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Spuren, in den Sand gelegt

Im MĂ€rz dieses Jahres zur Leipziger Buchmesse erschien im Suhrkamp-Verlag Svenja Leibers neuer Roman â€čStaubâ€ș. Der Ich-ErzĂ€hler ist ein Mann mittleren Alters, der sich aus einer krisenhaften Situation heraus auf eine Reise in den Nahen Osten begibt.


Das ist eine Parallele zum ersten Roman der Autorin, â€čSchipinoâ€ș, in dem ein deutscher Anwalt seine Krise in einem russischen Dorf zu heilen versucht. In ihrem zweiten und bisher erfolgreichsten Roman â€čDas letzte Landâ€ș wird die Lebensgeschichte eines Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf bei LĂŒbeck geborenen Violinisten erzĂ€hlt, der sich aus dem lĂ€ndlichen Milieu herausarbeitet, dann aber privat und beruflich, bedingt durch den Nationalsozialismus und den Krieg, scheitert.

In â€čStaubâ€ș hingegen zieht es den ErzĂ€hler, einen Berliner Arzt, zunĂ€chst nach Jordanien, wo er einen Studienfreund besucht. Zugleich ist es aber eine Reise in die eigene Vergangenheit, da er als Kind eine Zeit mit seiner Familie in Riad verbracht hat, wo der Vater vorĂŒbergehend als Arzt arbeitete. Die Wiederbegegnung mit der arabisch-muslimischen Welt lĂ€sst in ihm die Erinnerung an die Kindheitserlebnisse in Saudi-Arabien aufleben, die als eine weitere Zeitebene parallel erzĂ€hlt werden. Die Ă€ußere Reise wird so zugleich zu einer inneren und zudem zu einer Erforschung der geistigen Gestalt des Nahen Ostens.

Auf der in Riad 1985 verorteten Handlungsebene ist das zentrale Ereignis der Verlust der jĂŒngeren Schwester, die sich als Junge fĂŒhlt – oder eigentlich jenseits von Geschlechtlichkeit – und Semjon genannt wird. Nach einer gemeinsamen Fahrt von Mutter und Kindern im stĂ€dtischen Bus ist sie nicht mit ausgestiegen und wird vermisst. Am nĂ€chsten Tag taucht sie nach vielem Sorgen und Suchen der Familie wieder auf, trĂ€gt aber einen weiblichen Schmuck und wirkt abwesend und verwirrt. Nach der RĂŒckkehr der Familie nach Deutschland zieht sie sich immer mehr zurĂŒck und stirbt schließlich. Ihre Reinheit und geringe Erdverbundenheit erinnern einerseits an Abel – Semjon liebt Schafherden – und andererseits an Goethes â€čMignonâ€ș. Damit ist ein wesentliches Motiv dieses Romans angesprochen: KindheitskrĂ€fte in einer alten Welt, einerseits Heilung versprechend, andererseits von Missbrauch und Vergreisung bedroht.

Bald taucht in Form einer Abbildung, die an der Wand des Freundes in Amman hĂ€ngt, einer von vielen kulturellen Verweisen auf: Borgognones Darstellung der zwei Jesusknaben im Tempel. Unschuld und Erfahrung begegnen sich, um das grĂ¶ĂŸte Mysterium zu ermöglichen: Inkarnation, Tod und Auferstehung von Gottes Sohn. DemgegenĂŒber stehen die uralte Kulturregion des Nahen Ostens und ein Glaube, der genau dieses Mysterium nicht anerkennt: Im Islam hat Gott keinen Sohn, kann nicht sterben und nicht auferstehen.

Auf der Zeitebene des Romans, die 2014 in Jordanien spielt, fokussiert sich die Handlung immer mehr auf den Heilungsversuch eines Kindes namens Alim, das durch eine unerklĂ€rliche Krankheit wie ein Greis aussieht und dessen Bewegungen auf halber Strecke ins Stocken geraten, wie ein blockierter Wille. Mitunter wirkt er wie ein Symbol fĂŒr eine Kultur, die zugleich uralt und kindlich ist, dabei aber in ihrer Entwicklung wie gelĂ€hmt erscheint. Nachdem weder die moderne Schulmedizin noch eine pflanzliche Therapie wirklich heilen konnten, verschwindet auch Alim mit seiner SpielgefĂ€hrtin Gili in Jerusalem. Der Protagonist ist wieder – Reminiszenz an seine Kindheitserfahrung in Riad – auf der Suche nach dem verlorenen Kind. Dabei wirkt Alim wie eine Verzerrung der Verbindung von Unschuld und Erfahrung: Ein vergreistes Kind. In der NĂ€he des tiefsten Punktes der Erde, im Jordantal – Â«â€Š wir sind am Tiefpunkt der Parabel  » â€“ nahe der Stelle von Jesu Taufe durch Johannes, findet der Ich-ErzĂ€hler schließlich Alim und Gili wieder, wĂ€hrend eines Sandsturms. Damit endet der Roman und lĂ€sst den Leser in einer vagen Hoffnung auf einen Neubeginn in einer zu «Staub» zerfallenden Welt zurĂŒck.

Die Autorin hat uns Spuren in den Sand gelegt, die zum VerstĂ€ndnis einer Region beitragen könnten, die uns nicht in Ruhe lĂ€sst, weil sie einfach keinen Frieden findet. Drei große Weltreligionen haben hier ihren Ursprung und finden keinen Frieden miteinander. WĂ€hrend Lessing uns im â€čNathanâ€ș mit der Weisheit der Ringparabel eine der wichtigsten FrĂŒchte der AufklĂ€rung hinterlassen hat: die Toleranz der Religionen untereinander, klingt in â€čStaubâ€ș noch eine andere Schicht mit an: Gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen einer reinen Vater-Religion und einer solchen, die Gott einen Sohn zuschreibt, der sich mit dem Schicksal der Erde und der Menschen quasi â€čpersönlichâ€ș verbindet; hat das Auswirkungen auf den Blick auf das Kind, die Erde und das Individuum? Gibt es göttliche HeilungskrĂ€fte, die im irdischen Leben und der Natur wirksam werden können? Der Protagonist von â€čStaubâ€ș, ein suchtkranker Arzt aus Berlin, scheint auf der Suche nach diesen KrĂ€ften zu sein, aber selbst in Jerusalem findet er sie nicht. Erst als er am Jordan ganz zu sich selbst kommt, findet er die Kinder wieder. Kann der kranke Heiler geheilt werden?

Das Besondere an Svenja Leibers Stil ist, dass sowohl die erzÀhlte Welt als auch die Sprache zwischen sehr grob und sehr fein oszillieren und dabei immer wieder tiefere Schichten durchscheinen lassen. Obwohl die Protagonisten aller drei Romane Scheiternde sind, entsteht keine hoffnungslose Stimmung. Vielmehr scheint das Scheitern als originÀr menschliche Erfahrung einen Sinn zu erhalten, der aber im Verborgenen bleibt.


Svenja Leiber: â€čStaubâ€ș, Frankfurt a. M. 2018

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