Meister Eckhart unseres Jahrhunderts

Zum 150. Geburtstag von Michael Bauer (1871–1929)


In seinen Erinnerungen an Rudolf Steiner schrieb der russische Symbolist und Anthroposoph Andrej Belyj an einer Stelle: «Seit 1915 wurde mir das GlĂŒck zuteil, Michael Bauer nĂ€her kennenzulernen, ihn besuchen und ihn um Rat fragen zu dĂŒrfen; und obwohl ich damals den Doktor aufsuchen konnte, muss ich gestehen: die RatschlĂ€ge Bauers, die GesprĂ€che mit ihm, sein weisheitsvolles, unauslotbar tiefes Wort, das manchmal die Form des fast derben, â€čgepfeffertenâ€ș Volksspruchs annahm, aber innere WĂ€rme und GĂŒte ausstrahlte – das alles war unersetzlich; das, was ich von Bauer empfing, konnte selbst der Doktor mir nicht geben: ich meine die typische, individuelle Bauer’sche â€čTonalitĂ€tâ€ș; sie könnte etwa so charakterisiert werden: Wenn Meister Eckhart dem Doktor begegnen wĂŒrde und sich von ihm ĂŒberzeugen ließe, dass der Rhythmus der Zeit nach anthroposophischer Ausgestaltung des Eckhart’schen Anliegens verlange, dann wĂŒrde Eckhart, ohne sich selbst aufzugeben, Michael Bauer sein.»[note] Andrej Belyj, Verwandeln des Lebens. Basel 1977, S. 170. [/note]

Meister Eckhart unseres Jahrhunderts –
Ich erinnere mich, wie du von Arlesheim nach Dornach
An uns vorbei: in einer Zeit der ErschĂŒtterungen
Kamst, verneigend dich in Blumen und in Dornen [
][note] Zit. n. Christoph Rau, Michael Bauer. Sein Leben und seine Begegnung mit Friedrich Rittelmeyer. Dornach 1995, S. 69. [/note]

Andrej Belyjs bemerkenswertes Zeugnis ĂŒber den Volksschullehrer, Anthroposophie- und Hegelkenner, den gelehrten Esoteriker Michael Bauer steht keinesfalls allein; Bauer, der heute – bis auf seine Geschichten fĂŒr Kinder – wenig genannt und zitiert wird, war einer der herausragenden Mitarbeiter Rudolf Steiners und der wahrscheinlich spirituell reifste und eigenstĂ€ndigste unter ihnen.[note] Vgl. Peter Selg, Michael Bauer. Ein Mitarbeiter Rudolf Steiners. Dornach 2021. [/note] Friedrich Rittelmeyer, der durch Bauer zur Anthroposophie fand und spĂ€ter erster Erzoberlenker der Christengemeinschaft wurde, schrieb ĂŒber seine ersten EindrĂŒcke von ihm im Jahre 1911: «Eine hohe, schlanke Erscheinung mit einem lĂ€nglichen, dunkelbĂ€rtigen, ĂŒberraschend durchgeistigten Gesicht, konnte er fĂŒr einen indischen Meister gelten, der mitten in den europĂ€ischen GroßstĂ€dten umherwandelte. Ich habe von Menschen gehört, denen es ein Lebensereignis war, wenn sie nur, an seinem Garten vorĂŒbergehend, den unbekannten hohen Mann zwischen seinen Blumen sich bewegen sahen. Der stĂ€rkste Eindruck aber ging von seinen Augen aus. [
] Da leuchtete das Christuslicht in die Welt hinein.»[note] Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner. Stuttgart 1983, S. 15 f. [/note] Nach Rudolf Steiner habe ihn kein Mensch mehr «einfach durch seine Existenz so sehr von der RealitĂ€t der geistigen Welt ĂŒberzeugt» wie Michael Bauer, bekannte auch Rittelmeyers tiefgrĂŒndiger Kollege Eduard Lenz.

