Wartezeit

Alles ist heute Zwischenzeit. Das ist Karsamstag: die Zeit dazwischen. Und wie lange dauert die? – Von Karfreitag bis Ostersonntag sind es mehr als bloß 24 Stunden, wenn man voll empfindet, was in dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht liegt. Das Kostbarste ging verloren, ist tot, und wir können nicht sicher wissen, ob es wiederkehrt oder was an seiner Stelle kommen wird.


Natürlich folgt für uns Heutige auf den Karfreitag übermorgen der Ostersonntag. Ein Tag Pause liegt zwischen Tod und Auferstehung, den brauchen wir, denn wann sollten wir sonst die Ostereier färben? Es ist immer schöner, in der Vorfreude auf das gute Ende zu leben als in der Trauer um den Verlust und in der Ungewissheit über das Kommende, aber Karsamstag ist nicht Ostersamstag. An diesem Tag kann es Hoffnungen geben, Gewissheit aber gibt es nicht. Und eben deshalb ist der Tag länger als 24 Stunden: Die Zeit der Ungewissheit ist immer endlos, auch wenn sie vom Ende her gesehen morgen vorüber sein mag. Nur wer weiß, was kommt, kann mit Stunden, Tagen, Wochen rechnen. Wer es nicht weiß, lebt im Heute, und das heißt, er lebt zwischen Trauer und Hoffnung. Das ist Karsamstagszeit.

Es liegt auf der Hand, diese Zeit mit unserer gegenwärtigen Krise zu vergleichen, von der aktuell auch keiner wissen kann, wie lange sie noch dauern wird. Das ist belastend. Da sehnt man sich in eine Zeit nach der Krise. Man verschiebt große Veranstaltungen in dem abstrakten Gefühl, dass in einem Jahr der Spuk vorbei sein wird. Aber ist er es dann? In diesem Jetzt will man nicht sein und muss es doch. Es ist die Gefangenschaft in dieser Ungewissheit, die in die Depression führen kann.

Die Ungewissheit in der Krise gibt uns einen Geschmack von der Situation, die die Jünger damals an jenem ersten Karsamstag durchlebten. Denn ihr Lebensgefühl war wohl – auch wenn Christus nicht nur seinen Tod, sondern auch seine Auferstehung angekündigt hatte (Mt 16,21; Mk 8,31; Lk 9,22) – vor allem das der Trauer, der Enttäuschung, der Verzweiflung und der Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Die Rat- und Hilflosigkeit macht die Zeit lang. In der Krise steht sie still, sie dauert einfach.

Wir können aber die Situation auch in einem anderen Licht sehen. Die Melancholie des Nicht-mehr birgt in sich eine Ruhe der Besinnung. Karsamstag ist die Zeit der Pause, der Stille, des ‹Klösterlichen›. Es ist die Zeit des Sabbats, des Tages, an dem nicht gearbeitet wird. Auch die Grablegung Christi erfolgt noch vor Sonnenuntergang am Karfreitag. Danach schweigt alles: Es herrscht Grabesruhe – Shutdown – Frei-Zeit.

Emanuela Assenza, ‹Pulsierende Zeit›, Mischtechnik auf Bauplatte, 64,4 × 79,8 cm

Stillstehen über dem Abgrund

Und doch stimmt das so auch nicht ganz, denn die Grabesruhe ist – folgt man einer meist vernachlässigten Tradition – die Außenseite einer großen Unruhe. Unterschwellig gärt und brodelt es. Die Zeit der äußeren Ruhe ist nämlich die der ‹Hades-› oder ‹Höllenfahrt›. «Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.» (Mt 12,40) Diese drei Tage verdichten sich in jenen Karsamstag, der für uns ‹hier oben› so still ist. Drunten aber, im Schoß der Erde, in der Scheol, im Reich des Todes, im Hades oder gar in der Hölle, ist er das nicht.

