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Land-Wirtschaften zwischen Hof und Welt

Assoziatives Wirtschaften ist nachhaltiges Wirtschaften, weil es niemals außer Acht lĂ€sst, was ich und meine Welt brauchen. Aber was genau meint es? Wie genau soll es funktionieren? Wie groß ist der Kreis der Akteure? Und schließt es in seinem geistigen Anspruch nicht auf konsequente Weise den Kreis zur Natur, die auf unsere VerantwortungsĂŒbernahme angewiesen ist? In vier Tagen, zwischen dem 6. und 9. Februar 2019, entstand ein vibrierendes Feld von noch mehr Fragen, Antwortversuchen, Praxiserfahrungen und konkreten Gesichtern, deren Gemeinsamkeit die Liebe zum gesunden Wirtschaften mit den FrĂŒchten dieser Erde bildete.


Ich bin fĂŒr eine BĂ€uerin gehalten worden und das hat mich irgendwie gefreut: All diese tatdurchkrafteten Menschen, denen ihr Verwachsensein mit der Erde anzusehen ist, stellen sich den schwierigen UmstĂ€nden, wagen einen Spagat zwischen Naturschutz, Landwirtschaften und der Marktwirtschaft, in dem der Mensch weder in seinen BedĂŒrfnissen noch in seiner Verantwortung zu kurz kommt. Sie kamen in diversem Gefieder daher und selten habe ich das Goethe­anum-Publikum so bunt gekleidet erlebt. Fast 800 Menschen aus 40 Nationen. Übersetzt wurde permanent in fĂŒnf Sprachen. So vielseitig die Menschen selbst, so vielseitig auch das Programm, welches das Team der Landwirtschaftlichen Sektion fĂŒr dieses Jahr zusammengestellt hatte. Es bewegte sich durch fast alle Kontinente und wartete mit unzĂ€hligen konkreten Beispielen fĂŒr assoziatives Wirtschaften in und mit der Landwirtschaft auf.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich nur im â€čNationalökonomischen Kursâ€ș nachzulesen brĂ€uchte, was das Assoziative sei, und ein Rezept finden wĂŒrde, konkrete Angaben, die Rudolf Steiner geliefert hat. Mir war nicht klar, wie kompliziert und auf seine Art doch konsequent einfach es ist, weil das Assoziative den Bogen zur Philosophie der Freiheit, zum freien Menschen schlĂ€gt. Ueli Hurter endete seinen Abschlussvortrag mit dem Gedanken, dass wir die beiden zu kultivierenden Felder der Natur und des Sozialen nicht um einer heilen Welt willen beackern, sondern weil unser Wille zu einem wĂŒrdigen Menschsein strebt. Und jeder Versuch in dieser Richtung, ohne Rezept und in seiner PartikularitĂ€t, ist mehr wert, als darauf zu warten, dass sich von außen die idealen Bedingungen einstellen werden.

Begonnen hat die Tagung, die sich dem Zusammenhang und dem Unterschied von Landwirtschaft und Wirtschaft allgemein widmete und damit den Raum fĂŒr das BrĂŒderliche zwischen Mensch, Natur und Kosmos anfragte, mit einem beeindruckenden Beispiel von SelbstermĂ€chtigung. Maaianne Knuth, die in Simbabwe das Learning Village â€čKufundaâ€ș begrĂŒndet hat, schilderte sehr warmherzig die Notwendigkeit, zuerst bei sich selbst anzukommen, bei seinem Wert als Mensch, bei seinen Wurzeln und seinen eigenen echten BedĂŒrfnissen, die es zu unterscheiden gilt von den astralischen WĂŒnschen und SehnsĂŒchten. Dann erst kann man gemeinsam an einer Welt bauen.


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Dass das koloniale Erbe Europas einem Großteil der Welt in seinem Selbstwert und -verstĂ€ndnis eine Wunde geschlagen hat, die man als Vorbedingung fĂŒr den globalkapitalistischen Fortschritt und Reichtum der westlichen Welt lesen kann, ließ verstehen, warum die assoziativ-landwirtschaftlichen Initiativen auf anderen Kontinenten, wie zum Beispiel die indische Timbaktu-Kooperative, diese große und klare Tatkraft entwickeln. Ich habe mich gefragt, gegen wen und welches aufgestĂŒlpte Menschenbild sich ein durchschnittlicher Verbraucher in Westeuropa auflehnen kann, wenn er sich der traumwandlerischen Kapitalmarktparole â€čWare erzeugt BedĂŒrfnisseâ€ș und dem â€čGlauben an meinen eigenen Profitâ€ș entziehen will? Welches sind unsere Bilder, unsere Wurzeln, die uns ermöglichen, zu etwas zurĂŒckzukehren oder auch darauf zuzugehen? Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit sind die Zuordnungen im dreigliedrigen sozialen Organismus.

