A child in a medical mask during a coronavirus pandemic

Maskierte Beziehungen

Karin Michael, Fach√§rztin f√ľr Kinder- und Jugendmedizin, Kindergarten- und Schul√§rztin, ist Initiatorin einer viel unterzeichneten Stellungnahme √ľber die Maskenpflicht in Schulen in Nordrhein-Westfalen. Ihr offener Brief, der von vielen anthroposophischen √Ąrzten und Therapeutinnen mitunterzeichnet wurde, erreichte gemeinsam mit einem Vorschlag f√ľr ein Schutzkonzept am 4. August das Schulministerium. Der Brief beschreibt die Erkrankungen, √úberforderungen und Verunsicherungen, an denen Kinder in j√ľngster Zeit verst√§rkt leiden. Das Gespr√§ch f√ľhrte Franka Henn.


Wie wirkt sich die Maskenpflicht auf Kinder und Jugendliche aus?

Kinder sind noch nicht so beziehungssicher wie Erwachsene. Sie lernen durch die Beziehung zu ihren Lehrern. Dieses Lernen in Beziehung wird durch die Maske erschwert oder verunmöglicht. Wir sind es gewohnt, am Gesichtsausdruck des anderen zu lesen. Das ist etwas, was in der Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schulkindern ganz besonders, aber auch zwischen kleineren Kindern und Erziehenden eine große Rolle spielt in der Beziehungsentwicklung. Wir sind gewohnt, in jeder Situation und besonders in einer Lehrsituation am Gesichtsausdruck des anderen zu lesen, ob er uns wohlgewogen ist, ob wir ihm vertrauen können, ob er uns gerade ermutigt oder ob er uns kritisiert.

Sind Kinder stärker von dieser Ausnahmesituation betroffen als Erwachsene?

Selbstverst√§ndlich. Wir Erwachsenen k√∂nnen eben mit der reinen Abstraktion von Gespr√§ch zurechtkommen, weil wir eine Grunderfahrung haben. F√ľr ein Kind, welches beispielsweise in eine neue Umgebung kommt und dann die Mimik der Erwachsenen hinter einer Maske erlebt, ist das eine gro√üe Verunsicherung und √úberforderung. Es kann oft noch nicht ahnen, was sich hinter diesen Masken verbirgt.

Wie reagieren Kinder auf diese Belastung?

Es ist so, dass Kinder, die vorher schon √§ngstlich waren, zum Teil mit verst√§rkter Angst reagieren. Ich erlebe aber auch v√∂llig neue √Ąngste. Wie zum Beispiel die h√§ufige Situation der Angst um jemanden. Dass Kinder eben jetzt, visualisiert an den Masken, aber auch durch das, was die Nachrichten beherrscht und an Bildern vermittelt wird, Angst um ihre Gro√üeltern und Eltern haben und auch Angst um sich selbst. Auch in der Sprechstunde erlebe ich ganz deutlich, dass Kinder sich sehr viel schwerer untersuchen lassen. Sie zeigen ein neues Ausma√ü von Angst vor Ber√ľhrung oder N√§he vor mir als maskierter √Ąrztin.

Sie bezeichnen die verwendeten Mund-Nasen-Bedeckung in Ihrem Brief als ¬ęunprofessionnell¬Ľ. Wie gehen Sie mit Masken um?

Im Umgang mit Kindern trug ich bisher normalerweise keine Maske. Wo ich schon vor der Coronapandemie oft mit Masken zu tun hatte, ist in der Kinderonkologie. Dort wird sie aber immer nur momentan eingesetzt und dann in einem Zusammenhang, der f√ľr alle gut nachvollziehbar ist, da man es gerade mit einem Erkrankungsgeschehen zu tun hat. Jetzt ist es eine Situation, wo die Maske in den vorher normalen Alltag als Pr√§ventionsma√ünahme hereinkommt, ohne dass irgendjemand sichtlich krank ist. Diese Pr√§ventionsma√ünahme hat keinen zertifizierten Nachweis von einem wirklichen Effekt. Es gibt keine gute Evidenz f√ľr den Nutzen, aber schon jetzt deutliche Hinweise auf nachhaltige Sch√§digung und Verunsicherung gerade bei Kindern.

Darum haben Sie sich an die Politikerinnen und Politiker gewendet?

Leider habe ich aus den Ministerien keine Antwort bekommen. Da herrscht Schweigen, obwohl wir, das hei√üt die √Ąrztinnen und Therapeuten, die hinter unserem Brief stehen, auch angeboten haben, beratend t√§tig zu werden mit der Erfahrung, die wir gemacht haben. Wir haben dar√ľber hinaus eine Schutzempfehlung verfasst, die das Prinzip umkehrt und schaut, wie man effektiv diejenigen sch√ľtzen kann, die ein echtes Risiko haben. Von Menschen, die den Brief irgendwo in der Presse oder in Netzwerken gefunden haben, erfahre ich sehr viel Zustimmung und erg√§nzende Erlebnisse. Viele Menschen teilen das, was ich aus der Praxis oder der Schule an Wahrnehmungen habe.

Dieses Lernen in Beziehung wird durch die Maske erschwert oder verunmöglicht. Wir sind es gewohnt, am Gesichtsausdruck des anderen zu lesen.

Was raten Sie Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern, die mit Masken und Kindern umgehen?

Solange die Maßnahmen anhalten, kann ich nur empfehlen, den Kindern immer wieder Erklärung und verstärkt Nähe zu geben und die Maske in so vielen Situationen wie möglich abzunehmen. Insbesondere in den vertrauten, familiären Situationen, wo die Maske ja nun gar nicht hingehört, sodass sie irgendwo das Vertrauen wieder fassen können.


Nachtrag Kurz nach der Aufnahme dieses Gespr√§chs hat das Bildungsministerium in Nordrhein-Westfalen entschieden, nach einer Anlaufphase (geplant bis 31. August) die Maskenpflicht f√ľr Sch√ľlerinnen und Sch√ľler im Klassenzimmer nicht zu verl√§ngern. Weiterhin bestehen bleibt jedoch die Maskenpflicht w√§hrend der Pausen und auf dem Schulgel√§nde. Die Maskenpflicht hatte von Beginn an zu starkem Protest von verschiedenen Seiten und Verb√§nden gesorgt.

Mehr: Offener Brief von Karin Michael und alternatives Schutzkonzept.

Foto: vperemen

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