One Health

Die Zukunft anthroposophischer Arzneimittel geht alle an.


Das bekannteste anthroposophische Arzneimittel ist die Mistel. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Forschung zur Mistel und die klinische Anwendung von MistelprĂ€paraten weiterentwickelt. Heute haben anthroposophische MistelprĂ€parate einen â€čhöheren Schulabschlussâ€ș in Form wissenschaftlicher Studien. Es lĂ€sst sich zeigen, dass MistelprĂ€parate, auch direkt in den Tumor gespritzt, Tumorerkrankungen unmittelbar bekĂ€mpfen, dass sie die Selbstregulation des Organismus anregen, Nebenwirkungen konventioneller Therapien verringern, die LebensqualitĂ€t verbessern und einen positiven Einfluss auf die Lebenszeit der Patienten und Patientinnen haben können.

MistelprĂ€parate finden Eingang in offizielle Leitlinien, nach denen sich vor allem die jĂŒngere Ärztegeneration richtet. Schweden investiert mehrere Millionen Euro, um an BauchspeicheldrĂŒsenkrebs Erkrankten eine erfolgreiche Studie aus Serbien zu wiederholen. Diese hatte gezeigt, dass Patienten und Patientinnen unter Misteltherapie lĂ€nger leben und es ihnen dabei deutlich besser geht.[note]W. Tröger et al. (2014), Quality of life of patients with advanced pancreatic cancer during treatment with mistletoe. Dtsch Arztebl Int. 2014 Jul 21; 111 (29–30): S. 493–502, 33 p. following 502. doi: 10.3238/arztebl.2014.0493.[/note] Die Misteltherapie findet weltweit Interesse. In SĂŒdkorea wenden KlinikĂ€rzte MistelprĂ€parate an, ergĂ€nzend zur Schulmedizin und zur traditionellen asiatischen Medizin. Es gibt auch andere Heilpflanzen wie das Bryophyllum, die â€čGoethe-Pflanzeâ€ș, ĂŒber die Studien vorliegen und wir heute wissen, wie entscheidend damit eine stressbedingte FrĂŒhgeburt ohne Nebenwirkungen abgefangen werden kann.[note]O. Potterat und A. P. SimĂ”es-WĂŒst (2020), Bryophyllum pinnatum. Phytotherapie.at, 14(4): S. 15–17.[/note]

Ohne Forschung gefÀhrdet

Am Beispiel der Mistel wird deutlich, wie aufwendig es heute ist, breite medizinische Kreise von der Wirksamkeit eines Arzneimittels zu ĂŒberzeugen. Schon Rudolf Steiner forderte die â€čVerifikationâ€ș der Wirksamkeit anthroposophischer PrĂ€parate.[note]R. Steiner, Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin. GA Bd. 319, Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 1994, S. 52 f.[/note] Tatsache ist, dass wir fĂŒr die meisten anthroposophischen Arzneimittel nur einen â€čeinfachen Schulabschlussâ€ș, die Zulassung oder Registrierung, haben, aber keine Wirksamkeitsnachweise im Einzelnen. Hier wurde lange Zeit kein Geld investiert. Es kann jedoch nur der am Markt bestehen, der sein PrĂ€parat weiterentwickelt, sei es in der Herstellungsweise, im Wirksamkeitsnachweis oder im Wissen um seine erfolgreiche Anwendung. Eine solche Entwicklung ist notwendig, damit diese Arzneimittel neue Freunde, neue Anwenderinnen finden. Einen Baustein dazu bildet das â€čVademecum Anthroposophische Arzneimittelâ€ș, das seit 2005 die Erfahrung heute tĂ€tiger Ärztinnen und Ärzte auswertet und in fĂŒnf Sprachen erschienen ist.[note]H. J. Hamre et al., Systematik Ă€rztlicher Anwendungserfahrungen mit Arzneimitteln aus ganzheitlichen Therapiesystemen: Eine deskriptive Analyse des Vademecum Anthroposophische Arzneimittel. Der Merkurstab 2021; 74(3): S. 261–272. Artikel-ID: DMS-21362-DE.[/note]

Wir haben einen enormen Forschungsbedarf zu anthroposophischen Arzneimitteln, und ohne solche Forschung ist die Existenz anthroposophischer Arzneimittel, ihr Zulassungsstatus bedroht. Diese Forschung ist sehr aufwendig. Und sie steht vor der Herausforderung, dass diese Arzneimittel noch andere Wirkprinzipien haben, als Krankheit zu bekÀmpfen. Es sind Arzneimittel, die