Dabei erlebten die meisten Anthroposophen und Anthroposophinnen Michael Bauer als einen von einer schweren Tuberkuloseerkrankung gezeichneten Menschen. Er musste seine geliebte pĂ€dagogische Arbeit aufgeben, gehörte jedoch noch bis 1921 dem Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft an. Bei seiner Verabschiedung wurde er im Rollstuhl in den Stuttgarter Saal hereingefahren und von Rudolf Steiner mit â€čehrfĂŒrchtiger Verneigungâ€ș begrĂŒĂŸt. Bauers kaum mehr vernehmbare Ansprache war um das Vertrauen zwischen den Menschen in der Anthroposophischen Gesellschaft zentriert, und das «gemeinsame Geistige, das in die Herzen der Menschen gelegt ist» – gerade auch angesichts des â€čharten Kampfesâ€ș, in dem diese Gesellschaft Anfang der 1920er-Jahre stand, nach der Eröffnung der Freien Waldorfschule und des Goetheanum als einer Freien Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft, den Attacken von Hitler und Rosenberg, von rechtsradikal-völkischen, rassistischen und antisemitischen, aber auch klerikalen Kreisen.[note] Vgl. Peter Selg, Die Eröffnung des Goetheanum und die Diffamierung der Anthroposophie. Dornach und Arlesheim 2021. [/note] «Glauben Sie doch, dass wir in einem ebenso harten Kampf darinnen stehen, wie ihn die Tempelritter vielfach zu bestehen hatten! Und wir sollten uns mit derselben Treue und mit vollem Bewusstsein in den Kampf stellen.» (Bauer[note] Zit. n. Christoph Rau, a. a. O., S. 55 f. [/note])

Gegenwartsbewusstsein

Michael Bauer war ein genuiner Esoteriker. Er war jedoch alles andere als â€čweltfernâ€ș, sondern verfĂŒgte ĂŒber ein erstaunliches Gegenwarts- und Krisenbewusstsein, unterstĂŒtzte mit allem Nachdruck die jungen Anthroposophen, die sich 1919 fĂŒr die soziale Dreigliederung engagierten, und erhoffte sich viel mehr zivilisatorische AktivitĂ€ten und weniger Binnenorientierung von der Anthroposophischen Gesellschaft, mehr soziale Einsatzbereitschaft. «Immer klarer wird mir, dass der Mystiker leicht der Versuchung erliegt, den Zeitprozess zu gering zu achten [
]. Christi Eintritt in die Zeit ist von den wenigsten genug gewĂŒrdigt.»[note] Michael Bauer an Helga Geelmuyden, 24.1.1921. In: Michael Bauer, Gesammelte Werke. Hg. v. Christoph Rau. Stuttgart 1985–1997, Band 5, S. 81. [/note] Die spirituelle Selbsterziehung, die Bauer als eine Schulung durch das Selbst verstand («Das Selbst bildet seine Organe, um wahrzunehmen, um tĂ€tig zu sein.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 4, S. 43. [/note]), sah er als Aufwachprozess fĂŒr die menschliche Gesamtsituation, fĂŒr das menschliche Eigenwesen und seine Verantwortung fĂŒr die Um- und Mitwelt, damit auch fĂŒr die Schöpfung. Bauer wollte wirken, konnte jedoch nur noch sehr eingeschrĂ€nkt Ă€ußerlich tĂ€tig sein, was ihn bedrĂŒckte. «Ich geniere mich manchmal, meinen Vornamen auszuschreiben», teilte er Friedrich Rittelmeyer mit[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 5, S. 168. [/note] – und war doch â€čmichaelischerâ€ș gestimmt als viele seiner Freude in den anthroposophischen ZusammenhĂ€ngen. «Es ist geradezu ein Wunder, dass Michael Bauer bei dieser schweren organischen Erkrankung ĂŒberhaupt noch am Leben ist. Dies ist nur seiner starken geistigen Kraft zuzuschreiben», betonte Rudolf Steiner.[note] Zit. n. Margareta Morgenstern, Michael Bauer. Ein BĂŒrger beider Welten. Stuttgart 1950, S. 151. [/note] Am Ende sollte Bauer Steiner um mehr als vier Jahre ĂŒberleben. Die Begegnung mit seiner besonderen Gestalt, seinem Wesen und seiner Lebenshaltung war noch fĂŒr seinen letztbehandelnden Arzt, den berĂŒhmten Schriftsteller und Mediziner Hans Carossa, ein Erlebnis. Carossa, der stets aus MĂŒnchen zu dem bettlĂ€gerigen Bauer nach Breitbrunn am Ammersee anreiste, hatte MĂŒhe mit Anthroposophen, mit Menschen, die seiner Erfahrung nach «einzig auf Rudolf Steiner schwuren, alles andere mit grenzenloser Verachtung ablehnten, stets von KonzentrationsĂŒbungen sprachen, im Übrigen aber sich in ihrem Verhalten und Handeln nicht von den ĂŒbrigen Leuten unterschieden»[note] Zit. n. Christoph Rau, a. a. O., S. 102. [/note]. Seinen Patienten aber nahm Carossa von diesem Gruppe aus – «Nie ist mir ein gĂŒtigerer weiserer Mann begegnet als Michael Bauer, der im höchsten Sinn des Wortes zerfallend Strahlen aussandte.»[note] Zit. n. Margareta Morgenstern, a. a. O., S. 171. [/note] Bauer sei ein â€čHeilenderâ€ș gewesen, «der, ohne es zu wissen, seinen Arzt behandelte und ihm half»[note] Zit. n. Christoph Rau, a. a. O., S. 106. [/note]. Wenig spricht dafĂŒr, dass Hans Carossa seine unguten Erfahrungen mit schwierigen Anthroposophen mit dem schon schwerkranken Bauer besprach, der bereits 1905 im Vorstand der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft mitgearbeitet hatte und von Beginn an (ab Februar 1913) in dem der Anthroposophischen Gesellschaft, zusammen mit Marie von Sivers und Carl Unger. Vielleicht hĂ€tte er Carossa auf eine entsprechende Kritik wie in einem frĂŒhen Brief geantwortet: «Sie [die Theosophen] haben Eigenheiten, das ist wahr. Aber seien Sie gerecht. Sie waren die einzigen Menschen, die anfangs Rudolf Steiner ĂŒberhaupt anhören wollten.»[note] Ebd., S. 206. [/note]

