Klimawille

Was wollen Anthroposophen und Anthroposophinnen fĂŒr das kranke Lebewesen Erde tun?


Wir sind im Begriff, die Voraussetzung fĂŒr alles Leben auf der Erde zu verlieren. Mehr noch: Nicht allein das Leben auf der Erde ist bedroht, sondern die Erde selbst ist krank.[note] James Lovelock, Lynn Margulis, The gaia hypothesis. New York 2007. [/note] Alle ernst zu nehmenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stimmen der als bedrohlich eingestuften VerĂ€nderung des Klimas zu. Unklarheit herrscht darĂŒber, ob es noch einen Weg zurĂŒck gibt aus dieser Zuspitzung der Krise. Alle Charakteristika eines medizinischen Notfalls[note] EuropĂ€isches Parlament ruft Klimanotstand aus. [/note] werden bereits jetzt erfĂŒllt. Die Diagnose ist gestellt, es geht jetzt vor allem um die Frage: Ist der kranken Erde noch zu helfen? Ärzte wĂŒrden sagen: Die Prognose ist schlecht. Viel spricht dafĂŒr, dass das begonnene Fieber der Erde von aktuell ca. 1,3 Grad Temperaturerhöhung in zwei, drei Jahrhunderten bis auf ca. 8 bis 12 Grad ĂŒber der Temperatur von 1924 liegt. Das wĂ€re dann das Ende allen menschlichen Lebens auf der Erde. Die Weltgemeinschaft mĂŒsste in wenigen Jahren ihr Verhalten radikal verĂ€ndern und vollstĂ€ndig neu ausrichten. Welche GrĂŒnde hindern auch kleinere, weitblickende Gemeinschaften wie die der Anthroposophen, fĂŒr diese heilsame Änderung unseres Verhaltens tĂ€tig zu werden? Wieso handeln wir nicht zusammen, geschlossen und entschlossen?

Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob es in der anthroposophischen Bewegung ein Motiv zu entdecken gibt, das zu einer Kraft heranwachsen könnte, um ein wirksames Kippelement und damit Teil einer zivilisatorischen Gemeinschaftsanstrengung zu werden. Das Grundmotiv der anthroposophischen Bewegung ist, der im Menschen veranlagten freien geistigen Wesenhaftigkeit zu weiterer Entwicklung zu verhelfen. GelĂ€nge dies, hĂ€tte das Konsequenzen auch ĂŒber die Menschheit hinaus. AugenfĂ€llig ist wohl auch, dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Da gibt es die ca. 40 000 Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die ca. 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung mit ca. 65 000 Mitarbeitenden (I) oder die â€čpositiv mit der anthroposophischen Bewegung in BerĂŒhrung stehenden Menschenâ€ș. Hochrechnungen kommen auf ca. eine Million Menschen[note] Anzahl der Anthroposophen weltweit [/note], mit denen â€čgerechnetâ€ș werden könnte. Die anthroposophische Bewegung ist also auf die Bevölkerung der Erde mit ihren sieben Milliarden Menschen bezogen belĂ€chelnswert klein. Aber gibt es nicht dennoch, nach 100 Jahren Anthroposophie, GrĂŒnde zur Hoffnung, dass Anthroposophen in diesem grĂ¶ĂŸten Notfall der Menschheitsgeschichte ein Kippelement bilden könnten, um ĂŒber das Menschheitsschicksal mitzuentscheiden?

