Ludwig van Beethoven und der Wille des Prometheus

Er fĂŒhrte die Klassik in die Romantik, wendete die Musik von der Feier des Menschen im Kosmos zur Feier des Kosmos in uns Menschen. Seine 9. Sinfonie ist die Hymne Europas, sein ganzes Werk ist der Ruf zur Selbstbefreiung, ein Hineinhören in diesen Ab- und Aufstieg der Seele. Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1780, wurde er in Bonn getauft.


MissglĂŒckte Begegnung mit Goethe

Das einzige Treffen Beethovens mit Goethe fand in Teplitz statt. Beethoven steht im 42. Lebensjahr und hat noch von Prag aus Karl August Varnhagen von Ense, den Diplomaten und Schriftsteller, gebeten, die Begegnung vorzubereiten. Dieser kam dem Wunsch des Meisters nach und setzte Goethe in Kenntnis, Beethoven werde «aufs neue die HeilkrĂ€fte des Töplitzer Bades gegen seine unglĂŒckliche Taubheit versuchen, die seiner angeborenen Wildheit nur zu gĂŒnstig ist und ihn fĂŒr Solche, deren Liebe er nicht schon vertraut, fast ungesellig macht; fĂŒr musikalische Töne behĂ€lt er nichtsdestoweniger die leiseste Empfindlichkeit, und von jedem GesprĂ€ch vernimmt er, wenn auch nicht die Worte, doch die Melodie [
]» Noch am Tag der erfolgten Begegnung, dem 19. Juli 1812, schrieb Goethe abends an seine Frau die SĂ€tze: «Zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen KĂŒnstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie der gegen die Welt wunderlich stehen muß.» Die Anekdoten um diese Begegnung, nach Jahren eitel und geschwĂ€tzig durch Bettina von Arnim ausgestreut, kann man beiseite lassen. Die beiden Protagonisten haben aber ihr Zusammentreffen nach wenigen Tagen kontrapunktisch referiert; Goethe, an Freund Zelter in Berlin: «Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebĂ€ndigte Persönlichkeit, die zwar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie dadurch freilich weder fĂŒr sich noch fĂŒr andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verlĂ€ĂŸt, das vielleicht dem musikalischen Teil seines Wesens weniger als dem geselligen schadet.» Beethoven, an Verleger HĂ€rtel in Leipzig: «Göthe behagt die hofluft zu sehr â€“ mehr als einem Dichter ziemt. Es ist nicht viel mehr ĂŒber die LĂ€cherlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehen seyn sollten, ĂŒber diesem Schimmer alles andere vergessen können.»

Herkunft, Stellung, die Wirkung der persönlichen DoppelgĂ€nger hatten einer tieferen Begegnung beider offenbar im Wege gestanden; ihrer gegenseitigen kĂŒnstlerischen Hochachtung tat dies keinen Abbruch. Ein Jahr spĂ€ter sollte Beethoven mit â€čWellingtons Siegâ€ș und der â€čSiebten Sinfonieâ€ș den Gipfel seiner Ă€ußeren Laufbahn erreichen: Wien lag ihm zu FĂŒĂŸen. Goethe schrieb das Gedicht â€čIch ging im Walde so fĂŒr mich hinâ€ș und beendete Band III von â€čDichtung und Wahrheitâ€ș. FĂŒr uns entscheidend sind hier die gegenseitigen, zeitnahen Charakterisierungen. Es ist wahrzunehmen: Beide lebten ganz verschiedene Daseinsformen, die UmstĂ€nde und Bedingungen ihrer Existenz waren verschieden. Außerdem trennte sie ein Altersabstand von 21 Jahren. Was, wenn Beethoven auf Schiller getroffen wĂ€re? â€“ Aber dieser war bereits seit sieben Jahren verstorben.

