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Pim Blomaard: Meditation als Instrument

Pim Blomaard leitete 16 Jahre die RaphaĂ«l-Stiftung in den Niederlanden. Nun leitet er das Bernard-Lievegoed-Forschungszentrum an der Freien UniversitĂ€t Amsterdam. Er schrieb das Buch â€čBeziehungsgestaltung in der Begleitung von Menschen mit Behinderungenâ€ș. Seine letzte Publikation ist â€čBeziehungsgestaltung in der Behindertenhilfe: Zur Berufsethik der Betreuungâ€ș. Er arbeitet als Berater in Organisationen und ist der Schatzmeister der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden.


Unternehmenspraxis

Heute sind wir im GesprĂ€ch mit Pim Blomaard. Er sagt gern: «FĂŒr die zukĂŒnftige Entwicklung einer Organisation und eines Mitarbeiters sollte Meditation zur Unternehmenspraxis werden!»

Er studierte Philosophie, arbeitete als Lehrer und leitete viele Jahre eine anthroposophische, heilpĂ€dagogische Organisation. Die RaphaĂ«l-Stiftung kĂŒmmert sich um Menschen mit geistiger Behinderung und ist in den Niederlanden, auch in der Psychiatrie und Pflege, mit insgesamt 1400 Mitarbeitern an verschiedenen Standorten tĂ€tig. Pim teilt die Inspiration, die von der anthroposophischen Vision ausgeht, dass die individuelle Entwicklung von Klienten und Mitarbeitern an erster Stelle stehen und dass in einem intensiven Gemeinschaftsleben der Kunst und Kultur viel Aufmerksamkeit gelten muss. Zurzeit arbeitet er als Leiter des Bernard-Lievegoed-Forschungszentrums an der Freien UniversitĂ€t Amsterdam. Er arbeitet auf dem Gebiet der Praktischen Theologie und forscht in den Bereichen SonderpĂ€dagogik, Ethik und Sozialtheorie. Er ist Berater auf dem Gebiet der anthroposophischen IdentitĂ€tsentwicklung in der RaphaĂ«l-Stiftung.

Nach Ansicht von Pim ist anthroposophische Meditation eine UnterstĂŒtzung fĂŒr die alltĂ€gliche Praxis und die ArbeitsfĂ€higkeit, weil sie sowohl das innere Gleichgewicht als auch die grĂ¶ĂŸere Bedeutung der eigenen und der gemeinsamen Aufgabe anspricht. Eine Person, die um der Selbstentfaltung willen meditiert, tut es zugleich um der anderen Menschen und Wesen willen.

Wie hast du angefangen zu meditieren?

In der Schule lasen wir Sokrates, der bis heute fĂŒr mich ein Held ist. Er besitzt Autokratie, Kontrolle ĂŒber sich selbst, ist offen gegenĂŒber Materiellem, Spirituellem und dem Tod. Ich bin ĂŒberzeugt, dass er noch eine große Rolle spielen wird. Mit Anthroposophie kam ich durch meinen Literaturlehrer in BerĂŒhrung. Ich las Rudolf Steiners â€čTheosophieâ€ș, las ĂŒber Leib, Seele und Geist, den dreigliedrigen Menschen. Das war die großartigste Erfahrung: dieses Menschenbild.

Mit 18 Jahren ging ich in ein Trappistenkloster, da ich beginnen wollte zu meditieren. Es funktionierte ĂŒberhaupt nicht, doch es war der erste Versuch und somit der Anfang meines Strebens nach einem inneren Leben. Ich entschied mich, Philosophie zu studieren, und war in einer Gruppe, die sich Steiners Philosophie annahm. Wir wendeten uns Übungen zu, die bis heute die Grundlage meines meditativen Lebens bilden. Ich entschied, die Grundsteinmeditation und die RĂŒckschau zum Bestandteil meines Lebens zu machen. So durchlebe ich beispielsweise, nachdem ich vor dem Schlafengehen einen Film geschaut habe, den Film Schritt fĂŒr Schritt noch einmal vom Ende bis zum Anfang, etwa 30 Minuten.

