exc-564eb0f4e4b01e432db0053d

Kosmische Erinnerungen

Einen Sommer verbrachte Charlotte Fischer damit, den FlĂŒgelschlag von Schmetterlingen zu fotografieren. Hier zeigen wir einige TrophĂ€en ihres Lauerns und Jagens. Hans-Christian Zehnter begleitet die Bilder mit Beobachtungen und Gedanken, die bis zum kosmischen Ursprung trĂ€umen.

Wie vom Winde verweht, so wirkt der Flug eines Schmetterlings. Zuweilen gleicht er dem vergĂ€nglichen MohnblĂŒtenblatt, das in einer Böe wie ein Papierschnipsel verflattert – hin und wieder wird es dabei vom Wind so umspielt, dass es kurz davor steht, FlĂŒgel werden zu wollen. Dann scheint der Wind den Schmetterling fĂŒr einen zielgerichteten und ĂŒberraschend geschwinden Ortswechsel zu ergreifen. Vielleicht lĂ€sst sich der Schmetterling auf einer gelb leuchtenden LöwenzahnblĂŒte nieder, deren Staub mir noch, von den zuvor gepflĂŒckten Exemplaren, an den Fingerkuppen haftet – ganz so, wie der farbige FlĂŒgelstaub auf der Haut zurĂŒckbleibt, wenn man – angesichts seiner filigranen Zerbrechlichkeit in unvermeidbarer Ungeschicklichkeit – einen schwach gewordenen Schmetterling in die Hand
zu nehmen versucht. â€“ Der Schmetterling, er gleicht der Pflanze, nicht nur der BlĂŒte, und geht doch ĂŒber sie hinaus; er gleicht dem warm durchpulsten Tier und ist doch lange noch keines.


Charlotte Fischer

Charlotte Fischer

Sich in die Umgebung versprĂŒhen

Die Pflanze macht auf ihrem Weg von der Wurzel zur BlĂŒte eine vollstĂ€ndige UmstĂŒlpung durch: Herrscht in der Wurzelbildung das Strahlig-RadiĂ€re als Gestaltungsprinzip, das in die sphĂ€rische Umgebung der Erde hineinwĂ€chst, so dominiert in der BlĂŒte das SphĂ€risch-Runde, das von der Strahlkraft des Lichtes umgeben ist.1 – Zwischen BlĂŒte und Wurzel windet sich die Metamorphose des grĂŒnen Blattes um den StĂ€ngel. Beginnt diese zunĂ€chst mit dem strahligen Prinzip im Prononcieren des Blattstils, so opfert sie letztlich die grĂŒne Blattspreite, nachdem sie sich anschickte, sich großflĂ€chig auszubreiten: Vom einst ĂŒppigen Blatt bleibt kurz vor der BlĂŒte nur noch eine feine Spitze. Mit der HĂŒlle der wenig spĂ€ter die KelchblĂ€tter stellenden Knospe taucht das Blatt wieder erneut auf, um sich als Höhepunkt in Farbe, Duft, Same und Staub – sich selbst ĂŒbersteigend – in die Umgebung hinaus zu versprĂŒhen. – Der Schmetterling verkörpert die inneren Bewegungen, die eine Pflanze in dieser fortwĂ€hrenden und abwechslungsreichen Verwandlung vollzieht. Er folgt als sinnlich erscheinendes Wesen dem Streif, den die Pflanze als Verwandlungsbewegung im Übersinnlichen zieht: Die (oft grĂŒne) Raupe windet ihren (linearen) Leib um StĂ€ngel und Blattwerk herum; sie umschließt sich mit einer Puppe, wie die BlĂŒte im prospektiven BlĂŒtenkelch der Knospe; sie befreit sich mit dem beflĂŒgelten Schmetterling in den Umkreis hinaus, dem – um mit Nelly Sachs zu sprechen – ein «schönes Jenseits» in seinen Staub gemalt ist.2 Der SchmetterlingsflĂŒgel – BildflĂ€che, auf der der Kosmos seine Gestimmtheit malt. – Was wir bei einer blĂŒhenden Pflanze mitsehen, das Über-sich-Hinausgehen, das vollzieht der Schmetterling in seiner stufenweisen Entwicklung und schließlich in seinem freien und bunten Flatterflug. – Der Schmetterling, die von der Pflanze losgelöste BlĂŒte, ja, so Rudolf Steiner: die vom Kosmos befreite Pflanze. 3

Schaue die Pflanze
Sie ist der von der Erde
gefesselte Schmetterling.
Schaue den Schmetterling
Er ist die vom Kosmos
befreite Pflanze.
Rudolf Steiner


