Kosmos: Die Zukunft eines antiken Begriffs

Pythagoras soll der Erste gewesen sein, der den Himmel, das Weltall, als â€čkĂłsmosâ€ș bezeichnete.[note]H. Diels, W. Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker. Berlin 19528, Bd. I, S. 105, 25 (Pythagoras 21) sowie 225, 14 (Parmenides 28 A 44). Zur Geschichte des Begriffs â€čkĂłsmosâ€ș in der Antike siehe Ph. S. Horky (ed.), Cosmos in the Ancient World. Cambridge-New York 2019.[/note] Diese Vermutung klingt auf jeden Fall mit dem Bild von Pythagoras zusammen, das bis heute eine einflussreiche Tradition vermittelt: das Bild vom Eingeweihten, der das Weltall als lebendige ZusammenfĂŒgung von musikalischen, in zahlenmĂ€ĂŸigen VerhĂ€ltnissen ĂŒbertragbaren Harmonien â€“ SphĂ€renharmonien â€“ und Rhythmen durch ĂŒbersinnliche Wahrnehmung erleben konnte.[note]Eine erste zugĂ€ngliche EinfĂŒhrung zu Pythagoras und zu den ihn betreffenden Quellen findet sich in C. Huffman, Pythagoras (Stand 2018). Innerhalb der akademischen Forschung wurde das Bild von Pythagoras als Eingeweihtem besonders vertieft in W. Burkert, Lore and Science in Ancient Pythagoreanism. Cambridge, Mass. 1972 (revidierte engl. Ausg. von: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. NĂŒrnberg 1962).[/note]


In der Tat bedeutet das altgriechische Wort â€čkĂłsmosâ€ș sowohl ethisch als auch Ă€sthetisch â€čharmonische Ordnung, treffendes Maßâ€ș, und deshalb auch â€čSchmuck, Glanzâ€ș, dem Ruhm und Ehre geziemt. Es ist folglich ein zutiefst stimmiges Wort, wenn eine Welt bezeichnet werden soll, deren innerster Zusammenhalt â€“ wie in allen antiken Kosmologien â€“ als weisheitsvoller Zusammenklang harmonischer Relationen wahrgenommen wird. Wenn die Welt als â€čkĂłsmosâ€ș wahrgenommen wird, wird sie als Organismus empfunden, der Schönes, mithin Gutes und Wahres bis zur Sichtbarkeit offenbart.

Wille zum Guten

Platon ist der erste griechische Philosoph, auf dessen Warnehmung des Weltalls als â€čkĂłsmosâ€ș nicht nur Fragmente oder hĂ€ufig schwer bewertbare indirekte Quellen hinweisen wie im Fall der sogenannten Vorsokratiker. Platons Kosmologie ist auch deshalb zutiefst ansprechend, weil sie alle vorherigen Gedankenströmungen â€“ einschließlich der pythagoreischen â€“ aufgreift und zu einer fruchtbaren Synthese verdichtet.[note]FĂŒr eine umfangreiche EinfĂŒhrung zu Platons Philosophie vgl. M. Erler, Platon. MĂŒnchen 2006; zum â€čTimaiosâ€ș und seiner Kosmologie siehe D. Zeyl, B. Sattler, Plato’s Timaeus (Stand 2017).[/note]

Linien: Fabian Roschka, â€čInwendigâ€ș, Vektorisierte Tinte, 2020

Platon hebt eine Dimension des Kosmos hervor, die bei den Vorsokratikern nicht expliziert wird: Das Weltall ist deshalb ein Organismus harmonischer Relationen, weil es durch die freie Entscheidung einer göttlichen Intelligenz geboren wurde, die durch uneingeschrĂ€nkten Willen zum Guten gewirkt hat. Im â€čTimaiosâ€ș-Dialog wird diese Intelligenz â€“ in KontinuitĂ€t mit einer alten, bis zu den Veden zurĂŒckgehenden Tradition â€“ als göttlicher Handwerker, als Demiurg, versinnbildlicht. Der Demiurg will das Gute, an dem er teilhat, bedingungslos vermitteln. Deshalb greift er so ins Chaos der Materie ein, dass die sichtbare Dimension des Seins eine harmonische, schöne ZusammenfĂŒgung bekommen und dadurch an dem Guten so weit wie möglich teilhaben kann (Timaios 29d7-30b). Dies ist der Grund fĂŒr die Entstehung des sichtbaren Kosmos (ebd. 29d7-e1). Demzufolge ist der Kosmos dem Demiurgen Ă€hnlich (ebd. 29e3), das heißt ein sichtbares Abbild vom Demiurgen (ebd. 92c7). Der Kosmos ist also wie sein Urheber: gut (ebd. 30a2).

