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Wie uns die Kunst zu Menschen macht

GesprĂ€ch mit dem neuen Kollegium der Sektion fĂŒr Bildende KĂŒnste am Goetheanum ĂŒber dessen Arbeitsschwerpunkte in einer technisierten Kultur. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Was hat euch in der letzten Klausur beschÀftigt?

Barbara Schnetzler Wir haben uns mit Rudolf Steiners VortrĂ€gen aus â€čKunst im Lichte der Mysterienweisheitâ€ș beschĂ€ftigt, woraus sich unser nĂ€chstes Tagungsthema ergeben hat. Rudolf Steiner beginnt mit dem Blick auf die Technik und den Umgang mit ihr. Lehnten wir den technischen Fortschritt ab, wĂŒrden wir uns der Welt in gewisser Weise entziehen. Dadurch meinen wir uns von Ahriman abwenden zu können. Das ist aber nicht möglich, denn Ahriman findet den Menschen ĂŒberall. Über diese Frage haben wir uns anhand einiger Werkbeispiele ausgetauscht. So hat Pieter van der Ree ein Architekturbeispiel des Arnheimer Bahnhofs gezeigt, dessen Gestaltung nach einem vom Computer programmierten Modell entstand. Die Formen sind schön, organisch â€“ perfekt. Doch in unserem Austausch wurde der QualitĂ€tsunterschied zu einem von Menschenhand gefertigten Modell ganz deutlich. Die Formen muten zu dĂŒnn an, haben kein Innenleben und keine innere gestaltende Kraft. Die tragenden SĂ€ulen scheinen die Last nicht wirklich zu tragen. Es fehlt die Struktur, die lebendige GesetzmĂ€ĂŸigkeit im Innenraum der Form.

Damit erwacht die Frage an den schöpferischen Menschen und an die HumanitĂ€t. Dieses Thema soll auch im Zentrum unserer kommenden Arbeit stehen: Wie wird der Mensch in den KĂŒnsten zum Menschen? Der Mensch, das Menschsein ist heute existenziell bedroht, und die moderne Kunst bezeugt diese Brechung. Wir wollen angesichts des Transhumanismus den Menschen aus den verschiedenen KĂŒnsten heraus beleuchten und untersuchen, wie die KĂŒnste auf uns Menschen wirken.


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Christiane Haid ist Literaturwissenschaftlerin und Malerin, leitet die Sektion fĂŒr Bildende KĂŒnste und die Sektion fĂŒr Schöne Wissenschaften am Goetheanum.  Bild: Christiane Haid, Michaelische Stimmung, Acryl und Kreide auf Leinwand, 2003. Foto: Duilio A. Martins.

Christiane Haid ist Literaturwissenschaftlerin und Malerin, leitet die Sektion fĂŒr Bildende KĂŒnste und die Sektion fĂŒr Schöne Wissenschaften am Goetheanum.

Bild: Christiane Haid, Michaelische Stimmung, Acryl und Kreide auf Leinwand, 2003. Foto: Duilio A. Martins.

 

Welche Rolle spielt dabei Rudolf Steiners Zuordnung der KĂŒnste zu den Wesensgliedern?

Pieter van der Ree Christiane Haid ist letzten Sommer mit der Frage an uns herangetreten: Möchten Sie mitmachen? Sie hatte die Idee, mit den ersten VortrĂ€gen aus â€čKunst im Lichte der Mysterienweisheitâ€ș anzufangen, also ĂŒber die Beziehung des Menschenwesens zu den verschiedenen KĂŒnsten zu arbeiten. In der niederlĂ€ndischen Sektion haben wir uns in den letzten Jahren schon intensiv mit diesem Thema beschĂ€ftigt. Dann kam der Aspekt der digitalen Technik und des Transhumanismus dazu. Wir haben bemerkt, dass die Frage der Beziehung zwischen Mensch und Kunst und der Bedeutung der KĂŒnste fĂŒr den Menschen eine neue AktualitĂ€t bekommt â€“ wenn Kunst ohne Handwerk möglich wird. Es gibt Computerprogramme, die eine Gestalt entwerfen. Kann uns das Ergebnis noch nĂ€hren, wenn es nicht durch Menschenhand beseelt ist?