Die Selbstverbrennung

Eine Krankenschwester kommt in das Krankenzimmer und sieht eine um Luft ringende Frau, blĂ€ulich-blasse, schweißige Haut, flattriger schwacher Puls, wirre Blicke, 39,2 Grad. Krankenpfleger und Ärztinnen wissen dann: Jetzt liegt ein medizinischer Notfall vor – und handeln klar und deutlich. Das EU-Parlament hat am 29.11.2019 den Klimanotfall ausgerufen.[note] EuropĂ€isches Parlament ruft Klimanotstand aus. [/note] Wo sind all jene, die auf diesen Notfall reagieren – klar, deutlich? Der Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber hat 2015 ein monumentales Werk zur kulturgeschichtlichen und klimatologischen Bedeutung von CO2 fĂŒr den Klimawandel veröffentlicht.[note] Hans Joachim Schellnhuber, Selbstverbrennung: Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. GĂŒtersloh 2015. [/note] Die empfindliche SchutzhĂŒlle der Luft um die fest-wĂ€ssrig-lebendige Erde wird durch diesen Energieraubbau aus der Erde um eine homöopathische Dosis des Kohlendioxidgases angereichert (etwa in der DosisstĂ€rke einer D5) und verwandelt bei Fortsetzung dieses Vergasungsprozesses der Kohlenstoffe unseren Heimatplaneten in einen lebensunmöglichen Ort. Selbstverbrennung nennt es Schellnhuber. Trotz dieses gesicherten Wissens verĂ€ndert sich das Verhalten nicht, und mit jedem Tag stĂ¶ĂŸt die Menschheit megatonnenweise CO2 in die TroposphĂ€re. 1,3 Grad ErderwĂ€rmung sind bereits erreicht. Die Klimaziele von Paris werden das fĂŒnfte Jahr in Folge in Deutschland um das Vielfache verfehlt. Doch wir alle sind hier TĂ€ter. Auch wir, die von der Anthroposophie durchdrungen sind – oder haben Sie schon ihr Leben umgestellt und Ihre CO2-Bilanz ist bereits klimavertrĂ€glich? Wieso wirken wir Anthroposophen an diesem Zerstörungsprozess aktiv mit?

Klimawille: Die Haltung zur Natur, zur Erde und unser Handeln im Alltag

Die neu begrĂŒndeten Einrichtungen in der anthroposophischen Bewegung der letzten 50 Jahre entstanden nicht in RĂŒcksicht auf die sich zuspitzenden Folgen des menschengemachten Klimawandels. Waldorfschulen wuchsen und Eltern und Lehrer bauten wunderschöne Schulen aus Baustoffen, mit Energieversorgung und Inventar, ĂŒberwiegend ohne eine Auseinandersetzung mit dem spĂ€testens seit 1972 bekannten Wissen.[note] ennis Meadows u. a., Die Grenzen des Wachstums. Hamburg 1974. [/note] Viele Zehntausend Mitarbeitende, Eltern, Lehrer und Lehrerinnen nutzen die gĂ€ngige MobilitĂ€t mit fossilen Treibstoffen. UnzĂ€hlige Flugreisen wurden fĂŒr Tagungen unternommen. Die SchulkĂŒchen, die Mensen und die Essensversorgung standen der Fastfood-Philosophie der Neuzeit zweifellos immer ablehnend gegenĂŒber. Aber das bestehende Wissen ĂŒber NahrungsmittelkreislĂ€ufe, Lieferketten und die Bedeutung von regionalen Versorgungsstrukturen wurde den ökonomischen ZwĂ€ngen untergeordnet. Auch galt es, die Demeter-Bewegung zu stĂ€rken, ungeachtet jeglicher CO2-Bilanz, die manchen weiten Transport belastete.

SelbstverstĂ€ndlich studierten Arbeitskreise und Mitarbeitende der Sektionen des Goetheanum VortrĂ€ge von Rudolf Steiner, der ja so viel vom Lebewesen Erde, ja ĂŒber dessen Seelen- und Geistnatur und die damit verbundenen kosmischen Gesetze zu berichten wusste. Haben wir diese Schilderungen des Erdwesens eher als immaterielle Allegorie verstanden? Nun sprechen die Fakten der letzten 50 Jahre eine andere Sprache: Die Erde hat Fieber, sie ist auf dem Weg zu einem Multiorganversagen. Wo sind die Mediziner und Medizinerinnen der anthroposophischen Bewegung? Warum noch einmal gibt es sie, diese ca. 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung?