Freies, schöpferisches Bewusstsein

Der göttliche Handwerker hat die höchste geistige Wirklichkeit als Urbild fĂŒr die Gestaltung des Kosmos genommen und den Kosmos nach dem Wesen und dem Leben jener Wirklichkeit gebildet (Timaios 30c2-31a1). Bedeutet die Ähnlichkeit mit jener Wirklichkeit sowie mit seinem Urheber beziehungsweise die Tatsache, dass der Kosmos als Abbild seines Urhebers gestaltet wurde, eine EinschrĂ€nkung im Leben des Kosmos? Bedeutet es, dass der Kosmos als banale Reproduktion der geistigen Welt und des Demiurgen, das heißt einer schon bestehenden Form des Seins zu betrachten ist? Die Antwort gibt der â€čTimaiosâ€ș selbst: Der göttliche Handwerker gestaltet den Kosmos als selbstgenĂŒgsames Wesen (33d1-3): Es bedarf einerseits keiner Ă€ußeren Instanz fĂŒr die Erhaltung seines Lebens, andererseits ist es seiner selbst bewusst, weshalb es durch die eigene Tugend sein wesensgemĂ€ĂŸes Leben offenbaren kann (ebd. 34b6-9). Abbild des Demiurgen ist hier also ein Wesen, das sich durch das eigene Bewusstsein, genau wie der Demiurg, fĂŒr die Offenbarung des Guten â€“ eben fĂŒr die eigene Tugend â€“ frei entscheiden und das Gute in einer Form offenbaren kann, die ohne sein Leben nicht offenbar werden könnte. Echtes Bewusstsein seiner selbst heißt nĂ€mlich die FĂ€higkeit, aufgrund jenes Bewusstseins aktiv das eigene Leben gestalten zu können. Das Gute, das der göttliche Handwerker dem Kosmos schenkt, besteht demzufolge nicht in einer vorbestimmten, als steifes Vorbild wirkenden Form. Das Gute ist hier dagegen die Möglichkeit, durch ein autonomes Bewusstsein schöpferisch zu wirken, sodass sich neue harmonische Relationen bilden können, die nicht einfach die Relationen der geistigen Welt reproduzieren.

Gut sein, wie der Demiurg es bedingungslos ist (ebd. 29e1-2), heißt, einen uneingeschrĂ€nkten Raum fĂŒr das Wirken eines anderen autonomen Bewusstseins zu wollen und zu öffnen â€“ in unserem Fall fĂŒr das autonome Bewusstsein des Kosmos –, damit jenes Bewusstsein wiederum das Gute in neuen Formen frei und schöpferisch offenbaren kann. Das Gute ist demnach Wille zur Autonomie und Freiheit eines Anderen [note][4] FĂŒr eine Interpretation Platons, in der die ZentralitĂ€t des Guten als Wille zur Freiheit eines Anderen vertieft wird, vgl. S. Lavecchia, Agathologie, Denken als Wahrnehmung des Guten oder: Auf der Suche nach dem offenbarsten Geheimnis. Perspektiven der Philosophie 38 (2012), S. 9-45, und Agathological Realism: Searching for the Good beyond Subjectivity and Objectivity or On the Importance of Being Platonic, in G. De Anna, R. Martinelli (eds.), Moral Realism and Political Decisions. Bamberg 2015, S. 29–50.[/note], und der Kosmos besteht und lebt als Offenbarung dieses Willens.