Jetzt wo sie fragen, merke ich, dass die Biografie meines Meditationslebens nicht vorliegt. Wenn man Jahrzehnte vor sich hat, sollte man ein Tagebuch ĂŒber die eigenen Erfahrungen und Entscheidungen fĂŒhren.

Warum meditierst du?

Zu Beginn war mir Meditation ein verkörpernder Prozess, um mehr â€čich selbstâ€ș werden zu können und mich mehr mit den eigenen Idealen und meinem Streben zu verbinden. Mit jedem Versuch und jeder Anstrengung wird die innere MoralitĂ€t stĂ€rker. Das war wichtig fĂŒr mich: immer meine Ideale, meine Ziele zu spĂŒren, an meinen Tugenden zu arbeiten. Jetzt dreht es sich mehr um Exkarnation, also darum, eine Verbindung und eine gewisse Verbindlichkeit mit der Welt, den Menschen und Wesen herzustellen. Am Anfang meditierte ich, um mich selbst mit Idealen, Gedanken und Perspektiven zu fĂŒllen. Jetzt besteht das Ziel darin, leerer und empfĂ€nglicher zu werden, sich aus dem Körper zu lösen, hinein in Leere und Verbundenheit.

Was ist deine grundlegende Meditation?

Vielleicht könnte ich zuerst eine Frage beantworten, nĂ€mlich: Was ist anthroposophische Meditation? Es geht zuallererst um Übungen, aus denen sich ein erweitertes meditatives Leben ergeben kann. FĂŒr mich persönlich ist das Ziel der anthroposophischen Medi­tation die Integration von Wollen, FĂŒhlen und Denken. Da dieser Integrationsprozess ein Akt ist, der nur aus einem selbst geschehen kann, muss man wirklich prĂ€sent sein, um diese FĂ€higkeiten zu verbinden.

Ich habe mich bisher eher auf DenkĂŒbungen konzentriert als auf GefĂŒhlsĂŒbungen. Das ist sehr schade. Mir ist mein Ziel, die Integration, sehr bewusst. Jede Meditation muss diese Integration durchlaufen. Man hat einen bestimmten Inhalt oder ein Bild, einen Satz, ein Wort, und dann muss man versuchen, dazu ein GefĂŒhl zu entwickeln. Dein Wille bringt sich ein, stellt Verbindungen her und bindet sich. GegenwĂ€rtig erforsche ich in meinen Meditationssitzungen von circa 15 bis 20 Minuten, wie ich diese dreigliedrig gestalten kann.


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Diese Übungen sind sehr persönlich und stellen sich fĂŒr jeden anders dar. Grundlegend sind die NebenĂŒbungen, die um Konzentration, Disziplin, neutrale GefĂŒhle, PositivitĂ€t und Weltoffenheit kreisen. Seit einigen Jahren arbeite ich auch mit der Punkt-und-Kreis-Meditation. Diese behandelt nicht nur die Beziehung zu sich selbst, sondern auch die Beziehungen, die man zu anderen Menschen und der Welt pflegt. Sie verleiht StĂ€rke, seinen Weg zu beschreiten, zu helfen und willkommen zu heißen, was noch geschehen mag. Auch die Grundsteinmeditation ist wichtig fĂŒr mich. Sie erschien mir anfangs sehr unzugĂ€nglich, doch es wurde stetig besser. â€“ Als Student lehnte ich es dogmatisch ab, mit anderen zu meditieren. Ich habe gelernt, dass gemeinsames Üben sehr hilfreich ist. Menschen können in vielfĂ€ltiger Weise miteinander ĂŒben und meditieren. â€“ Man muss die Übungen entdecken, die zu einem passen, und den eigenen Zugang finden, ein GespĂŒr fĂŒr die Inhalte und Methoden entwickeln, die mit einem im Einklang sind. Ich bin an dem Punkt angelangt, an dem mein meditatives Leben Teil meiner Biografie geworden ist. Je mehr man zu sich selbst findet, desto persönlicher wird die Meditation. Es besteht eine Verbindung, eine Parallele zwischen dem Weg in der Meditation und dem Leben. Sie sind verbunden. Ich habe es so erlebt.

Ein unvergesslicher Moment der â€čLiving Connectionsâ€ș-Tagung?