Michael Bauer in MĂŒnchen, 1907, Quelle: Rudolf-Steiner-Archiv Dornach

ZauberschlĂŒssel

Bauer hatte sich seit 1902 mit seiner NĂŒrnberger Arbeitsgruppe am Aufbau der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft beteiligt. Auf Bitten Rudolf Steiners hielt er auch frĂŒh ĂŒberregionale VortrĂ€ge und setzte sich fĂŒr das Bekanntwerden der anthroposophischen Geisteswissenschaft ein, auch in der Schweiz – lange Jahre vor dem Bau des Goetheanum. Verschiedene Schilderungen der besonderen QualitĂ€t seiner VortrĂ€ge sind erhalten, so von Friedrich Rittelmeyer, Albert Steffen und Andrej Belyj. «Eine Taufe zum Menschen erlebte man, noch ganz abgesehen von dem, was als Inhalt durch die Seele zog. Lange wirkte es wohltĂ€tig nach im Leben, dass man in einem rein menschlichen Element gelebt hatte. Wie mit einem ZauberschlĂŒssel wurde man aufgeschlossen fĂŒr alles, was Menschsein ist.» (Rittelmeyer[note]  Friedrich Rittelmeyer, Aus meinem Leben. Stuttgart 1937, S. 330. [/note]) «Er sprach nur das aus, was er sich durch innere Arbeit selbst zu eigen gemacht hatte. Er war am Ende seiner Rede ein anderer als am Anfang, und demgemĂ€ĂŸ wurden auch die Zuhörer verwandelt. Sie sahen sich vor eine Entscheidung gestellt. Entweder nahmen sie sich selbst in die Hand oder sie ließen sich fallen. Michael Bauer sprach immer dergestalt, dass die Freiheit der Zuhörer bewahrt blieb. Er wirkte durch sein reines Vorbild.» (Steffen[note] Zit. n. Margareta Morgenstern, a. a. O., S. 116. [/note]) «Mancher seiner VortrĂ€ge lebt in meinem GedĂ€chtnis neben den besten, den stĂ€rksten VortrĂ€gen Steiners.» (Belyj[note] Andrej Belyj, a. a. O., S. 232. [/note]). Bauer blieb jedoch stets selbstkritisch: «Wo uns die Demut verlĂ€sst, sind wir von Gott verlassen. Man darf sich freuen, wenn andere sagen, es sei gut gewesen – vorausgesetzt, dass man diesen andern ein Urteil zutrauen darf; manches Lob ist ein Tadel in Wahrheit –, aber man muss sich nicht einbilden, es angesichts der ungeheuren Not ringsum gut genug und angesichts der unabsehbaren Tiefe der Welt klug genug gemacht zu haben.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 5, S. 90 f. [/note] Er engagierte sich bereits 1914 fĂŒr die Verbreitung der Schrift von EugĂšne LĂ©vy â€čRudolf Steiners Weltanschauung und ihre Gegnerâ€ș und sorgte sich um das Ansehen der Anthroposophie in der Öffentlichkeit.[note] Vgl. Peter Selg, Michael Bauer, a. a. O., S. 183 f. [/note] Er konnte auch selbst hervorragend schreiben. 1921 steuerte er nicht nur den zentralen Beitrag â€čRudolf Steiner und die PĂ€dagogikâ€ș in einem Sammelband zum 60. Geburtstag des Anthroposophie-BegrĂŒnders bei, sondern veröffentlichte seinen großen Aufsatz â€čGeheimschulung nach Rudolf Steinerâ€ș in Eugen Diederichs weit verbreiteter â€čTatâ€ș-Zeitschrift. Wer außer ihm wĂ€re zu einer solchen, ĂŒberaus eigenstĂ€ndigen und spirituell profunden Darstellung damals in der Lage gewesen? In seiner Vorbemerkung formulierte er: «Steiner hat innerhalb seiner ĂŒberlegen planvollen Lebensarbeit den Weg zu den ĂŒbersinnlichen Welten wiederholt eingehend beschrieben; vor allem in den BĂŒchern â€čWie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?