In Zusammenklang

Das Wesen, nach dem der göttliche Handwerker den Kosmos gestaltet, ist das geistige Wesen, das in sich alle wesensverwandten Wesen umfasst (Timaios 30c4-31a). Demzufolge umfasst und fĂŒgt der sichtbare Kosmos alle sichtbaren Wesen zusammen (ebd. 30c7-d1). Der im â€čTimaiosâ€ș hĂ€ufige Hinweis auf das harmonische ZusammenfĂŒgen als wesenhafte Charakteristik des Kosmos bedeutet, dass der Kosmos kein zufĂ€lliges Aggregat, sondern ein Organismus ist, in dem jedes Wesen mit jedem Wesen in mehr oder weniger direktem VerhĂ€ltnis lebt. Im Kosmos klingt alles mit allem zusammen, den kosmischen Zusammenklang auf unterschiedlichen Bewusstseinsstufen offenbarend. Diesen universellen Zusammenklang zu verstehen hilft uns Plotin â€“ der grĂ¶ĂŸte antike Vertreter des Platonismus –, weil er viele Motive vertieft und expliziert, die bei Platon nur angedeutet bleiben.[note] FĂŒr eine erste EinfĂŒhrung zu Plotin vgl. J. Halfwassen, Plotin und der Neuplatonismus. MĂŒnchen 2004, sowie L. Gerson, Plotinus (Stand 2018).[/note]

In â€čEnneadeâ€ș (V 8.4.4-11) charakterisiert Plotin das allumfassende Wesen der höchsten geistigen Wirklichkeit. Es umfasst alle anderen geistigen Wesen auf eine Weise, dass jedes geistige Wesen in der Transparenz des eigenen Bewusstseins die Transparenz aller anderen geistigen Wesen sowie der ganzen geistigen Welt erlebt. Folglich sind hier alle Wesen gegenseitig vollkommen transparent, sodass die Offenbarung des einzelnen Bewusstseinszentrums ewig augenblicklich die Transparenz aller anderen Bewusstseinszentren offenbart, wie in einer SphĂ€re aus geistigem Licht, in der alle Punkte Zentrum sind und jeder Punkt die Ganzheit der SphĂ€re augenblicklich manifestiert.[note] Zu diesen Aspekten von Plotins Philosophie vgl. S. Lavecchia, Frei von sich und von anderem. Betrachtungen zum Ursprung und Wesen des noetischen Selbst in Plotins Philosophie. Perspektiven der Philosophie 46 (2020), in Druck.[/note] Dieser transparenten Ganzheit aus geistigem Licht (ebd. 4.4-7), die alle geistigen Wesen umfasst, ist der sichtbare Kosmos nach Plotin ein Abbild (Enneade V 8.7 und 9): Die geistige Welt bleibt nicht in sich verschlossen, sondern schenkt das eigene warme und gute Licht, damit ein uneingeschrĂ€nkter Raum fĂŒr die Autonomie einer anderen, ihrer selbst bewussten Wirklichkeit geboren werden kann. Und diese andere Wirklichkeit ist eben, wie in Platons â€čTimaiosâ€ș, der sichtbare Kosmos (Enneade V 8.7.14-15), der auch nach Plotin aus Willen zum Guten entstanden ist (vgl. Enneade II 9.3-4 und V 2.1.24 ff.).

Auch in Plotins Kosmologie hat die allumfassende Transparenz der geistigen Welt im sichtbaren Kosmos ein Abbild, das, wie in Platons Perspektive, keine Reproduktion, sondern eine der sichtbaren Wirklichkeit eigene Form der Transparenz offenbart: WĂ€hrend in der geistigen Welt die universelle Transparenz in jedem Wesen vollkommen bewusst ist, offenbart sie sich im sichtbaren Kosmos als universelle Sympathie, die sich je nach individuellem Wesen in verschiedenen Bewusstseinsstufen und -formen manifestiert (Enneade IV 9.2, vgl. IV 4. 26 und 32, IV 5.8).

