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Leben in der Wendezeit

Es gibt ein Wort, welches letztes Jahr â€čerfundenâ€ș wurde: AmbiguitĂ€tstoleranz. Es bedeutet, dass man mit etwas lebt, was nicht geklĂ€rt, was â€čambiguousâ€ș ist, zwei Seiten hat und bei dem man nicht weiß, auf was es hinauslĂ€uft â€“ gut oder schlecht, frei oder gefangen, unmenschlich oder um so vieles menschlicher?


Die Chaosforschung fĂŒhrt ja zu der Erkenntnis, dass Neues vor allem aus einem Chaos entsteht. Ist es vielleicht so, dass Ereignisse wie die Coronapandemie uns auffordern, diese Ordnung, in der wir leben, einmal infrage zu stellen und uns auf das Chaos einzustellen, das mittlerweile alles ergreift? Dieser Gegensatz von Chaos und Ordnung trug im alten Griechenland Götternamen: dionysisch und apollinisch. Schon Nietzsche hatte gesagt, dass die europĂ€ische Kultur zu stark auf dem Apollinischen aufgebaut sei. Er plĂ€dierte fĂŒr den Rausch, den Aufbruch, der die alten Ordnungen hinwegfegt. Zum Wandel unserer Zeit scheint zu gehören, dass wir lernen mĂŒssen, mit etwas mehr Chaos im Leben zurechtzukommen.

Was der Himmel schenkt

Paracelsus vertrat die Auffassung, dass jede Generation von Menschen mit ihrer Inkarnation ein StĂŒck Himmel, neue Ideen und AufbrĂŒche mitbringt. Er sagte es als Arzt und er meinte damit, dass jeder Mensch neue Krankheiten in die Welt bringe. Weil die Rezepte der Alten nicht mehr tragen. Ich behaupte, diejenigen, die wissen, wie es geht, die kommen heute nicht weiter, und die, die weiterkommen, wissen nicht, wie es geht. Wir leben ja nicht nur auf der sinnlichen Erde, wir sind eine Erde mit einer geistigen AtmosphĂ€re, einer Elementarwelt, einer Astralwelt, einer Engelwelt, und die ist auch im Wandel. Es ist eine dauernde Bewegung, und diese Wandlungen gehen so schnell, dass der Mensch mit dem Fortschritt, den er veranstaltet, selbst kaum mehr Schritt hĂ€lt. Es sind die jungen Menschen, die in ihrem Willen dabei Impulse haben, sie aber noch gar nicht formulieren können. Und das, was wir heute vor uns haben, im Leben, im Wandel der Zeit, zeigt uns in allen Ecken des Sozialen, des Wirtschaftlichen, auch des religiösen Lebens, dass wir uns in VerhĂ€ltnissen befinden, die von Sackgassen umstellt sind.

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Zum Wandel unserer Zeit scheint zu gehören, dass wir lernen mĂŒssen, mit etwas mehr Chaos im Leben zurechtzukommen.