In der Architektur ist Computerarbeit nicht wegzudenken, oder?

Yaike Dunselman Ja, das ist so. Ich finde aber, dass da gleichzeitig auch spannende Sachen passieren. Die Frage an uns ist: Was macht den Unterschied aus zwischen der organisch, menschlich, anthroposophisch inspirierten Architektur und dieser durch den Computer möglich gemachten plastisch freien Architektur? Ich betrachte das als eine der Forschungsfragen. Da möchte ich gern vorn dabei sein und es ist fĂŒr mich auch eine Motivation, in der Sektion mitzumachen. Ich erlebe es so: Rudolf Steiners anthroposophisch-organische Architektur stand in ihrer Zeit ganz vorn. Heutzutage stehen wir anthroposophischen Architekten leider nicht mehr dort. Ich finde, dass wir uns anstrengen sollten, wieder zu einem Kulturfaktor zu werden!

Wie kann das gelingen? Geht es noch um die Befreiung von allzu engen Stilvorstellungen?

Dunselman Man soll aus dem Inhalt heraus kreativ werden, und da kann man auch frei sein. Innerhalb unserer Sektion wĂ€re es mir wichtig, dass wir einander nicht im Hinblick auf Äußerlichkeiten kritisieren, sondern möglichst offen zueinander sind und einander inhaltlich inspirieren. Wir arbeiten alle an den gleichen Themen. Wir sollten versuchen, voneinander zu lernen und uns so weiterzuentwickeln.


Foto: VerwaltungsgebÀude der Wohnungsbaugesellschaft IJsselstein (NL). Entwurf: Pieter van der Ree, Orta-Atelier.

Foto: VerwaltungsgebÀude der Wohnungsbaugesellschaft IJsselstein (NL). Entwurf: Pieter van der Ree, Orta-Atelier.


Pieter van der Ree ist Architekt in den Niederlanden und hat einen Lehrstuhl fĂŒr Organische Architektur an der Alanus-Hochschule in Alfter (D).

Pieter van der Ree ist Architekt in den Niederlanden und hat einen Lehrstuhl fĂŒr Organische Architektur an der Alanus-Hochschule in Alfter (D).

 

Christiane Haid Es ist fĂŒr mich entscheidend, dass wir uns nicht in theoretischen Fragen verlieren. Rudolf Steiner spricht davon, dass er einen Stil entwickelt â€“ das kann man nicht verleugnen. Die Frage ist aber, ob man darunter rein formale Merkmale versteht, die Ă€ußere Form, die man immer weiter wiederholt, oder ob die Aufgabe darin besteht, zu der Quelle zu kommen, aus der die Form entstanden ist. Ich denke, das ist auch die Herausforderung, die jetzt das hundertjĂ€hrige Bestehen der Freien Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft mit sich bringt. Sie fordert uns heraus, uns noch einmal neu auf die Anfangsimpulse zu besinnen. Nicht in erster Linie zurĂŒckzublicken, sondern auf diese KrĂ€fteebene, auf die Entstehungsimpulse zu schauen und von da aus zu sehen, was man selbst fĂŒr ein VerhĂ€ltnis dazu entwickelt. Schon ein Maler wie der erste Stuttgarter Waldorfkunstlehrer Max WolfhĂŒgel hat sich seinerzeit davon abgesetzt, irgendetwas nachzuahmen oder zu wiederholen. Er sagte, dass die â€čSubstanzkrĂ€fteâ€ș in der Kunst frei bleiben mĂŒssen. Den Impuls im Sinne einer geistigen Bewegung kann man aufnehmen, aber wie sich das ausgestaltet, das ist eine individuelle Angelegenheit. Ich denke, es geht darum, sich auf der Ebene der Impulse zu begegnen und zu fragen: Was bewegt dich eigentlich und wo ist dein Ansatz?

Was heißt das fĂŒr kommende Veranstaltungen?