Charlotte Fischer

Charlotte Fischer

Das Spiel mit dem Feuer

Wer sich dem Kosmos nĂ€hert, nĂ€hert sich der Sonne – und damit der Gefahr, von ihrem Feuer verzehrt zu werden. Der BlĂŒhimpuls bringt das Leben der Pflanze oft an ihre Grenze: Viele Pflanzen sterben mit oder bald nach dem BlĂŒhen. Bereits das BlĂŒhen selbst ist ein Aufgehen in der feurigen WĂ€rme unter gleichzeitigem VitalitĂ€tsverlust: Das BlĂŒtenblatt welkt bald dahin, und fĂŒr das Veraschen und Verpulvern sind der Samen und der BlĂŒtenpollen sprechende Zeugen. â€“ In seiner Auferstehung aus der Puppe erzĂ€hlt auch der Schmetterling – wie ein Phönix aus der Asche – von seiner NĂ€he zur kosmischen WĂ€rme: Seine FlĂŒgel sind mit ihrer Entfaltung bereits abgestorben. Ihre Äderchen werden nur einmal – eben zu ihrer Entfaltung – mit LeibesflĂŒssigkeit durchpulst und dann nie wieder. Ihre oft bunt schimmernden â€čSchuppenâ€ș-Muster sind so vergĂ€nglich wie die sommerlich-bunten Straßenmalereien aus Kreidestaub.


Charlotte Fischer

Charlotte Fischer

Verborgen – hinter seinen Augen

Als Schmetterling flattern bunte Farben, Muster, vielleicht Augen, durch unsere Welt – als Bilder ihrer selbst, von magischer Hand in Bewegung gebracht und geleitet. Denn: So unbestreitbar der Schmetterling auch einen â€čLeibâ€ș, der noch der Raupe gleicht, haben mag, so können wir ihm doch keinen Blick abgewinnen, wie etwa von den höheren Tieren oder vom Menschen. Der Blick des Schmetterlings wirkt wie maskiert, er gleicht in seiner Anmutung einem menschlichen Antlitz, dessen Sehen sich einer unsichtbaren Welt â€čhinterâ€ș einer Cyberspace-Brille öffnet. Dem â€čLeibâ€ș des Schmetterlings eignet keine dem warmem Tier verwandte Innerlichkeit. Nein, von diesem Leib geht kein Begehren, kein Bewegungsimpuls gleich dem einer Katze aus. Trotzdem ist der Schmetterling – bei aller Schaukelhaftig- und Flattrigkeit – zielorientiert. Zwar nicht in unserer Sinneswelt, wohl aber in einer â€čhinterâ€ș seinen â€čJenseits-Augenâ€ș verborgenen Welt, die als solche unsere Dingwelt aber stets umflort.
Rudolf Steiner nennt den Schmetterling den â€čLieblingâ€ș des Kosmos (der Saturnwirkungen), dessen Blick nicht in die Erde eindringt, sondern an ihr wie an einem Spiegel zurĂŒckprallt.4 Mit dem Schmetterling streckt der Kosmos seine FĂŒhler aus.5 Er blickt dabei nicht ĂŒber sich hinaus, sondern in sich hinein. Sein Blicken dient der erinnerungsgleichen Selbstausleuchtung. Rudolf Steiner spricht von den Schmetterlingen als «kosmischen Erinnerungen».6 – Der Schmetterling hat sein Seelensein jenseits des Leibes: Er fĂŒllt mit seinen Bewegungen den Raum seiner Anwesenheit aus. Er hat sein Wesen jenseits des Horizontes: «Weil die Erdenmaterie schwer ist und ĂŒberwunden werden muss, so ziehen die Schmetterlinge ihre gigantisch große Gestalt, die sie eigentlich haben, ins Kleine zusammen. Wenn Sie von einem Schmetterlinge absondern könnten alles, was Erdenmaterie ist, so wĂŒrde er sich allerdings zur Erzengelgestalt als Geistwesen, als Leuchtewesen ausdehnen können.»7

 


Charlotte Fischer

Charlotte Fischer

 

Fotografien Charlotte Fischer

  1. Vgl. hierzu Andreas Suchantke: Metamorphose: Kunstgriff der Evolution. Stuttgart, 2002. ↩

‱

1 Vgl. hierzu Andreas Suchantke: Metamorphose: Kunstgriff der Evolution. Stuttgart, 2002.2 Siehe Gedicht â€čSchmetterlingâ€ș Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose. Frankfurt am Main 1961, S. 148.3 Rudolf Steiner. Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes (GA 230), Vortrag vom 26. Oktober 1923.4 Rudolf Steiner: a.a.O., Vortrag vom 27. Oktober 1923. 5 Vögel und Schmetterlinge seien Sinnesorgane des Kosmos, schrieb Rudolf Steiner als Notiz nieder.6 A.a.O.: Da im Sommerhalbjahr der Kosmos zur Erde kommt, er sich sinnlich umkleidet, können wir von den Schmetterlingen sogar als von gestaltgewordenen kosmischen Erinnerungen sprechen.

7 A.a.O.: Vortrag vom 28. Oktober 1923.

 


Anclicken und als PDF downloaden

Anclicken und als PDF downloaden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Letzte Kommentare

Facebook