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Die Why-Frage

Nach dem Warum zu fragen, empfinden wir bisweilen als ĂŒberflĂŒssige Frage. Lassen wir uns auf sie ein, entstehen Antworten voller Überraschungen. Warum/wofĂŒr betreiben wir unsere Schule, unseren Betrieb? Wie schnell verlieren sich Organisationen im Dickicht des Alltags in der Frage: Wie organisieren wir unseren Betrieb und was sind unsere Betriebsziele in diesem Jahr? Die Warum-/WofĂŒr-Fragen lebendig im Alltag zu bewegen, gehört oft nicht zur Unternehmenskultur. Der britische Unternehmensberater Simon Sinek hat darauf hingewiesen, dass es auf die KlĂ€rung der Why-Frage ankommt, wenn eine Organisation erfolgreich sein möchte.[note] Simon Sinek, Frag immer erst: warum. Wie Top-Firmen und FĂŒhrungskrĂ€fte zum Erfolg inspirieren. MĂŒnchen 2014. [/note] Das â€čWhy, How, Whatâ€ș-Modell, der Golden Circle, verlĂ€uft primĂ€r von innen nach außen, jedoch braucht ein gesundes Unternehmen eine stĂ€ndige Erneuerung aller drei Ebenen.

In den 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung scheint die Why-Frage verkĂŒmmert zu sein. GrĂŒnde hierzu finden sich in zwei Entwicklungsperioden der letzten 100 Jahre.

Die erste GrĂŒndungswelle 1919–1970

Das nach dem Ersten Weltkrieg in TrĂŒmmern liegende Europa war der Ausgang, von dem aus in Rekordzeit eine erste GrĂŒndungswelle anthroposophischer Einrichtungen einsetzte. Es ist zu vermuten, dass diese Pionierinnen und Pioniere dem Why aller Anregungen und der GenialitĂ€t des GrĂŒnders folgen und alle Kraft in das How und das What legen wollten. Der Grundstein der anthroposophischen Bewegung findet die Quelle fĂŒr seine Why-Frage im inhaltlichen Werk eines einzelnen Menschen und der Beziehung des inneren GrĂŒnderkreises zu diesem. Die Beziehung bestand erstaunlicherweise aber fast regelhaft in einer Interaktion und Resonanz von Fragestellungen, die aus dem GrĂŒnderkreis an Steiner gerichtet wurden. Erst danach gab Steiner Impulse. Und dies fĂŒhrte zu Organisationen der anthroposophisch inspirierten Landwirtschaft, HeilpĂ€dagogik, Medizin und PĂ€dagogik.

Die zweite GrĂŒndungswelle 1970–2019

In den Jahren nach 1970 bis 2000 nahm die Frequenz von NeugrĂŒndungen anthroposophischer Einrichtungen weltweit zu. Die GrĂŒnder und GrĂŒnderinnen begannen, die Why-Frage auch ohne direkte Impulse aus der GrĂŒnderzeit zu verfolgen. Babyboom, Wirtschaftswunder, Liberalisierung fĂŒhrten weltweit zu zahlreichen NeugrĂŒndungen von Waldorfschulen, sozialtherapeutischen Einrichtungen, Demeter-Landwirtschaftsbetrieben, auch zu GrĂŒndungen wie der GLS-Bank (1974) oder zum Ausbau der Heilmittelbetriebe und Kliniken. Die Beziehung zur Why-Frage hatte sich unmerklich verĂ€ndert. Anthroposophen begannen sich von den Fragen des Warum/WofĂŒr der GrĂŒndungsstunden zu lösen. Zwar kannte man zumeist noch jemanden, der jemanden aus der GrĂŒndungszeit kannte, und fĂŒhlte sich diesem Geiste verpflichtet, und das Bild von Rudolf Steiner hing in jeder Einrichtung, die gegrĂŒndet wurde, aber die Diskussionen, wozu anthroposophische Einrichtungen entstehen sollten, wurden vielfĂ€ltiger. Das gewachsene Wissen ĂŒber die Bedrohungen des Lebens der Erde durch den Raubbau der fossilen Energien der Erde wurde vereinzelt in die Why-Fragen von NeugrĂŒndungen integriert. So wirkten Anthroposophen wesentlich an der sich grĂŒndenden Umweltpartei der GrĂŒnen in Deutschland mit, waren aktiv in der Anti-Atomkraft-Bewegung, und die soziale Frage ließ Einrichtungen wie das Forum 3 in Stuttgart oder Der Hof in Frankfurt entstehen â€“ auch als Antwortversuche in der Verarbeitung des nationalsozialistischen und kommunistischen Traumas.