Kometenhafter Einstieg in Wien

Seit seinem 21. Jahr galt Beethoven als revolutionĂ€r, genial und unvergleichbar. Bereits in den Jugendsonaten von 1783 zeigt sich die unverwechselbare Formkraft des 13-JĂ€hrigen: Metamorphose der Themen, gedankenreiche VerknĂŒpfung von Einleitungen und DurchfĂŒhrung im Hauptsatz, schroffe Polarisierung weicher/harter, dur-/moll-, mĂ€nnlich/weiblich bestimmter Melodik, Emanzipation der rhythmischen Begleitung, Entschiedenheit der Aussage ohne spielerisches Beiwerk â€“ also all die Bausteine, die eine Architektur Beethoven’scher PrĂ€gung aufs erste Hören kenntlich machen.

Als er mit 22 Jahren nach Wien ĂŒbersiedelt, auf der Reise den Revolutionsheeren der Napoleon-Kriege begegnet, trĂ€gt er das Empfehlungsschreiben der Bonner Aristokratie im GepĂ€ck: «Lieber Beethoven! Sie gehen jetzt nach Wien, wo sich ihre so lange vergeblichen WĂŒnsche erfĂŒllen werden. Mozarts Genius trauert und weint ĂŒber den Tod seines SchĂŒlers. Er hat wohl eine Zuflucht bei dem unerschöpflichen Haydn gefunden â€“ aber keine BeschĂ€ftigung. Durch fleißige Arbeit werden Sie Mozarts Geist aus Haydns HĂ€nden empfangen.» Der Dreiklang der Wiener Klassik als Epoche Haydns â€“ damals ein 60-JĂ€hriger –, Mozarts â€“ damals soeben verstorben â€“ und Beethovens â€“ ein 20-JĂ€hriger â€“ stand also von Anfang an fest. Jener Brief formuliert als erstes Dokument die Trias Haydn â€“ Mozart â€“ Beethoven.

Schon zu Beginn des Wiener Schaffens taucht das Prometheus-Motiv auf. In ihm konzentrieren sich alle Erwartungen und Projektionen, die Beethoven mitbringt in eine Stadt, wo laut Rudolf Steiner «ein Kompendium der ganzen europĂ€ischen BodenverhĂ€ltnisse ist», wo in der Geologie «angelegt eigentlich die Tonleitern sind â€“ nicht wahr: chemische Äquivalentgewichte sind eigentlich TonverhĂ€ltnisse â€“, wo ein solches seelisch-geistiges Milieu ist, in dem besonders musikalische Genies sich ansĂ€ssig machen und sympathisch berĂŒhrt fĂŒhlen mĂŒssen». Es sind diese beiden Komponenten: die atmosphĂ€rischen VerhĂ€ltnisse, die Erwartung der Mozart-Nachfolge, die das Prometheus-Bild schon frĂŒh befestigen.

Beethoven-BĂŒste, Antoine Bourdelle, 1891, Foto: Didier Descouens

Nun fĂŒgt sich in dieses Bild ein Vierfaches. Zum einen komponiert Beethoven eine Ballettmusik â€čDie Geschöpfe des Prometheusâ€ș; hier erschreckt er die Hörerschaft bereits damit, dass im Anfangsakkord C-Dur ein dissonantes b in den BĂ€ssen erklingt. DarĂŒber berichtete Schindler: Â«Ăœber die Fata dieses Akkords wußte Beethoven zu erzĂ€hlen, daß, was sich bis dahin im Gremio der alten Wiener Tonlehre noch nicht zu seinen erklĂ€rten Gegnern gezĂ€hlt, dieser Akkord es bewirkt habe [
]», ein Fehdehandschuh gleichsam, in Gestalt eines Sekundakkords, hineingeworfen in die Arena des Wiener Musiklebens. Des Weiteren veröffentlicht Beethoven mit Opus 35 die â€čPrometheus â€“ Variationenâ€ș; es handelt sich um ein Thema, das im Ballett bereits auftritt, dann in der â€č3. Sinfonieâ€ș als Eroica-Thema berĂŒhmt werden sollte und womit sich Beethoven als Schöpfer einer â€čneu gefundenen Methodeâ€ș einfĂŒhrt. Drittens verbindet er dieses Werk mit einer Polemik gegen oberflĂ€chlichen französischen Geschmack: «statt allem Geschrey von einer Neuen Methode von Variationen, wie es unsere Nachbarn die gallo-Franken machen wĂŒrden, wie zu B. mir ein gewisser französischer Componist Fugen presentirte apres une nouvelle methode, welche darin besteht, daß die Fuge keine Fuge mehr ist.» Viertens war es nichts geworden mit der SchĂŒlerschaft bei Haydn â€“ Beethoven hatte sie bald aufgekĂŒndigt. Zu sehr erschien ihm des Lehrers Musizieren als gefĂ€llig, zu wenig modern, zu seinem prometheischen Anspruch einfach nicht passend.

