Verbundensein als kreativer Prozess

Die Kraft eines geteilten kĂŒnstlerischen Momentes, eines gemeinsamen Erlebens wird gerade jetzt, nach dem Lockdown, deutlich. Es ist eine Kraft, die Zukunft in die Gegenwart holt.


An einem der ersten warmen Sommerabende vor circa einer Woche vernahm ich plötzlich lauten italienischen Gesang mit Cellobegleitung und verdĂ€chtigte zunĂ€chst die Nachbarschaft, die Musik etwas zu laut aufgedreht zu haben. Der Gesang kam jedoch von draußen. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass sich an der nahe gelegenen Straßenkreuzung inmitten eines Wohnviertels in Basel ein SĂ€nger und ein Cellist eingefunden hatten, um mit einem Ad-hoc-Auftritt ihre Musik zu teilen. Wie beim â€čRattenfĂ€nger von Hamelnâ€ș öffneten sich mehr und mehr Fenster in der Nachbarschaft, TĂŒren gingen auf und mehrere Dutzende Menschen fanden sich an der Straßenkreuzung ein, um gemeinsam diesem spontanen Spektakel beizuwohnen. Inmitten dieser leichten Sommerabendstimmung, vermischt mit der Dankbarkeit ĂŒber die Musik, empfand ich vor allem eine Freude ĂŒber die Leichtigkeit des Zusammenseins mit Menschen verschiedensten Hintergrunds. Im gemeinsamen Erleben und Zuhören stiftet sich eine Gegenwart, deren Zauber wir alle kennen: Wir sind berĂŒhrt in und aus Hingabe an das Erlebte. Ein gemeinsam betrachtetes Bild, ein zusammen gehörtes Lied oder eine erzĂ€hlte Geschichte können eine Verbundenheit stiften, die uns das Geschenk unseres Menschseins bewusst macht.

Die britische Rapperin, Dichterin und Autorin oder auch der britische Rapper, Dichter, Autor Kae Tempest [note] Kae Tempest, ehemals Kate Tempest, schreibt sich seit August 2020 eine nichtbinĂ€re GeschlechtsidentitĂ€t zu. [/note] hat sich wĂ€hrend des ersten Lockdowns mit der Veröffentlichung seines/ihres neuen Buchs â€čVerbundenseinâ€ș[note] Kae Tempest, Verbundensein. Berlin 2021. [/note] wĂ€hrend einer Zeit der kĂŒnstlerisch-kulturellen WĂŒste mit genau diesem Thema auseinandergesetzt. Wieso fĂŒhrt genau diese Zeit, in der keine kĂŒnstlerischen Veranstaltungen möglich sind und die physischen Begegnungen, das unmittelbare Verbundensein mit Abstand- und KontaktbeschrĂ€nkungen eingeschrĂ€nkt werden, zu einem PlĂ€doyer der Verbundenheit? Es ist nicht nur eine Reaktion auf die massive Zunahme von digitalen Tools und Apps, die mit Verbundensein werben, sondern vielmehr der Versuch, einen Weg aufzuzeigen, wie «durch ein feineres kreatives Verbundensein MitgefĂŒhl entwickelt und tiefere Beziehungen zur Welt» [note] Ebd., S. 13.[/note] aufgebaut werden können. Tempest sieht diese Suche nach einer Gemeinsamkeit, die «unterhalb unserer einzigartigen Kulturen und IdentitĂ€ten»[note] Ebd., S. 14. [/note] zu finden ist, die mĂ€chtiger ist als das, was trennt. Es ist dabei genauso die Frage nach Zusammenhalt und Gemeinsamkeit in den inneren und Ă€ußeren Spaltungen unserer Zeit wie beispielsweise Black Lives Matter oder auch der Impfdebatte.

Im gemeinsamen Erleben und Zuhören stiftet sich eine Gegenwart, deren Zauber wir alle kennen: Wir sind berĂŒhrt in und aus Hingabe.

KreativitĂ€t ist dabei eine Möglichkeit, das Verbundensein zu fördern. Eine KreativitĂ€t, die keineswegs nur kĂŒnstlerisch tĂ€tigen Menschen möglich ist, sondern allen â€“ fĂŒr Tempest ist «jede von Liebe getragene Handlung»[note] Ebd., S. 15. [/note] kreativ. KreativitĂ€t als ein praktisches Tun fragt dann nach einem TĂ€tigsein, das mit offenen, wachen, hingebenden Sinnen wahrnimmt, beschreibt und gestaltet. «Kann ich wirklich, indem ich besser oder engagierter im Lesen von Texten oder im Hören von Musik werde, auch besser im Lesen und Zuhören anderer, der Welt und mir selbst werden?»[note] Ebd., S. 67. [/note], fragt Kae Tempest â€“ und bejaht. Diese Wiederbelebung der Sinne, des Hörens, Sehens und Schmeckens, ist gar nicht selbstverstĂ€ndlich. Wenn es dann gelingt, verrĂ€t mir mein Hören, mein Schmecken genauso etwas ĂŒber mich selbst wie ĂŒber das Wahrgenommene. Die Selbstwahrnehmung wird zu einer Antwort auf die Welt, es entsteht Verbindung. Eine Antwortbeziehung, so der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, der zu dem Thema als PhĂ€nomen der Resonanz forscht[note] Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2017. [/note], setzt voraus, «dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen»[note] Ebd., S. 298. [/note]. Jede sinnliche Wahrnehmung kann uns daher fragen, ob wir noch in einer Verbundenheit mit uns selbst sind, noch mit eigener Stimme sprechen. Das KĂŒnstlerische kann dabei unterstĂŒtzen, mit eigener Stimme zu sprechen und die Fremde zu vernehmen, indem es berĂŒhrbar macht und vor allem, das ist vielleicht das Wichtigste, der Möglichkeit des Scheiterns nicht entgegenwirkt. Beides, Verletzlichkeit und Scheitern, braucht Mut â€“ und ist vielleicht das einzige Tor zu einer Menschlichkeit, die ein Verbundensein ermöglicht. Kae Tempest erzĂ€hlt von einer ihrer Lesungen: «Nackte Sprache hat eine vermenschlichende Wirkung; wĂ€hrend sie mir zuhörten, wie ich meine eigene Geschichte erzĂ€hlte, öffneten sich die Menschen, wurden verletzlicher und waren nicht mehr so auf der Hut.»[note] Siehe Nr. 2, S. 33. [/note]

Verbundensein in diesem Sinne ist kein emotionaler Zustand vollkommener Harmonie, sondern eine von tiefem Ernst und wachem Menschsein begleitete Suche nach mir und dem anderen.

Wie lauten also die Geschichten, die nun erzÀhlt werden möchten, die Lieder, die noch geteilt werden können?


Titelbild: Kae Tempest Performance wÀhrend der Verleihung des Mercury-Preises, Screenshot aus dem Youtube-Video.

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