Mitschöpfer des Kosmos

Das Wahrnehmen der kosmischen Sympathie, die Plotin ausdrĂŒcklich mit dem Horizont von Platons â€čTimaiosâ€ș verbindet (Enneade IV 4.32.4-6), bleibt un- oder vorbewusst in Lebewesen wie Pflanzen und Tieren, deren Teilhabe am geistigen Leben des Kosmos das Vegetative oder das Psychische nicht ĂŒberragen kann. Der Mensch ist dagegen in der Lage, eine geistige Bewusstseinsform zu erlangen, die ermöglicht, die geistige Quelle jener universellen Sympathie schöpferisch zu erleben und demzufolge aktiv den Zusammenklang aller Wesen mit allen Wesen, das heißt das Leben des Kosmos, mitzugestalten, zusammen mit der geistigen Welt als Mitschöpfer und Mitlenker des Weltalls wirkend (Enneade V 8.7.29-36).[note]FĂŒr eine weitere Vertiefung vgl. Lavecchia, Frei von sich. a.a.O.[/note] Anders gesagt: In KontinuitĂ€t mit Platon (Phaidros 246c1-2) nimmt Plotin in der menschlichen Bewusstseinsform die Möglichkeit einer Entwicklung wahr, die dazu fĂŒhren kann, an der â€čRegierungâ€ș des Weltalls aktiv teilzunehmen. Der Mensch kann sich aufgrund dieser Entwicklung als geistiger Demiurg, als geistiger Urheber und Handwerker/KĂŒnstler in Bezug nicht nur auf das eigene wesensgemĂ€ĂŸe Leben, sondern auch auf das wesensgemĂ€ĂŸe Leben des Weltalls betĂ€tigen. Am Ziel dieser Entwicklung bilden Erkennen und schöpferisches Wirken nĂ€mlich eine lebendige Einheit: Erkenntnis der geistigen Wirklichkeit, die den sichtbaren Kosmos erzeugt, ereignet sich nicht als passive Kontemplation, sondern ist an sich aktive Teilhabe an einer unerschöpflich generativen Kraft. Denn die geistige Welt ist nach Plotin uneingeschrĂ€nkte ProduktivitĂ€t/GenerativitĂ€t beziehungsweise ewig augenblickliche Einheit von Bewusstsein/Sein, höchstem Wissen (sophĂ­a) und ProduktivitĂ€t (Enneade V 8.4.44-47). In dieser Perspektive ist authentische Wissenschaft â€“ die den Geist und das wahre Wesen des Kosmos betrifft â€“ kein abstraktes Theoretisieren, keine Ansammlung von Beobachtungen, sondern bewusste und schöpferische Teilhabe am seinsbewirkenden Leben des Geistes und folglich Mitschöpfung am Wesen, das sich durch das Wirken jenes Lebens als Organismus harmonischer Relationen â€“ als Kosmos â€“ offenbaren kann. In anderen Worten: Hier kann kein wesensgemĂ€ĂŸer Begriff des Kosmos ohne bewusste Teilhabe an den geistigen Willensimpulsen, KrĂ€ften und Dynamiken entwickelt werden, durch die der Kosmos geboren und gestaltet wird. In diesem Horizont erkenne ich nur dann wahrhaftig den Kosmos, wenn ich dazu fĂ€hig bin, zu seinem Mitschöpfer zu werden!

Hier kann kein wesensgemĂ€ĂŸer Begriff des Kosmos ohne bewusste Teilhabe an den geistigen Willensimpulsen, KrĂ€ften und Dynamiken entwickelt werden, durch die der Kosmos geboren und gestaltet wird.

