Was ist die Methode der Anthroposophie?

Soll die Anthroposophie ihre Forschung potenziell weiterentwickeln, dann stellt sich die Frage nach den Forschungsmitteln. Wie wird das Geistige in der Welt wissenschaftsgerecht erforscht? Zvi Szir ist KĂŒnstler und Denker, hat 23 Jahre die neue Kunstschule in Basel mitgeleitet und zusammen mit Studierenden diese Fragen erforscht.


Bild und Sinn, Wahrnehmung und Gedanke offenbaren sich in wahrer Hellsichtigkeit als eine Einheit. Tatsachen und Erkenntnisse werden jedoch nur zu einer Wissenschaft, wenn sie aus ihrer SpezifitÀt in eine umfassende ErklÀrung der Welt umgearbeitet werden können, in der die eigene Erfahrung als allgemeine, sich selbst erklÀrende Erkenntnis formuliert wird. Ein gutes Beispiel von Hellsichtigkeit, die nicht zur Wissenschaft wird, ist die Figur Felix Balde in den Mysteriendramen. Der naturverbundene Eremit erlebt die Geister, die die Elemente durchweben. Doch bilden seine Erfahrungen eher eine Bildsprache als eine Wissenschaft.

Wie wird also unsere Erfahrung des Geistigen zur Wissenschaft des Geistes?

Gibt es so etwas wie einen wissenschaftlichen Zugang zum Geistigen in der Welt? Ein Zugang, der das Geistige in der Welt erkennen und begreifen lÀsst, ohne anekdotischen Charakter?

Schöpft man aus der FĂŒlle anthroposophischer BemĂŒhungen, beginnend bei Rudolf Steiner selbst, kristallisieren sich mindestens drei GrundzugĂ€nge zur Wirklichkeit heraus. Sie bilden das Fundament der hellsichtigen Erforschung und der auf sinnlicher Wahrnehmung gestĂŒtzten Forschung des Geistigen in der Welt. Wir können diese drei Methoden im Allgemeinen als phĂ€nomenorientiertes, symptomorientiertes und dynamisches â€“ oder lebendiges â€“ Denken bezeichnen.

PhÀnomenorientierte Methode

Die PhĂ€nomenologie im goetheanistischen Sinn können wir als methodologische Grundlage bezeichnen, die zur Erforschung der NaturphĂ€nomene, der Wirklichkeit, dient. Die Forschenden steigen aus sich heraus, um das erscheinende PhĂ€nomen erfahrend zu erkennen. Solange sie in sich sind, formulieren Seelengewohnheiten, Vorkenntnisse und Urteile, auch vorgefasste Forschungsmethoden den Zugang zum PhĂ€nomen. Tritt man aus sich heraus und vereint sich in vollziehender Wahrnehmung mit der Erscheinung, werden die Taten der Sachen, deren Verhalten, also das Wesen des Erscheinenden, zur notwendigen Forschungsmethode fĂŒhren. Das â€čWasâ€ș und das â€čWieâ€ș liegen im Kern des RĂ€tsels, nicht der Fragende.

Diese Hingabe an das Außen setzt ein gegebenes PhĂ€nomen voraus, also ein Wesen, das sich in seinem Verhalten als Naturerscheinung offenbart. In der Natur aber erscheint nicht unbedingt alles, und jede Erscheinung ist durch eine höhere Ordnung und Kraft, weil sie nur ein Teil einer umfassenderen Ganzheit ist, unterdrĂŒckt, untergeordnet, und in dem, was sie ist, verborgen (GA 271). Das Freilegen des â€čoffenbaren Geheimnissesâ€ș findet da statt, wo die denkende Geist-Seele der Forschenden sich zur VerfĂŒgung stellt. Dann kann das reine Verhalten des Wesens, also die GesetzmĂ€ĂŸigkeit, frei von anekdotischer UnterdrĂŒckung durch Zusammenhang und spezifische Lage sich im Denken ausleben und erkannt werden. Das Erkennen des PhĂ€nomens ist das ausfĂŒhrliche Umschreiben seines Verhaltens. Aber was das PhĂ€nomen ist, muss von dem, was das PhĂ€nomen nur begrenzt und verschleiert, unterschieden werden.

