Neues von der ‹Arbeit des Geistes›

Die erfahrene Waldorflehrerin Helga Lauten stellt auch ihre zweite Arbeit zum Thema Sprache in den Horizont von Wilhelm von Humboldts Idee der Sprache als ‹Arbeit des Geistes›. Diese Idee unterscheidet notwendigerweise zwischen Sprache als ‹Ergon› (Werk) und Sprache als ‹Energeia› (Tätigkeit). Letztgenannte hat bei beiden Vorrang.


In ihrem ersten Buch stellte Helga Lauten die Entwicklung des Sprachvermögens dar, von dem durch den Sprachlehrenden fortzusetzenden frühkindlichen Spracherwerb an bis hin zur Sprachpflege im Oberstufenunterricht. Fruchtbar ließ sie dabei etwa heute gern vergessene Überlieferungen werden: die Künste des Triviums (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) oder die Kategorienlehre des Aristoteles.

Helga Lauten hebt ihr Anliegen, die Sprache nicht als Leistung, sondern als Wesenszug des Menschen zu erfassen, in diesem neuen Buch auf eine weitere, umfassende Ebene. Zwischen der menschheitlichen Ursprachentstehung und dem individuellen Spracherwerb lässt sich die Entwicklung eines einzelnen Idioms als besondere Arbeit des Geistes im Atem der Jahrhunderte verstehen. Am Beispiel des Deutschen wird dies unter verschiedenen Blickpunkten durchgeführt. Das heutige Hochdeutsch entstammt einem anderen Entwicklungsgestus als die europäischen Sprachen, in deren Fall – meist aus dem Vulgärlatein der ‹Romania› (E. R. Curtius) hervorgehend – die Idiome sich parallel mit der Differenzierung in Völker bzw. Staaten auseinanderentwickelten. Demgegenüber steht eine verbindende Geste des Deutschen. Zunächst getrennte Stammesdialekte deutlicher Eigenprägung wurden unter dem Dach oder besser dem Himmel der werdenden deutschen Sprache zusammengeführt, sodass – cum grano salis – nicht die Volksentstehung die Sprachenvielfalt nach sich zog, wie im Bereich der romanischen und slawischen Sprachen. Vielmehr ging die allmähliche Entstehung einer einheitlichen deutschen Sprache dem Werden des dazugehörenden Volkes voran. Und diese Synthese lässt sich durchaus als Arbeit des (Sprach-)Geistes verstehen.

Helga Lauten spürt der eigentümlichen Signatur dieser Arbeit nach, in den bekannten Stufen der Entwicklung des Vokalismus und Konsonantismus vom Indogermanischen hin zum Neuhochdeutschen. Erhellendes weiß die Autorin auch in Bezug auf manche Einzelheiten anzuführen und in neuem Licht erscheinen zu lassen: die Großschreibung der Substantive; das so schwer zu übersetzende deutsche Zauberwort ‹werden›; die vielfältigen Möglichkeiten der Wortbildung; der Satzbau mit der von Nichtmuttersprachlern oft beklagten verbalen Klammer. Eine besondere Kostbarkeit sind die Ausführungen über den Reichtum des Deutschen an sogenannten Abtönungspartikeln, eine Wortklasse, die – zumal in der mündlichen Rede – zahlreiche feinst differenzierende seelische Nuancen vermitteln, die sich begrifflich nur schwer fassen lassen und Übersetzende zur Verzweiflung bringen können. Einen heiteren Kontrapunkt bietet das wiederholte Einbeziehen von Mark Twains launigen Ausführungen über die Schrecken der deutschen Sprache.

Der Gesichtspunkt der ‹Arbeit des Geistes› bewährt sich auch mit Blick auf den kulturgeschichtlichen Horizont. Aus dem Althochdeutschen erhebt sich im Zusammenspiel von teilweise scheinbar erotisch tingiertem Minnesang und mittelalterlicher Mystik eine neue Dimension subtiler Innerlichkeit. Die im Druck verbreitete Bibelübersetzung Martin Luthers erschließt dann weiten Kreisen eine originäre schöpferisch-kräftige Schicht des sprachlichen Ausdrucks.

Ein Höhepunkt ganz eigener Prägung ist die bis heute nachwirkende Sprache Schillers und Goethes. Dies alles wird mit einer Fülle von Textbeispielen belegt.

Zu guter Letzt fehlt auch nicht der Ausblick auf gegenwärtige Fragwürdigkeiten, die zweifellos geeignet sind, der ‹Arbeit des Geistes› entgegenzuwirken: die Diskussion über das grammatische ‹Geschlecht›, die ‹leichte Sprache›, die Anglizismen und die Sprache in der digitalen Welt. Die Autorin äußert sich hierzu zurückhaltend, aber fragend. Dies wohl zu Recht, denn unsere Teilhabe an der Arbeit des Sprachgeistes wird nicht im Bekämpfen der Niedergangstendenzen bestehen, sondern in der positiven Umsetzung der Aufgabe, welche das Erbe von 2000 Jahren deutscher Sprachgeschichte auch für die Zukunft stellt.

Helga Lautens Arbeit regt über ihren eigenen Inhalt hinaus dazu an, entsprechende Betrachtungen über andere Sprachen des europäischen Hauses anzustellen.


Buch Helga Lauten Die deutsche Sprache. Ihr Zauber und ihr Vermögen, Verlag am Goetheanum, Dornach 2021.

Grafik: Fabian Roschka

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