Eine holistische Wissenschaft

In Platons und Plotins Perspektiven, in denen die kosmologischen Strömungen der Antike zu einer fruchtbaren Synthese zusammengefĂŒhrt werden, weist die Erforschung des Kosmos auf ein Ideal von Wissenschaft hin, das wir als im prĂ€gnanten Sinne holistisch (ganzheitlich) bezeichnen können.[note] Zum Holismus in verschiedenen Perspektiven siehe M. Esfeld, Holismus in der Philosophie des Geistes und in der Philosophie der Physik. Frankfurt a. M. 2002; Chr. McMillan, R. Main, D. Hederson (eds.), Holism Possibilities and Problems. London 2020.[/note] FĂŒr beide großen Philosophen ist der Kosmos nĂ€mlich ein lebendiges â€čhĂłlonâ€ș, ein lebendiges Ganzes: ein Organismus, dessen Bestandteile nur ausgehend von seiner lebendigen, geistigen Ganzheit, das heißt ausgehend von ihrem gemeinsamen Zusammenklang, wirklich erkannt und verstanden werden können, der sich wiederum im Wesen jedes einzelnen Bestandteils individuell offenbart. Es ist in diesem Rahmen nicht ĂŒberraschend, wenn Platon als echte KĂŒnste und Wissenschaften nur diejenigen bezeichnet, in denen die Erkenntnis vom Kosmos als Ganzheit vorausgesetzt wird (Phaidros 269e1-270d7). So wird zum Beispiel die Medizin nicht wirklich heilen können, wenn sie nicht fĂ€hig sein wird, die Natur des Leibes sowie der Seele in ihrem lebendigen Zusammenhang und Zusammenklang mit der Natur des Ganzen (hĂłlon) zu erkennen und zu offenbaren (ebd. 270b1-c5). Dieser holistische Ansatz bedeutet wiederum nicht, dass die IndividualitĂ€t der Bestandteile im Lichte des Ganzen keine Relevanz hĂ€tte. Denn Urbild des sichtbaren Kosmos ist die geistige Welt, in der Einheit â€“ wie in einer SphĂ€re aus geistigem Licht[note]Zur Relevanz dieses Bildes fĂŒr das VerstĂ€ndnis von Platons Philosophie vgl. S. Lavecchia, Das Ich und das Gute. AnsĂ€tze einer Licht-Philosophie in AnknĂŒpfung an Novalis und Platon. Perspektiven der Philosophie 40 (2014), 9-46.[/note] – kein Verschwinden der Unterschiede, sondern gegenseitige Transparenz und harmonischer Zusammenklang geistiger IndividualitĂ€ten in einer stimmigen Ganzheit, in einer urbildlichen Gemeinschaft bedeutet. Als Abbild der geistigen Welt offenbart der sichtbare Kosmos die soeben angedeutete, relationale und gemeinschaftsbildende Einheit in einer ihm eigenen Form. Und der Mensch hat die Möglichkeit, das eigene Bewusstsein mit der geistigen Quelle dieser Einheit zu verbinden. Durch diese bewusste Verbindung, in der echte Wissenschaft und Weisheit (sophĂ­a) besteht, wird der Mensch nicht bloß zu einem passiven Beobachter, sondern zum Mitschöpfer dieser Einheit sowie zum Schöpfer jeder Form der gemeinschaftsbildenden Einheit, des harmonischen Zusammenklanges, sei es in der eigenen Seele, sei es in der Gesellschaft (Platon, Politeia 500c2-501c3).[note]Hier wird der geistige Kosmos als Urbild fĂŒr jegliche gerechte, harmonische Gemeinschaft im sichtbaren Kosmos betrachtet. Zur schöpferischen Dimension der â€čsophĂ­aâ€ș in Platons Denken sowie zu deren intimer Verbindung mit dem geistigen Wesen des Kosmos vgl. S. Lavecchia, Selbsterkenntnis und Schöpfung eines Kosmos. Dimensionen der sophia in Platons Denken. Perspektiven der Philosophie 35 (2009), 115-145.[/note] Demzufolge wird die kosmologische Wissenschaft zu einer eminent ethischen Tatsache. Sie erweist sich nĂ€mlich als Vorbereitung und zugleich als Voraussetzung dazu, dass der Wille zum Guten, der die geistige Welt und das Leben des Kosmos ernĂ€hrt, in allen Dimensionen des menschlichen Lebens neue und tiefere Formen der Offenbarung erleben kann.

Ein berechenbarer Kosmos?