Preis und WĂŒrde

Der Aktienindex sackte durch die Coronapandemie auf den niedrigsten Stand der letzten Jahre. Der Eurobank-Index, der die wichtigsten GeldhĂ€user der WĂ€hrungsunion enthĂ€lt, taumelt auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren, seit der Schuldenkrise. An den globalen MĂ€rkten sind zehn Milliarden Euro an Börsenwerten vernichtet worden. Es ist erstaunlich, welchen Stellenwert diese Wirtschaftszahlen haben. Ein uraltes Bild aus der Apokalypse zeigt uns, wo wir stehen. In der Apokalypse brechen apokalyptische Reiter hervor, wobei einer eine Waage trĂ€gt. Es wird alles abgegolten in Werten. Und dann schreibt der Apokalyptiker, so und so viel Scheffel Gold fĂŒr so und so viel Getreide. Es wird alles am wirtschaftlichen Wert gemessen. TatsĂ€chlich, wir stehen unter der Fuchtel dieses apokalyptischen Reiters. Eine Kultur, die sich nur nach wirtschaftlichen Zahlen, nach Index, Geld und Prozent misst, ist eine Kultur, die alt wird. Wir brauchen VerjĂŒngung, einen Aufbruch nach innen, der die Dinge nicht nach dem Ă€ußeren Wert, sondern nach der inneren WertschĂ€tzung betrachtet. Mein Verdacht ist, dass zu viele Menschen unter ihrer WĂŒrde leben. Frauen, die ihre Kinder erziehen, viele, die in sozialen Berufen unterwegs sind, erleben: Was ich tue, hat weder seinen wirklichen Preis, noch erhĂ€lt es die WĂŒrde, die ihm entspricht. Es fehlt die WertschĂ€tzung. Wenn jeder nur seinen eigenen Wert einzuschĂ€tzen weiß, dann verkĂŒmmert die AmbiguitĂ€tstoleranz zugunsten der Egomanie: Heime, Schulen, Institutionen, denen vorgerechnet wird, was die einzelnen Stellen kosten. Das ist die Ebene, auf der wir alle arbeiten, wo wir tĂ€glich die Entscheidung treffen mĂŒssen: Will ich das noch machen oder ist es unwĂŒrdig, etwas zu tun, dessen Wert und dessen WĂŒrde keiner sieht? Es ist die Konsequenz, dass alles seinen Preis haben muss und nichts einen Wert. Das ist das Denken dieser Waage, und ich bin ĂŒberzeugt, dass die Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen, das infrage stellen.

Ein neues Zeitalter

Es gibt eine interessante Einteilung der Zeit: Erst ist eine Kultur harmonisch, eins mit sich selbst. Wie das alte Griechenland, wie die Gotik. Dann wird sie heroisch, greift um sich und setzt ihre Werte der Welt als die neuen Werte vor. Das, was in der Harmonie aufgebaut wurde, wird expandiert in die Welt. Das ist Rom gewesen, der römische Gedanke.

Dann kommt es an eine Grenze, die Expansion erlahmt. Das ist die asketische Phase. Manches junge Herz, das heute schlĂ€gt, ist ein Herz der Askese: weniger reisen, weniger fliegen, weniger essen, weniger fordern, weniger konsumieren, weniger Ego. Wir sollten erkennen, die Aufbauzeit des heroischen Nachkriegszeitalters ist vorbei. Das ist keine Krise, in der wir sind, sondern es ist ein neues Zeitalter. Und die Handlung geht in einem solchen neuen Zeitalter so, dass hinter dem Asketischen, dem ZurĂŒcknehmen, der Selbstbescheidung das NĂ€chste auftaucht: das vierte, das Messianische. Mit messianisch meine ich nicht, dass jetzt ein Messias kommen muss, der der Welt eine Richtung weist, aber ich meine, die Menschen erwarten Menschenbotschaften. Einzelne, die aus dieser Askese eine Reinheit zeigen und eine Welt, die es zu heiligen lohnt. Wir haben eine Sehnsucht nach dem Messianischen. Daher der Populismus, daher das Hinterherrennen hinter starken Figuren, daher das allmĂ€hliche Verschwinden des Weiblichen der Frau aus den öffentlichen Ämtern. Es ist ja ein Kuriosum, dass wir vor 20, 30 Jahren mehr FrauenreprĂ€sentanz hatten als jetzt. Die WertschĂ€tzung dessen, was sich nicht zĂ€hlen, wĂ€gen, messen lĂ€sst, ist immer eine Barriere fĂŒr das weibliche Element in der Kultur, wenn sie fehlt.