Ja, es gibt ein wachsendes Bewusstsein und Menschen, die sich engagieren. Die seit Mitte der 1980er-Jahre weltweit aktive Solawi-Bewegung (in Amerika CSA genannt, in Japan Teikei, in Frankreich AMAP), in der sich Verbraucher und Erzeuger zusammenschließen und in Transparenz am runden Tisch besprechen, wie hoch der Preis fĂŒr eine Abokiste BiogemĂŒse sein muss, damit der Bauer ohne Einkommenssorgen seine Arbeit machen kann, hat es bis heute in Deutschland zu einem Netzwerk mit 200 eingetragenen Kooperativen gebracht. Interessanterweise finden sich diese Wirtschaftsweisen nicht im Sektor der konventionellen Landwirtschaft, sondern nur in der biologischen und biodynamischen Landwirtschaft. Auch die vielen unterschiedlichen Biozertifizierungslabels sorgen fĂŒr eine Transparenz dem Verbraucher gegenĂŒber. Er kommt mitunter zu dem Punkt, dass er frei entscheiden kann, je nach Geldbeutel, welche Sachen er konsumieren will. Diese Transparenz muss aber noch ausgebaut werden, wenn wir globaler und ganzheitlicher denken und handeln wollen.

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Der beste Weg, BiodiversitÀt zu erhalten, ist, sie zu teilen.
— Fausto, Bauer und Unternehmer

Ich als Verbraucher wusste zum Beispiel nicht, dass meine Demeter-Möhre zum Großteil aus Syngenta- oder Mon­santo-Saatgut stammt, weil der Markt fĂŒr biodynamisch gezĂŒchtetes Saatgut verschwindend gering ist und mit so wenig finanziellen Mitteln auskommen muss, dass man in der Wertschöpfungskette eigentlich noch vor dem Bauern den ZĂŒchter setzen und ihn auch am runden Tisch der Preisverhandlung haben sollte. Peter Kunz, der mit der landwirtschaftlichen Sektion in der Fachgruppe Saatgut zusammenarbeitet, stellte die bisherigen Ergebnisse dieser Arbeit in einem Workshop vor. Der Aspekt, dass Saatgut eigentlich Gemeingut ist, das seit Jahrtausenden nicht privatisiert war und sich aus der agrikultivierenden Arbeit der Menschen aller Kontinente entwickelt hat, kann fĂŒr den Verbraucher eine TĂŒr aufstoßen zum Verstehen der BrĂŒderlichkeit und des Kreislaufes in der Landwirtschaft, in dem wir uns alle befinden.

Es macht auch etwas mit mir als Verbraucher, wenn ich von meinem Saftlieferanten Boris Voelkel, der schlicht und humorvoll sein Referat auf der BĂŒhne hielt, höre, wie er die Preise mit seinen Obstbauern verhandelt, wenn ich erleben kann, wie er selbst die Welt sieht, wenn ich ihn ĂŒberhaupt mal zu Gesicht bekomme. Irgendetwas anderes ist da anwesend, ein Mehr, das nicht auftritt in den Großdiscountern, ein Mensch. Meine Ware bekommt eine IdentitĂ€t.

 


WĂ€hrend des Workshops â€čWie findet man einen gerechten Preis fĂŒr die Wiederbelebung der Landwirtschaft?â€ș

WĂ€hrend des Workshops â€čWie findet man einen gerechten Preis fĂŒr die Wiederbelebung der Landwirtschaft?â€ș

 

