Was die Krise in uns hervorbringt

Die Junge BĂŒhne am Goetheanum spielt â€čNoch einmal davongekommenâ€ș nach Thornton Wilders fast gleichnamiger Vorlage. Das StĂŒck ist fĂŒr die Coronazeit, denn es bringt den Beinahe-Weltuntergang dreigegliedert auf die BĂŒhne. Ein GesprĂ€ch im Theaterlager mit der Regisseurin und Autorin Andrea Pfaehler und dann mit ihren Spielerinnen und Spielern.


Im Mittelpunkt steht die Familie Anthrobus und damit ist, mit den Archetypen Adam und Eva, Kain und Abel sowie Lilith, die ganze Menschheit gemeint. Dreimal muss dieser mikrosoziale Kosmos durch die Krise, durch den Untergang gehen und aus ihm auferstehen. Erst lÀsst die Eiszeit erfrieren, dann die Sintflut ertrinken und zuletzt den Krieg sterben.

Es habe, so Andrea Pfaehler, die wieder Skript und Regie verantwortet, in keiner der frĂŒheren sieben Produktionen so tiefe GesprĂ€che mit den Jugendlichen gegeben, ĂŒber die Rolle und was diese Rolle mit ihnen zu tun habe. Das mag daran liegen, dass es im StĂŒck um die Frage geht, was fĂŒr eine Kraft das sei, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. Es mag auch, setzt sie fort, daran liegen, dass Wilder mit dem StĂŒck neben diesen mythischen Rollen drei Ebenen zeigt: die einzelnen Personen, wie Mr. und Mrs. Anthrobus, dann die, die im StĂŒck diese Rolle spielen, und schließlich die Menschen, die diese Schauspieler spielen. Diese Schichten zeigt Wilder, und das habe die Jugendlichen, die dieses Jahr im Durchschnitt etwas Ă€lter sind als in den vergangenen Jahren, interessiert. Pfaehler: «Wilder hört dabei immer dann in der Geschichte, in der Rolle auf, wenn jemand sagt: â€čMorgen fange ich an.â€ș Wilder spielt den Ball immer wieder zu uns, das macht das StĂŒck interessant. Es gibt da ja verrĂŒckte Momente, wenn eine Bedienstete plötzlich aus der Rolle aussteigt und sich zum Publikum wendend sagt: â€čIch hasse dieses StĂŒck, weil ich es nicht verstehe.â€ș Das heißt, Wilder bringt das Publikum dazu, sich immer wieder darĂŒber klar zu werden, was man da eigentlich sieht. Obwohl es um große Katastrophen geht, gibt’s einiges zu lachen, aber das Lachen kann uns jeden Moment im Hals stecken bleiben.» Das sei wie der Tanz auf dem Vulkan, der Tanz auf der Titanic: Man dĂŒrfe, so Andrea Pfaehler, den Humor nicht verlieren, auch wenn die Welt, wie man sie kennt, untergehe.

Dieses StĂŒck reprĂ€sentiert uns alle, die Menschheit, ihre Probleme, so tief und so oberflĂ€chlich sie sind â€“ und da findet sich wohl jeder in einer der Rollen wieder.

Aushalten muss ich auch, dass da eine Figur sagt: «Ich wĂŒnsche mir den Krieg zurĂŒck.» Sie erlebt, dass man im Krieg fĂŒreinander da ist, wĂ€hrend im Frieden jeder seinen Gartenzaun hochzieht. Dass im ersten Akt die Welt vereist und man deshalb das Feuer nicht ausgehen lassen darf, das versteht Wilder natĂŒrlich als seelisches Bild: die Herzen nicht kalt werden zu lassen. Im dritten Akt, dem großen Krieg, da drohe dann Mr. Anthrobus sein Innerstes zu verlieren, bis ihn die menschliche Stimme zurĂŒckholt zu sich selbst. So offen das StĂŒck dabei ausgeht, so deutlich ist doch dessen Vision. BerĂŒhrend ist es, wenn es am Schlus aus dem kriegerischsten von allen herausbricht und er sein Trauma allen erzĂ€hlt und sie es hören. Das gegenseitige Sehen und Verstehen, das ist es, aus dem sich die BrĂŒcke in die Zukunft baut.

Aus der Generalprobe, Foto: W. Held

Vier Fragen an die Jugendlichen

Was sagt euch das StĂŒck?