‱ Lebensprozesse im Organismus verstĂ€rken, wie das Hepatodoron von Weleda in Bezug auf die Leber oder Lien comp. von Wala in Bezug auf die Milz und das Immunsystem;

‱ ein zu starkes, zerstörerisches oder mangelndes Eingreifen des Seelischen im Leiblichen harmonisieren können, wie Bryophyllum bei vorzeitigen Wehen oder KupferprĂ€parate bei Asthma oder kolikartigen Schmerzen;

‱ die WĂ€rmebildung, die PrĂ€senz des geistigen Menschen im Leibe stĂ€rken – was fĂŒr die Mistel und fĂŒr PrĂ€parate mit potenziertem Gold oder Eisen gilt.[note]Siehe M. Girke, Innere Medizin. Berlin, 3. Aufl., S. 127–136.[/note]

Mit einem Wort: Diese Arzneimittel stĂ€rken die Selbstregulation auf lebendiger seelischer und geistiger Ebene. Da besteht heute großer Bedarf. Das zeigt die COVID-Erkrankung, wo es therapeutisch darauf ankommt, den ganzen Menschen und nicht nur Lokalbefunde zu berĂŒcksichtigen. So gelang es einer anthroposophischen Ärztin in Rio de Janeiro, 600 COVID-Patientinnen und -Patienten ohne einen Todesfall zu behandeln, weil sie konsequent anthroposophische Arzneimittel angewendet hat. Die Klinik Arlesheim ist ein Versorgungskrankenhaus des Kantons und wertet jetzt die Daten von 120 COVID-Patienten wissenschaftlich aus, die ihr zur stationĂ€ren Behandlung zugewiesen wurden. Auch hier ist es spannend zu sehen, inwiefern eine Medizin, die auf ganzheitlichen Wirkprinzipien aufbaut, ihre Wirksamkeit nach heutigen wissenschaftlichen Methoden zeigen kann.

Georg Soldner, gezeichnet von Sofia Lismont

Die hÀufigsten Todesursachen heute

Heute sterben in hochentwickelten LĂ€ndern 71 Prozent der Menschen an Erkrankungen, die mit dem Lebensstil und einer tiefgreifenden Störung der Selbstregulation im Organismus zusammenhĂ€ngen, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Zuckerkrankheit und Krebserkrankungen. Hinzu kommen Schmerzerkrankungen gerade auch der WirbelsĂ€ule. Um solchen Erkrankungen vorzubeugen, geht es darum, die Gewohnheiten zu Ă€ndern, nicht medikamentöse Therapien wie aufklĂ€rende GesprĂ€che und Schulungen in der Gruppe, mit Heileurythmie, Meditation, Umstellung der ErnĂ€hrung und Bewegung anzuregen. Sie erfordern auch regulativ wirksame Arzneimittel wie die anthroposophischen Arzneimittel, die helfen, die bei chronischer Erkrankung verlorenen LebenskrĂ€fte zu beleben. So fördern diese PrĂ€parate die Schlafdauer und -qualitĂ€t sowie die KonzentrationsfĂ€higkeit und senken die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Krebserkrankungen. Auch bei akuten Infektionen, wie Blasen- oder NasennebenhöhlenentzĂŒndungen, steht die Schulmedizin am Anschlag, weil ihre Antibiotika durch inflationĂ€ren Gebrauch unwirksam zu werden drohen. Anthroposophische Arzneimittel bieten hier Alternativen.[note]Siehe www.anthromedics.org/Praxis/Infektionskrankheiten.[/note] SchmerzmittelrĂŒckstĂ€nde, â€čpain killerâ€ș, vergiften Tiere und Grundwasser; fĂŒr HormonprĂ€parate gilt Ähnliches. Die Pharmazie trĂ€gt mit ihren chemisch synthetisierten Arzneimitteln erheblich an der Umweltvergiftung bei. Wir haben einen 100-jĂ€hrigen Krieg gegen Krankheit hinter uns, aber einen ungenĂŒgenden Aufbau von nachhaltiger Gesundheit, wie sich bei Schulkindern zeigt, deren psychische Probleme sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt und unter COVID weiter gesteigert haben. Gleichzeitig haben wir ein Jahrhundert der Pestizide, der Insektizide und der antibiotikaabhĂ€ngigen Massentierhaltung hinter uns, mit der wir unsĂ€gliches Tierleid und Pandemien erzeugt haben und die Wirksamkeit vieler Antibiotika verlieren, weil die Mikroorganismen in Menschen und Tieren resistent werden.