Diese TÀtigkeit, in der das Wesen des anderen, aus seiner Bedingtheit aufgehoben, in meinem Wesen aufgeht, sodass eine Erkenntniserfahrung stattfindet, bezeichnen wir als Intuitionsbewusstsein. Ob es eine rein geistige Intuition oder eine sinnlich wahrnehmende Intuition ist, hÀngt vom Reifegrad der Forschenden ab. Wichtig ist, das diese Methode da anwendbar ist, wo ein Wesen sich zeigt in dem, was es ist, also wo die Erscheinung als Wesensoffenbarung zu erleben ist, wo das PhÀnomen sich nicht von Wesen unterscheidet.

Symptomorientierte Methode

Ein Symptom liegt gerade polar zum PhĂ€nomen. Das Symptom ist nur ein Bild, also eine Abbildung, eine Anomalie, das Hervortreten einer UnregelmĂ€ĂŸigkeit im Wesensverhalten durch ein Mittel, ein Medium des Erscheinens. Hat man Fieber, ist das Fieber nicht die Krankheit, sondern das Bild innerer VorgĂ€nge, die sich durch das Verhalten des Leibes ausdrĂŒcken und zum Beispiel auf eine Infektion hinweisen. Das Wesen der Krankheit bildet sich ab durch das Mittel des Leibes, so wie Landschaft durch Ölfarbe erscheint.

Einem Symptom steht man nicht wie der Wirklichkeit, sondern wie einem Bild gegenĂŒber. Diese abbildende TĂ€tigkeit muss die Forschende in sich aufnehmen, sie innerlich nachbilden, in sich tragen, bis das Medium und das sich Abbildende zu unterscheiden sind. Dann wird das Irrbild des Symptoms in der Seele zum Wahrbild der realen Gegebenheit verwandelt. Im Unterschied zum PhĂ€nomen ist ein Symptom leiblich-physisch, kulturell oder politisch immer unterschiedlich von dem, was erscheint, also eine Äußerung, bei der man nicht bleiben kann. Das Symptom offenbart nicht eine GesetzmĂ€ĂŸigkeit, sondern gerade deren Aufhebung, das Einbrechen einer anderen Ordnung in das Wesen, welches dann zum Medium wird – so wie der Leib mit Fieber der Ausdruck der Krankheit wird. Also ist das Symptom eine Imagination, die noch nicht durch das Medium der Seele gestaltet wurde, ein im Außen sich befindendes Bild. Nimmt die Seele das Symptom in sich hinein, dann kann das, was sich abbilden will, an dem zugĂ€nglich gereinigten Medium der Seele sich zum Wahrbild, also zur Imagination, abbilden und in dem auch erkannt werden. Die wahre Symptomatologie hat einen imaginativen Charakter. Sie ist gerade als der Bereich der Einmaligkeit, auch solcher, die sich immer wiederholt, zu erkennen. Und dadurch ist sie da an ihrem Ort, wo sie das Beseelte und Belebte sowie auch das Ichhafte erforscht, wo die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten das Medium zur Offenbarung des Einmaligen und SingulĂ€ren bilden. In Medizin, Kultur und Bewusstseinsforschung, in Kunst und Naturwissenschaft, wo pathologische Abweichungen vom ewigen Wesensverhalten untersucht werden, macht nur die Symptomatologie Sinn. So wie die PhĂ€nomenologie in der Erforschung der ewigen Gesetze ihre StĂ€rke hat, ist die Symptomatologie in den zeitlich bedingten Offenbarungen des Geistes zu Hause. Die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten der Evolution sind phĂ€nomenologisch erforschbar, die spezifischen Schritte offenbaren sich nur symptomatisch.

Zeichnung: Zvi Szir, â€čForschungen zum alten Mondâ€ș, Bleistift auf Papier, 30 × 25 cm.

Das inspirative Denken

Im Unterschied zu den zwei oben geschil­derten polaren Methoden, die ihren Anfang in der Beobachtung haben, beginnt das in sich ruhende Forscherdenken im Zwischenraum der verschiedenen Tatsachen. Weder im Ich oder im Subjekt noch in der Welt oder im Objekt beheimatet, entfaltet der forschend Denkende eine TÀtigkeit, die die Wahrheit in der Beziehung zwischen Tatsachen und ZusammenhÀngen ans Licht bringt.

Jede Vermischung der Methoden fĂŒhrt zu Irrtum.