«Ganz einfach: Das StĂŒck zeigt mir, weshalb es sich lohnt weiterzugehen, weiterzumachen.» «Die Wand zum Publikum öffnen wir, es wird nicht fĂŒr, sondern mit dem Publikum gespielt.» «Dieses StĂŒck reprĂ€sentiert uns alle, die Menschheit, ihre Probleme, so tief und so oberflĂ€chlich sie sind â€“ und da findet sich wohl jeder in einer der Rollen wieder.» «Es ist so lebendig, dieses StĂŒck, ich finde, das kann man nicht proben, dass es dann â€čsitztâ€ș. Weil wir das Publikum mitnehmen, bleibt das StĂŒck eine ewige Probe.» «Das StĂŒck ist ja nicht bis zu Ende geschrieben, das mĂŒssen die Zuschauenden, mĂŒssen wir selbst außerhalb des Theaters zustande bringen.» «Wir spielen die Familie Anthrobus in drei Krisen in drei Besetzungen. Wenn ich am Anfang spiele, dann weiß ich, dass sich meine Figur noch entwickelt. Ich gebe etwas weiter, im Vertrauen darauf, dass er oder sie es weiterfĂŒhrt.»

Krise, Untergang, Apokalypse, was heißt das fĂŒr euch?

«Krise, dieses Wort ist ja heute zu viel und zu oft benutzt. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie es ist, wenn morgen alles zu Ende sein könnte, und zugleich zeigt mir die Coronakrise, dass ich nicht mehr so einfach in die Zukunft schauen kann.» «Im StĂŒck heißt es, dass die Flut kommt und wir deshalb aufs Boot mĂŒssen. Wie es ist, auf dem Boot auf dem Meer zu treiben, wie jetzt viele von Libyen, das spielen wir ja nicht. Die Krise kommt, ist aber noch nicht da, nicht greifbar. Das ist genau das, wo wir im echten Leben durchmĂŒssen: Da baut sich eine Krise auf, aber wie wir das Problem wirklich lösen, das steht noch vor uns.» «Wir in der Schweiz, wir sind ja gar nicht in der Krise, auch das Publikum nicht wirklich, das sind ja andere, in anderen LĂ€ndern. Das StĂŒck hilft mir, mich mit denen, die wirklich jetzt nicht weiterwissen, verbunden zu fĂŒhlen. Das ist wichtig.»

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Aus der Generalprobe, Foto: W. Held

Im StĂŒck mischt sich Weltuntergang mit Cocktail-Empfang, man will sich retten und sich amĂŒsieren. Sind wir so?

«Wenn ich eine Zeitung aufschlage, steht auf einer Seite, wie viele Menschen aus Afrika gerade auf dem Mittelmeer verzweifeln, und auf der nĂ€chsten Seite lese ich ein Rezept fĂŒr den neusten Fruchtsalat. Das ist wirklich so.» «Im zweiten Akt ist ja von solchen banalen Dingen die Rede. Der PrĂ€sident spricht darĂŒber, wie schmackhaft Tomaten sind. Wie eine Wasserrutsche fĂŒhrt dieses oberflĂ€chliche Gerede dann immer weiter in den Abgrund.» «Dass wir aus unserer Rolle aussteigen, das wird im Lauf der Handlung immer weniger. Was am Anfang nur ein Spiel ist, das wird existenziell. Davon können wir wohl einiges lernen, dass das, was wir spielen, was wir als Spaß nehmen, dann doch eine sehr ernste Seite hat. Es heißt wohl auch, dass wir unser Spiel ernst nehmen sollen.»

Wie besteht man in der Krise, was rĂ€t das StĂŒck fĂŒr Resilienz?

«Um eine Krise bestehen zu können, ist das beste, wie es auch im StĂŒck immer wieder heißt, dass man nicht vergisst, dass es ein â€čnach der Kriseâ€ș gibt.» «Das sagt ja auch Mrs. Anthrobus im 3. Akt: â€čIch könnte 70 Jahre in einem Kellerloch stecken, ich wĂŒrde doch an ein Danach glauben.â€ș Sie hĂ€lt sich an dieser Hoffnung an die Zukunft, an die Menschheit fest.» «Im 1. Akt rĂŒcken sie zusammen, um sich zu wĂ€rmen. Im 2. Akt bilden sie eine Kette – ja, in der Krise zu bestehen, heißt, gemeinsam in der Krise zu sein. Im 3. Akt lauschen sie Henrys Geschichte, seinem Trauma und sein Vater bekennt, dass er dabei seinen Anteil hat. Hier halten alle innerlich zusammen.» «Es ist komisch: Die Krise droht alles kaputt zu machen und doch bringt gerade sie unser Bestes hervor, unsere Kraft, unseren Witz, unsere Liebe.»

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