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Die gesellschaftskritische Grundstimmung und eine Bereitschaft, das öffentliche Leben mit- und umzugestalten, bildeten den Ausgangspunkt bei GrĂŒndungen. Parallel wuchs aus dem anthroposophischen Sozialimpuls die Frage nach der BefĂ€higung der Mitarbeitenden und der UnternehmensfĂŒhrung, also die How-Frage, heran. Diese Entwicklung hĂ€lt bis heute an. Was von Bernhard Lievegoed am Beispiel der Einrichtungen in der HeilpĂ€dagogik begann[note] Bernardus Lievegoed, Soziale Gestaltung am Beispiel heilpĂ€dagogischer Einrichtungen (Estruturação social como exemplo na educação terapĂȘutica). Frankfurt 1986. [/note], wurde von Friedrich Glasl[note] Friedrich Glasl, Das Unternehmen der Zukunft: Moralische Intuition in der Gestaltung von Organisationen. Stuttgart 1994. [/note] und Otto Scharmer[note] Claus Otto Scharmer, Theory U: Learning from the future as it emerges. Heidelberg 2020. [/note] weiterentwickelt. In den letzten 20 Jahren wuchs die Kompetenz zu den Fragen des Wie mitmilfe der modernen Organisationsentwicklung.[note] FrĂ©dĂ©ric Laloux, Reinventing organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. MĂŒnchen 2015. [/note] [note], Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, Spiral dynamics: Mastering values, leadership and change. Hoboken 2014. [/note]

Die besondere Rolle der KrankenhÀuser

Über 20 grĂ¶ĂŸere Gesundheitseinrichtungen der anthroposophischen Bewegung (II) haben sich (mit Hunderten Arztpraxen und Therapeutika) der Medizin verschrieben: dem wĂŒrdigen Erhalt des Lebens, der Ehrfurcht vor dem Leben und dem tiefen VerstĂ€ndnis der Bedeutung allen Menschenlebens. KrankenhĂ€user, heilpĂ€dagogische Einrichtungen, Heilmittelbetriebe, Pflegeeinrichtungen sind Orte der WertschĂ€tzung des menschlichen Lebens in seinem Kern â€“ und damit zugleich Grenzbereiche. Denn da, wo Leben beginnt, wo es endet, dort, wo es bedroht ist, kommt die Haltung, mit der wir dem Leben gegenĂŒbertreten, besonders zum Ausdruck. Den Vorschlag Rudolf Steiners, von einem eigenen Lebensleib (Ă€therischen Leib) zu sprechen, dem differenzierte KrĂ€fte innewohnen (BildekrĂ€fte), ist dabei auch nach 100 Jahren weder von der Öffentlichkeit noch von der Wissenschaft aufgenommen worden. Leben ist, wissenschaftlich gesehen, letztlich eine unverstandene QualitĂ€t. Albert Schweitzer[note] Albert Schweitzer, Ehrfurcht vor dem Leben. MĂŒnchen, 2020. [/note] und spĂ€ter James Lovelock und Lynn Margulis[note] James Lovelock, Lynn Margulis, The gaia hypothesis. New York 2007.[/note] erreichten weit grĂ¶ĂŸere PopularitĂ€t in dieser Frage. Vielleicht ist der aktive Diskurs zwischen anthroposophischen Wissenschaftlerinnen und potenziell VerbĂŒndeten zu wenig erfolgt? Oder sind die Begriffe der Lebensorganisation zu abstrakt und nicht tauglich fĂŒr die Welt? Sind sie sogar noch fĂŒr die anthroposophischen Einrichtungen eine Überforderung? Denn die heraufziehende Katastrophe durch die Zerstörung des Lebens auf der Erde wurde in den Gesundheitseinrichtungen nicht lebensnah und konsequent erkannt und es gelang bisher nicht, sie in das organisationelle Handeln zu ĂŒberfĂŒhren.

