Nicht nur Wagner, auch Strauss und vor allem Beethoven

Offener Leserbrief zum Artikel von Udo Bermbach, â€čRichard Wagner – der Komponist der Anthroposophie?â€ș in â€čNeue ZĂŒricher Zeitungâ€ș vom 21.8.2021.


In seinem Text â€čRichard Wagner â€“ der Komponist der Anthroposophie?â€ș versucht Udo Bermbach â€“ hauptsĂ€chlich anhand von â€čRing der Nibelungenâ€ș und â€čParsifalâ€ș â€“ nachzuweisen, dass Rudolf Steiner als «glĂŒhender Wagner-Verehrer» dessen Musikdramen fĂŒr seine Weltanschauung vereinnahmen wollte. Er bezieht sich dazu auf wenige in Hörernotizen ĂŒberlieferte Steiner-VortrĂ€ge von 1905. Doch ist der Komplex Steiner, Anthroposophie und in diesem Fall Steiner und Wagner weitaus vielschichtiger und weniger eindeutig, als dargelegt. Bermbach geht nicht auf Steiners zwischen 1880 und 1900 vielschichtig entwickelte Erkenntnistheorie seiner Geisteswissenschaft ein.

Schließlich macht auch die hervorgehobene â€čInspirationâ€ș des Bayreuther Festspielhauses im Hinblick auf Steiners Goetheanum-Bau bei Kenntnis der Tatsachen keinen Sinn, ebenso wenig wie der Verweis auf die amerikanische Theosophie und Wagner im 19. Jahrhundert. Bermbach berĂŒcksichtigt keine neueren Forschungen zu Steiner und Wagner und engt so den Horizont bezĂŒglich Steiner betrĂ€chtlich ein. Dieser hatte in seinen Lebensetappen von Wien bis Dornach eine vielschichtige und sich verĂ€ndernde Beziehung zu Wagners Werk und seiner Musik.

Offenbarung einer Wirklichkeit

Eine Wiener â€čTristanâ€ș-AuffĂŒhrung in den 1880er-Jahren erlebte Rudolf Steiner als «tödlich langweilig». Sein Freundes- und Bekanntenkreis bestand damals fast nur aus Wagner-Verehrern, und es ergaben sich oft endlose Dispute. Denn fĂŒr Steiner war «die Welt der Töne, das musikalische Tongebilde als solches», Offenbarung einer wesentlichen Seite der Wirklichkeit und hatte â€“ wie das Denken, das nicht nur Wahrnehmungen ausdrĂŒckt â€“ Inhalt durch sich selbst. Als Herausgeber von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften verdeutlichte er das in seinem Wiener Vortrag â€čGoethe als Vater einen neuen Ästhetikâ€ș mit den Worten: «Die WĂŒrde der Kunst erscheint in der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden mĂŒsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, was sie ausdrĂŒckt.» Es erschien ihm ganz «unmusikalisch», dass das Musikalische ĂŒber die Töneformung hinaus noch etwas â€čausdrĂŒckenâ€ș sollte, wie es von den AnhĂ€ngern Wagners in allen möglichen Arten behauptet wurde. Und er suchte sich nach allen Seiten in das Musikalische, das mit Wagnertum nichts zu tun hatte, hineinzufinden: «Meine Liebe zur reinen Musik wuchs durch mehrere Jahre, mein Abscheu gegen die â€čBarbareiâ€ș einer Musik als â€čAusdruckâ€ș wurde immer grĂ¶ĂŸer.» Das alles trug dazu bei, dass es ihm zwischen 1904 und 1908 in seiner Berliner Zeit «recht sauer wurde, mich bis zu dem Wagner-VerstĂ€ndnis durchzuringen, das ja das menschlich SelbstverstĂ€ndliche gegenĂŒber einer so bedeutenden Kulturerscheinung ist».

Wagner und die Mystik

An die von Richard Strauss geleiteten Wagner-AuffĂŒhrungen im traditionsreichen Weimar dachte Rudolf Steiner spĂ€ter «mit Freuden» zurĂŒck, denn er war mit Strauss und weiteren SĂ€ngerpersönlichkeiten der Hofoper freundschaftlich verbunden. Die Frage nach seinem Lieblingskomponisten beantwortet er in einem Fragebogen damals klar mit «Beethoven». Noch ein Jahr vor seinem Tod, als er 1924 in Dornach in einem Kurs die eurythmischen IntervallgebĂ€rden einfĂŒhrt, nennt er Wagners Musik «unmusikalisch» und sagt dazu entschuldigend: «[
] ich will nicht etwa hier Anti-Wagnerei betreiben [
]», denn es ging ihm um UnterscheidungsfĂ€higkeit.