â€ș und â€čDie Geheimwissenschaft im Umrissâ€ș. Es kann dem SchĂŒler nicht einfallen, die Mitteilungen des Lehrers darĂŒber irgendwie ergĂ€nzen zu wollen. Da die Wirkungen der Schulung aber vielfach wenn nicht gar bezweifelt, so doch verkannt werden, mag es wohl hingehen, wenn ich, der ich ein StĂŒck des inneren Weges ĂŒberschauen gelernt habe, das Wort ergreife. Ich stĂŒtze mich in den nachfolgenden AusfĂŒhrungen bewusst nur auf meine eigenen Erlebnisse und werde dadurch vielleicht etwas einseitig darstellen. Aber wenigstens werde ich nicht aus Vorurteil, sondern aus langjĂ€hriger Erfahrung reden.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 303. [/note]

Tor zur Anthroposophie

Michael Bauer liebte die anthroposophische Geisteswissenschaft und SpiritualitĂ€t, die er solchermaßen öffentlich vertrat, und wurde fĂŒr viele Menschen zum Tor der Anthroposophie, aber auch zu einem fortwĂ€hrenden geistigen Begleiter. Nicht nur Friedrich Rittelmeyer, Christian Morgenstern und Andrej Belyj half er entscheidend weiter mit seinem Rat und seiner UnterstĂŒtzung, sondern auch zahlreichen anderen bekannten und unbekannten Anthroposophen oder Anthroposophie-suchenden Menschen. «Der Geisteston seiner Aussagen war so, dass das SchĂ€men vor Hegel und Fichte aufhörte», schrieb Rittelmeyer, dem die Theosophen verdĂ€chtig gewesen waren.[note] Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung 
, a. a. O., S. 21. [/note] «An der Stelle, wo ich die ersten schweren AnstĂ¶ĂŸe an der Geisteswissenschaft zu ĂŒberwinden hatte, stand, vom Schicksal vorgesehen, Michael Bauer wie ein an einer Unfallstelle aufgestellter guter Engel.»[note] Friedrich Rittelmeyer, Aus meinem Leben, a. a. O., S. 338. [/note] Wie kundig Bauer in Fragen der meditativen Praxis war, beleuchtet eine Erinnerung des russischen Schauspielers Michail Tschechov: «Einst gab er mir eine Meditation. Dann schloss er auf eine halbe Minute die Augen, um das mir gegebene Bild nachzuprĂŒfen. Und in diesem Augenblicke – beim Anschauen seines Antlitzes – ging mir etwas auf von den Möglichkeiten des Meditierens, etwas, was ich vor diesem glĂŒcklichen Augenblick noch nicht hatte verstehen können. – Einmal, als ich Schwierigkeiten hatte mit den Übungen, die er mir gegeben – da erhielt ich ganz unerwartet und so zur rechten Zeit von ihm ein Zettelchen, das gerade auf diese Schwierigkeiten erklĂ€rend und ratend einging. – Und wie ich eines Morgens zu ihm komme und ihm meinen Traum erzĂ€hle, da sagte er zu mir: â€čDas ist ja genau dasselbe, was ich fĂŒr Sie ausgedacht hatte, was ich Ihnen habe geben wollen.â€ș – Ein andermal, gleichfalls im Hinblick auf ein Traumerlebnis von mir, Ă€ußerte er: â€čJa, aber das Bild muss noch verstĂ€rkt werdenâ€ș, und dann fĂŒgte er das hinzu, was meinem Traum noch gefehlt hatte. – Wo, wo sind die Grenzen der Liebe und der Sorge fĂŒr die Menschen bei Michael Bauer?»[note]  In: Kurt von Wistinghausen (Hg.), Michael Bauer. Menschentum und Freiheit. Stuttgart 1971, S. 219. [/note]