In der gleichen Zeit, 1972, als der Club of Rome erstmals auf die nahende ökologische Katastrophe hinwies, kam es zur zweiten GrĂŒndungswelle der anthroposophischen Bewegung. Viele erlebten in der Expansion der Einrichtungen den Auftrag, gesellschaftliche VerĂ€nderungen mitzugestalten. Die vom Club of Rome geforderten «ganz grundsĂ€tzlich neuen Vorgehensweisen» und der «Bedarf einer Transformation im Verhalten» (S. 172–173)[note] Dennis Meadows u. a., Die Grenzen des Wachstums. Hamburg 1974. [/note] hatten bei den GrĂŒndungen in den anthroposophischen Einrichtungen nur geringe Bedeutung. Die Gesundheitseinrichtungen berĂŒcksichtigten noch nicht die Lebensbedingungen der Erde im Sinne eines â€čPlanetary Healthâ€ș-Gedankens. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sorge um den Lebensraum der Menschen auf der Erde (die Why-Frage) und des Lebensraums der therapeutischen Gemeinschaft (How-Frage) vielfach von einer dominanten What-Frage verdrĂ€ngt wurden.

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Trotz aller Anerkennung fĂŒr die Leistungen in diesen 100 Jahren kommt ein nĂŒchterner Blick auf den Umgang mit den fossilen ErnergietrĂ€gern in diesen Einrichtungen zum Ergebnis, dass Gesundheitseinrichtungen den Raubbau an der Lebendigkeit der Erde mitbetrieben haben. Obwohl sich diese Einrichtungen ganz der Gesundheit der Menschen in einem schwer fassbaren, großen kosmischen Kontext der anthroposophischen Weltanschauung verschrieben haben, fĂŒhrte dies nur langsam zu einem verĂ€nderten Umgang mit den Lebensgesetzen der Natur. Anders als die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die als visionĂ€re Vorreiterin ihren Blick seit ihrer GrĂŒndung in Koberwitz 1924 auf die Erdgesundheit richtete, stand die Natur allenfalls in den Heilmittelbetrieben und nur gering in den Patienteneinrichtungen im Fokus. Es kam nicht zu einer wirklichen und konsequenten Vorreiterfunktion, beispielsweise mit dem Grundsatz: «Die Gesundheit der Erde ist fĂŒr uns die Basis fĂŒr alle Gesundheit der Menschen.» Vielmehr galt eher das Narrativ: «Unsere Bedeutung fĂŒr eine Erweiterung der Medizin rechtfertigt es, die Natur und das Leben der Erde im Einklang mit der Menschheit einzusetzen. Das Wie und das Was erfordern Kompromisse.» Nicht im Einklang mit der Natur (der lebendigen Erde), sondern ĂŒber weite Strecken im Einklang mit den Handlungsmaximen des Zeitgeistes (Raubbau an der Natur) hat sich die anthroposophische Krankenhauslandschaft ĂŒber 100 Jahre hin entwickelt. Das ist sicherlich schonungslos formuliert. Anthroposophische Gesundheitseinrichtungen haben (abgesehen von Heilmittelbetrieben und Ausnahmen) von ihrer GrĂŒndung an ihre Why-Frage nicht im Blick auf die Erde als lebendigen Organismus mit seinen Beziehungen zum Kosmos (besonders der Sonne) ausgerichtet.

Gesundheitseinrichtungen als Vorbilder fĂŒr transformatives Handeln

Der Ausgangspunkt der Anthroposophischen Medizin ist also Ă€hnlich wie bei der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auf den Erdorganismus gerichtet. Dass sie diese Beziehung nicht in der gleichen Klarheit wie die Landwirtschaft entwickelt hat, könnte durch die Entwicklung des How und des What der Medizin verursacht worden sein. Die UmwĂ€lzungen der Medizin der letzten 100 Jahre bilden eine besondere Ausgangslage fĂŒr eine Bewegung, die im Kern eine geistige Dimension des Menschen im Auge hat. Heute, 2021, genießen anthroposophische KrankenhĂ€user höchste Anerkennung in den Medien und in Umfragen der Bevölkerung. Andererseits ist das gewachsene Wissen um die Bedeutung der planetaren Gesundheit inzwischen in aller Munde, ohne dass KrankenhĂ€user dieses Wissen bereits umsetzen. So ist es höchste Zeit, dass ein neuer â€čunumkehrbarer Willeâ€ș aus diesen Einrichtungen mit â€čpandemisch-hochinfektiösem Potenzialâ€ș der Zivilgesellschaft vorlebt, wie konkret und praktisch die Gesundheit der Menschen mit der Gesundheit der Erde im Zusammenhang stehend organisiert werden kann.

