Was meine ich mit Egoität?

Egoität bedeutet, dass die Aufmerksamkeit geteilt ist; ein großer Teil ist auf den Menschen, auf die Wirkung und die Folgen seines Tuns gerichtet, nicht auf das Tun, auf die Sache selbst.


Lampenfieber ist ein typisches Symptom: Der Künstler oder die Rednerin ist mit seinem oder ihrem Eigenwesen beschäftigt – wird es gelingen, ein Erfolg sein? – und nicht mit der Sache selbst. Schöpferisch kann man nur ‹konzentriert› sein, gelockert, unverkrampft, aber konzentriert. Alles, was die Konzentriertheit stört, beeinträchtigt das Schaffen. Die Aufmerksamkeit ist der Mensch selbst, das Ich. Ist der Mensch mit sich selbst beschäftigt – und das ist er durch die Egoität –, so kann er seine gesunde, die schöpferische Existenz nicht verwirklichen. Schaffen ist Genuss, der größte. Die Egoität hat stets Ansprüche, Wünsche, Verlangen. Die Begierde ist selbst schon eine Bestätigung, dass ich bin, jedes gewöhnliche Gefühl, selbst die Leidensgefühle sind eine Selbstbestätigung. Egoität ist eine notwendige Zwischenstufe zur Ich-Erfahrung. Sie stellt den Menschen auf die eigenen Beine, damit er selbst gehen, vom Nehmenden zum Gebenden werden und aus der Einsamkeit zum anderen Menschen finden kann.


Aus: Georg Kühlewind, Die Egoität, in: Vom Normalen zum Gesunden, Stuttgart 1983.

Grafik: Sofia Lismont

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