Grenzenlosigkeit

Von â€čGrenzen der Liebeâ€ș wollte Bauer ebenso wenig etwas wissen wie Rudolf Steiner; vielmehr suchte er die Quelle der LiebeskrĂ€fte und fand sie nicht zuletzt im esoterischen Leben: «Wenn der Esoteriker den rechten Pfad geht, der ihn erst innerlich aufrichtet, selbstĂ€ndig macht, fortschreitend macht – dann wird er bald erfahren, dass ihm die Kraft zu diesem Wachstum zufloss als Liebe. Ströme der Liebe rinnen durch die Hierarchien herab in die Herzen der Menschen. Und bald wird zu dieser Erfahrung der Wunsch und Wille kommen, weiterzuleiten diesen segnenden Strom. In anderen Worten: Der Esoteriker erfĂ€hrt, dass seine FĂ€higkeit, zu lieben, rein selbstlos zu lieben, grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer wird. Seine SelbstĂ€ndigkeit hat ihn nicht heraus-, nicht abseitsgestellt, nicht getrennt von den ĂŒbrigen Menschen, sondern in neuer Art verbunden durch göttliche Liebe. Und das ist das Wunderbare seines Lebens; Gott ist nicht an einem bestimmten abgegrenzten Ort der Welt.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 333. [/note] Hierin – und in manchem anderen – hĂ€tte sich Michael Bauer glĂ€nzend mit Martin Buber verstanden, wenn sie sich begegnet wĂ€ren; Bubers ablehnendes Urteil ĂŒber die Anthroposophie wĂ€re danach sehr wahrscheinlich anders ausgefallen.[note] Vgl. Gerhard Wehr, â€čWas sollen uns, wenn sie es gibt, die oberen Welten?â€ș Martin Bubers Missverstehen der Anthroposophie – aus der Sicht Hugo Bergmanns und Albert Steffens. In: Ralf Sonnenberg (Hg.), Anthroposophie und Judentum. Frankfurt a. M. 2009, S. 129–139. [/note] Nicht an allen »Unfallstellen» (Rittelmeyer) konnte Bauer wie ein guter Engel stehen; aber er begleitete die Priester der Christengemeinschaft und die Lehrer der Waldorfschule auf ihrem schwierigen Weg in den ersten Jahren nach der GrĂŒndung. «Rudolf Steiner selbst wies uns an ihn und ihn an uns», betonte Rittelmeyer fĂŒr die Priesterschaft.[note]  Friedrich Rittelmeyer, Michael Bauer als Mensch. In: Die Christengemeinschaft. 1929, S. 107. [/note] Ihr vorbereitendes Treffen vor der GrĂŒndung in Dornach hatten sie im Sommer 1922 drei Wochen lang in Breitbrunn abgehalten. Bauer fĂŒhrte EinzelgesprĂ€che mit allen Teilnehmenden, bekam jeden Tag einen Bericht ĂŒber die Ereignisse und GesprĂ€che und sprach zu ihnen ĂŒber Meditation. «Der weltbesiegende Friede eines Menschen, der nur noch aus Gnade lebt, war um ihn.» (Alfred Heidenreich[note] Zit. n. Christoph Rau, a. a. O., S. 87. [/note]) Aber auch die Lehrer der gerade gegrĂŒndeten Waldorfschule in Stuttgart kamen zu Bauer und erbaten seinen Rat. Er, der wohl begabteste PĂ€dagoge in den Reihen der Anthroposophischen Gesellschaft, interessierte sich fĂŒr alle Einzelheiten der Schule – und er nahm diese Aufgabe der Lehrerbegleitung nach dem Tod Rudolf Steiners in gewisser Weise stellvertretend fĂŒr diesen wahr. Bereits in NĂŒrnberg hatten Kinder am Morgen auf der Straße auf ihn gewartet, dass er ihnen eine Geschichte erzĂ€hlte. «Wie sollte das Neue, das den Fortschritt bedeutet, zur Wirklichkeit werden ohne die Fantasie? Sie ist es, die die Wege zeigt, welche noch niemand gegangen. Aus der Erinnerung kann der Weg zum Neuen nicht kommen. Und das reine Denken entbehrt der Sinnlichkeit. Die Fantasie schlĂ€gt da ihre RegenbogenbrĂŒcke vom Himmel des reinsten Erkennens zum Erdboden der Verwirklichung. Wer aber wĂŒsste fĂŒr die Übung der Fantasie etwas Besseres als das ErzĂ€hlen von dem, â€čdas sich nie und nirgends hat begebenâ€ș.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 49 f. [/note]