Dies verdichtet sich ins Bild eines kometenhaften KĂŒnstlertums, das nun mit der voranschreitenden Ertaubung ab 1801, mit der Abfassung des privaten Dokumentes â€čHeiligenstĂ€dter Testamentâ€ș vom Oktober 1802, mehr und mehr an Heldentum, an Leiden und titanenhafter Isolation als seinem endgĂŒltigen Profil gewinnen sollte. Darin allerdings steht er Schiller nĂ€her als Goethe, was auch erklĂ€rt, weshalb sich das Teplitzer Treffen nicht just glĂŒcklich gestaltete.

Laß dir sagen, ich neige mehr und mehr zu dem EingestĂ€ndnis, daß es schon etwas EigentĂŒmliches ist um eure Musik. Eine Bekundung höchster Tatkraft â€“ nichts weniger als abstrakt, aber gegenstandslos, einer Tatkraft im Reinen, im klaren Äther.

Prometheus-Motiv

Seine kĂŒnstlerische Entwicklung hat Beethoven immer mehr durch Philosophie, HumanitĂ€t, Freiheitsidealismus und insbesondere Schiller-Studium begleitet. Es finden sich in seiner Bibliothek die Zeugen der BeschĂ€ftigung mit Schillers â€čÜber die Ă€sthetische Erziehung des Menschenâ€ș, mit Benjamin Franklins â€čAmerikanischer Revolutionâ€ș, mit Kant â€“ der schon 1756 Franklin einen «Prometheus der neueren Zeit» genannt hatte. Der amerikanische Beethoven-Biograf Alexander Wheelock Thayer beschreibt, wie sich der Komponist an Cincinnatus, Scipio, Cato, Washington, Franklin orientierte, wie er sich am Studium alter und neuer Klassiker, namentlich Plutarch, Homer, Shakespeare, aufrichtete, in ihnen die wĂŒrdigen Vorbilder fĂŒr sein eigenes Leben sah. Beethoven besaß Herders â€čVoraussicht und ZurĂŒcksichtâ€ș, ein literarisches GesprĂ€ch zwischen Prometheus, Epimetheus, Pallas Athene. Er kannte den Nekrolog Georg Forsters auf Franklin â€“ Forster war weltgereister Naturforscher, Lehrer Alexander von Humboldts, ein PhĂ€nomenologe, der, wie Goethe, mit Kant seine liebe Not hatte und ihm eine Stubenhocker-Gelehrsamkeit vorwarf; bei eben diesem Georg Forster fand Beethoven erstmals die Formulierung vom â€čGötterfunken Vernunftâ€ș, SĂ€tze wie «Die Freiheit ist nur der Tugend erreichbar, Tugend nur möglich durch Vernunft»; «seid einig, wie es BrĂŒdern ziemt, seid weise: dann erreicht ihr das der Menschheit vorgesteckte Ziel»; «WillkĂŒr und Gewalt verschwinden»; «ihr werdet glĂŒcklich â€“ ihr seid frei!» Dies ist das Gedankengut, in dem Beethoven und sein engerer Wiener Freundeskreis lebten. Bereits 1793 schreibt er seiner Freundin Theodora J. Vocke ins Stammbuch: «Wohltun, wo man kann, Freiheit ĂŒber alles lieben, Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen». Hier klingt NĂ€he an zu Schillers â€čDon Carlosâ€ș. Der 24-jĂ€hrige Beethoven ruft in einem Brief an den Verleger Simrock aus: «Man darf nicht zu laut sprechen hier, sonst gibt die Polizei einem Quartier.»