Rik ten Cate Ich habe wĂ€hrend dieser Tage fĂŒr verschiedene Dinge Enthusiasmus entwickelt. Das Erste ist, dass sich die Vortragsreihe â€čKunst im Lichte der Mysterienweisheitâ€ș nicht nur auf Architektur, Plastik und Malerei beschrĂ€nkt, sondern sich gerade in der zweiten HĂ€lfte stark auf Eurythmie, Dichtung und Musik bezieht. Wir möchten den ganzen Menschen anschauen. So haben wir auch Vertreterinnen und Vertreter aus den Bereichen Eurythmie, Literaturwissenschaft und Musik eingeladen, mitzumachen. Das Erste, was wir als neues Team tun, ist also, ĂŒber unsere Grenzen, ĂŒber die Grenzen der Fachbereiche der Bildenden KĂŒnste hinauszugehen. Das Zweite ist, dass wir uns verstehen. Wir ergĂ€nzen uns. Der Wind weht also in die richtige Richtung. Das ist fĂŒr einen NiederlĂ€nder wichtig. Und das Dritte ist fĂŒr mich die Hoffnung, dass es uns gelingt â€“ wie Christiane Haid sagt –, bei den Quellen anzuschließen, also bei dem wirklich Wesentlichen. Wie ist das mit diesen Gesetzen des Ätherleibes? Ich kann sie studieren und lesen und bedenken, aber wie ist das wirklich? Und was bedeutet es, dass plastische Kunst, also Bildhauerkunst, sich auf diese Gesetze bezieht und dass sie dann außerhalb meines Leibes in die Welt projiziert wird? Das werden wir studieren, ausprobieren.

Schnetzler Ich glaube, es ist eine Dringlichkeit der Zeit, dass sich die verschiedenen Kunstgattungen gegenseitig befruchten. Nur so können wir aus der Enge der Spezifizierung herauskommen, die wir hier zum Teil erlebt haben. Das ging so weit, dass die Kunst illustrativ wurde. Wenn man sich fĂŒr die anderen Gebiete öffnet, kann die Kunst auch wieder natĂŒrlicher hervorkommen und wieder direkt an die Quellen anschließen. Ich bin teilweise viel freier, wenn ich mich in anderen Feldern bewege, zum Beispiel wenn ich male oder auch musiziere. Da kann je nachdem etwas viel Frischeres herauskommen.


Skulptur: Barbara Schnetzler, Ohne Titel, Cervaiole- Marmor, 2019.

Skulptur: Barbara Schnetzler, Ohne Titel, Cervaiole- Marmor, 2019.


Barbara Schnetzler (Schweiz) ist freischaffende KĂŒnstlerin (Bildhauerei, Malerei, Performance und Installationskunst).

Barbara Schnetzler (Schweiz) ist freischaffende KĂŒnstlerin (Bildhauerei, Malerei, Performance und Installationskunst).

 

Hans-Dieter Jendreyko, Schauspieler und Regisseur, betont, â€čKĂŒnstlerâ€ș sei eine Bezeichnung, die andere einem geben und mit der man sich nicht selbst auszeichnen könne. MĂŒssen wir die KĂŒnstlerin und den KĂŒnstler deutlicher vom Kunstinteressierten unterscheiden?

Haid Ich kenne die Frage aus den Schönen Wissenschaften. Da gibt es auch die große Spanne zwischen den professionellen Forschenden, die teilweise Professoren an der UniversitĂ€t oder freischaffende Schriftsteller sind, und den Laien und Liebhabern der Fachbereiche. Beide zusammenzubringen, ist nicht leicht, zum Teil sogar unmöglich. Da muss man sich dann Formate ausdenken, bei denen beide Gruppen zu ihrem Recht kommen. Es trifft ja auf alle Berufe zu, dass es Kompetenzen und Niveaus gibt, und wenn man diese verwischt, hat man kein klares Profil mehr. Wir möchten deshalb zwei Formen anbieten: Ausstellungen, die ein QualitĂ€tsniveau anstreben, und Ausstellungen, zu denen alle eingeladen werden.

