Mephisto in der Wirtschaft

Wenn Mephisto die Regeln unserer Wirtschaft machen könnte, was würde er tun? Das 2019 erschienene Buch von Christian Kreiß sucht nach Antworten und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.


Der Autor, auch Hochschullehrer für Ökonomie in Aalen, stellt eine hypothetische Frage: Macht es Sinn, die Wirtschaft unter einem negativen Aspekt zu betrachten? Goethes Mephisto verkörpert hier eine Kraft, die den Menschen möglichst stark schädigen will. Es ist nicht nur die Kraft, die Böses will und paradoxerweise etwas Gutes hervorbringt, sondern sie will Zerstörung und Chaos. «Mephisto hat die Aufgabe, uns anzustacheln, uns bewusst zu machen und – ihn zuletzt zu erlösen. Wir können diesen armen Teufel überwinden, wenn wir ihn erkennen, uns erkennen und uns unseres Wesenskerns bewusst werden.»

Christian Kreiß findet nun in der ökonomischen Theorie und in der Realwirtschaft eine Menge Beispiele, die belegen sollen, dass heutzutage eher ein negatives Prinzip die Welt beeinflusst. Das Buch ist klar und systematisch aufgebaut: wichtige Grundannahmen der heutigen Ökonomie und ihrer Auswirkungen, Mittel und Wege zu einer menschengerechten Ökonomie, jenseits der Ökonomie, utopischer Ausblick zur Frage, wie schön unsere Welt werden könnte, Freizeit und Fülle.

Kreiß beginnt seine Analyse mit den aktuellen Lehrbüchern der Ökonomie. Diese gehen von folgenden Basisüberlegungen aus: Unersättlichkeit, Eigentum in beliebiger Höhe ist legitim, Gewinnmaximierung der Unternehmen, Eigennutzmaximierung der Konsumenten, Konkurrenz ist gut und egoistisches Verhalten führt automatisch zu positiven Ergebnissen und wird als Nächstenliebe interpretiert. «Wer Soziales, Verantwortungsvolles, Gutes will, schafft Schlimmes oder Böses, und diejenigen am Marktgeschehen beteiligten Akteure, die ausschließlich ihre egoistischen Eigeninteressen verfolgen, fördern gerade dadurch die soziale Wohlfahrt, obwohl sie das gar nicht beabsichtigt haben. Dieser Schlüsselgedanke ist wirklich grandios in seiner mephistophelischen Verdrehungskunst. Dadurch wird aller Egoismus in Altruismus überführt. Dadurch wird aller Egoismus im Wirtschaftsleben legitimiert. Dadurch kann man ruhig guten Gewissens Egoismus predigen. Konsequent zu Ende gedacht folgt aus diesem mephistophelischen Gedanken logisch zwingend: Man darf nicht nur, sondern man muss geradezu Egoismus predigen und fördern.»

Von den sieben Kritikpunkten ist für den Autor der letzte Gedanke besonders wichtig. Im Gegensatz zu fast allen Autoren sieht er die ökonomische Wissenschaft in einem antireligiösen Kontext: «Das heutige Ökonomie-Gedankensystem, das beinahe an allen Hochschulen weltweit vertreten wird, ist in seinem Kern nicht nur unethisch und unmoralisch, sondern antichristlich bzw. antireligiös und religionsvernichtend, kurz: mephistophelisch.» Während Adam Smith seinen ‹Wohlstand der Nationen› auf dem christlichen ‹optimistischen Deismus› und einer schottischen Moralphilosophie begründete, haben seine überheblichen Nachfolger dem Nihilismus das Tor geöffnet.

Im folgenden Kapitel geht der Autor auf die Auswirkungen dieser desolaten Theorie ein und fordert ein Neuschreiben der ökonomischen Lehrbücher. Das verdrehte Denken hat zu einer Reihe von Missständen geführt: geplanter Verschleiß, unproduktive Arbeit, nutzlose Werbung, oligopolitische Verzerrungen. Da die freie Marktwirtschaft immer mit Pressefreiheit verbunden wird, geht der Autor auf die Abhängigkeit der Presse von der Wirtschaft ein und sieht die Freiheit in Gefahr.

Wie können wir uns nach Kreiß aus diesem teuflischen Schwitzkasten befreien? Zunächst müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden. Schulen und Hochschulen sollen in einem freien Kulturleben eingebettet werden. Auch auf ökonomischem und politischem Gebiet sind drastische Maßnahmen notwendig: einmalige Vermögensabgabe, Erbschaftssteuer, Werbebeschränkungen, Luxussteuer, Obergrenze für Managergehälter, direkte Demokratie etc. Da die unnötige Arbeit viel zu groß ist und wir im Zeitalter der Automation leben, sollte die Arbeitszeit auf 20 Stunden pro Woche beschränkt werden. «Im Kern läuft die Argumentation dieses Buches darauf hinaus: Wenn Mephisto unsere Wirtschaftsordnung gestalten könnte, dann wäre sie ziemlich genau so, wie sie heute ist. Mir ist klar, dass diese Argumentation auf den ersten Blick ziemlich absurd erscheint.»

Wenn man sich auf den Teufel einlässt, muss man gut gerüstet sein. Der Autor hat dazu wichtige Vorarbeiten geleistet. Aber die theoretischen Waffen müssen noch geschärft werden. Es wäre unter anderem zu klären, ob christliche Überzeugung und die Trennung in eine 20-Stunden-Woche und ausgedehnte Freizeit sinnvoll sind oder ob der Christ nicht immer im Dienst ist. Die Forderung, dass die Automation uns die entfremdete Arbeit abnimmt, gehört zum mephistophelischen Wohlfahrtsversprechen und wird uns eine bürokratische Zukunft bescheren.


Buch Christian Kreiß. Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft. Hamburg, tredition, 2019.

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