Steiners VortrĂ€ge nach der Jahrhundertwende beschĂ€ftigten sich mit aktuellen Themen und markanten Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft, und zwischen 1904 und 1908 sprach er etwa 20-mal im Rahmen seiner weit ĂŒber 100 jĂ€hrlichen VortrĂ€ge ĂŒber Wagner. Damals nennt er ihn «einen der großen KĂŒnstler der neueren Zeit», in dessen Werk ein Ă€hnliches Element wie in der Geisteswissenschaft lebe, hebt die Bedeutung seines geistigen Impulses hervor, geht aber nicht auf die «unmusikalische» Musik ein. Mehrfach trĂ€gt er öffentlich unter dem Titel â€čRichard Wagner und die Mystikâ€ș vor, stellt Wagners «Gesamtkunstwerk der Zukunft» dar, das Shakespeares geniale Dramen des Ă€ußeren Lebens und Beethovens Musik der inneren Empfindung auf höherer Ebene zu verbinden sucht, und deutet deren Mythen und Sagen auf Grundlage der eigenen Forschungen. Denn «Mystik» â€“ so Steiner â€“ ist nichts nebelhaft Verschwommenes, sondern Klarheit der Erkenntnis wie in der Mathesis der Gnostik. Schon seit den 1880er-Jahren hatte er schrittweise in naturwissenschaftlichen, dann philosophischen Veröffentlichungen die Erkenntnisgrundlagen seiner Geisteswissenschaft dargestellt und begann 1903 seine öffentlichen Berliner â€čArchitektenhaus-VortrĂ€geâ€ș mit umfassenden AusfĂŒhrungen zur Erkenntnistheorie derselben â€“ bevor er dort einige Jahre spĂ€ter auch ĂŒber Wagner sprach.

FĂŒr Wagner wurde das Bayreuther Festspielhaus mit seiner Fertigstellung 1875 und den UrauffĂŒhrungen des â€čRings des Nibelungenâ€ș (1876) sowie des â€čBĂŒhnenweihfestspiels Parsifalâ€ș (1882) zum Zentrum seines geistigen Impulses. Er verbindet Festspiel und religiöse Weihe: Parsifal vollzieht eine Wandlung vom «reinen Tor», der «durch Mitleid wissend» wird. Diese religiöse Schicht wird auf eine allgemein-menschliche Ebene, jenseits des Konfessionellen, gehoben. Eine herausragende Neuerung des Festspielhauses war der verdeckte Orchestergraben und seine exzellente Akustik, der den hochdifferenzierten Orchesterklang von Wagners â€čAusdrucksmusikâ€ș und ihrer â€čLeitmotiveâ€ș optimal wiedergab. Nach seinem Tod wurde der Implus von Cosima Wagner und der Familie weitergefĂŒhrt, mit den bekannten Folgen bis ins Dritte Reich.

Musik als selbstÀndige Kunst

Ganz anders Steiners 1901 beginnender Weg zum Goetheanum-Bau. Als er damals gebeten wurde, die Leitung der Deutschen Theosophischen Gesellschaft in Berlin zu ĂŒbernehmen, stellte er klar, nur eigene Forschungen vorzutragen, die ausschließlich an den abendlĂ€ndischen Okkultismus â€“ Â«Plato, Goethe und so weiter» â€“ anknĂŒpften und diesen fortentwickelten. Insofern ist die implizierte Anregung durch die frĂŒhe amerikanische Theosophie und Wagner hierzu aus der Luft gegriffen. Weiterhin machte er es zur Bedingung, dass die Schauspiel- und SprachkĂŒnstlerin Marie von Sievers bereit wĂ€re, seine Mitarbeiterin zu werden. Als die vielsprachige Marie von Sievers 1900 Steiner in seinen Berliner VortrĂ€gen â€čDie Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebensâ€ș zum ersten Mal hörte, ĂŒbersetzte sie gerade das Drama â€čDie Kinder des Luziferâ€ș von Edouard SchurĂ© ins Deutsche. Der Franzose hatte sich hier in einer zeitgenössischen Erneuerung des altgriechischen Initiationsdramas versucht â€“ und schon damals wurde eine AuffĂŒhrung dieses Werkes von Steiner und Marie von Sievers angedacht.