Dieses Ziel verfolgen zahlreiche Initiativen in der anthroposophischen Bewegung â€“ zum GlĂŒck. Braucht unsere Zeit nicht ganz besonders solche entschlossenen und erfolgreichen Beispiele mit zĂŒndender und richtunggebender Stahlkraft? Mit diesem Ziel hat das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe einen tiefgreifenden Transformationsprozess begonnen. Am 7. November 2020 fĂŒhrten wir im Krankenhaus ein Symposion durch,[note] Health for Future Havelhöhe [/note] auf dem wir erklĂ€rten: «Wir werden bis zum Jahr 2030 ein Null-Emissions-Krankenhaus werden.» Nach einer zweijĂ€hrigen Findungsphase war deutlich: Wir wollen alle 1000 Mitarbeitenden auf unserem Campus in einen Transformationsprozess mitnehmen. Die Gruppe konnte auf einen jahrelangen Entwicklungsprozess aufbauen, der mit 10 Prozent der Mitarbeitenden ĂŒber 20 Jahre durchgefĂŒhrt, zunĂ€chst durch Organisationsentwickler unterstĂŒtzt und in den letzten Jahren vom kollegialen Leitungskreis der Klinik weitergefĂŒhrt wurde: Wie wollen wir uns als Gemeinschaft verĂ€ndern? Schließlich haben wir unsere Unternehmenskultur immer stĂ€rker mit der eigenen BefĂ€higung und Entwicklung von uns selbst verbunden. Die Klimakrise sehen wir als eine Kulturfrage der Beziehungen an: Beziehung zur Natur, aber auch in unserem Miteinander. Es geht also auch um die Frage der Selbstentwicklung und Schulung. 70 Mitarbeitende aller Berufsgruppen in FĂŒhrungspositionen haben sich mit diesen Fragen auf den Weg gemacht und wollen ihn als Einzelperson und zusammen als gemeinsamer sozialer Organismus begehen.

Die Zeit war also vorbereitet und schließlich reif fĂŒr ein solches Vorhaben: In zwei Schritten und 14 Handlungsfeldern haben wir uns auf den zehnjĂ€hrigen Weg zu einem klimaneutralen Hospital gemacht. Wir wollen:

‱ als Betrieb selbstĂ€ndig und klimaneutral werden (ohne fossile Energiegewinnung) und

‱ alle Mitarbeitenden, Partner und Partnerinnen und Lieferketten in diesen Prozess mit einbeziehen.

‱ Health for Future Havelhöhe

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Leuchtturmprojekte fĂŒr VerĂ€nderung