Ich habe mit zwei weiteren Personen einen Workshop gegeben und die Zusammenarbeit war fantastisch. Es war eine wunderbare Erfahrung, gemeinsam etwas zu schaffen und zu wirken, ohne sich gegenseitig zu bewerten. Ich war sehr beeindruckt, wie intensiv sich die Teilnehmer einbrachten und zusammenarbeiteten. Wir saßen in einem Raum mit einer furchtbaren Akustik und rĂ€umlichen Enge, aber es störte ĂŒberhaupt nicht. Mich faszinierte die Bereitschaft und IntensitĂ€t der Leute, die da waren. Es gab mir Hoffnung, dass es uns möglich sein wird, unsere sozialen Ressourcen zu steigern und so zusammenwachsen zu können.

Heute liegt fĂŒr mich der Fokus darauf, Meditation in mein Arbeitsleben zu integrieren. Meditation kann eine Unternehmenspraxis sein, so ist es seit fĂŒnf Jahren in meiner Firma. Es begann in den Sitzungen unserer GeschĂ€ftsfĂŒhrung, sogar wĂ€hrend GeschĂ€ftsterminen und Vorstandssitzungen wurde gemeinsam meditiert. Dort herrschte solch eine Bereitschaft und Offenheit, etwas gemeinsam zu schaffen und diese Übungen zu teilen, die intrinsisch mit deinem Wesenskern und deinen wahren Fragen verbunden sind. â€“ Man ermutigt sich gegenseitig, indem man ausprobiert und vorbereitet. Meditation im Betrieb, SpiritualitĂ€t in Organisationen, ist so essenziell fĂŒr anthroposophische Kontexte und Institutionen. Es ist maßgeblich, Möglichkeiten fĂŒr Meditation und Übung zu schaffen, die der Zukunft dienen, deinen Klienten und Kindern, nicht nur dem eigenen Spaß und Wohl. Und dabei versucht man, das Denken, FĂŒhlen und Wollen zusammenzufĂŒhren. DafĂŒr sind auch soziale Kunst oder Kunst mit sozialem Bewusstsein notwendig sowie neue situationsbezogene Rituale, bei denen einem bewusst wird, was wichtig ist.

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In unserer Gesellschaft geht es nicht nur um das Studieren von Steiners Schriften, sondern auch um die Begleitung von inneren menschlichen KĂ€mpfen.

Ich sitze im Vorstand der niederlĂ€ndischen Anthroposophischen Gesellschaft. Dort entwickeln wir Möglichkeiten, die Grundsteinmeditation zu praktizieren. Wir sind dabei, sie zu einem Instrument auszubauen. So können wir ĂŒber unsere Probleme sprechen, auf eine dreigliedrige Art und Weise. Wir mĂŒssen unsere Kultur der Scham ĂŒberwinden. In unserer Gesellschaft geht es nicht nur um das Studieren von Steiners Schriften, sondern auch um die Begleitung von inneren menschlichen KĂ€mpfen. Es ist mir ein BedĂŒrfnis, in diese Richtung weiterzuarbeiten. Man kann diesen Prozess auch durch neue Rituale unterstĂŒtzen. Es klingt ungewöhnlich, aber man kann weitergehen als Zitate, Mantras oder Kerzen. DafĂŒr bedarf es Mut, Mut zu entdecken und zu forschen. Das versuche ich gerade zu tun.

Und genau das erfuhr ich in der â€čLiving Connectionsâ€ș-Tagung. Man muss zwar individuell fĂŒr sich meditieren, aber man kann gemeinsam daran arbeiten. Wenn man sich bewusst ist, was man tut, und darĂŒber spricht, muss es nicht unfrei oder gefĂ€hrlich sein. Es ist im Gegenteil ein natĂŒrlicher Teil unserer Zeit – gemeinsam zu wirken. Wenn man sich gegenseitig vertraut, kann man einen Personenkreis fĂŒr die Zukunft aufbauen. Überall kann man Kontexte schaffen, in denen ein gemeinsames Bewusstsein geteilt wird und in denen man auf ein grĂ¶ĂŸeres Ziel hinarbeitet.


Übersetzung: Imogen Pare

Zeichnung: Nathaniel Williams

 

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