Die Not als Maß

Sehr gerne hĂ€tte Michael Bauer auch der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrem Dornacher Zentrum nach dem Tod Rudolf Steiners weitergeholfen. Ihre internen Streitigkeiten hielt er fĂŒr eine Katastrophe und eine folgenreiche Abirrung von den eigentlichen Aufgaben – in der Welt und im Innern des Goetheanum und seiner Gesellschaft. Er, der, so Rittelmeyer, nie bereit war, «sich von irgendeinem Menschen ĂŒberwĂ€ltigen zu lassen, und wĂ€re es der GrĂ¶ĂŸte», und selbst Rudolf Steiner gegenĂŒber «in schöner Freiheit» lebte,[note] Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung 
, a. a. O., S. 16. [/note] sah die Anthroposophische Gesellschaft im April 1925 vor neuen Aufgaben stehend. «Unser Lehrer hinterließ uns sein Werk. Wie verhalten wir uns, dass es besteht und weiter wĂ€chst?»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 324. [/note] Bauer sprach von einem â€čunerworbenen Erbeâ€ș und versuchte, durch eine Aufsatzreihe, die er im Nachrichtenblatt der Wochenschrift in rascher Folge publizieren wollte (was ihm redaktionell nicht gelang), Anregungen fĂŒr eine aktive anthroposophische Rezeption zu liefern, die noch nahezu 100 Jahre spĂ€ter wenig von ihrer Relevanz verloren haben.[note] Vgl. Peter Selg, Michael Bauer, a. a. O., S. 115 ff. [/note] Bauer wollte das â€čSchĂŒlerverhĂ€ltnisâ€ș zu Rudolf Steiner und der Anthroposophie lebendig halten und zugleich dafĂŒr Sorge tragen, dass das Werk des Lehrers nicht durch Dogmatismus geschĂ€digt werde, «es rein und unverfĂ€lscht zu bewahren und wirken zu lassen»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 325. [/note]. Er beschrieb die Aufgabe, «das Werk in unserem Bewusstsein stĂ€ndig zu konfrontieren mit der furchtbaren Not der Zeit»; dadurch bleibe es lebendig und wandle sich nach den jeweiligen BedĂŒrfnissen. Auch der Rezipient bleibe dabei lebendig: «So aber erhĂ€lt es auch uns selbst lebendig und im Fluss und stĂ€rkt und vertieft unsern Ernst und unser VerantwortungsgefĂŒhl im Hinblick auf die Aufgaben, die der Zeitgeist an uns stellt.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 4, S. 179. [/note] Zu den notwendigen Gesellschaftsaufgaben rechnete Bauer 1925 auch die Beseitigung â€čentmutigender Vorurteileâ€ș und des â€čAberglaubens ĂŒber den Menschen Steinerâ€ș in der Öffentlichkeit, der suchenden Seelen im Wege stehe und die Zukunft der Anthroposophie und ihrer Gesellschaft verhindere. Dem wollte Bauer rechtzeitig entgegentreten: «Mochten viele der Ă€lteren Generation das Werk Steiners gesucht haben, weil sie selbst mit der Last ihres Lebens nicht fertig zu werden vermochten oder auf anderen Wegen keine Befriedigung fanden –: jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sein Werk in freiem Entschluss fĂŒr andere Suchende, Sehnende im Hinblick auf die große Not unserer Zeit fortzufĂŒhren und hinauszutragen.»[note] Ebd., S. 180. [/note]

