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Staub und Sonnen: Fast ein Nachruf

Wenn frĂŒher ein neuer Woody Allen in die Kinos kam, war es fĂŒr meine Freunde und mich selbstverstĂ€ndlich, hinzugehen. Sicher, die Filme hatten unterschiedliche QualitĂ€t, jeder hatte seinen Favoriten, aber es gab eben stets diese unvergleichlichen Ingredienzen, die wir so liebten und in denen wir uns wiedererkannten: mit unseren Neurosen, unserer Schwermut, unseren GesprĂ€chen ĂŒber Kunst und Politik und unseren chaotischen Beziehungen.


Zuletzt drehte Allen hĂ€ufiger in Europa, wie sein Humor ja trotz seiner amerikanischen PrĂ€gung, neben der jĂŒdischen Geburtsquelle, fast ĂŒberall anschlussfĂ€hig war. War? Wird dies ein Nachruf? In gewisser Hinsicht ja. Oder doch ein trauriger Seitenblick. Und zwar gar nicht einmal wegen der im Zuge von #MeToo nun wieder lauter werdenden MissbrauchsvorwĂŒrfe, sondern wegen etwas anderem. Warum hat Woody Allen wunderbare Filme gemacht, aber nie den einen großen? AnlĂ€sslich eines seiner letzten Filme hatte Allen vor ein paar Jahren ein Interview gegeben, worin er uns mitteilte, dass die Sonne erlöschen wird. Es ist Woody Allens Sonne, die am Erlöschen ist. Die jĂŒngeren Filme waren zwar vielschichtiger, ja spiritueller gewesen denn je, aber zugleich flankierte er sie durch recht zynische öffentliche Bemerkungen, welche die eigene Suche nach dem Geistigen, die sich immer schon durch seine Arbeiten zog, wieder dekonstruierten. In immer kĂŒrzeren Intervallen lĂ€sst er uns seitdem wissen, dass alles sinnlos ist und der Mensch nur ein StĂ€ubchen im Weltall. Das machte auch seine Dialoge eindimensionaler, obwohl die Exposition von Filmen wie â€čMatchpointâ€ș oder â€čIrrational manâ€ș auf bewundernswert leichtfĂŒĂŸige Weise tiefe Schicksalsfragen aufwarf und einen an Steiners â€čPhilosophie der Freiheitâ€ș denken ließ. â€čIrrational manâ€ș hat sich fĂŒr mich sogar zweimal als Abschluss einer â€čFaustâ€ș-Epoche im Deutschunterricht bewĂ€hrt. Aber alle Filme Allens laufen auf die ewige Off-Stimme hinaus, die alles menschliche Streben resignativ verspottet – anstatt die verborgene NĂ€he seines eigenen filmischen Schaffens zum Reinkarnationsgedanken ernst zu nehmen (siehe dazu auch die nebenstehende Besprechung von Ruedi Bind). Allens Interview-State­ments, er sei nicht neugierig, er schaue nie zurĂŒck, klingen zwar sehr heroisch. Doch wie auch immer sein neuester Film sein mag, man möchte ihm zurufen: Woody, schau zurĂŒck! Versuche, den Weg wieder zu finden zur wahren Quelle deiner Melancholie! FrĂŒher war dein Witz anmutig und menschlich, und wir ahnten einen göttlichen Funken darin. Jetzt gibst du den Gott des materialistischen Pessimismus, und daran ist nichts enttĂ€uschender (und bezeichnender), als dass du nicht mehr unterhaltsam bist.

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