Warum und wofĂŒr sind Gesundheitsbetriebe geeignet, diesen tiefen VerĂ€nderungsprozess anzufĂŒhren? Nachhaltig ist eine Medizin, die nicht nur Symptome behandelt, sondern den lebendigen Organismus berĂŒcksichtigt. Viele erkennen: Ich kann diese Nachhaltigkeit in der Medizin selbst nicht fordern, ohne die Beziehung zu uns selbst als Natur- und als Geistwesen zu berĂŒcksichtigen. Oder anders: Ohne mich genauso um die Gesundheit der Erde zu kĂŒmmern, brauche ich mich nicht um die Gesundheit der Menschen kĂŒmmern wollen, denn diese Erde ist die Grundlage fĂŒr jeden Gesundungsprozess der lebenden Menschen. Diesen Transformationsprozess mĂŒssen wir aber praktisch und lernbar als Gemeinschaft organisieren. Wir nennen es â€čopen mindâ€ș. Es gilt, den Sinn fĂŒr unser Tun in einem Umfeld zu entwickeln. Nur das Wasser aus dem Wasserhahn zu entnehmen, ist zu wenig. â€čHellsichtigkeitâ€ș fĂŒr den Wasserkreislauf im Menschen und in unserem Krankenhaus-Organismus können Hand in Hand gehen. Warum lĂ€uft das Wasser von unseren zahlreichen GebĂ€uden nicht in die lebende Erde auf dem GelĂ€nde, sondern in die Kanalisation? Wie gehen wir mit Schmutzwasser um? Haben wir ein Bewusstsein von unseren Reinigungsprozessen, die dank des Wassers möglich sind? Und weiter: Was bedeutet es fĂŒr das Gesamtwasser auf der Erde, wenn wir Wasser verbrauchen? Unser Überfluss an Wasser steht im Zusammenhang mit dem Wassermangel in vielen Gebieten der Erde. Welches Wasser trinken unsere Patienten und Patientinnen und wir selbst? Auf diese Weise entsteht ein Projekt im Arbeitsfeld Wasser: Einzelne erklĂ€ren sich verantwortlich fĂŒr ein Projekt; die Gemeinschaft begleitet diese Projekte; es entwickelt sich das â€čopen heartâ€ș der Gemeinschaft.

Wer ein Projekt ĂŒbernimmt, betritt die WillenssphĂ€re. Der Klimawille ist eine vielschichtige Energie, die sich in fließender Gestaltung entfaltet. Es sind zumeist agile Projekte, und es ist weniger klassisches Projektmanagement gefragt, das in einem iterativen Prozess seine eigene Energie entfaltet: Arbeit am â€čopen willâ€ș findet statt. Dieser Kontakt zum eigenen Willen schließt an der UnumstĂ¶ĂŸlichkeit an, mit der wir uns mit kleinen Wellen und Strahlenfeldern in einem Opferprozess der Begrenzung wiederfinden, dem Grenzenlosen des Lebens auf der Erde Raum und Zeit zu geben. Diese Transformationsprozesse können eindeutig und unumkehrbar werden!

Anthroposophinnen als Change Agents?

Im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe wollen wir das Ausmaß der CO2-Emission mit unserem VerhĂ€ltnis zur Why-Frage des Lebens verbinden. In unserer eigenen Unternehmensgeschichte haben wir 1990 6000 Tonnen CO2 in die TroposphĂ€re gesendet. Das bedeutet aber ein Abdichten der AtmosphĂ€re. Das Ziel ist, weltweit geeint die Zwei-Grad-ErwĂ€rmung noch bis 2050 zu unterschreiten. Alle gegenwĂ€rtigen Analysen deuten darauf hin, dass uns das nicht gelingen wird: Das ist unser Klimanotfall. Nachholen zu einem spĂ€teren Zeitpunkt ist unmöglich. Was 1972 vom Club of Rome noch als fernes Szenario beschrieben wurde, ist heute, 50 Jahre spĂ€ter, zum Greifen nah: Sind die Kipppunkte des Lebens einmal ĂŒberschritten, gibt es keinen Weg zurĂŒck. Um die Rettung im Klimanotfall noch zu erreichen, mĂŒsste ein globaler Wandel gelingen. Wir Anthroposophen und Anthroposophinnen sind ein zahlenmĂ€ĂŸig unwesentliches â€čkleines HĂ€ufleinâ€ș mit 40 000 Mitgliedern, 65 000 Mitarbeitenden und einer Million Freunden und Freundinnen im VerhĂ€ltnis zu den aktiv handelnden Menschen der mĂ€chtigen Staaten dieser Welt.