Rudolf Steiner sagt in einem frĂŒhen Vortrag, das Geheimnis des Geheimnisses fĂŒr die nĂ€chsten zwei-, dreihundert Jahre des Zusammenlebens sei die Auslöschung des Egos durch die Tat. Was ist gemeint mit Geheimnis? Die Mitte des Geheimnisses ist nicht das Verschwinden des Egos und des Egoismus, das predigen viele, sondern die Aufhebung des Ego durch die Tat. Dass du, indem du von innen her, aus dem Kern heraus, aus dem Herzen heraus beginnst, zu handeln, auslöschst, was die Außenseite des Egos ist. Und jetzt erwĂ€hnt er fĂŒnf Dinge. Es sind diese fĂŒnf Dinge, die ein Bild fĂŒr das geben, worunter wir alle leiden und was wir nicht aus der Zivilisation rausbekommen.

Die IdentitÀt des Nationalen

An erster Stelle nennt er die IdentitĂ€t des Nationalen. Wir verstehen jetzt, was er mit Ego meint. Er meint gar nicht den Besitz- oder Geltungstrieb. Er meint damit das Sich-Berufen auf das, als was du geworden bist. Jeder von uns ist natĂŒrlich gewordener Teil einer Nation oder einer MentalitĂ€t. Sich darauf zu berufen, das sagt er, ist der erste große Widerstand, der sich den Wandlungen, die geschehen wollen, entgegenstellt. Du musst lernen, dich ĂŒber das Nationale zu heben. Nun haben wir in der Schule gelernt, der Nationalismus sei im 19. Jahrhundert zu seinem Höhepunkt gekommen, habe dann im Faschismus des 20. Jahrhunderts noch einen schlimmen letzten AuslĂ€ufer gehabt und sei jetzt ĂŒberholt. Das Gegenteil ist der Fall, er blĂŒht ĂŒberall wieder auf. Auch in der Jugend blĂŒht er auf, wo der Nationalismus die Stange ist, an der sich derjenige festhĂ€lt, der den Himmel, den er mitgebracht hat, nicht mehr findet. Wenn junge Menschen ins Nationalistische tendieren, dann scheint es mir, als finden sie nicht, wo sie sich bei ihrer Inkarnation beheimaten wollen.

Das Ego drĂŒckt sich aus im Stand

Der zweite Punkt, den Rudolf Steiner erwĂ€hnt, das ist uns bekannt: Das Ego drĂŒckt sich aus in der sozialen Stellung. Warum wollen breite Kreise der Bevölkerung keine Arbeiten mehr machen, die nur noch AuslĂ€nder machen, auf die dann gleichzeitig geschimpft wird? Wir propagieren gerne BrĂŒderlichkeit, die diesen StandesdĂŒnkel oder dieses Standeselend durchbrechen kann, aber solange sie nur postuliert wird und einem kein Bedarf ist, greift sie nicht.

Wir haben in der Schweiz ein seltsames PhĂ€nomen: Wir sind stolz auf Pestalozzi. Er war ein ReformpĂ€dagoge, er hat erfolgreich Schule gegeben und immer wieder Bankrott gemacht. Er war ein liebender Vater fĂŒr die Kinder, die er da sammelte und klassenĂŒbergreifend Tag und Nacht betreute. Daher wird er bei jeder pĂ€dagogischen Feier als das Urbild der schweizerischen pĂ€dagogischen Ethik genannt. Daneben steht (und da braucht es wieder AmbiguitĂ€tstoleranz), dass Sie im Schweizer Volksmund, wenn sie um 20 Franken gebeten werden, mit den Schultern zucken und sagen: «bi doch kai Pestalozzi». Es ist ein Synonym fĂŒr: Ich bin doch nicht verrĂŒckt. Das ist diese Spanne, die man aushalten muss. Pestalozzi ist einerseits ein Ideal, aber lebt jemand danach, sagt man, er ist nicht ganz von dieser Welt. Das ist aber nur die Spitze eines Eisbergs. Ich möchte fast die Hand ins Feuer legen, bei jedem von uns gibt es solche Punkte, wo man ein hohes Ideal grandios findet, aber dennoch sagt: Ich bin doch nicht so verrĂŒckt, dass ich das jetzt mache! Das bricht jetzt auf. Diese Ambivalenz konnte lange Zeit durch Wohlstand, Sicherheit und eine soziologische Betriebsblindheit ĂŒberbrĂŒckt werden und jetzt ist die Zeit, wo das nicht mehr geht, es kommt alles an den Tag. Was ist eine michaelische Zeit? Was ist jetzt das zweite Drittel dieser Epoche? Es ist immer eine Zeit schnellen Wechsels der Dinge und es ist eine Zeit, wo alles ans Licht kommt. In royalen Familien, in der Filmindustrie und in Familien von Wirtschaftstreibenden, da geschieht jeden Tag ein SĂŒndenfall, der breitgetreten wird. Neu sind nicht die VorfĂ€lle, neu ist, dass wir uns kaum noch mit etwas anderem beschĂ€ftigen können. Weil wir nicht wissen, wie wir damit umgehen mĂŒssen, wenn die Figuren, die gestern noch nett waren und honorabel, heute in der IllegalitĂ€t stehen. Am Ende sagt man selbst: Ich glaub gar nichts mehr. Dann lacht Mephisto, denn nichts hat er lieber, als wenn man gar nichts mehr glaubt. Es ist der Zustand, wenn Sie sagen: «Ich bin dermaßen ohne Hoffnung, dass ich gar nichts mehr glaube.»