Insbesondere als Hinweis auf einen Zusammenklang von allem mit allem kann der antike Begriff â€čkĂłsmosâ€ș AffinitĂ€ten zu den AnsĂ€tzen von relationalem Denken wahrnehmen lassen, die in den letzten Jahrzehnten, durch die Entwicklungen der Quantenphysik und der â€čKĂŒnstlichen Intelligenzâ€ș angeregt, den philosophischen und wissenschaftstheoretischen Diskurs immer mehr prĂ€gen. So wĂŒrden manche jenen Hinweis in Beziehung zu den Perspektiven der System- sowie der KomplexitĂ€tstheorie setzen. Andere wĂŒrden in manchen antiken Intuitionen und Charakterisierungen der kosmischen RelationalitĂ€t sogar Vorwegnahmen von komputationalen Theorien des Verstandes und des Denkens wahrnehmen wollen, nach denen der Geist und das Denken in Dynamiken des Rechnens â€čĂŒbersetztâ€ș werden können.[note] Zu den hier aus PlatzgrĂŒnden nur flĂŒchtig genannten AnsĂ€tzen siehe die leicht zugĂ€nglichen EinfĂŒhrungen in S. Green, Philosophy of Systems and Systemic Biology (Stand 2017); W. Dean, Computational Complexity Theory (Stand 2016); M. Rescorla, Computational Theory of Mind (Stand 2020) sowie die elementaren Informationen in Wikipedia/System und Wikipedia/KomplexitĂ€t.[/note] Die vermeintliche Möglichkeit, durch KĂŒnstliche Intelligenz physikalische Gesetze abzuleiten [note] Vgl. S. M. Udrescu, M. Tegmark, Symbolic Pregression: Discovering Physical Laws from Raw Distorted Video.[/note], scheint dies zu rechtfertigen.[note] In Bezug auf den griechischen Begriff â€čkĂłsmosâ€ș wurden bisher, nach meinem Wissen, keine Versuche der Popularisierung in diese Richtung unternommen, wie es in benachbarten Feldern durch F. Capra, The Tao of Physics, Boulder, Colorado 1975, ausgehend von östlichen Strömungen der Philosophie und der SpiritualitĂ€t, geschah. In zahlreichen BeitrĂ€gen aus den Geistes- sowie Naturwissenschaften werden Platons und Plotins Philosophien mit den hier angedeuteten Perspektiven in Verbindung gebracht, kein bisheriger Beitrag kann jedoch als einfĂŒhrende Synthese betrachtet werden.[/note]

Das Gute ist hier die Möglichkeit, durch ein autonomes Bewusstsein schöpferisch zu wirken, sodass sich neue harmonische Relationen bilden können, die nicht einfach die Relationen der geistigen Welt reproduzieren.

Wenn unsere Intelligenz als Informationsverarbeitungssystem zu betrachten ist â€“ sodass Selbst, Bewusstsein, Denken, Kognition eben auf Dynamiken der â€čRechnungâ€ș reduzierbar wĂ€ren â€“ und wenn sie nach Platon und Plotin als Abbild der makrokosmischen Intelligenz wahrgenommen werden soll [note]Siehe zum Beispiel Platon, Timaios 90c7-d, und Plotin, Enneade V 8.7.[/note], warum sollte nicht auch ihr makrokosmisches Urbild, und mit ihm der ganze Kosmos sowie ihre geistige Quelle, als ein solches System verstanden, erforscht und mathematisiert werden? [note]Zur Hypothese eines vollkommen mathematisierbaren Universums â€“ der Kosmos ist Mathematik! –, die unter expliziter Evozierung von Platons Philosophie dargestellt wird, siehe die zwei publikumswirksamen Versuche von J. Barbour, The End of Time. The Next Revolution in Physics. Oxford 1999, und M. Tegmark, Our Mathematical Universe. My Quest for the Ultimate Nature of Reality. New York 2014.[/note]