Meine Verantwortung als Konsument fĂŒr die Welt schöpfe ich aus der Einsicht, dass ich nicht nur das Produkt genieße und dieser Genuss und meine Verantwortung mit dem Preis abgegolten ist, sondern ich mit ihm die Arbeitsleistung eines anderen Menschen verspeise, die er an dem Produkt geleistet hat. Was die Natur uns bereitwillig schenkt, ist ebenfalls ein Blickwinkel. Auch den Mehrwert, der das ökologische Gleichgewicht betrifft bzw. mich in diesen Kreislauf einbettet, finanziert der Preis mit. Ueli Hurter hatte in seinem Aufsatz â€čEin gemeinsamer Bodenâ€ș (â€čGoetheanumâ€ș Nr. 5, 2019) auf den komplexen dreigliedrigen Zusammenhang unseres sozialen Organismus verwiesen, auf dessen Ineinandergreifen. Er nannte den â€čLandwirtschaftlichen Kursâ€ș und den â€čNationalökonomischen Kursâ€ș Geschwister. Welchen Wert schenke ich als Verbraucher in der Lebensmittelwertschöpfungskette also der Banane, die ich konsumiere? Was den landwirtschaftlichen Kreis betrifft, ist der Verbraucher die Stelle, wo sich der Kreis schließt und er durch die Honorierung der Arbeit am Boden, des Bauern etc. den Wert dieser Arbeit mit seinem Geld wieder zurĂŒckfließen lĂ€sst (wenn es denn beim Bauern ankommt!). Aber der Verbraucher ist auch ein Mensch mit seinen ganz eigenen FĂ€higkeiten, die sich auch auf anderen Feldern des sozialen Organismus ausleben können und dort ihren Wert hineinströmen lassen.

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Wie wir uns sozial organisieren, hÀngt davon ab, welchen Sinn wir im Leben sehen.
— Volkert Engelsman, HĂ€ndler und Unternehmer

Sowohl sozial als auch wirtschaftlich und ökologisch gedacht, zeigt sich speziell an der Landwirtschaft etwas von unserem Wesen als Ganzem. Die biodynamische Landwirtschaft hat darin einen besonderen Platz, weil sie fĂŒr diesen ganzheitlichen Ansatz steht, sagte der GeneralsekretĂ€r von Demeter International und ehemalige Bauer Christoph Simpfendörfer in seinem Vortrag. «Bei der Umstellung auf biodynamischen Anbau ist die sozioökonomische Situation immer auch im Blickpunkt. Wir haben viele sehr vorbildliche Betriebe, die langfristige Partnerschaften aufgebaut haben und faire Beziehungen leben. In der aktuellen dynamischen Marktentwicklung mit immer mehr und auch grĂ¶ĂŸeren Betrieben stehen wir aber vor Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen auf dem Biomarkt und unserem ganzheitlichen Ansatz. Allerdings sind immer mehr Verbraucher bereit, soziale und ökologische Leistungen auch wertzuschĂ€tzen.»

Landwirtschaft kann der Ort der Selbstbestimmung sein, weil sie dem Homo oeconomicus einen Spiegel vorhĂ€lt. Sie spiegelt unsere notwendige Ganzheitlichkeit wider, deren Missachtung zu KlimaerwĂ€rmung und sozialer KĂ€lte fĂŒhrt. Sie ist ein Hotspot fĂŒr die gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit geworden. Irgendetwas scheinen die Menschen weltweit davon zu spĂŒren, denn das Interesse an der Art und Weise des Landwirtschaftens, der QualitĂ€t unserer Lebensmittel, der fairen Marktbedingungen wacht auf und wĂ€chst.