Ten Cate Alle Menschen haben Sprache, aber nur wenige sind Dichter. Kunst gehört allen, alle genießen sie. Alle ĂŒberlegen sich, was sie anziehen, wie sie ihr Haus gestalten und so weiter. Alle versuchen, auch ein wenig Gitarre oder Geige zu spielen, aber nicht alle sind KĂŒnstler.

Was sind eure nÀchsten Arbeitsziele?

Van der Ree Unsere gemeinsame Arbeit tritt mit der internationalen Tagung, die jetzt wegen der Coronakrise auf Himmelfahrt 2021 verschoben wird, nach außen. Daneben soll es aber auch einzelne Tagungen ĂŒber die verschiedenen kĂŒnstlerischen Bereiche geben. Damit wollen wir bereits im November beginnen und die Tagung, die an Himmelfahrt 2021 stattfinden wird, in Fachgruppen zusammen mit unseren Kollegen vorbereiten. Dann gibt es die Perspektive auf die Zeit von 1922 und 1923: vom Ersten hin zum Entwurf des Zweiten Goetheanum. Darauf wollen wir auch international hinarbeiten.

Haid 2022 soll es eine große internationale Weihnachtstagung geben, in deren Zentrum der Gestaltungsimpuls des Ersten Goetheanum fĂŒr die einzelnen KĂŒnste steht. Ab Herbst dieses Jahres möchten wir hier in Dornach mit einer regelmĂ€ĂŸigen Arbeit zu diesem Thema beginnen â€“ mit den Menschen hier vor Ort, die das Erste Goetheanum schon viele Jahrzehnte studiert haben. Hinzu kommen bis 2022 noch ein oder zwei internationale Treffen pro Jahr, zu denen die Menschen, die sich mit diesem Thema beschĂ€ftigen, zu einem Austausch ĂŒber ihre Arbeit eingeladen werden. Wichtig ist uns, dass die Tagung den Blick auf den Brand nicht so sehr auf die Asche richtet, sondern auf den Bauimpuls. Wir denken dabei den nĂ€chsten Schritt bereits mit: den Schritt hin zum Zweiten Goetheanum, 1925, 1926.


Skulptur: Uriel (Teil), Rik ten Cate, Bronze.

Skulptur: Uriel (Teil), Rik ten Cate, Bronze.


Rik ten Cate ist Bildhauer, in der Lehrerausbildung an der Hochschule in Leiden (NL) und als GeneralsekretÀr der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden tÀtig.

Rik ten Cate ist Bildhauer, in der Lehrerausbildung an der Hochschule in Leiden (NL) und als GeneralsekretÀr der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden tÀtig.

 

Was bedeutet dabei der Brand des Goetheanum? Ist es ein Mythos, eine Wunde?

Haid Dazu gibt es viele unterschiedliche Gesichtspunkte und persönliche VerhĂ€ltnisse. Yaike hat wĂ€hrend unserer Klausur gesagt: Stell dir mal vor, wir hĂ€tten das Zweite Goetheanum nicht. Das Erste Goetheanum hĂ€tte schon vom praktischen Bau her zu Problemen gefĂŒhrt. Es wĂ€re nicht in jeder Hinsicht fĂŒr eine moderne, grĂ¶ĂŸere Gesellschaft geeignet gewesen â€“ auch vom Stil oder von der Gestaltung her. Das Schöne ist, dass man dies noch immer studieren und viel daran entdecken und erleben kann, obwohl es das Erste Goetheanum nicht mehr gibt. Das Zweite Goetheanum ist ein Wurf in die Zukunft.

Ten Cate Es geht gar nicht darum, ob der Goetheanumbrand verheilt ist. Es war ein Ereignis, das geschehen ist und das wohl auch so passieren musste. Es hat irgendwie eine Logik, aber auch eine Dramatik.

Dunselman Das stimmt schon, aber wenn man jetzt am Glashaus vorbeigeht, dann ist man im letzten Jahrhundert, und wenn man vor der SĂŒdfassade des Goetheanum steht, dann ist man in der Zukunft. Das ist unglaublich!

