Von der Haltung des Herzens

In den letzten Jahren hat sich die gesellschaftliche Spaltung in den USA versch├Ąrft. Der Kampf zwischen den beiden Parteiplattformen durchzieht das Denken und die Medien mit hypnotischer Wirkung. Dies verschlie├čt den Blick f├╝r hoffnungsvolle Potenziale.


Das ├Âkonomische Denken in den USA sieht den Markt als Wettbewerb, als einen von pers├Ânlichen Eigeninteressen inspirierten Wettbewerb um finanzielle Gewinne. Heutige Konservative begr├╝nden es damit, dass Menschen von Natur aus eigenn├╝tzig seien. Die Freiheit zu sch├╝tzen hei├če dabei, die M├Ąrkte nicht zu regulieren, mit wenigen Ausnahmen wie der Verhinderung von Monopolen. Dadurch k├Ânnten auch konkurrierende Gruppen und Einzelne zu Reichtum und Macht kommen. So w├╝rden sich die Ideale von Freiheit und Vielfalt die Hand reichen. Obwohl das gut gemeint ist, f├╝hren staatliche Eingriffe um einer gerechteren Umverteilung willen zur Konzentration der staatlichen Macht, die ÔÇô das darf nicht vergessen werden ÔÇô Polizei und Milit├Ąr unterh├Ąlt. Das zeige, dass die vermeintlich guten Absichten blau├Ąugig sind und Tyrannei und Verschwendung die T├╝r ├Âffnen.[note] Milton Friedman, Capitalism and Freedom: Fortieth Anniversary Edition. University of Chicago Press, 2009. [/note] Bei den Liberalen ist die Denkweise ├Ąhnlich, doch wird die Demokratie dazu herbeigerufen, den Markt durch Umwelt-, Wahl- und Arbeitsgesetze zu regulieren und den Einsatz von Steuern zur Umverteilung von Reichtum durch ├Âffentliche Programme zu nutzen.[note] Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century. Harvard University Press, 2017. [/note]

Red, White and Blue noise, Ella Lapointe, Gouache auf Papier und digitale collage, 2020.

Diese Parteiprogramme verstellen den Blick auf das soziale Potenzial, das dem Vereins- und Gesellschaftsleben in den USA innewohnt. In den fr├╝hen Jahrzehnten der Republik beschrieb Tocqueville eine weit verbreitete Tendenz zu spontan begr├╝ndeten Vereinigungen (associations) f├╝r das Gemeinwohl. W├Ąhrend man sich in Frankreich an die Regierung wenden w├╝rde, um eine Idee zum Wohle aller umzusetzen, komme es einem Menschen in den USA nicht in den Sinn, die staatliche Autorit├Ąt um Hilfe zu bitten. Er w├╝rde seinen Plan ver├Âffentlichen, anbieten, ihn auszuf├╝hren, andere zur Unterst├╝tzung seiner Bem├╝hungen aufrufen und pers├Ânlich gegen die Hindernisse vorgehen.[note] Alexis de Tocqueville, Democracy in America. Library of America, 2004. [/note] Diese ┬źHaltung des Herzens┬╗ (habit of the heart) weist in zwei Richtungen: die wirtschaftliche und die kulturelle.

Wirtschaftsverband versus Wettbewerb

Privates Engagement gewinnt in der Sozial├Âkonomie immer gr├Â├čere Bedeutung. Heute kann man in 38 US-Staaten eine Benefit Corporation gr├╝nden, deren Aufgabe es ist, steuerlichen, sozialen und ├Âkologischen Wohlstand zu schaffen. [Anm. d. Red.: Benefit Corporations sind eine vor zehn Jahren entstandene us-amerikanische Unternehmensform, die es z. B. in Deutschland nicht gibt.][note] Mehr Infos ├╝ber Benefit Corporations: Utopia/Nachhaltige Unternehmensformen [/note] J├Ąhrlich pr├╝ft die Corporation ihr Engagement bez├╝glich materieller, ├Âkologischer und sozialer/kultureller Wertsch├Âpfung. Diese Corporations zeigen, dass es m├Âglich ist, Unternehmen so zu f├╝hren, dass es zum Wohl der Arbeitenden, der Verbrauchenden und der Umwelt geschieht. Das Ziel ist, wirtschaftliche Zusammenarbeit zur F├Ârderung der gesellschaftlichen Solidarit├Ąt oder Nachhaltigkeit zu entwickeln. Kern dieser Perspektive ist es, die Idee des Homo oeconomicus oder des rationalen Egoisten als Ausrichtung des Wirtschaftens infrage zu stellen.

Geld, das zur Unterst├╝tzung einer Kultur verwendet wird, aber durch Zwang (Besteuerung) gesammelt wurde, droht die eigentliche Authentizit├Ąt der Gemeinschaft zu korrumpieren.

Nach wie vor ist die ├ťberzeugung verbreitet, dass nur eine Minderheit von Menschen zu Altruismus f├Ąhig sei. Einige der bemerkenswertesten Forschungen der j├╝ngeren Sozialwissenschaft zeigen, dass das falsch ist.[note] Kai Ruggeri, et al., Replicating Patterns of Prospect Theory for Decision under Risk. Nature Human Behaviour 4, Nr. 6 (Juni 2020), S. 633. [/note] Es sind nur Gewohnheiten und Dogmen, die uns davon abhalten, anzuerkennen, dass Menschen freiwillig mehr Altruismus praktizieren k├Ânnten, wenn man ihnen erm├Âglicht, jenseits der Dollars die Produktionsbedingungen, die F├╝rsorge f├╝r die Arbeitenden und die ├Âkologischen Praktiken zu sehen.

