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Lebenslinie

Im Gartenpark des Goetheanum stehen eine Reihe von Skulpturen. Barbara Schnetzler von der Sektion fĂŒr Bildende KĂŒnste betrachtet sie fĂŒr uns.


Im SĂŒden des Urnenhains steht in stiller Bescheidenheit die hohe Granitstele des Bildhauers Gero MĂŒller-Goldegg. Wie ein WĂ€chter hĂŒtet sie in ernster Stille den Frieden des Hains. Mit Hecken, StrĂ€uchern und BĂ€umen in ihrem RĂŒcken empfĂ€ngt die Stele von vorne die Blicke der Wanderer und Betrachter. Sie lĂ€dt ein, einen Moment innezuhalten. Der schwarze Stein zeigt eine zurĂŒckgenommene und deutliche GebĂ€rde. Im Zusammenspiel zweier FlĂ€chen, die aneinander schwingen, entsteht eine kraftvolle Linie, die sich mal als Kerbe und mal als Kante Ă€ußert. Sie fĂŒhrt aufwĂ€rts durch den Stein, nimmt unterhalb der Mitte eine Wende und streckt sich entschlossen nach oben, vertikal ĂŒber den Gigant hinausweisend. Wie der Titel der Skulptur verrĂ€t, zeigt sich in dieser Gestaltung eine Lebenslinie. Das Wechselspiel von gepunkteten Spitzeisenspuren, die dem Stein die Tiefe geben, und der samtig-matte Schliff, der den Stein mit einem aurisch-dunklen Schutz umgibt, zeugen von dem handwerklichen Geschick des KĂŒnstlers. In seiner klaren Aufrechten wirkt der Stein wie ein Menhir der Neuzeit, der Himmel und Erde verbindet.

Die Kindheit des 1928 in Stettin geborenen KĂŒnstlers fĂ€llt in die Kriegsjahre – frĂŒh verliert er seine Eltern. Als Schreinermeister und Absolvent einer Fachschule fĂŒr Holzbildhauerei kommt er nach DĂŒsseldorf, wo er wie Beuys bei Professor Ewald MatarĂ© an der Kunstakademie Bildhauerei studiert. Sein ganzes Leben widmet er der plastischen Kunst, schafft kleine und monumentale Werke aus Stein und Holz. SpĂ€ter wirkt er viele Jahre als Waldorflehrer in Freiburg i. Br. In dieser Zeit beteiligt er sich auch am Saalausbau. Bis zu seinem Tod 2014 bleibt er treues Mitglied der Bildhauergruppe am Goetheanum.

Wer dem KĂŒnstler persönlich begegnet ist und das GlĂŒck hatte, sein Atelier zu besuchen, mag sich wohl durch diese wunderbare Steinskulptur an ihn erinnert fĂŒhlen.


Gero MĂŒller-Goldegg (1928–2014), Lebenslinie, Granit, 220 × 30 × 25 cm, Entstehungsjahr unbekannt.
Foto: B. Schnetzler

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