Daher ist verstĂ€ndlich: Der Freiheitsidealismus wurzelt tief in ihm â€“ wirksam ĂŒber die Jahre hinweg, so im â€čFidelioâ€ș: «Wahrheit wagt ich kĂŒhn zu sagen, und die Ketten sind mein Lohn», so in der 20 Jahre vor der â€č9. Sinfonieâ€ș notierten â€čOde an die Freudeâ€ș von Schiller, wo die Gedankenbilder â€čGötterfunkeâ€ș und â€čalle Menschen werden BrĂŒderâ€ș oder â€čĂŒberm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnenâ€ș wieder aufgegriffen werden.

In VortrĂ€gen von Januar und Juni 1908 hat Rudolf Steiner mehrere Gedanken bearbeitet, die Ă€ußerst hilfreich sind, um Beethoven tiefer zu verstehen. Diese können hier nicht alle referiert werden. Es handelt sich im Wesentlichen um: Prometheus als ReprĂ€sentanten der gegenwĂ€rtigen Kulturepoche; das VerhĂ€ltnis von Sprache und Musik; Richard Wagners JubilĂ€umsschrift â€čBeethovenâ€ș von 1870 zum 100. JubilĂ€um sowie die Bedeutung der â€čLeber des Prometheusâ€ș â€“ allesamt in Band 102 der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe versammelt. Erstens ist Prometheus derjenige der Titanen, der das Feuer vom Himmel geholt, der Menschheit damit Freiheit, IndividualitĂ€t, Wissenschaft und Kunst gebracht hat und dafĂŒr 30 Jahre lang an den Felsen des Kaukasus geschmiedet wurde. Ich sage dazu: so, wie Beethovens Hör-Sinn an das Felsenbein des SchĂ€delknochens angeschmiedet war und nicht mehr freikam. Dadurch aber steigerte sich das innere Hören ins bisher buchstĂ€blich Un-Erhörte. Die FĂ€higkeit der Verstandesseele, nĂ€chtliche Erlebnisse in der Geistwelt des Devachan umzusetzen in irdische Musik, und die FĂ€higkeit der Bewusstseinsseele, solche Erfahrungen ins Wort, in Poesie zu prĂ€gen: diese beiden Elemente kommen durch Beethovens Schaffen wieder zusammen. Die Musik findet wieder zum Wort beziehungsweise sie beginnt, sprechend zu werden. Es reicht nicht, dazu Wortvertonungen beizuziehen: Beethovens ganzes Schaffen ist Sprache, und eben dies hatte, drittens, Richard Wagner erkannt in seiner «genialen» (Steiner) Beethoven-Schrift. Der Meister ist nicht mehr Compositeur im herkömmlichen Sinne, er ist Tondichter.

Wohltun, wo man kann, Freiheit ĂŒber alles lieben, Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen

Beethoven an Theodora Vocke

Schließlich interessiert uns der Leberbefund. Bei Obduktion nach Beethovens Tod stellte sich der Zustand der Leber als massiv geschrumpft und verhĂ€rtet dar â€“ obschon Beethoven ja kein Alkoholiker, Trinker, wie etwa sein Vater, gewesen war. Die Leber aber schildert Rudolf Steiner als das Organ des Willens, der WĂ€rme, der Inspiration: «In der Leber sind in der Tat diejenigen KrĂ€fte des Menschen verankert, ĂŒber die der Mensch immer mehr und mehr hinauswachsen muß [
] sie ist dasjenige Organ, das die KrĂ€fte enthĂ€lt, die der Mensch am meisten ĂŒberwinden muß.» â€“ Dieser Zusammenhang war schon dem Arzt Eugen Kolisko aufgefallen, der darĂŒber 1938 in â€čModern Mysticâ€ș publiziert hatte.

Vor allem wird dadurch verstĂ€ndlich, wodurch Beethoven so sehr als prometheisch wahrgenommen wurde: Der Götterfunke, angeschmiedet an den mineralischen Körper, das Leiden am Verlust der Sinneswahrnehmung, die titanenhafte Steigerung des inneren Hörens â€“ und die Aufzehrung der Willens- und Leberkraft durch radikal individuelles Schöpfertum.