Die Bilder der sogenannten ‹Höllenfahrt› Christi spielen heute – außer in der Ostkirche – selten eine Rolle. Vielleicht sind sie sogar unangenehm, fast ein wenig peinlich. Man nennt sie ‹volkstümlich› und distanziert sich so von ihnen als einem ‹bloßen› Mythos. Etwas leichter geht es, wenn wir es lateinisch sagen und vom ‹descensus Christi ad inferos› sprechen. Christus ist in die Unterwelt hinabgestiegen. So heißt es ja auch in jenem Zwischensatz des apostolischen Glaubensbekenntnisses: «hinabgestiegen in das Reich des Todes» – ein Satz, der sich sehr zurückhält und dennoch die Vorstellungen in viele Richtungen gehen lässt. Das ist der Vorzug von Bildern, dass sie nicht die eine Aussage treffen, die allein nie ausreicht, sondern dass sie ausstrahlen und zu Deutungen anregen.

Die Tore der Unterwelt zerbrechen

Die vielleicht bekannteste bildnerische Darstellung des Descensus Christi ist ein Fresko in der Chora-Kirche in Istanbul (um 1320). Es zeigt Christus in der Mandorla, wie er Adam und Eva an ihren Handgelenken greift und aus Sarkophagen zieht. Dabei steht er auf den aufgebrochenen Toren der Unterwelt, und unter diesen liegt der gefesselte Satan. Hinter Adam und Eva warten Johannes der Täufer, David, Salomon und andere Verstorbene darauf, aus dem Hades befreit zu werden. Da es Adam und Eva sind, die hier zuerst befreit werden, ist auch nahegelegt, dass Christus den Menschen von der Sünde, vom Bösen befreit. Beides gehört ja vielfältig zusammen: der Tod – als der Sünde Sold – und das Böse. Hades und Hölle. Oder: Die Gottferne als Sünde ist zugleich Tod und Leid.

Das Zerbrechen der Tore, durch die die Menschen zuvor stets nur in die Unterwelt hineinkamen, aber nie hinaus, eröffnet den Ausweg: Es führt ein Weg vom Tod ins Leben, und damit hängt auch die Entsühnung, die Befreiung von der Sünde zusammen, die bislang gewissermaßen zur Conditio humana gehörte.

Vielleicht sagt das Aufbrechen der Unterweltstore aber auch, dass die Welten nicht mehr radikal voneinander getrennt sind. Der Dualismus wird aufgelöst oder entschärft, die Unterwelt gehört wie die Oberwelt zu dem einen Universum Christi. Die Welt, in die der Verstorbene eintritt, ist nicht die Hölle. Der Tod ist auch ein Leben. Oder die Welt der Toten erfährt, wie es Rudolf Steiner einmal deutete, durch die Anwesenheit Christi eine «Auffrischung des Lebens im Jenseits zwischen Tod und neuer Geburt». Und im selben Atemzug geht Steiner noch einen Schritt weiter, nämlich den, dass der Descensus Christi für den hiesigen Menschen die Welt des Geistes zugänglich gemacht hat: «Und seither ist das der Fall, dass die Menschen immer mehr und mehr hineinwachsen in die geistige Welt, und eine Periode des Aufstieges, des Aufblühens in der geistigen Welt war damit angebrochen.»1 Die Welt der Toten wird lebendig. Hades und Hölle werden zur ‹geistigen Welt›.

Aber die Höllenfahrt Christi ist noch nicht die Auferstehung. Wir sind noch in der Zwischenzeit, in der die Verwandlung im Gange ist, und dazu gehört, dass es sich von diesseits der Schwelle ganz anders anfühlt: Die Lebenden sind am Karsamstag in der Situation der Trauer, vielleicht auch der Verzweiflung. Sie sind dem Tode nah. Bei den Toten ist es umgekehrt: Sie sind in der Situation der Befreiung, der Freude, dem Leben. Fast berühren sie sich, die Lebenden und die Toten. Sie könnten einander die Hände reichen. Und genau dazu ist vielleicht der Karsamstag da: dass wir im Gefühl der Ungewissheit zugleich seine Transparenz wahrnehmen, in der Krise die Alternative. Der Karsamstag lässt sich aushalten und in der Unbegreiflichkeit dessen, was geschehen ist, macht er empfänglich für das Jenseits der Schwelle. Es geht an diesem Tag darum, geduldig ins Ungewisse hinein zu warten. Zu warten ist nicht leicht, aber auch nicht leer. Es ist kein Zeitvertreib, kein Grund zur Zerstreuung, sondern ein stilles Reifen, das eine andere Welt öffnet.

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Fußnoten

  1. Beide Zitate aus: Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde. GA 107, Vortrag vom 23.10.1908.
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