Red, White and Blue noise, Ella Lapointe, Gouache auf Papier und digitale collage, 2020.

Die Globalisierung steigert die Anonymit├Ąt und macht es deshalb dem Egoismus leichter, sich zu entfalten. Rudolf Steiner sah deshalb die gr├Â├čte Herausforderung der modernen ├ľkonomie darin, die pers├Ânliche Empathief├Ąhigkeit gegen├╝ber Wesen und Dingen zu f├Ârdern. Dabei k├Ąme es darauf an, so Steiner, in den Wirtschaftsverb├Ąnden und Unternehmen die Bedingungen des Wirtschaftens gedanklich zu durchdringen, um von diesem Verst├Ąndnis entz├╝ndet freiwillig Solidarit├Ąt und Altruismus in der gesamten Wirtschaft zu begr├╝nden. Es ist interessant, die sozialen Motive und Energien, die auch in Genossenschaften, ethisch arbeitenden Banken, nachhaltigem Investment, Biohandel und der Community Supported Agriculture am Werk sind, in diesem Licht zu betrachten. Das ist eine eine vielversprechende Richtung in den USA, die aus der assoziativen Tradition des Landes erw├Ąchst. Das ist eine andere Tendenz als das, was im Silicon Valley und in den riesigen Konzernen am Werk ist, die durch Marketing, Manipulation und Billigpreise die Bedingungen ihrer T├Ątigkeit verschleiern. Dieser ganzheitliche Trend bringt den Unterschied zwischen einer sozialen Wirtschaft und einer Mensch und Erde auslaugenden ├ľkonomie drastisch ans Licht. Rudolf Steiner schlug auch vor, dass Kapital vergesellschaftet werden solle. Es sollte sozialen und kulturellen Zwecken zugef├╝hrt werden, die der Gesellschaft als Ganzes dienen, nicht dem privaten Verm├Âgen.[note] Rudolf Steiner, National├Âkonomischer Kurs. Verlag der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, 1965. [/note] Dies f├╝hrt zu einer zweiten vielversprechenden Richtung: der demokratischen Philanthropie.

Demokratische Philanthropie versus plutokratische Philanthropie

Die oben erw├Ąhnte, von Alexis de Tocqueville beschriebene Haltung ist in den USA mit der sozialen und kulturellen Arbeit verbunden, allerdings nicht mit der Wirtschaft. Es ist erhellend, Thomas Jeffersons urspr├╝ngliche Satzung zur Trennung von Kirche und Staat in diesem Licht zu betrachten.[note] Thomas Jefferson, Writings. Library of America, 1984. [/note] Er charakterisierte, wie das Geben aus Respekt, Hoffnung und gutem Glauben heraus eine hygienische Funktion f├╝r die Kultur darstellt. Geld, das zur Unterst├╝tzung einer Kultur verwendet wird, aber durch Zwang (Besteuerung) gesammelt wurde, droht die eigentliche Authentizit├Ąt der Gemeinschaft zu korrumpieren. Finanzielle Unterst├╝tzung, die aus Dankbarkeit und Enthusiasmus flie├čt, verlangt von den Kulturschaffenden und -unterst├╝tzenden weit mehr, als wenn die Unterst├╝tzung per Gesetz zugesprochen wird.

Weltweit einzigartig ist in den USA das Spenden von Einzelpersonen, aber die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt gleichwohl zu. Das Gef├╝hl, dass Einzelne durch freie Initiative einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten k├Ânnen, steht einer Verknappung des Einkommens gegen├╝ber, sodass die Menschen ├╝ber ein schwindendes philanthropisches Kapital verf├╝gen. Dies ist nicht auf einen Mangel an Kapital zur├╝ckzuf├╝hren. Es ist ein Verteilungsproblem (nicht nur ein Umverteilungsproblem). Die Wohlhabenden gr├╝nden philanthropische Stiftungen und Initiativen, die gro├čen Einfluss aus├╝ben, ohne dass sie ihre Nachbarn durch Begeisterung und Interaktion ├╝berzeugen m├╝ssen!

Das Gef├╝hl, dass man geben und sich freiwillig engagieren kann, um zum Gemeinwohl beizutragen, ist ein Eckpfeiler der Erfahrung von Freiheit und Selbstbestimmung in den USA.

Dies ist eine zutiefst bedeutsame Entwicklung! Das Gef├╝hl, dass man geben und sich freiwillig engagieren kann, um zum Gemeinwohl beizutragen, ist ein Eckpfeiler der Erfahrung von Freiheit und Selbstbestimmung in den USA. Es tr├Ągt zum Gef├╝hl der Zugeh├Ârigkeit und der Handlungsf├Ąhigkeit bei. Wie Tocqueville schon feststellte, ist es auch eine Schule f├╝r die Erfahrung politischer Freiheit. Wenn sie verloren geht, geht das Gef├╝hl der politischen Freiheit mit ihr, und das gesunde Gef├╝hl f├╝r wirtschaftliche Assoziation.

Wenn wir uns eine assoziative Wirtschaft vorstellen k├Ânnen, k├Ânnen wir uns auch ein unabh├Ąngiges kulturelles Leben in den USA vorstellen, das durch demokratisches Geben unterst├╝tzt wird. Dies k├Ânnte neben einem menschenw├╝rdigen Einkommen und Arbeit in der Wirtschaft auch Gutscheine f├╝r kulturelle und soziale Arbeit beinhalten, die von Dankbarkeit, Begeisterung und Hoffnung aller B├╝rgerinnen und B├╝rger geleitet werden.

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