Transhumane Träume

Vorstellungen von einer Verbesserung des Menschen durch Technologie greifen auch in den Umgang mit Säuglingen ein. Sie werden uns schmackhaft gemacht als heilbringende, zukunftsweisende und mittlerweile kostengünstige Methoden.


Im September erschien eine Ausgabe des wissenschaftlichen Wochenmagazins ‹Science›, zum Thema ‹Das menschliche Genom›1. Der Leitartikel ist besonders aufschlussreich. Er trägt den Titel ‹Baby-Schritte›. Darin liegt eine Doppeldeutigkeit: erste Schritte eines Babys oder auch erste Eingriffe, bezogen auf die Blutanalyse bei allen Neugeborenen. Der Artikel beginnt so: «Im Jahr 2016 wurde in Boston ein Mädchen namens Cora Stetson geboren. Innerhalb von 48 Stunden stach das Krankenhauspersonal in ihre Ferse, um ihr einen Tropfen Blut zu entnehmen, der auf Moleküle hinweisen kann, die Dutzende von seltenen genetischen Krankheiten anzeigen – ein Test, der für alle Neugeborenen in den USA vorgeschrieben ist. Da Coras Eltern eingewilligt hatten, sie in eine Studie einzuschreiben, nahm ein Forscher ihr auch Blut für einen viel umfassenderen Test ab – einen, der ihr Genom auf etwa 1500 Krankheitsgene durchsuchte.» Es wird weiter beschrieben, wie Cora vor einer seltenen Krankheit (Biotinidase-Mangel) bewahrt werden konnte, die zu «schlechtem Sehvermögen und Schwierigkeiten in der Schule» hätte führen können. Der Rest des Artikels ist eine heroische Beschreibung, wie die Sequenzierung des gesamten Genoms von Neugeborenen zur Ausrottung vieler Krankheiten führen wird, wobei hervorgehoben wird, dass «die Kosten so stark gesunken sind, dass wir jetzt an einem Wendepunkt angelangt sind, an dem es falsch wäre, es nicht zu tun». Das Pilotprojekt findet derzeit in Großbritannien statt und hat zum Ziel, das gesamte Genom von mehr als 200 000 Kindern zu sequenzieren. Trotz des Untertitels, der eine Diskussion der «ethischen und praktischen Probleme» verspricht, wird als wichtigstes ethisches Problem der Mangel an genetischen Beratern und die Angst der Eltern vor der Diagnose diskutiert.

Die ersten 1000 Tage

Dies ist bei Weitem nicht der einzige Versuch, den ich als ‹Überwachungs- und Kontrolltechnologie für Kinder› bezeichne. Die vielleicht extremste Forschung in dieser Richtung begann Anfang dieses Jahres und wurde von der riesigen medizinischen Forschungsstiftung ‹Wellcome Trust› im Rahmen ihres neuen Programms ‹Wellcome Leap (Sprung)› finanziert. Von den vier Unterprogrammen möchte ich ‹1kD› besprechen, kurz für «The First Thousand Days: Promoting Healthy Brain Networks».

Es umfasst die Überwachung der Gehirnentwicklung und -funktion von Säuglingen und Kleinkindern im Alter von drei Monaten bis drei Jahren mit dem Ziel, «objektive, skalierbare Methoden zur Bewertung der kognitiven Gesundheit eines Kindes» zu entwickeln. Heutzutage wird kognitive Gesundheit anhand der sogenannten Exekutivfunktionen (EF) definiert, die es uns ermöglichen, «das eigene Handeln optimal einer Situation anzupassen, um ein möglichst günstiges Verhaltensergebnis zu erzielen» (Wikipedia). Sie kommen insbesondere dann zum Zug, wenn automatisiertes Handeln zur Problemlösung nicht mehr ausreicht, und loten das komplexe Zusammenspiel zwischen Kognition und Volition (Wille) aus, wobei sie verschiedene Strategien zur Beherrschung von ‹negativen› Gefühlen (zum Beispiel sofortige Befriedigung) betonen. Die sich ständig weiterentwickelnde Wissenschaft der Exekutivfunktionen verweist auf bestimmte Statistiken, um ihre Bedeutung zu untermauern: «Kinder mit einer unterentwickelten EF im Alter von drei Jahren machen etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus, stellen aber fast 80 Prozent der Erwachsenen, die wahrscheinlich irgendeine Form von gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Unterstützung benötigen.»

Kritikfähigkeit

Ist diese Art von Programm nicht grundsätzlich gut? Ist die Entwicklung der Exekutivfunktionen – der Willenskraft im Denken und Fühlen – nicht ein zentraler Bestandteil vieler Techniken zur Selbstverbesserung? Hier muss man weitere Details des Programms betrachten. Es besteht aus drei Komponenten. Zum einen werden Messinstrumente entwickelt, um ein 24/7-Überwachungsnetz einzurichten, mit dem letztlich ein Silikonmodell des Gehirns erstellt werden soll. Zweitens wird die Überwachungstechnologie genutzt, um die Gehirne der Kinder zu bewerten, um zwischen Modell und Realität zu vergleichen. Drittens: Wo dies nicht der Fall ist, wird die suboptimale Gehirnstruktur so verändert, dass sie dem Modell entspricht. Auf diese Weise werden ‹unterentwickelte Gehirne› zu ‹normalen› und normale zu ‹gut entwickelten› Gehirnen umgestaltet (soweit ich weiß, hat die dritte Phase noch lange nicht begonnen).

Bei der Beschreibung der oben genannten Programme fiel mir vor allem der Mangel an kritischem Denken in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften gegenüber diesem neuen Paradigma auf: Vorbei ist der Kulturschock, der bei Sloterdijks Biotech/Eugenik-Lobgesang ‹Regeln für den Menschenpark›2 zur Jahrtausendwende so lautstark zu hören war. Vorbei sind unsere Zweifel an der Idee der ‹Verbesserung› des menschlichen Gehirns. Und schließlich wird nie gefragt, welche Macht letztendlich die wesentlichen Entscheidungen trifft.


Titelbild: Garrett Jackson, Unsplash

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Fußnoten

  1. Science, 24. Sepember 2021, Bd. 373, Nr. 6562, S. 1460–1463
  2. Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. Suhrkamp, Frankfurt 2008.
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