Rudolf Steiner als Schriftsteller mit Notizbuch

Ein neuer GA-Band mit Fragmenten aus dem Nachlass versammelt auf 1000 Seiten und 143 TextstĂŒcken Notizen und Manuskripte – ein neuer reicher Blick in Rudolf Steiners Erkenntnis-KĂŒche wird möglich.


Mit diesem Band aus ĂŒber 100 Texten ist ein großer Nachlass-Publikationsschritt gelungen. Weitere werden hoffentlich folgen. Und fĂŒr die Lesenden und Studierenden steht ein großer Brocken bereit. Denn um sie geht es ja ab jetzt. Doch wie liest man ein solches Buch mit den vielen Einzelteilen? Kaum jemand wird wohl alles auf einmal und schön der Reihe nach lesen wollen. Das Inhaltsverzeichnis mit allen betitelten Texten, gegliedert in Jahrzehnte, und ein Register der Themen und Namen helfen bei der Wahl des persönlichen Leseparcours. Da im Inhaltsverzeichnis auch immer das (geschĂ€tzte) Entstehungsjahr angegeben ist, gibt es auch die Möglichkeit, sich jeweils Textgruppen aus derselben Zeit vorzunehmen.

Der Band mit seinen ĂŒber 1000 Seiten und 143 TextstĂŒcken ist eine beeindruckende Fleiß- und Intelligenzleistung der Herausgebenden bei der Sichtung, Entzifferung, LektĂŒre und Auswahl der Texte, ganz besonders in den jeweiligen Anmerkungen und Verweisen der einzelnen Texte ins ĂŒbrige Werk Steiners. Leserfreundlich immer direkt nach dem Text angeordnet, sind sie voller reichhaltiger Anregungen, Perlen und vor allem Keime fĂŒr die geisteswissenschaftliche Weiterarbeit und die anthroposophisch aufschließende Essayistik.

Einmaliges

In â€čMein Lebensgangâ€ș unterscheidet Steiner sein schriftliches Werk, seine «vor aller Welt veröffentlichten BĂŒcher» von seinen VortrĂ€gen, die er meist vor und fĂŒr die Mitglieder der Theosophischen und Anthroposophischen Gesellschaft gehalten hat, die in Mitschriften erhalten sind und in der Gesamtausgabe (GA) bald alle veröffentlicht sein werden. «Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete.» Mit diesem ga-Band kommt nun Weiteres dazu, das Steiner handschriftlich hinterlassen hat, das er aber nicht veröffentlicht hat und das weitere Einblicke in seine Werkstatt gibt, was und wie es in ihm «rang und arbeitete». Das Ergebnis sind diese Fragmente, Notizen, Konzepte, autobiografischen Skizzen, kurzen oder auch lĂ€ngeren Abhandlungen, Aphorismen, die jetzt zum großen Teil zum ersten Mal veröffentlicht oder frĂŒher an verstreuten Orten (z. B. in der Zeitschrift â€čBeitrĂ€ge zur Gesamtausgabeâ€ș) schon mal gedruckt wurden. Bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern sind Veröffentlichungen aus dem sogenannten Nachlass, das heißt Schriften, die nicht von ihnen selbst, sondern erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden, durchaus ĂŒblich. Es sind Veröffentlichungen, die vom Autor nicht mehr selbst kritisch durchgesehen wurden, die er also nicht mehr korrigieren, ergĂ€nzen, streichen oder nach der ersten Formulierung verĂ€ndern konnte.

Warum solches ĂŒberhaupt veröffentlichen, könnte sich jemand fragen? Weil die Herausgebenden Vertrauen haben in die QualitĂ€t des Autors und seines schriftlichen Nachlasses und in seine Haltung gegenĂŒber dieser Frage. So wie Steiner in einem solchen Falle zu Goethe festhielt, selbst entgegen dessen eigener letztwilliger VerfĂŒgung in Bezug auf den polemischen Teil der Farbenlehre: «Wir sind nun freilich nicht in der Lage, diese VerfĂŒgung auszufĂŒhren. Denn es hat niemand ein Recht, ein Goethe’sches Werk den Augen der Welt zu entziehen» (S. 153, Steiner 1889).

Notizen als Zeugnisse

Vieles stammt aus Steiners NotizbĂŒchern. In seinem Notizbuch ist der Autor mit sich allein. Was er notiert, hĂ€lt er zunĂ€chst fĂŒr sich fest. Es kann ein Anfang von etwas sein oder eine entscheidende Wendung oder ein besonderer Augenblick. «Habe eben Nietzsche gesehen» (S. 254, 1896). Mit einem handschriftlichen Notizbuch-Eintrag ist man sehr nahe am Autor und seiner Produktionsweise.