Das Geschlechtliche

Als dritten Punkt nennt Rudolf Steiner das Problem des Geschlechtlichen, die SexualitĂ€t. Man hat jahrhundertelang so getan, als gĂ€be es sie gar nicht. Alles Geschlechtliche war versteckt. Jetzt heute ist es umgekehrt: BĂŒhnenstĂŒcke, Filme, Werbung, Beziehungen, alles wird unter dem Blickpunkt der SexualitĂ€t gesehen. Da denkt man an Rudolf Steiners schönen Satz aus dem Vortrag in ZĂŒrich, wo er sagt: Die BrĂŒderlichkeit ist das, was der Engel heute mitgibt, den jungen Menschen gibt, und wo sie nicht gelebt wird, wird sie als Sexualisierung sichtbar. Das sagt er, wobei vor hundert Jahren kaum jemand gewusst haben mag, was das heißen könnte: die Sexualisierung der Gesellschaft. Das Thema deckt alles zu und wir mĂŒssen uns da wieder freikĂ€mpfen. NatĂŒrlich ist es richtig, dass SexualitĂ€t nicht mehr tabuisiert wird, aber es kann nicht richtig sein, dass man alles unter dem Gesichtspunkt des Sexuellen taxiert. Dadurch ist etwas in die Welt gekommen, was vielen alten Menschen den Zugang zur gegenwĂ€rtigen Kultur verbaut, weil sie sich darauf nicht einlassen wollen.

Der Rassismus

Das, was das Ego nĂ€hrt und ihm die Freiheit nicht lĂ€sst, das ist die Rasse. Was heute wieder hervorkommt, ist nicht zu sehr der biologische Rassismus, aber sehr wohl der kulturelle â€“ dass die Herkunft aus der Bildung, der Kultur, der MentalitĂ€t deiner Vergangenheit dich zum Rassisten macht und du den, der eine andere Herkunft, eine andere Kultur, eine andere Bildung, eine andere Vergangenheit hat, als Bedrohung deines Lebens empfindest. Es ist vorbei, es geht nicht mehr, und weil es vorbei ist, kreiert es Exzesse von Gewalt. Und jeden Tag, wenn Sie das ĂŒberhaupt noch hören wollen, können Sie hören, dass solche Exzesse stattfinden und dass sie schon in KindergĂ€rten stattfinden. Dass sie sich wie eine Folie vor das Menschsein schieben und etwas anderes zudecken. Der Ausweg heißt, wir lernen zu schĂ€tzen, was der oder die andere tut, was seine Ideen sind, was ihre AufbrĂŒche sind, und wir lassen uns nicht davon blenden, was er oder sie in der Vergangenheit war. Was ist das fĂŒr eine großartige Sache, wenn man in einer Institution arbeitet und jemand kommt und sagt: Ich habe jetzt Rente, brauche kein Geld mehr zu verdienen. Ich war frĂŒher verantwortungsvoll innerhalb der Vermittlung fĂŒr Arbeitsstellen fĂŒr Behinderte tĂ€tig, habe das hinter mir gelassen und helfe euch jetzt, wo es nötig ist. Putze, rĂ€ume auf, ersetze Kreiden und bin froh, wenn ich mich einbringe. Was ist das fĂŒr eine grandiose QualitĂ€t, wenn das unter den Menschen greift? Und sagen Sie jetzt nicht: Es ist ein schönes Ideal, aber die Welt ist nicht so. Sagen Sie: Ich weiß nicht, wie die Welt ist, ich weiß höchstens, wie ich bin. Bei sich im kleinen Kreis mĂŒssen Sie anfangen. Plötzlich beginnt es, um sich zu greifen. Das ist dann ein gutartiges Virus.

