Nur Sprache, die glüht, kann geschmiedet werden

Diese euphorische Metapher findet man im neuen Buch von Botho Strauß, ‹Nicht mehr. Mehr nicht. Chiffren für Sie›. Es ist eine Aphorismen­sammlung in 25 Abschnitten mit jeweils fünf Seiten.


Die unzähligen Bewusstseinsgeschichten sind eingebettet in eine Rahmenhandlung. Es ist die Geschichte von Gertrud Vormweg, einer Frau, die vom Bild ihres Geliebten nicht loskommt. Er hat sie verlassen: Nun bestimmen Zorn, Sehnsucht und Enttäuschung, Begehren und Aufbegehren Tag und Nacht ihre Gedanken. Doch zugleich mag sie, die Dichterin, nicht sang- und klanglos die Verliererin dieser Liebe sein. Also erzählt sie von sich in der Figur der karthagischen Königin Dido, der großen Verlassenen der Weltliteratur. Und nutzt Verkleidungen, Chiffren der Literatur, um der Banalität des Geschehenen nicht schutzlos ausgeliefert zu sein.

Die Gedankensplitter weisen weit über die Rahmenhandlung hinaus. Es geht um das Unsagbare, das Ungefähre, das Nichtbeweisbare. Eingebettet in Paradoxien und Widersprüche und Unauflösbares. Es geht um Ewigkeit, Nichtglauben, Gott und die Unermesslichkeit.

Ein Hinweis auf das Christentum und den Geist darf nicht fehlen: «Über Nacht wurde ihr das Christentum zu einer einzigen leibseligen, alles Geistige in begeisterten Körper, alles Begriffliche in Greifbares wandelnden Religion. Es war wie die Einsetzung göttlichen Sinns in die Sinnlichkeit. Allein Religion besitzt das höchste Umwandlungsvermögen. Ein Wort, das einmal der Dichter Paul Valery als Synonym für unseren Geist vorschlug.»

Selbst Plato erfährt eine Neuinterpretation: «Auch ein Höhlengleichnis … Zwei vollkommen Verliebte suchten die vollkommene Verborgenheit in einer Felshöhle, zu der nur ein schmaler Spalt Zutritt gewährte. Durch ihn zwängten sie sich hinaus und hinein, solange sie ihr Versteck mit Vorräten füllten. In der Grotte ihrer Liebe wurden sie bald aber so unförmig, dass keine von beiden mehr durch den Felsspalt passte, der zurückführte in die Welt. Je mehr sie aßen, um so gieriger liebten sie. Bis sie eines Tages so rund wie zwei Kugeln waren, die nur noch aufeinanderprallten, ohne sich vereinigen zu können. Die Vorräte gingen zur Neige und ihr Lieben auch. Tag für Tag magerten sie nun und glichen ihren Körper ab mit der Öffnung des Höhleneingangs. Schließlich gelang es dem Mann als Erstem, das vernutzte Liebesnest zu verlassen. Noch eine Woche magerte die Frau im Dunkeln allein. Dann schlüpfte auch sie durch den Spalt. Draußen suchten sich die beiden vergebens und sind sich nie wieder begegnet.»

Der Autor thematisiert das Individuelle, die besondere Situation, die Einmaligkeit: «Komm her, komm zurück! Fehlt einer, fehlt alles.» Dem Sprachkünstler geht es zudem um die Unzulänglichkeit der Sprache. «Die Sprache … die Sprache, die ist es nicht mehr … die kann’s nicht mehr sagen. Sie selbst kann’s nicht sagen, dass sie’s nicht mehr ist, die’s Sagen hat. Aber wer wird es dann sagen?»

Die poetischen Verdichtungen enthalten Rätsel, die sich entweder gar nicht lösen oder durch eine unerwartete, wunderbare Eingebung. Das Auge sieht zudem ein schön gestaltetes Buch.


Botho Strauß, Nicht mehr. Mehr nicht. Chiffren für Sie. Hanser-Verlag München, 2021

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