Die Herausgebenden entschieden sich fĂŒr eine schlichte chronologische Anordnung der Texte, beginnend mit 1879 und dem 18-jĂ€hrigen Autor. «Die chronologische Anordnung der Texte lĂ€sst verfolgen, wie sich Rudolf Steiner in den Jahren seines Lebens schriftstellerisch ausgedrĂŒckt hat, sie zeigt zugleich, womit er sich in seinem unermĂŒdlichen Forscherdrang neben all den dringenden und belastenden Aufgaben innerhalb seines Wirkens beschĂ€ftigt hat.» Alle Texte liegen als Handschriften Steiners vor. Eine weitere Auswahl solcher Texte aus dem Nachlass ist durchaus denkbar. Die Herausgebenden unterscheiden zwischen Entstehungsfragment (vom Autor abgebrochen, manchmal gar mitten im Satz) und Überlieferungsfragment (bei Verlusten von BlĂ€ttern im Laufe der Zeit). Erinnert sei an die umfangreichen Entstehungsfragmente â€čAnthroposophie. Ein Fragmentâ€ș und â€čMein Lebensgangâ€ș, aus denen zwei BĂ€nde der Gesamtausgabe geworden sind.

Das Buch nĂ€hrt philosophische, geisteswissenschaftliche und den Schulungsweg betreffende Interessen und vertieft die biografischen Kenntnisse ĂŒber Steiner. Es beginnt mit BeitrĂ€gen des â€čphilosophischen Schriftstellersâ€ș zu Fichte, Kant, Goethe, Schiller, Nietzsche und anderen. Bedeutende Schwergewichte (wenn auch nicht als Erstveröffentlichungen) sind Steiners einzige schriftlich erhaltene Fassung der â€čTempellegendeâ€ș und die sogenannten â€čDokumente von Barrâ€ș (1907 aufgeschrieben fĂŒr Edouard SchurĂ©).

Persönlich-unpersönlich

Manche gerade frĂŒhe Fragmente zeigen Steiners StĂ€rke zu betroffenen, kraftgeladenen, ausdrucksstarken Formulierungen. Doch bis zur kritischen Veröffentlichung oder in der endgĂŒltigen Veröffentlichung tilgte er meist alles davon. Hier ist die Begegnung damit noch möglich: «wurmstichiger Dogmatismus», «zerstörungskrĂ€ftiger Skeptizismus» und «bloßes Herumtappen unter bloßen Begriffen» (S. 51, um 1879–1883).

Wenn wir nicht Dinge im Raume sind, dann ist das Begreifen im Raum die Art, in welcher das Unerkannte, das wir sind, als Geist existiert.

Bei den Veröffentlichungen verfolgte er den weitgehend bildlosen, betont sachlichen, unaffektierten Stil, wie wir ihn bei Thomas von Aquin finden können: «bei Augustinus alles persönlich, bei Thomas von Aquino alles eigentlich ganz unpersönlich». In diesem Sinne wurde auch eine ganze erste Seite mit plastisch-kĂ€mpferischen Formulierungen aus dem ersten Kapitel der â€čPhilosophie der Freiheitâ€ș von ihm spĂ€ter gestrichen und dieses (gekĂŒrzt-bereinigte) Kapitel in den Anhang der ab 1918 gĂŒltigen Ausgabe verschoben.

Es gibt in der verknappten KĂŒrze und ohne Kenntnis des Zusammenhangs auch RĂ€tselhaftes, was zum mehrfachen Lesanlauf einlĂ€dt: «Wenn wir nicht Dinge im Raume sind, dann ist das Begreifen im Raum die Art, in welcher das Unerkannte, das wir sind, als Geist existiert» (S. 610, 1913). Steiner hĂ€lt auch immer wieder Statements und ErklĂ€rungen zur Anthroposophie und zum eigenen Weg fest: «Ich möchte, was mir als Anthroposophie vorschwebt, am liebsten Goetheanismus nennen» (S. 746, 1917).

Mit diesen und weiteren Veröffentlichungen aus dem Nachlass des Autors kommt die Edition der Gesamtausgabe Rudolf Steiners in ihre abschließende Phase, in der auch die auf sechs BĂ€nde angelegte Veröffentlichung der Briefe Rudolf Steiners ansteht.


Monika Philippi, Renatus Ziegler, David Marc Hoffmann (Hg.), Rudolf Steiner. Nachgelassene Abhandlungen und Fragmente 1879–1924, GA 46. Rudolf Steiner Verlag, Basel 2020

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