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Wenn wir sagen, es ist ein neuer Himmel herabgekommen in den letzten Jahrzehnten, dann ist das nirgendwo so deutlich sichtbar wie in der Digitalisierung unserer Welt.

Das Religiöse

Was Rudolf Steiner dann nennt, das ĂŒberrascht: Das ist das Religiöse. Die Religion als eine Quelle, die das Ego speist und nicht die gute Tat. Im Rosenkreuzertum galt dieser Satz: Die Wahrheit steht ĂŒber allen Religionen. Religion zu verstehen als die ganz individuelle Suche nach dem Allgemeinen, das alle Menschen verbindet, dem einen als Hindu, dem anderen als Jude, der Dritten als Christin, dem Vierten als Moslem, der FĂŒnften als Atheistin oder Veganerin. An irgendetwas glaubt jeder. Das ist seine WĂŒrde, das ist sein Innenleben, dann gibt es keine Macht der Welt, die das Recht hĂ€tte, zu sagen, dass meine Religion wahrer ist als deine. WĂŒrde das um sich greifen, dann wĂŒrden sich die alten KrĂ€fte des Egos durch die KrĂ€fte des Menschenerkennens langsam zerstĂ€uben. Es ist fĂŒr eine christliche Gemeinschaft schwierig, weil sie als die letzte Religion in die Welt gekommen ist. Der Islam hat sich nicht als â€čneueâ€ș Religion definiert, sondern als Wiederherstellung einer alten. FĂŒr den Christen ist ja auch immer der Gedanke da, dass er gerne möchte, dass das Christliche die Wahrheit aller sei. Aber das geht nicht. Es geht auch deswegen nicht mehr, weil die Menschen im Laufe ihrer Inkarnationen verschiedene Stufen der religiösen Suche durchlaufen. Deine Wahrheit ist deine Wahrheit, meine Wahrheit ist meine Wahrheit. Ich verlange nicht, dass meine die deine sei. Sobald man den Menschen vorzuschreiben versucht, durch was sie religiös auf dem richtigen Weg sind, verlieren sie den Frieden. Siehe Frauensakramente, siehe Zölibatfrage. Und Sie sehen, wie zwischen den LĂ€ndern der Welt der Friede nicht kommen kann, weil er immer noch durch religiösen Fanatismus bedroht ist. Es ist die Sprache der Vergangenheit. Es ist der Wandel des Lebens, in dem wir heute leben, dass wir verstehen mĂŒssen, dass hier neue Welten aufgebrochen sind.