Der Weg ist das Ziel

Vieles werde, so Bauer, davon abhĂ€ngen, ob nachfragenden Menschen die Anthroposophie «ohne jede seichte Lehrhaftigkeit» vermittelt werde. «Durch die Worte eines jeden, der ihnen Anthroposophie bringt, sollten sie hindurchhören, dass einer spricht, der selber als neuer Mensch ein StĂŒck unterwegs ist.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 2, S. 315. [/note] Das Höchste und Innerlichste von Steiners Werk bleibe der gewiesene Weg, der weiter begangen werde mĂŒsse. Michael Bauer war ein Kenner und Apologet dieser spirituellen Schulung, der â€česoterischen Schule des Goetheanumâ€ș – und er plĂ€dierte nach Rudolf Steiners Tod auch fĂŒr ein innerliches, esoterisches VerhĂ€ltnis zu den anthroposophischen Erkenntnissen selbst («seine [Steiners] Gedanken sind wie Samenkörner, die aufgehen wollen»[note] Ebd., S. 326. [/note]), ein esoterisches VerhĂ€ltnis, das von großer Wahrhaftigkeit und einer elementaren Erkenntnissehnsucht bestimmt werden mĂŒsse. «Man kann natĂŒrlich einwenden, niemand unterziehe sich der Anstrengung, Anthroposophie zu studieren, ohne Fragestellung in sich. Wahr ist aber, dass es verschiedene Grade des Verstehens gibt und dass ein esoterisches VerhĂ€ltnis zu den Erkenntnissen nur aufkommt, wenn etwas wie eine Erkenntnissehnsucht, ein Erkenntnisfernweh aus Herzensnot unsere Studien betreibt.»[note] Michael Bauer, a. a. O., Band 4, S. 201. [/note]

Michael Bauer konnte sich damit nach dem 30. MĂ€rz 1925, inmitten der Dornacher Großkrisen und der zeitgenössischen UmstĂ€nde, nur bedingt verstĂ€ndlich und geltend machen. Heute jedoch können seine Worte erneut gehört und wirksam werden – seine Worte, Gedanken und seine gesamte geistige Gestalt. «Jeder Zuwachs im Leben der Seele ist ein Abbruch im Lager des Materialismus.»[note] Ebd., S. 204. [/note] Über seinen geistigen Lehrer Rudolf Steiner schrieb Bauer einmal: «Was ihn von allen Menschen unserer Zeit unterschied, war die Art, wie er zu Leben und Welt stand. Er hatte nicht bloß eine andere Auffassung vom Menschen und seiner Bestimmung, er war ein anderer Mensch. Er war in fortwĂ€hrender Verwandlung begriffen insofern, als der immer grĂ¶ĂŸer werdende Umkreis seiner Erkenntnisse wie ein werdendes Licht das Wirkensfeld erweiterte. Immer klarer sah er den Menschen auf einem Entwicklungspunkt, wo nur sein Wille noch eine gĂŒnstige Wendung schaffen konnte. Auch die Erkenntnis sah er von diesem Willen abhĂ€ngig. Sein Werk wurde schließlich eine einzigartige Anstrengung zur Ermutigung des Menschen.»[note] Ebd., S. 178. [/note]


Buch Peter Selg, Michael Bauer, Ein Mitarbeiter Rudolf Steiner. Verlag am Goetheanum. Dornach 2021.

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