Wille â€“ als Bekundung reiner Tatkraft

Thomas Mann nimmt in seinem SpĂ€twerk â€čDoktor Faustusâ€ș mehrfach Bezug auf Beethoven, da ja der Roman ein modernes Musikerleben zum Inhalt hat. Dort findet sich im 18. Kapitel eine grandiose Schilderung der OuvertĂŒre Nr. 3 der Oper â€čLeonoreâ€ș, in einem GesprĂ€ch des Musikers LeverkĂŒhn mit seinem Freund Serenus. Es nötigt Bewunderung ab, wie zielsicher Thomas Mann hier eben diese Willenhaftigkeit der Beethoven’schen Tondichtung charakterisiert, wobei ihm wohl Schopenhauer zu dieser Erkenntnis mitverholfen haben wird.

Die Freunde haben also diese OuvertĂŒre gehört. Daraufhin sagt LeverkĂŒhn zu seinem Studienkollegen: «Lieber Freund, wahrscheinlich hat man nicht auf mich gewartet, daß ich es feststellte, aber das ist ein vollkommenes MusikstĂŒck! [
] Laß dir sagen, ich neige mehr und mehr zu dem EingestĂ€ndnis, daß es schon etwas EigentĂŒmliches ist um eure Musik. Eine Bekundung höchster Tatkraft â€“ nichts weniger als abstrakt, aber gegenstandslos, einer Tatkraft im Reinen, im klaren Äther â€“ wo kommt denn so was im Weltall noch einmal vor! Wir Deutschen haben aus der Philosophie die Redewendung â€čan sichâ€ș ĂŒbernommen und brauchen sie alle Tage, ohne uns viel Metaphysik dabei zu denken. Aber hier hast du’s, solche Musik ist die Tatkraft an sich, die Tatkraft selbst, aber nicht als Idee, sondern in ihrer Wirklichkeit. Ich gebe dir zu bedenken, daß das beinahe die Definition Gottes ist. Imitatio Dei â€“ mich wundert, daß es nicht verboten ist. Vielleicht ist es verboten.»

Mein grĂ¶ĂŸtes Werk

Im gewaltigen, alle Dimensionen sprengenden SpĂ€twerk der â€čMissa Solemnis op. 123â€ș laufen alle diese FĂ€den zusammen â€“ mehr noch als in der berĂŒhmten und populĂ€ren â€č9. Sinfonieâ€ș.

Die Sprache ist hier die der Liturgie, die Botschaft die des Leidens, der Überwindung, der Hoffnung, die Musik voller RĂ€tsel und die ĂŒblichen Regeln kirchlicher Musik außer Acht lassend. Beethoven hat sie in ihrer GĂ€nze nie zu hören bekommen â€“ er hĂ€tte sie ja auch nicht mehr hören können! In einem denkwĂŒrdigen Konzert vom Mai 1824 kamen in Wien drei SĂ€tze â€čKyrieâ€ș, â€čAgnus Deiâ€ș und â€čSanctusâ€ș daraus zur AuffĂŒhrung, aber nicht als Messe, sondern als â€čDrei Hymnenâ€ș, zudem auf Deutsch gesungen â€“ was der Borniertheit des österreichischen Katholizismus zu danken war. Im selben Konzert wurde die Ă€ltere OuvertĂŒre â€čDie Weihe des Hausesâ€ș gegeben, daraufhin erfolgte die UrauffĂŒhrung der â€č9. Sinfonieâ€ș. Beethoven war anwesend, hörte nichts, sah den eklatanten Beifall des Publikums.