Eine Mathematisierung beziehungsweise Reduzierung des Kosmos auf rechnerische Dynamiken ist jedoch, bei unbefangener Betrachtung der Quellen, in Widerspruch gerade mit den kosmologischen Perspektiven des antiken Platonismus, auf die hier hingedeutet wurde und die am hĂ€ufigsten als wesensverwandt mit solchen AnsĂ€tzen empfunden werden. Plotin charakterisiert nĂ€mlich explizit die schöpferische TĂ€tigkeit des Geistes, die den sichtbaren Kosmos erzeugt, als rein intuitiv, das heißt als jede logisch-kausale, zeitliche Dynamik ĂŒberragend.[note] Enneade V 8.5.48-50, 5.4-7 und 20, 7.1-15 und 40 ff.[/note] Sie ĂŒberragt jegliche Dynamik der informationalen, der rechnerischen Verarbeitung. Die geistigen Zahlen, auf die Plotin in KontinuitĂ€t mit Platon hinweist, haben wiederum nichts mit irgendeinem Begriff der KomputationalitĂ€t beziehungsweise des Rechnens zu tun (Plotin, Enneade VI 6.18.1-5), sondern sind ewig augenblickliche Offenbarung der bewussten und generativen TĂ€tigkeit vom Geist (ebd. 15.16-18) sowie der harmonischen Relationen zwischen den Wesen der geistigen Welt (ebd. 18).[note] Zur EinfĂŒhrung in Plotins Zahlentheorie vgl. S. Slaveva-Griffin, Plotinus on Number. Oxford 2009.[/note] Anders gesagt: In dieser Perspektive emergiert das Mathematische aus Bewusstsein/Geist/Sein (ebd. 15.16 und 24-25), nicht umgekehrt, wie es in den mathematisierenden Kosmologien unserer Gegenwart geschieht. Und die mithin implizierte Transzendenz von Bewusstsein/Geist/Sein jeglicher rechnerischen Dynamik gegenĂŒber kann auch der Mensch verwirklichen, wenn er es schafft, die eigene leibliche und psychische Dimension ĂŒberragend sich mit der geistigen Quelle des Kosmos zu verbinden (Enneade V 8.7.29-36). Durch diese Verbindung kann der Mensch von der Quelle aller möglichen Welten/Systeme/Mathematisierungen ausgehend, das heißt aus echter Freiheit, handeln und wirken.[note] Zum Überragen der Freiheit der leiblichen und psychischen Dimension des Seins gegenĂŒber vgl. Plotin, Enneade VI 8.1-7.[/note] Schon Platon wies auf diese Ebene hin, indem er die höchste Wirklichkeit, das höchste Gute als Ursprung allen Bewusstseins, Denkens und Seins ausdrĂŒcklich jenseits aller Möglichkeiten der mathematischen Intelligenz verortete (Politeia 511a3-c2). Dieser absolute Ursprung im Guten, genauso wie der Ursprung in der Freiheit des Einen in Plotins Philosophie (Plotin, Enneade VI 8.[note] Vgl. Experimentierworkshop Aufstellungen, UniversitĂ€t Bremen .[/note]), lassen wiederum auf jeder Ebene des Seins, und somit auch in Bezug auf den sichtbaren Kosmos, einen unendlichen Raum der freien und schöpferischen TĂ€tigkeit offen. Unendlich deshalb, weil dieser Raum die bewusste Gegenwart des Geistes offenbart, die, vom Bewusstsein des Guten ernĂ€hrt, stets als Wille zur Freiheit eines Anderen, und mithin als Wille zur Offenbarung des authentisch Neuen wirken kann.

Entscheidung fĂŒr die Sinneswahrnehmung

Die große Herausforderung, die Platons und Plotins Kosmologien in unserer Gegenwart darstellen, besteht in ihrem deutlichen Hinweis auf das Überragen des Geistes und Bewusstseins gegenĂŒber jeglichem Determinismus, Komputationalismus, Mathematismus. Wenn physikalische Gesetze, das heißt Gesetze des Kosmos, vermeintlich auch durch â€čKĂŒnstliche Intelligenzenâ€ș gleichsam entdeckt werden könnten oder Systemaufstellungen auch mit Robotern experimentiert werden,19 wĂŒrde dies in den Perspektiven jener großen Philosophen nur bedeuten, dass physikalische Gesetze und â€“ im ĂŒblichen Sinne verstandenes â€“ systemisches Denken die leibliche und psychische Dimension des Seins, das heißt die Grenzen des biopsychischen Lebens, nicht ĂŒberragen können.

Wenn das Bewusstsein, das Selbst, die Welt tatsĂ€chlich in den Grenzen des biopsychischen Lebens einschrĂ€nkbar wĂ€ren, dann wĂ€ren systemische Relationen auch fĂŒr Platon und Plotin prioritĂ€r und bestimmend, genauso wie es in manchen gegenwĂ€rtigen philosophischen Diskursen geschieht.[note]Vgl. zum Beispiel K. J. Gergen, Relational Being. Beyond Self and Community. Oxford 2009.[/note] Anders gesagt: In einem rein biopsychischen Rahmen wĂ€re das Leben des Menschen und des Kosmos auch fĂŒr Platon und Plotin frĂŒher oder spĂ€ter berechenbar, und somit vollkommen determinierbar und ĂŒberwachbar. Die höchste und tiefste Wirklichkeit, die diese Philosophen wahrnehmen, erschöpft sich jedoch nicht im biopsychischen Sein und mithin in der Erfahrung der â€“ wĂ€re es auch unbestimmten â€“ Dauer. Jene Wirklichkeit offenbart sich dagegen als biopsychisch unvorhersehbare, unantizipierbare, jedoch bewusst gewollte Plötzlichkeit (Plotin, Enneade V 8.7.14-15), die auch im scheinbar Kleinsten und Beengtesten den goldenen, unerschöpflichen Keim des wirklich Neuen, des echt ZukĂŒnftigen erzeugen kann. Sie offenbart sich im Blitz einer freien Entscheidung fĂŒr das Gute als Wille zu neuen harmonischen ZusammenklĂ€ngen. Die Schwelle fĂŒr diese freie Entscheidung öffnet sich mir in jeder, auch in der alltĂ€glichsten Begegnung mit der durch die Sinne wahrnehmbaren Welt. Weder die bescheidene Rose noch der gewaltige Kosmos zwingen mich nĂ€mlich dazu, sie in ihrer unschuldigen Schönheit unbefangen wahrnehmen oder an komputationale Gebilde festnageln zu wollen.