Die Digitalisierung der Welt

Wenn wir sagen, es ist ein neuer Himmel herabgekommen in den letzten zwanzig/dreißig Jahren, dann ist das nirgendwo so deutlich sichtbar wie in der Digitalisierung unserer Welt. Es war ein gewaltiges demokratisches Bild â€“ Demokratie im Wandel. Es zeigt sich auch, dass dieses demokratische Bild nicht mehr stimmt. Dieses Netz ist zu einem riesigen Staubsauger verkommen. Es saugt alles ein, was da ist, wertet nicht, scheidet nicht aus und fĂŒhrt zu einer solchen FĂŒlle von Wissbarem, dass in dieser FĂŒlle das Nichts regiert. Und das ist eine fast religiöse Haltung der Gegenwart geworden. Heute ist die Rede von papierfreiem Klassenzimmer, kreidefreier Wandtafel. Alles wird getippt, der Lehrer hat ein Schaltpult und kann sich jederzeit dazu einschalten, was jeder fĂŒr Notizen macht. Diese Form hat Rudolf Steiner einmal das Wiederheraufleben eines ganz alten Zustandes genannt. Sie können zum Beispiel in den VortrĂ€gen ĂŒber die Apokalypse etwas Interessantes finden. Er sagt, die sieben Posaunen sind die letzte Kulturzeit der Erde. Bei der fĂŒnften Posaune lösen sich gewaltige Erdbeben aus. Die Sonne wird schwarz und der Mond blutrot und es fallen die Sterne vom Himmel. Das sind Bilder, die wir dann wirklich als apokalyptisch bezeichnen. Und dann heißt es noch: Der Himmel verschwindet, er rollt zusammen wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt. Was bedeutet das, fragt er. Und dann kommt eine ganz erstaunliche Antwort. Er sagt: Das wird die Stufe der Erdentwicklung sein, wo alles das, was der Mensch an unternatĂŒrlichen Energien in die Erdentwicklung hineingesetzt hat, zurĂŒckschlĂ€gt. Vorher wird sich die Erde, der Mensch nicht in eine EndgĂŒltigkeit verwandeln können. Das hat alles seinen Preis, das kommt alles zurĂŒck. Du kannst die ganze Lebensform digitalisieren, du kannst die ganzen Daten der Menschheit in Algorithmen auflösen, es kommt alles eines Tages zurĂŒck. Wenn das aufgelöst werden muss, damit die Erde in Frieden sterben und der Mensch in Frieden weitergehen kann, dann wird zuerst ein Zustand erlebt werden, in dem sich die ganzen natĂŒrlichen KrĂ€fte ins Gegenteil verkehren und in dem Menschen vor Augen halten, was er da eigentlich hinterlĂ€sst. Darum ist die Sonne nicht mehr Licht, sondern schwarz. Darum ist der Mond nicht mehr unbeseelt, sondern blutrot. Darum ist der Himmel ĂŒber dir plötzlich weg, weil du nicht mehr weißt, in welchem Zusammenhang du stehst. Ein gewaltiges Bild. Wir haben uns ja ein bisschen zu sehr daran gewöhnt, solche Bilder nur als Apokalypse zu sehen und dann zu sagen, Apokalypse ist eine Katastrophe, aber das ist sie nicht. Zu dem Wandel, in dem wir stehen, zu dem Leben in der Wendezeit gehört auch der Gedanke: Wenn etwas apokalyptisch ist, dann offenbaren sich neue KrĂ€fte. Neue KrĂ€fte treten ans Licht und der Mensch tritt mit ihnen ans Licht. Aber indem sie sich offenbaren, muss er gewissermaßen zuerst in sich selbst wieder ein Gleichgewicht herstellen. Das ist ein herrliches Bild.