Zu wenig wird von der Bedeutung der Beziehung gesprochen, aufgrund welcher die â€čMissaâ€ș entstanden ist. Erzherzog Rudolph von Österreich sollte als Erzbischof von OlmĂŒtz und MĂ€hren inthronisiert und zu diesem Anlass eine Große Messe bei Beethoven in Auftrag gegeben werden. Dieser Erzherzog war seit 1804 Beethovens KlavierschĂŒler. Ab 1808 hatte er ihm, zusammen mit zwei Wiener Aristokraten, eine bedingungslose Grundrente ausgesetzt. Wichtigste Werke sind ihm gewidmet, was fĂŒr einen hohen Freundschaftsgrad spricht â€“ etwa die Sonate â€čLes Adieuxâ€ș, die Hammerklavier-Sonate, die Sonate op. 111, die â€čFidelioâ€ș-Partitur, das nach ihm benannte Trio, das vierte und das fĂŒnfte Klavierkonzert, die der Erzherzog durchaus selber zu spielen vermochte, mitsamt der Kadenzen, die heute noch vorgetragen werden. Und nun die â€čMissa Solemnisâ€ș. Beethoven bezeichnet sie als «das grĂ¶ĂŸte Werk, welches ich bisher geschrieben». Wie wir seit 2019 wissen, liegt ihm eine langjĂ€hrige BeschĂ€ftigung mit Konzilen, Gottesbildern, Jesus-KlĂ€rungen zugrunde. «Sokrates und Jesus waren mir Muster», heißt es im Konversationsheft. Und im Tagebuch «Ergebenheit, innigste Ergebenheit in dein Schicksal, nur dies kann dir die Opfer zu dem DienstgeschĂ€ft geben â€“ oh harter Kampf! â€“ alles mußt du finden, was dein seligster Wunsch gewĂ€hrt, so mußt du es doch abtrotzen, absolut die stete Gesinnung beobachten [
] Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen, mich darf ja nichts an das Leben fesseln.» Kant hat er darin auf sein eigenes Maß ausgeweitet: «Die Zusage der Gnade Gott-Vaters ĂŒber mir, und das moralische Vorbild des Menschen Jesus in mir lassen mich an einen Gott glauben.»

Musikalisch geschehen unerhörte Dinge. Arhythmien und Spannungen prĂ€gen den ersten, den Kyrie-Satz. Der Gloria-Satz macht einen Abgrund deutlich zwischen Gott und Mensch. Fugen, Doppelfugen prĂ€gen das Credo, das Wunder der Auferstehung vollzieht sich in altertĂŒmlich lydischer Tonart, darin Palestrina folgend. Eine sinfonische Musik begleitet die Transsubstantiation von Brot und Wein, ein innigstes Geigensolo die Herabkunft des Geistes; mitten in das Finale hĂ€mmert eine befremdlich kriegerische Pauken- und Trompetenmusik â€“ das Dona Nobis Pacem steht in Gefahr, bleibt mehr Verheißung als Gegenwart â€“ die â€čMissaâ€ș erscheint als ein Dokument von Selbstverstrickung und Zukunftsglauben. Vielleicht ist sie dadurch Beethovens persönlichstes Werk. NatĂŒrlich war sie noch lĂ€ngst nicht vollendet, als schließlich die Feiern, fĂŒr die sie bestellt war, stattfanden. Die wahrscheinlich erste öffentliche GesamtauffĂŒhrung der â€čMissaâ€ș erfolgte im Mai 1839 in Dresden, also erst zwölf Jahre nach Beethovens Tod, und nur vereinzelt kam es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu weiteren Wiedergaben. Ausschlaggebend, so im Brief vom 16. September 1824, war fĂŒr ihn «sowohl bei den Singenden als Zuhörenden religiöse GefĂŒhle zu erwecken und dauernd zu machen».

So steht Ludwig van Beethoven uns 250 Jahre nach seiner Geburt fĂŒr dreierlei: fĂŒr einen prometheischen Freiheitswillen â€“ fĂŒr eine Selbsterziehung zu christlicher Demut â€“ fĂŒr Kampf um Wahrheit im inneren wie im Ă€ußeren Leben.

Richard Wagner 1870: «Nicht also das Werk Beethovens, sondern jene in ihm enthaltene unerhörte kĂŒnstlerische Tat des Musikers haben wir hier als den Höhepunkt der Entfaltung seines Genius festzuhalten.»


Der Autor spricht am 16. Dezember im Scala Basel zu Ludwig van Beethoven. (Publikum limitiert)

Literatur zum Artikel

Richard Wagner, Gesammelte Schriften, Beethoven. Leipzig 1870.

Rudolf Steiner, Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen. GA 102, Dornach 1974.

Friedrich Oberkogler, Ein Weg zu Beethoven. Freiburg 1970.

Thomas Mann, Dr. Faustus. Frankfurt 1980.

Meinrad Walter, Beethoven, Missa Solemnis. Leinfelden-Echterdingen 2019.

Letzte Kommentare

Facebook