Die antiken Kosmologien, die den sichtbaren Kosmos in allen seinen Dimensionen als Werk des Geistes wahrnahmen, können uns heute â€“ statt zur selbstzufriedenen BestĂ€tigung unseres vermeintlichen Wissens â€“ dazu anregen, in der bewussten Entscheidung fĂŒr die Unbefangenheit der Sinneswahrnehmung den Klang des Ewigen hören zu wollen. Das Hören dieses Klanges, das fĂŒr die alte Weisheit ein Geschenk der Götter war, will heute bewusst im Willen des Ich zum Guten geboren werden. Zu dieser gegenwĂ€rtig so schmerzhaften Geburt kann uns die antike Wahrnehmung des Kosmos anspornen: zur Geburt, aus der Ich-Kraft, einer neuen Wahrnehmung des Kosmos, die dazu fĂŒhren kann, das abstrakt Mathematische ins Imaginative zu verwandeln. Dies wird zu jener neuen Isis, zu jener neuen Weisheit/sophĂ­a fĂŒhren, zu deren Suche Rudolf Steiner vor hundert Jahren so eindringlich eingeladen hat.[note] R. Steiner, Die BrĂŒcke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. GA 202, Dornach 1993, VortrĂ€ge vom 24. und 25.12.2020.[/note] Nur das Finden dieser neuen Isis-sophĂ­a wird die Zukunft eines antiken Begriffes gebĂ€ren: â€čKĂłsmosâ€ș wird dann den gemeinschaftsbildenden Zusammenklang von allem mit allem im Guten bedeuten, der heute und in Zukunft nur durch das freie, geistige Wollen des Ich erklingen kann.

  1. Herr Lavecchia schreibt in
    Anmerkung 13

    In Bezug auf den griechischen Begriff â€čkĂłsmosâ€ș wurden bisher, nach meinem Wissen, keine Versuche der Popularisierung in diese Richtung unternommen, wie es in benachbarten Feldern durch F. Capra, The Tao of Physics, Boulder, Colorado 1975, ausgehend von östlichen Strömungen der Philosophie und der SpiritualitĂ€t, geschah. In zahlreichen BeitrĂ€gen aus den Geistes- sowie Naturwissenschaften werden Platons und Plotins Philosophien mit den hier angedeuteten Perspektiven in Verbindung gebracht, kein bisheriger Beitrag kann jedoch als einfĂŒhrende Synthese betrachtet werden.

    Diese Bemerkung von Herrn Lavecchia ist NICHT RICHTIG.

    In Deutschland gab es mit Alexander von Humboldt, einem Freund von Goethe, einen herausragenden Menschen und Wissenschaftler, der den Begriff KOSMOS durchaus popularisiert hat.
    Dies umso mehr, als er lange Zeit in Paris verbracht hat und u. a. auch mit dem damaligen US-PrÀsidenten Jefferson (wenn ich mich nicht irre) zusammen gearbeitet hat.
    zu EinfĂŒhrung hierzu empfehle ich das Buch von Andrea Wulf.
    Übrigens erwĂ€hnt selbst Steiner in einem seiner spĂ€teren VortrĂ€ge noch den Chimborasso, das Urbild fĂŒr das ökologische VerstĂ€ndnis von A. v. Humboldt.
    Herzlichen Gruß

    Walter Pfluger
    Orientierung und innere FĂŒhrung im Wandel der Zeit
    Web: https://www.wpfluger-holistics.de/

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Letzte Kommentare

Facebook