Was meine ich mit Künstlersein?

Ich habe einmal den Unterschied zwischen dem Indikativ (des Gewordenen) und dem Konjunktiv (des Werdenden, sich Entwickelnden) getroffen und gezeigt, dass sich der Schönheitssinn immer an den Konjunktiv wendet, also an das Werdende, Unentschiedene, zu Vervollständigende.


Schönheitserlebnisse hat der Mensch, wenn er sinnvollen Prozessen beiwohnt, sinnvolle Prozesse ins Werk setzt oder hinter den fertigen Erscheinungen die Prozesse erahnt, die im jeweiligen Zustand zur Ruhe gekommen sind. Wir hätten keine Schönheitserlebnisse, wenn wir nicht in der Eingefrorenheit des Erscheinungsbildes den Werdestrom erspüren könnten. Und im ahnenden Gewahrwerden des Prozesses, dem sich das Zustandsbild verdankt, klingt der Wunsch an, den Zustand wieder aufzuheben und den Prozess fortzusetzen. In diesem Wunsch, der bei jedem Wahrnehmungsvorgang mitschwingt, erkennt und entwirft sich der Mensch als Künstler.


Aus: Henning Köhler, Jugend im Zwiespalt. Kapitel ‹Vom Urvertrauen in die Schönheit›, Stuttgart 2005.

Grafik: Sofia Lismont

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