Ich bin der Letzte, der jetzt mit Untergangsvisionen drohen möchte, aber ich möchte sagen: Es gab immer ein GespĂŒr dafĂŒr in der Menschheit, dass alles, was du tust, wo du ĂŒbergriffig wirst, auf andere Menschen, auf die Energien, die in der Erde ruhen, und auf die KrĂ€fte, die du energetisch entfesselst, irgendwann zurĂŒckschlĂ€gt. Irgendwann schlĂ€gt es zurĂŒck und das spĂŒren die Menschen (ich glaube, daher kommen auch die sogenannten Verschwörungstheorien). Viele Menschen spĂŒren, dass es zu all dem, was geschieht, eine Gegenwelt gibt. Aber diese ist schwer zu greifen und dann denk man sich oft aus: Da sind KrĂ€fte dahinter, die sich gegen die Gegenwart verschworen haben. Und dann kann man das, was man sonst nicht erklĂ€ren kann, sehr gut erklĂ€ren. Weil nĂ€mlich ein anonymer, verschworener Gruppentext dahintersteht. Ich glaube, es ist ein Ausdruck davon, dass wir in uns ein GespĂŒr dafĂŒr haben, was das alles fĂŒr ein Ende nimmt und dass es kein gutes Ende nimmt. Damit sind wir wieder bei dieser asketischen Phase.

Im Netz unsterblich

Wer genauer schaut, stellt auch fest, dass nicht nur die Unwahrheit plötzlich auf gleicher Ebene wie die Wahrheit und das geschaffene Faktum erscheinen, sondern gleichzeitig erlebt er oder sie auch eine Art Unsterblichkeit. Das Netz ist nichts Biologisches. Es verwest nicht, es verdirbt nicht, und was du vielleicht mit 15 hineingibst, das ĂŒberlebt dich. Man wird 50 und das ist immer noch drin und 70 und es lebt im Netz weiter. Ist das die moderne Form digitaler Unsterblichkeit? Oder ist es ein Horror? Wenn Sie Wagner studieren, und jeder Mensch muss sich mal mit Wagner beschĂ€ftigen, dann stoßen Sie da schon in einem frĂŒhen Werk auf eine Gestalt, deren Hauptproblem es ist, dass sie nicht sterben kann. Das ist der fliegende HollĂ€nder. Der hat sich seine Seele verhökert und jetzt kann er nicht sterben. Auch dann nicht, wenn er will. Er bohrt sein Schiff in den tiefsten Meeresgrund und das Meer speit ihn wieder aus. Er kann nicht sterben. Ein Thema ĂŒbrigens, das sich durch Wagners ganzes Werk zieht, bis hinauf zum Parzival. Dass da eine Schuld wie ein Fluch auf einem Menschen liegt und dass er dadurch seinem Entwicklungsprozess entfremdet wird. Das ist das, was das Netz nebst Gutem und Beschleunigtem und Vereinfachendem in sich hat, auch dieses, dass du darin nicht sterben kannst und dass es eine SphĂ€re ist, in der du wie ein DoppelgĂ€nger weiterlebst. Das hat Steiner tatsĂ€chlich als Ausdruck gekannt: ein elektronischer DoppelgĂ€nger. Es kann etwas von dir in einer Weltenkraft eingeschlossen weiterleben, sogar in der Zukunft. Aber das, was du da nicht bist und lĂ€ngst nicht mehr bist, hĂ€ngt sich an dich wie ein Bleigewicht und hemmt deine Entwicklung. Funknetze wie 5G bedeuten nicht nur selbstfahrender Verkehr und vernetzte Weltzonen viel schneller miteinander in Beziehung zu setzen, es bedeutet nicht nur eine intensivierte Bestrahlung der einzelnen Menschen. Vor allem bedeutet es eine nie dagewesene Verdichtung der Einnetzung dieser Welt in eine menschgeschaffene Sache. Ich habe hier den Eindruck, dass die Menschen, die das nicht wollen, zu sehr auf die Gesundheitsfrage konzentriert sind und viel weniger auf die Zukunftsfrage und die Sterbefrage. Was geschieht, wenn wir auf der ganzen Erde, die ja heute schon von Zigtausenden Satelliten umschwĂ€rmt wird, dieses Netz nochmals verdichten? Könnte es sein, dass mit der Zeit die Menschen nach dem Tod durch diese Welt hindurch schwer wegkommen von der Erde? Gehört das zu den Wandlungen der Zeit, dass dieser Segen des Unsterblichen ein Fluch ist?