Steiners Kunstimpuls, der im Prinzip alle KĂŒnste umfasste, entwickelte sich nun in der Kunststadt MĂŒnchen in kleinen Schritten â€“ wĂ€hrend des Theosophischen â€čMĂŒnchener Kongressesâ€ș mit ersten kĂŒnstlerisch-farblichen und plastischen Innengestaltungen, dann AuffĂŒhrungen von zwei SchurĂ©-Dramen, bis 1910–1913 die eigenen vier Mysteriendramen auf die BĂŒhne kamen â€“ alles in jeweils gemieteten MĂŒnchener Theatern.

Richard Wagner, fotografiert in 1871, Quelle: sln.no

In diesen Mysteriendramen hat Steiner zu den allgemeinen und insofern abstrakten AusfĂŒhrungen seiner Schulungstexte â€čWie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?â€ș konkrete Individuen in ihren geistigen Entwicklungen, Lebens- und Schicksalsbeziehungen geschaffen â€“ wobei der Inhalt des ersten Dramas auf das Ende der 1880er–Jahre zurĂŒckgeht, als er sich mit Goethes â€čRĂ€tselmĂ€rchenâ€ș von der grĂŒnen Schlange und der schönen Lilie beschĂ€ftigte. Im Zentrum seiner Mysteriendramen stand das dramatische Geschehen. Musik als selbstĂ€ndige Kunst bereitete auf die verschiedenen Stimmungen der einzelnen Bilder vor. Die sich damals entwickelnde Bewegungskunst Eurythmie gestaltete seelisches und geistiges Geschehen in GebĂ€rden in einer farbig differenzierten Beleuchtung.

Ab 1914 arbeiteten KĂŒnstler und Helfer aus 17 Nationen in Dornach bei Basel unter Steiners Anleitung an der plastischen und farbigen Innengestaltung des Ersten Goetheanum. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verzögerte die Eröffnung bis 1920, der Brand 1922/23 schließlich machte die geplante AuffĂŒhrung der Dramen zu Steiners Lebzeiten unmöglich. Doch weder im ersten noch im zweiten Goetheanum-Bau hatte Steiner an einen Orchestergraben gedacht â€“ denn im Zentrum standen dramatische AuffĂŒhrungen, das waren zunĂ€chst die Mysteriendramen und eine GesamtauffĂŒhrung von Goethes â€čFaustâ€ș.

Mit der Veranstaltung von Konzerten im Goetheanum beauftragte Steiner einen Musiker und gab bewusst ein hohes Ideal vor: möglichst nur Zeitgenössisches, am Besten aus den eigenen Reihen, und nicht zurĂŒckgreifend vor Bruckner. Mit dessen Musik hatte er sich seit seiner Wiener Zeit vielfĂ€ltig beschĂ€ftigt und sah in der von ihm hochgeschĂ€tzen 9. Symphonie â€“ trotz ihrer «gewissen Engigkeit und traditionellen BeschrĂ€nktheit» â€“ einen geistigen Zukunftsaspekt.

Am Schluss steht die Frage: Warum kommen bei Steiner die viel geschilderten menschlichen Unvollkommenheiten Wagners nicht zur Sprache? Im Anschluss an einen allgemeinen Musikvortrag in der Wagnerstadt Leipzig (November 1906) spricht er in einer abschließenden Fragebeantwortung zunĂ€chst ĂŒber die starke und direkte Wirkung von Wagners Musik, selbst auf unmusikalische Menschen. Hierauf folgen Worte, die sich sicherlich indirekt auf Wagner beziehen: «Nun muss man aber auch in Betracht ziehen, dass, wenn auch in musikalischer Beziehung einer fortgeschritten ist, er in anderen Dingen es noch nicht zu sein braucht, zum Beispiel in moralischer Beziehung. Der Mensch ist ja so mannigfaltig. Man muss ihn beurteilen nach dem, was er hat, und nicht nach dem, was er nicht hat.»

So zeigt sich Steiners VerhÀltnis zu Wagner sowie sein MusikverstÀndnis im Allgemeinen viel differenzierter, als von Bermbach dargestellt.

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