Ob sinnliche oder ĂŒbersinnliche Beobacht­ungen und Erkenntnisse, solche Tatsachen sind an ihre Quelle in Beobachtungen gebunden. Das forschende Denken befreit die Erkenntnisse von den Beobachtungen, um sie in grĂ¶ĂŸeren ZusammenhĂ€ngen zu erkennen und von da zurĂŒck zur Tatsache zu kehren. Ein berĂŒhmtes Beispiel sind die Rechnungen von Johannes Kepler. Aufgrund seiner schwachen Augen war Kepler nicht sehr geeignet fĂŒr die empirischen Beobachtungen des Sternenhimmels. Seine FĂ€higkeit, ZusammenhĂ€nge zu erkennen und mathematisch zu erfassen, ermöglichte ihm, aus den Beobachtungsnotizen von Tycho Brahe die Bahn der Planeten zu erkennen und zu berechnen. Unbeirrt durch die Beobachtungen und Bilder, frei von der VerfĂŒhrung der offenbarten Erscheinung, sinnlich oder geistig, kann das Denken einen Weg zum Kern der Tatsachen offenlegen, sodass die Tatsachen ganz neue ZusammenhĂ€nge und Sinn ans Licht bringen. FĂŒr die geisteswissenschaftliche Forschung ist dieses inspirierende Denken von einer besonderen Bedeutung. Die Beobachtungen, die durch den Hellsehenden geschildert werden, können an Tiefe, KomplexitĂ€t und Wirklichkeit gewinnen, wenn das Denken sie mit anderen, zum Beispiel sinnlichen Beobachtungen im Zusammenhang erkennt. Diese TĂ€tigkeit, in der das Denken weder bei sich noch in der Welt ist, weder imaginativ noch intuitiv ist, sondern gerade im Pulsschlag zwischen beiden verweilt, wo die Verbundenheit der unterschiedlichen, manchmal gegensĂ€tzlichen Erkenntnisse und Tatsachen erlebt werden kann, ist das inspirative Bewusstsein als Hellsichtigkeit so wie auch das Denken in seiner vollen BlĂŒte, die verbindende Kraft der Wirklichkeit, von der Steiner sagt, dass sie aus der Liebe entspringt. (GA4)

Anwendungen

Die PhĂ€nomenologie ist vor allem in der Welt des GesetzmĂ€ĂŸigen, also der Natur, zu Hause. Sogar die menschliche Seele in ihrem allgemeinen Verhalten lĂ€sst sich phĂ€nomenologisch erforschen, dann sprechen wir von â€čmenschlicher Naturâ€ș. Sprechen wir aber von menschlichem Geist, von unserer Einmaligkeit als Ich, von dem, was uns voneinander so radikal unterscheidet, dass wir uns voneinander mehr unterscheiden als zwei Tierarten, dann ist die PhĂ€nomenologie nicht an ihrem Platz. Denn es gibt kein PhĂ€nomen, das wir wesentlich auf ein Urbild fĂŒhren können. Da beginnt die Symptomatologie, das Erforschen der bildhaften Erscheinung von jenem, was sich vom erscheinenden PhĂ€nomen unterscheidet. Als PhĂ€nomen unterscheidet sich ein gutes GemĂ€lde von Raffael von einem anderen schlechten GemĂ€lde nicht, beide sind das gleiche PhĂ€nomen, Öl auf Leinwand. Was in mir geschieht im Kunsterlebnis, ist eine symptomatische Erfahrung, ein Bild-Erlebnis. Das Kunstwerk und seine TĂ€tigkeit erscheinen nicht als wirkliches PhĂ€nomen, sondern abgebildet durch das Medium meiner Seele, meiner Betrachtung: Ich sehe eine Madonna, die mir heilig und rein erscheint, weil die Farbarbeit meine Seele so bewegt. Symptomatologie ist also zu Hause in der Erforschung des Einmaligen, der spezifischen Erscheinungen, die Bildcharakter haben, die die GesetzmĂ€ĂŸigkeit eines Wesens, ob Farbe in der Malerei oder Leib in der Medizin, als Ausdrucksmittel benutzen, um ein anderes hervorzurufen.

Das inspirative Denken, mit seinem befruch­tenden, verbindenden Schmetterlingscharakter, ist da zu Hause, wo verschiedene Erkenntnisse nach einem umfassenderen Gesichtspunkt suchen, der außerhalb der Beobachtungen liegt und fĂ€hig ist, diese zu enthalten.

Wollen Forschende sich bewusst an das Geistige annĂ€hern, dann mĂŒssen diese verschiedenen ForschungsansĂ€tze ihre Unterschiede unbeirrt pflegen. Jede Vermischung der Methoden fĂŒhrt zu Irrtum. Jeder richtige Ansatz ihres intervallischen Klingens kann zu neuen Akkorden in der Forschung des Geistes fĂŒhren.

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