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Die Zeit ist vorbei, wo Sie alles, was Sie beschĂ€ftigt, aus BĂŒchern ziehen mĂŒssen. Sie ziehen es aus dem Schlaf. Sie können sich fragen, wenn Sie schlafen gehen: Was ernĂ€hrt diese Nacht?

Schlafen, staunen und lieben

Wie kommen wir aus dem Ganzen heraus und finden wir dazu die Kraft? Wir haben in der Anthroposophie und der ihr verwandten Menschenmethode der Schulung drei Mittel, dem etwas von innen entgegenzustellen. Aber wir haben im Inneren ganz konkret drei große KrĂ€fte. Die erste Kraft ist der Schlaf. Was wir pflegen mĂŒssen, ist die Tiefe des Schlafs, und zwar auch das Bewusstsein des Schlafs. Ich halte das Gewinnen von TagesfrĂŒchten aus dem Schlaf heraus fĂŒr eine der grĂ¶ĂŸten Gaben, die der gegenwĂ€rtige Mensch hat. Die Zeit ist vorbei, wo Sie alles, was Sie beschĂ€ftigt, aus BĂŒchern ziehen mĂŒssen. Sie ziehen es aus dem Schlaf. Sie können sich fragen, wenn Sie schlafen gehen: Was ernĂ€hrt diese Nacht? Was war da an Positivem, an Schönem? Was trage ich in diese Nacht hinein? Die eine HĂ€lfte des Kernsatzes der Gesundheit heißt: der Tag ernĂ€hrt die Nacht. Die andere HĂ€lfte heißt: die Nacht ernĂ€hrt den Tag. Wenn du morgens aufwachst, lass, bevor du gleich wegspringst, die Kaffeemaschine andrehst oder dich auf die Zeitung stĂŒrzt, den Gedanken in der Seele zu: Die Nacht ernĂ€hrt den Tag. Sie werden sehen, dass im Lauf des folgenden Tages hinter Ihnen gleichsam ein Schutzschild aufgeht, der Sie mit dem inspiriert, was Sie zur rechten Zeit brauchen. Die Nacht begabt uns mit dem, was wir nicht ganz vollendet leisten am Tag. Dem stellen wir dieses innere Licht entgegen, das von außen her die Sonne verdunkelt.

Als Zweites stellen wir diesem rot werdenden Mond, der zeigt, dass alles ein falsches Astralisches geworden ist, die innere Kindlichkeit entgegen. Wieder werden wie ein Kind, staunen können, lachen können, nicht so schlau sein mĂŒssen, nicht alles wissen und schon gar nicht alles besser wissen. Einfach staunen können, was es nicht alles gibt. Ich sage Ihnen, statt die Dinge zu verurteilen, wenn Sie sie hören, oder gleich zu verherrlichen, gewöhnen Sie sich daran, einfach mal zu sagen: erstaunlich! Dann ist aller Raum offen. Das ist praktizierte AmbiguitĂ€tstoleranz. Neben Schlaf und innerer seliger Haltung nenne ich als Drittes die Liebe, das, was das Ich des Menschen aufrichtet, wo es vom Ego geknickt wird. Es ist die Seele, die zur Urliebe hinstrebt. Das ist der Mensch, der sich berĂŒhren lĂ€sst, das ist der Mensch, der Sympathie ausstrahlt, der nicht besser weiß, sondern hilft. Was soll denn dieser Welt aufhelfen, in dieser digitalisierten ErkĂ€ltung, in der wir alle da sind, wenn nicht KrĂ€fte der WĂ€rme und der Liebe?


Nach einem Vortrag in Salzburg am 7. MĂ€rz 2020

Bilder: Anne Deuter, KĂŒnstlerin aus Leipzig, malte in den letzten Wochen 92 Himmel. Eine kleine Auswahl zeigen wir in diesem Artikel. â€čEin StĂŒck vom Himmelâ€ș, Aquarellzeichnung, Dia-BlindprĂ€gung auf Papier, 9 × 13 / 8 × 12 cm, Leipzig 2020.

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