Van der Ree Das Beeindruckendste ist fĂŒr mich, wie Rudolf Steiner aus dieser Katastrophe etwas Neues schafft 


Ten Cate 
 und dass er 18 Jahre lang kĂŒnstlerisch tĂ€tig war: von 1907 bis 1925. Eine Schöpferkraft und eine innere MetamorphosetĂ€tigkeit â€“ das ist erstaunlich.

Haid Durch den Bau des Goetheanum wurde die Anthroposophie damals als ein sichtbarer Ausdruck in die Öffentlichkeit gestellt. Vorher lebte sie im Stillen und war Ă€ußerlich so gut wie nicht sichtbar. Steiner beschreibt, wie die Menschen durch den Bau tatsĂ€chlich angestoßen wurden: Die Anthroposophie war nun sichtbar. Heute haben wir â€“ zum Beispiel, was die Medizin anbelangt â€“ große Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, etwa Debatten ĂŒber die Wirksamkeit der Homöopathie. Es geht heute um die Frage des Situierens der Medizin und damit um das geistige VerstĂ€ndnis des Menschen. In Frankreich sieht man deutlich, wie dramatisch das ist. Letztlich ist es eine intensive Auseinandersetzung mit dem Materialismus. Wie Ă€ußert sich dieser Kampf, der sich damals im Brand manifestiert hat, jetzt und wie stellen wir uns dem?

Van der Ree Da gibt es ein interessantes Dilemma: Rudolf Steiner sagte selbst ĂŒber die KĂŒnste und die Architektur, dass sie eigentlich nicht aus dem Persönlichen heraus entstehen sollten. Es muss aus der Sache heraus â€“ oder in der Architektur aus der Bauaufgabe â€“ gestaltet werden. Das kann man aber nicht anders als individuell machen. Individuell ist etwas anderes als subjektiv. Wir stehen in dieser Hinsicht als organische Architekten vor einer viel schwierigeren Aufgabe als die funktionalistischen Architekten. Die hatten viel einfachere Ausgangspunkte und sogar eine mehr oder weniger eindeutige Formensprache. FĂŒr die Weißenhofsiedlung aus dem Jahr 1927 wurde allen teilnehmenden Architekten vorgegeben, dass die HĂ€user flache DĂ€cher und weiße WĂ€nde haben sollten. So etwas wĂ€re in der organischen Architektur undenkbar. Sie ĂŒberlĂ€sst es jeder Person, ob in China, Amerika oder Norwegen, sich auf die eigenen KrĂ€fte zu stĂŒtzen und etwas möglichst Passendes zu gestalten.

Haid Es ist die Frage, wie man mit Liberalismus und Individualismus umgeht. Das BemĂŒhen um dieses Spannungsfeld verbindet uns. Die BewĂ€ltigung dieser Spannung hat damit zu tun, wie intensiv wir das VerhĂ€ltnis zu den Quellen gestalten können. Ich glaube, je intensiver man dies tut, desto mehr Freiheit kann man leben. Es ist ja interessant, dass die erste Sektionsleiterin Edith Maryon ihre FĂ€higkeiten vollkommen der Aufgabe widmete, den MenschheitsreprĂ€sentanten zu schnitzen. Rudolf Steiner beschrieb dieses besondere VerhĂ€ltnis sinngemĂ€ĂŸ mit: «Das, was sie macht, habe ich gemacht.» Was bedeutet dieses Beispiel fĂŒr uns? Wie ist das VerhĂ€ltnis von dem Individuellen zum Impuls? Und wo erreicht man so viel Tiefe, dass man sich wirklich um diesen Impuls bemĂŒht und nicht um irgendetwas anderes? Das ist eine große Frage. Ich habe dabei auch die Hoffnung, dass die Gemeinschaft â€“ deswegen freue ich mich, dass wir dieses Team haben â€“ eine Art Entwicklungsfeld ist, wo wir in ein viel offeneres und freieres Austauschen kommen.


Foto: Neubau MuseumsgebÀude GeoFort, Herwijnen (NL), Entwurf: Yaike Dunselman 2019, Realisierung 2024.

Foto: Neubau MuseumsgebÀude GeoFort, Herwijnen (NL), Entwurf: Yaike Dunselman 2019, Realisierung 2024.


