Mit-Spielen?!

Wie viele andere Lebensbereiche, hat sich auch das Kulturleben in den letzten eineinhalb Jahren neu erfinden müssen: Veranstaltungsverbote und Verschiebungen der künstlerischen Präsentation ins Digitale führten zu unzähligen Umplanungen und Anpassungen der künstlerischen Produktionen an die behördlichen Vorgaben.


Kunstschaffende, Kulturorganisationen und vor allem auch Kultur-Erlebende – also im Grunde alle Menschen – haben viel Anpassungsvermögen, Geduld und Kreativität gezeigt. Derzeit hat in vielen Ländern das Kulturleben wieder seinen Betrieb aufgenommen, wobei als Kriterien in der Schweiz die sogenannte Zertifikatspflicht, in Deutschland 3G (geimpft – getestet – genesen) oder sogar 2G (geimpft – genesen) gelten.

Aus meiner Perspektive als Musikerin sowie Kunst-Erlebende möchte ich an dieser Stelle nicht über den Sinn und die Notwendigkeit ebendieser Maßnahmen diskutieren, sondern als Betroffene – die wir dann wieder auch alle sind – Wahrnehmungen schildern und Fragen artikulieren, die sich mir gegenwärtig stellen.

Mit jedem Kulturerlebnis, das obenstehenden Teilnahmekriterien untersteht, geht nun ein neuer Prolog einher. Die Eingangskontrolle, für die bisher, wenn überhaupt, eine Eintrittskarte benötigt war, umfasst nun auch das Zertifikat sowie einen Identitätsnachweis. Zu den ökonomischen Kriterien – kann ich mir einen Kulturbesuch leisten? – kommt ein persönliches Gesundheitskriterium hinzu. Bevor der erste Ton erklungen ist, das erste Bild angeschaut werden kann, werde ich auserwählt, muss mich auserwählen lassen – es wird eine Grenze markiert, die noch im Prolog zum eigentlichen künstlerischen Geschehen entweder inkludiert oder exkludiert. Ein Moment, der im Grunde noch nichts Künstlerisches in sich trägt, ein administrativer Extraaufwand, den der Saaldienst übernimmt und von dem wir Kunstschaffende nichts mitbekommen, geschweige denn mitgestaltend sein können.

Der erste Übergang in den künstlerischen Raum ist durch die Notwendigkeit des Zertifikats wie von unsichtbarer Hand choreografiert. Ich als Künstlerin bin dem gegenüber wie gelähmt, erlebe und weiß von den Menschen, denen aufgrund dieser unsichtbaren Hand kein Einlass gewährt werden kann, und frage mich erstens: Wer übernimmt hier die Choreografie?

Dem Eintrittsmoment geht oft eine Einladung voraus. Kunst möchte geteilt werden, gerade wir Kunstschaffenden arbeiten niemals nur für uns selbst. Fülle, Großzügigkeit, Partizipation und Inklusion sind nur einige Motive, für die der künstlerische Raum besucht und schaffend ersucht wird. Diese Gastfreundschaft im Künstlerischen bedeutet ein «offenes Konzept der Aufnahme aller derjenigen, die unterwegs sind»1, eine bedingungslose Öffnung gegenüber jedem und allem Anwesenden, mit Derrida gesprochen eine unbedingte Gastfreundschaft2. Sozial, seelisch und ästhetisch sind wir Kunstschaffende darauf angewiesen, dass im menschlichen Gegenüber, im Kunstwerk eine Begegnung mit dem anderen, dem Fremden, dem Ungewohnten und Unbekannten sich ereignen kann. Der Gast wird vom Gastgeber empfangen, aber auch der Gast «befreit den Gastgeber von seiner Sichselbstgleichheit»3. Als Künstlerin ist es eine Bereicherung, quasi eine Befreiung von genannter Sichselbstgleichheit, für und mit Menschen zu musizieren, die das Fremde mit hineinbringen. Sie können Schwerverbrecher sein, gesund, krank, vermögend oder verrückt – all das ist im Moment des künstlerischen Erlebens irrelevant. Wenn hingegen das Fremde, das Ungewohnte, vielleicht auch Unbequeme fehlt, ist die Gastfreundschaft nicht mehr bedingungslos. Ich frage also zweitens: Wie kann Gastfreundschaft stattfinden?

Der bekannte Theaterregisseur Peter Brook konstatiert, dass das Theater – oder eben jegliches Bühnengeschehen – dadurch, dass es sich immer in der Gegenwart darbietet, «realer werden kann als der normale Bewusstseinsstrom»4. Dieses mögliche Mysterium der Moderne generiert sich durch und mit den anwesenden Menschen, deren Konzentration und deren Präsenz eine verdichtete Gegenwärtigkeit schaffen können. Diese verdichtete Gegenwärtigkeit bedarf in meiner künstlerischen Wahrnehmung genauso Mut zur Konfrontation wie Verletzlichkeit. Beidem liegt die Figur inne, dass der Boden der Selbstverständlichkeit zu schwanken beginnt und ich mich nur in der Gleichzeitigkeit von Mut und Labilität halten kann. Auch hier ist es die Anwesenheit des Fremden, des Unbekannten, die zu einer Berührbarkeit führt: «Das Fremde zeigt sich, indem es sich unserem Zugriff entzieht. […] Es setzt ein als ein Pathos, das uns ergreift, bewegt, verwundert, verwundet, erschreckt und mitreißt.»5

Eine Gemeinschaft, die sich über ein Zertifikat in ihrer Zusammenkunft legitimiert und damit eine Unverletzlichkeit suggeriert, führt mich zu der dritten und letzten Frage: Welche Gemeinschaft wollen wir stiften?

Als Künstlerin bedarf ich der Anwesenheit des Fremden, des Zulassens von Verletzlichkeit und der Freiheit, in den künstlerischen Raum einzutreten. Durch die Zertifikatspflicht sind alle drei Figuren je nach Ort und Kontext des Auftritts teilweise irritiert oder gar verunmöglicht. Ich wünsche, in der Choreografie nicht fremdbestimmt zu sein, eine offene Kultur der Gastfreundschaft anbieten zu können und gemeinschaftsbildend wach und niemals unverwundbar zu sein.

Wie können wir folglich in diesen Bereichen gestal­terisch bleiben, damit wir alle mit-spielen können?


Bild: Vor dem Konzert. Foto: Matthias Lamprecht

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Fußnoten

  1. Beatrice von Bismarck, Das Kuratorische. Leipzig 2021, S. 199.
  2. Jacques Derrida, Von der Gastfreundschaft. Wien 2001.
  3. Robin Schmidt, Orte der Geistesgegenwart. Essays über Gastfreundschaft. Dornach 2017, S. 30.
  4. Peter Brook, Der leere Raum. Möglichkeiten des heutigen Theaters. München 1975, S. 109.
  5. Bernhard Waldenfels, Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Berlin 2015, S. 241.

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