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Lorenzo Ravagli hat im ersten Band â€čSelbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundertâ€ș die Zeit von den AnfĂ€ngen der Gesellschaft bis 1952 behandelt. Nun ist der zweite Band erschienen und behandelt die Zeit von 1952 bis 1982.


Mit tiefer Anteilnahme kann man anhand des umfassend dokumentierten Bandes die tragischen Konflikte von 1925 bis zum Tod von Marie Steiner-von Sivers 1948 begleiten, Konflikte, die sich an Rudolf Steiners Aussage anschließen: «[
] dann waltet Karma». Das war seine Antwort auf die Frage, wie es weitergehen wird, wenn sich die Freunde nach seinem Tod nicht auf gemeinsame Arbeit verstĂ€ndigen können.

Der zweite Band dieses Monumentalwerkes behandelt auf ĂŒber 500 Seiten die Zeit von 1952 bis 1982. Wieder ist viel Material mit großem Fleiß und Sachkenntnis zusammengetragen. Ich komme aber nicht darum herum, nach der LektĂŒre des ersten Bandes eine gewisse EnttĂ€uschung ĂŒber den zweiten auszudrĂŒcken. Das hat verschiedene GrĂŒnde. Einerseits ist der Titel â€čAnthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundertâ€ș insofern irrefĂŒhrend, als sich die AusfĂŒhrungen fast ganz auf zwei Aspekte reduzieren: auf die DurchfĂŒhrung der jĂ€hrlichen Generalversammlungen und auf das SelbstverstĂ€ndnis der Anthroposophen im Lichte ausgewĂ€hlter Publikationen. Ob das trotz der umfassenden Auswahl von Belegen fĂŒr â€čSelbsterkenntnis in der Geschichteâ€ș genĂŒgt? Anthroposophische Gesellschaft und anthroposophische Bewegung sind weit mehr als die zwei erwĂ€hnten Aspekte. Die Protokolle der Generalversammlungen werden bis zu fast jeder Wortmeldung analysiert und meistens gleich kommentiert. Der Verfasser ist dadurch nicht mehr nur Historiker, sondern nimmt selbst zu den Ereignissen Stellung. Wortmeldungen seitenlang zu referieren, die fĂŒr den Fortgang der Versammlungen nur eine geringe Bedeutung hatten, scheint wenig zu dienen, um ein wesentliches Bild der AblĂ€ufe zu bekommen. Ich habe an vielen Jahresversammlungen von 1966 bis 1982 viele solcher nach meinem Eindruck unwesentlicher BeitrĂ€ge wahrgenommen. Zudem reprĂ€sentieren die Generalversammlungen nur einen bestimmten Teil der Mitgliedschaft.

Mein zweites Unbehagen mit dem Buch ist die Geschichte mit dem â€čGrĂŒndungsmythosâ€ș: Mystifikation der Weihnachtstagung als mythischer Anfang, Rudolf Steiners Opfer in der Übernahme des Vorsitzes, Idee des esoterischen Vorstandes und der fortwĂ€hrenden Mitwirkung durch den großen Lehrer, spirituelle Existenz der Hochschule. Das alles sei zum â€čMythosâ€ș der Anthroposophischen Gesellschaft geworden. Dazu untersucht Ravagli vier Publikationen der Jahre 1976 bis 1982: Margarete und Erich Kirchner-Bockholt, â€čDie Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegmanâ€ș (1976); Rudolf Grosse, â€čDie Weihnachtstagung als Zeitenwendeâ€ș (1976); Hans-Peter van Manen, â€čChristussucher und Michaeldienerâ€ș (1980); und Sergej O. Prokofieff, â€čRudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterienâ€ș (1982). Wer in diesen Jahren die anthroposophischen Publikationen verfolgt hat, wird sich erinnern können, wie jedes dieser BĂŒcher hohe Wellen schlug. Nun hĂ€lt der Verfasser seine Antipathie gegen das, was er Mystifizierung und Mythenbildung nennt, nicht mehr zurĂŒck. Er erinnert zwar daran, «dass dieser Begriff [Mythos] keinerlei abwertende Bedeutung besitzt, sondern auf die zentralen Vorstellungs- und Ideenkomplexe verweist, die eine soziale Gemeinschaft unter Menschen [
] konstituieren und deren SelbstverstĂ€ndnis und Lebenspraxis essenziell eingeschrieben ist». Geht man allerdings auf Joseph Campbell, den Altmeister der Mythenforschung, zurĂŒck â€“ Ravagli verweist in einer Fußnote auf ihn â€“, so handelt es sich bei den mythischen Symbolen um «spontane Hervorbringungen der Psyche». Psychoanalyse und insbesondere die Forschungen von C. G. Jung liegen diesem Mythos-Begriff zugrunde.

Diese Art der Betrachtung scheint die Arbeit von Ravagli zu prĂ€gen. Im Kapitel ĂŒber van Manens Buch bezeichnet er die Karma-VortrĂ€ge Rudolf Steiners als «ReinkarnationserzĂ€hlungen», als «sozialtherapeutische ErzĂ€hlungen» zuhanden der Mitglieder, die «sie dazu befĂ€higten, sich auf einer von Emotionen unbelasteten Ebene zu begegnen und das gesellschaftliche Zusammenleben entsprechend fruchtbar zu gestalten». Die Erwartung in diese Therapieform habe sich aber durch die Entwicklung der Gesellschaft nicht erfĂŒllt. Andere Anthroposophen sehen in diesen VortrĂ€gen Mitteilungen, Forschungsergebnisse, nicht ErzĂ€hlungen. Statt Prokofieffs Arbeit als «okkulten SchlĂŒsselroman» zu bezeichnen, könnte ja auch die Frage gestellt werden: Wie kommt ein 28-jĂ€hriger Russe in Moskau in der repressiven Situation der Sowjetunion jener Zeit dazu, 1982 ein solches Buch zu schreiben?

Man kann auf den dritten Band, der bis zum Jahr 2002 fĂŒhren soll, gespannt sein. Je weiter Ravagli in der Geschichte fortschreitet, desto mehr Menschen werden seine Arbeit, wie bereits beim zweiten Band, mit dem eigenen Erleben dieser Jahre in Verbindung bringen können.


Alle Zitate stammen aus dem Buch.

Buch Lorenzo Ravagli Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert. Band 2: Vom BĂŒcherkonflikt zur Konsolidierung des GrĂŒndungsmythos. Herausgeber Ernst-Michael-Kranich-Stiftung, ĂŒber Glomer 2021.

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