Ich habe einem spanischen HĂ€ndler wĂ€hrend des guten Mittagessens, das ich viel bewusster geschmeckt habe als sonst, erklĂ€rt, dass das deutsche Wort â€čBauerâ€ș mit dem Wort â€čbauenâ€ș zusammenhĂ€ngt. Wenn sich auch der HĂ€ndler als ein â€čBauerâ€ș begreift, ein Gestalter sozialer Felder, kann von diesem Ort der Wertschöpfungskette sehr viel erreicht werden. Volkert Engelsman hat das in seinem Referat ĂŒber die Arbeit seiner Firma Eosta sehr eindrĂŒcklich zeigen können. Und auch hier kann man fragen, wie ein HĂ€ndler dazu kommt, nicht nur an seinen Profit zu denken? Engelsman als Wirtschaftszahlen- und Geldmensch weitet den Begriff von Profit ebenfalls in die Ganzheitlichkeit aus. Es ist durchaus profitabel, wenn der Gewinn darin besteht, die Ressourcen der Erde zu schonen, die GewĂ€sser sauber zu erhalten. Es spart erhebliche Kosten, wenn wir nicht zu den auf die KĂŒrze geschauten Anwendungen von Spritzmitteln noch Milliarden von Euro ausgeben, um die SchĂ€den im Grundwasser oder unserer Gesundheit wieder zu beseitigen. Er vertritt zusammen mit Kollegen weltweit die Auffassung, dass die Verursacher dieser Verschmutzung auch die Kosten zu deren Beseitigung tragen sollten. Und dieses Politikum kann heute im Rechtsleben durchgetragen werden. Wenn dieser Gedanke dem Verbraucher durch konkrete Zahlen transparent gemacht wird, entsteht auch ein Bewusstseinswandel. Die grĂ¶ĂŸte Informationsverbreitungsmöglichkeit liegt in der Hinsicht bei den Vermarktern. Aber auch sie können nur aus ihrem Selbstbewusstsein als Teilhaber an einer ganzen Welt zu anderen Lösungen kommen, nicht aus einem wirtschaftlich gedachten «Ich bin meine eigene Welt»-Egoismus.

 


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Wenn ich mich als weltverbunden wahrnehmen kann, sowohl was meine BrĂŒderlichkeit mit anderen Menschen als auch was meine Naturwelt, die der Kosmos ist, betrifft, kann ich zu einer VerantwortungsĂŒbernahme kommen, die global tragfĂ€hig ist. Der â€čNationalökonomische Kursâ€ș hilft zu realisieren, dass alle von anderen getane Arbeit fĂŒr mich getan wurde. Der â€čLandwirtschaftliche Kursâ€ș hilft zu erkennen, dass wir unsere Produktionsmittel nicht abnĂŒtzen dĂŒrfen, sondern möglichst verbessern. Die Landwirtschaft verweist auf unseren grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang. Ihre ProduktivitĂ€t erhĂ€lt sie aus dem ausgewogenen Zusammenspiel von Boden, Pflanzen, Tieren. Damit trĂ€gt sie in sich die Geste des Assoziativen bereits aus Notwendigkeit.

Vielleicht ist der â€čKolonialherrâ€ș, gegen den wir uns auflehnen können, die anonyme Marktwirtschaft, die in uns die Idee kolonialisiert und suggeriert hat, dass der grĂ¶ĂŸte Mehrwert fĂŒr die Gesamtheit entsteht, wenn wir alle nur an uns selbst denken, wie es Adam Smith 1759 mit dem Bild einer â€čunsichtbaren Handâ€ș formulierte.

Die ahnungshafte EigentĂŒmlichkeit dessen, dass ich als Individuum erhalten bleibe, ohne jedoch meinen Zusammenhang zur Gemeinschaft zu verschlafen, liegt dem assoziativen Wirtschaften inne. «Assoziieren heißt, sich willentlich in eine Assoziationsgemeinschaft einzubringen, ohne die EigenstĂ€ndigkeit zu verlieren», sagt Ueli Hurter. Es heißt also, dass ich selbstĂ€ndig handelnd mir zutraue, in eine Idee einzugreifen.

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Ich hĂ€tte mir gewĂŒnscht, dass die Tagung auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt stattgefunden hĂ€tte.
— Jill, Verbraucherin

Mein WĂŒrde- und Freiheitsmoment habe ich da, wo ich mich selbst als frei handelnd erleben kann und nicht gezwungen werde, den UmstĂ€nden zu folgen, die mir von außen gegeben sind oder auch von innen. Ich verlasse diese Tagung mit dem GefĂŒhl, dass ich nicht ohnmĂ€chtig bin, dass ich etwas in der Hand habe, dass ich mitgestalten kann. Es ist schlussendlich immer der Einzelne, der seine Entscheidungen trifft.

Alle LĂ€nder sind EntwicklungslĂ€nder, jedes hat sein spezielles Entwicklungsfeld. Alle Menschen sind in Entwicklung begriffen, jeder hat seinen Zusammenhang, von dem aus er etwas beitragen kann. Der Gewinn, der Benefit beim Assoziieren liegt darin, dass wir damit ein Feld bereiten, auf dem eine zukunftsfĂ€hige natĂŒrliche und soziale Welt wachsen kann, auf dem gesunde Entwicklung ĂŒberhaupt stattfinden kann.


Fotos: Xue Li

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