Yaike Dunselman ist Architekt und leitet mit Lars Friedrich das niederlĂ€ndisch-deutsche ArchitekturbĂŒro neun grad architektur in Amersfoort (NL) und Oldenburg (D).

Yaike Dunselman ist Architekt und leitet mit Lars Friedrich das niederlĂ€ndisch-deutsche ArchitekturbĂŒro neun grad architektur in Amersfoort (NL) und Oldenburg (D).

Welche Rolle spielt die kommende und die ĂŒbernĂ€chste Generation fĂŒr euch? Ihr arbeitet ja mit jĂŒngeren Menschen zusammen.

Dunselman Bei mir im BĂŒro ist es interessant, zu sehen, dass die Leute die Inhalte so erstaunlich selbstverstĂ€ndlich verstehen. Diese Inhalte stehen hier am Goetheanum sogar Ă€ußerlich sichtbar da. Das Haus Schuurman steht auf der einen Seite des Goetheanum und das Haus Duldeck auf der anderen. Diese HĂ€user sind so unglaublich unterschiedlich, aber es wĂ€re falsch, zu behaupten, das Haus Schuurman sei nicht organisch und das Haus Duldeck sei besonders organisch. Es heißt auch nicht, dass jeder anthroposophische Architekt ein Haus Duldeck im Quadrat entwerfen muss und dass das GebĂ€ude erst dann organisch ist. Es geht vielmehr darum, die VerhĂ€ltnisse und Impulse zu verstehen. Und es geht auch um Mut. Wir haben ja darĂŒber gesprochen, was Rudolf Steiner gemacht hat. Das Erste Goetheanum brennt ab und sogleich baut er das Zweite Goetheanum in einer ganz anderen Formensprache und aus einem ganz anderen Material. Das Erste Goetheanum ist aus Holz, dem weichsten Baumaterial, das es gibt, und das Zweite aus Stahlbeton, dem hĂ€rtesten Baumaterial. Das ist doch außerordentlich mutig! Auch die Tatsache, dass er das Erste Goetheanum und das Haus Duldeck gleich nebeneinander baut, ist nicht so selbstverstĂ€ndlich. Ein gutes Beispiel ist die Westfassade des Goetheanum: Sie ist so frei, so plastisch, und dann schneidet Steiner einfach ein Fenster in quadratischer Form mitten hinein. Kein anthroposophischer Architekt macht das so. Niemand hat den Mut, in so eine freie Form einfach ein Quadrat zu schneiden!

HĂ€ngt das mit der Nachwuchsfrage zusammen?

Dunselman Ja, weil die JĂŒngeren offen dafĂŒr sind. Es gibt keine Hemmungen. Manchmal gibt es schon Bedenken wegen der Ă€ußeren Formen. Doch haben junge Menschen schnell einen Bezug zu den Inhalten. Ich merke das auch in Vorlesungen, die ich halte. Da kommen andere Architekten auf mich zu und sagen: Â«Ăœber das, was Sie machen, bekomme ich einen Zugang zu dem, was Steiner gemacht hat. Das habe ich vorher gar nicht verstanden, aber Sie machen ja etwas Ähnliches, und jetzt verstehe ich plötzlich etwas davon.» Ich kann Bilder vom Ersten Goetheanum und vom MenschheitsreprĂ€sentanten zeigen.

Haid FĂŒr das Team der Sektion war es mir wichtig, in den Fachbereichen je einen Mitarbeitenden aus der Ă€lteren und der jĂŒngeren Generation zu gewinnen. Auch in den Fachbereichen von Malerei, Kleinodienkunst oder Grafik bis zu Fotografie ist es wesentlich, JĂŒngere einzubeziehen. Wenn wir das geschafft haben, dann wĂŒnsche ich mir ein Sommerkunstcamp, zu dem wir junge Leute einladen und fragen: Was sind eure Fragen? Was treibt euch um? Ich freue mich, dass hier alle Mitarbeitenden im Team durch ihre Berufsbiografie so erfahren sind. Wir haben die besten Voraussetzungen, mit den jĂŒngeren Menschen zusammenzukommen.


Alle PortrÀtfotos: W. Held.

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