Gesundheit verstehen und fördern

Gesundheit ist die FÀhigkeit eines Wesens, sich zu entfalten, teilzuhaben an der Gemeinschaft und sich selbst in seinem Leben zu lenken.[note]M. Huber, How should we define health? BMJ 2011;343:d4163.[/note] Blicken wir auf die Plastik des MenschheitsreprÀsentanten, so tritt uns in ihm die Gesundheit, in Luzifer und Ahriman die Krankheit entgegen. Wir begreifen, dass wir nie einfach gesund und niemals nur krank sind, dass letztlich Gesundheit etwas kategorial anderes als die Krankheit ist.

Gesundheit gibt es nicht privat: Die Gesundheit des anderen ist mit der eigenen Gesundheit verbunden, wie wir in der Pandemie gelernt haben. Das gilt jedoch fĂŒr alle Lebewesen, Mensch, Tier, Pflanzen und Bodenorganismen! Gesundheit ist etwas Persönliches und gleichzeitig hat sie eine öffentliche und planetarische Dimension. â€čOne Healthâ€ș, â€čeine Gesundheitâ€ș, bedeutet zu fragen, was es fĂŒr eine gesunde Entwicklung und Selbstregulation braucht. Gesundheit zu fördern, braucht anderes und auch noch andere Arzneimittel, als nur Krankheit zu bekĂ€mpfen oder zu unterdrĂŒcken.

Gleichzeitig bedeutet â€čOne Healthâ€ș, vorrangig Arzneimittel zu verwenden, die selbst im Einklang mit den KreislĂ€ufen der Natur stehen, aus ihnen stammen und in sie zurĂŒckkehren, wenn sie wieder ausgeschieden oder entsorgt werden. Es bedeutet, konsequent zu forschen und die Arzneimittel, die hier bedeutsam sind, zu optimieren aus einer geistig inspirierten Forschung, in der die Freie Hochschule ihren Platz hat. An sich mĂŒsste heute die Anthroposophische Gesellschaft unsere Arzneimittelhersteller und Forschungsinstitute in diesen Forschungsanstrengungen unterstĂŒtzen und gesellschaftlich auf die Förderung solcher Forschung hinwirken. Wir brauchen ein Bewusstsein und Selbstbewusstsein, dass wir als anthroposophische Bewegung eine Mission haben auf dem Feld der Medizin, die mit der Mission biologisch-dynamischer Landwirtschaft und der WaldorfpĂ€dagogik verbunden ist:

‱ Leben zu fördern in seiner Schönheit, die sich aus der Verbindung irdischer und kosmischer KrĂ€fte speist;

‱ das rhythmische Zusammenwirken seelischer und vitaler KrĂ€fte im Menschen wie in der Pflege von Tier- und Pflanzenwelt zu fördern, auch durch Arzneimittel, die im Einklang mit den KreislĂ€ufen der Natur stehen;

‱ die geistige PrĂ€senz des Menschen in seiner biografischen Entwicklung, in der Lenkung des Seelischen, in ihrer leiblichen PrĂ€senz und WĂ€rmeregulation und Initiativkraft zu stĂ€rken, denn diese ist heute der Weichensteller fĂŒr nachhaltige Gesundheit.

Sicher, Weleda und Wala werden einen Teil ihrer Sortimente 2022 streichen. Sie machen in LĂ€ndern wie Frankreich und Italien schmerzhafteste Verluste. Wir stehen in einer schwierigen Situation, in der Ärzte und Hersteller miteinander sprechen, wie wir diese Krise bewĂ€ltigen. Aber nachhaltig werden wir sie dann ĂŒberwinden, wenn wir als forschungswillige Gemeinschaft uns unserer Mission bewusst werden und entsprechend handeln: â€čOne Healthâ€ș, â€čeine Gesundheitâ€ș, bedeutet eine Epochenwende in der Medizin, in der Landwirtschaft, und fĂŒr diese Wende gilt es, selbstbewusst in der Öffentlichkeit einzustehen und solidarisch BemĂŒhungen der Arzneimittelherstellung und Arzneimittelforschung zu unterstĂŒtzen.


GekĂŒrzter Text der Ansprache von Georg Soldner an der Jahresversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft April 2022 zum hundertjĂ€hrigen Bestehen anthroposophischer Pharmazie.

Bild One Health; Foto: Mika Baumeister

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