Hornmist, aber mehr Hornkiesel. Die Äpfel dieses Jahres sind ja nicht so gut gereift und auch nicht besonders haltbar, weil es zu feucht war. Mit den PrĂ€paraten konnten die Obstanbauer hier ausgleichend wirken. Da können wir noch viel entwickeln.

Peschke Dazu gehört, dass wir verstehen, dass ein Lebensmittel mehr ist als eine Ansammlung von NÀhrstoffen. Beim Apfel hören wir gerne, dass er beim Bauern um die Ecke gereift ist, schielen dann aber doch auf die Zahlen zu Vitaminen und sekundÀren Pflanzeninhaltsstoffen. Aus diesen NÀhrstoffen kann ich keinen Apfel machen. Wir sollten weiterdenken. Oder schauen wir auf die medizinische Ebene. Zivilisationserkrankungen wie ADHS oder Autismus, Autoimmunerkrankungen oder Allergien hÀngen mit unserer ErnÀhrung zusammen. Bei ADHS gibt es Studien, die zeigen, dass Zusatzstoffe in der industriellen Nahrungsverarbeitung diese Erkrankung befördern. Da gibt es noch viel zu verstehen, auch im Zusammenhang mit dem Darmmikrobiom.

Ueli hat die soziale QualitĂ€t angesprochen: Es kann einem nicht gut gehen, wenn es dem oder der NĂ€chsten schlecht geht. Hunger und Fettleibigkeit heute, das ist das schreckliche Bild dieser Tatsache. QualitĂ€t ist dann etwas, das sich nur ganzheitlich denken lĂ€sst und von der WHO mit dem Begriff â€čone healthâ€ș, eine Gesundheit, gefasst wird. Je mehr wir in Beziehung denken, desto eher wird es gut.

Florin Das bedeutet, nicht funktional zu denken. Wir essen, um zu essen, nicht allein, um satt zu sein. Wir leben, um zu leben, nicht, um etwas zu erreichen, um zu arbeiten. Leben ist Begegnung und Essen ist Begegnung.


Veranstaltung

KlosterFarbenDinner

Die vierteilige Serie der Designerin und ehemaligen Gestalterin der Wochenschrift Nina Gautier, in Zusammenarbeit mit dem Kloster Dornach, lÀdt Sie zu einem speziellen Erlebnis ein. Die Gastgeber stellen zu jeder Jahreszeit eine Pflanze in den Mittelpunkt, welche Farbe, Kunst und Kulinarik zum wildedlen Gesamtbouquet verschmelzen lÀsst.

Mehr: Nina Gautier

NÀchstes Dinner Der Löwenzahn, Do, 7. April 2022, 18 Uhr, Klostergarten & Refektorium (Reservationen unter: info@klosterdornach.ch, 061 705 10 80)

  1. Sehr geehrte Damen und Herren!
    Aus meiner Erfahrung her kann ich bestÀtigen, dass die ausgereifteste mit Liebe zubereitete Mahlzeit
    durch einen Menschen ohne
    Andacht und mit Verachtung seiner Tischgenossen in ein nicht bekömmliches Essen verwandelt
    wird. Demeter fÀngt deshalb
    fĂŒr mich bei Tisch an. Eine wahrhaft gesegnete Speise kann auch in aller Einfachheit zu einem wahren Genuss werden, wenn die Tischgenossen voll innerem Licht und Freude zu Tisch gehen. Erziehung fĂ€ngt mit
    der WertschÀtzung des/der
    Koches/Köchin an und geht mit der Nahrungsaufnahme in eine meditative Haltung ĂŒber. Das Innere verschmilzt
    mit dem Äußeren. Auch nur
    Bio kann so durch die Geistige Haltung veredelt werden.

  2. Liebe Frau Peschke u. Namens-Schwester, bin ganz begeistert vom diesjÀhrigen
    Landwirtschaftlichen Kurs daran teilnehmen zu können in Bild, Wort und Vortrag !

    Freue mich sehr. Vielen Dank und Gruß ans geliebte Schweizer Land !
    Gisela von Peschke gl.vpeschke@aol.com

  3. Hurter sagt: „Da möchte ich eine Sache noch deutlich sagen: Es gibt die Ansicht, dass man, wenn man vom landwirtschaftlichen Organismus spricht, betont, dass die Menschen, die da arbeiten, auch dazugehören wĂŒrden. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Weil die Anbindung der Menschen an den Boden nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ ist. Wir haben uns nach schrecklichen Verirrungen im 20. Jahrhundert aus dieser Bindung gelöst.“ Florin sagt: „Es geht also darum, sich fortwĂ€hrend die Frage zu stellen, wie man sich fĂŒr die Tiere und die Landschaft so öffnet, dass sie uns erzĂ€hlen, wie sie gehalten werden, wie sie gepflegt werden wollen.“Wenn man sich oeffnet fuer die Erde uns alles was dazu gehoert und horcht dann verbindet man sich doch mit der Erde?

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