Allerdings gibt es trotzdem Grund zur Hoffnung, denn es ist bekannt: VerĂ€nderungen laufen nicht linear, und bereits eine kleine Gruppe (ca. 3–5 Prozent) beeinflussen ein Umfeld (â€čdie Freundeâ€ș). Es gilt, das Ziel zu verfolgen, einen â€čsozialen Kipppunktâ€ș zu erreichen, den ca. 20 Prozent fĂŒr die ĂŒbrigen 80 Prozent (der handelnden Menschen) benötigen, um die nahende Katastrophe noch abzuwenden. Eine konsequente Transformation der anthroposophischen Einrichtungen könnte diese wie LeuchttĂŒrme auf der Erde erscheinen lassen. Zusammen mit anderen Gruppierungen und deren â€čFreundenâ€ș könnten die Kipppunkte erreicht werden, um die Beschleunigung der Zerstörung der Lebensbedingungen auf der Erde zu stoppen.

Die Vertreterinnen und Vertreter der anthroposophischen Bewegung wĂ€ren dann Change Agents fĂŒr die Menschheit. 100 Jahre hat diese Bewegung die ErderwĂ€rmung mit verursacht. Durch die Bestrebungen, die Gemeinschaft der anthroposophischen Einrichtungen auf neue Art durch die World Goetheanum Association (WGA)[note] World Goetheanum Association [/note] zu vernetzen, ist in den letzten Jahren eine Grundlage gelegt worden, eine solche Kraft als Gemeinschaft aufzubauen, wenn sich die anthroposophische Bewegung in der Why-Frage mit dem Klimawillen verbindet. Die Entwicklung der Menschen zu höheren FĂ€higkeiten wĂŒrde enorm wachsen, wenn wir uns auf den Weg machen, ein «atmosphĂ€risches Bewusstsein»[note] Stefan Ruf, Klimapsychologie: AtmosphĂ€risches Bewusstsein als Weg aus der Klimakrise. Frankfurt 2019. [/note] sowie â€čopen mindâ€ș, â€čopen heartâ€ș und â€čopen willâ€ș zu entwickeln.


I Die genaue GrĂ¶ĂŸe der anthroposophischen Bewegung ist unbekannt. Weltweit gibt es ca. 1200 Waldorfschulen mit 30 000 Mitarbeitenden, ca. 1800 WaldorfkindergĂ€rten mit 6000 Mitarbeitenden, ca. 3000 Arztpraxen mit 10 000 Mitarbeitenden, ca. 2200 biologisch-dynamische Bauernhöfe mit geschĂ€tzt 6000 Mitarbeitenden, 200 sozialtherapeutische Einrichtungen mit geschĂ€tzt 2000 Mitarbeitenden, 400 anthroposophische Kleinbetriebe mit 1000 Mitarbeitenden, ca. 20 KrankenhĂ€user, Rehakliniken und Ă€hnliche Einrichtungen mit 5000 Mitarbeitenden, 5 Heilmittelbetriebe mit geschĂ€tzt 2000 Mitarbeitenden, 5 Banken mit 3000 Mitarbeitenden, 50 Altenpflegeeinrichtungen mit 1000 Mitarbeitenden, 500 anthroposophische Zweige mit 1000 Mitarbeitenden sowie ungezĂ€hlte SelbstĂ€ndige: Summe 65 000 Mitarbeitende.

II Eine Aufstellung aller Gesundheitseinrichtungen der anthroposophischen Bewegung wĂ€re umfangreicher. Hier eine unvollstĂ€ndige Zusammenstellung: Wegman-Klinik (GrĂŒndung 1921), Wilhem-von-Zeylmans-Klinik (GrĂŒndung 1923), Casa die Salute Raphael (GrĂŒndung 1930), Friedrich-Husemann-Klinik (GrĂŒndung 1930), Paracelsuskrankenhaus Unterlengenhardt (GrĂŒndung 1935/46), Sanatorium Schloss Hamborn (GrĂŒndung 1950), Lukas-Klinik (GrĂŒndung 1963), Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (GrĂŒndung 1969), Klinik Öschelbronn (GrĂŒndung 1975), Filderklinik (GrĂŒndung 1975), Sanatorium Haus am Stalten (GrĂŒndung 1976), Vidarklinik (GrĂŒndung 1985), Paracelsusklinik in Richterswil (GrĂŒndung 1994), Haus am Stalten (GrĂŒndung 1995), Alpenhof (GrĂŒndung 1995), Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe (GrĂŒndung 1995).

  1. Aus Sicht des global denkenden Wissenschaftlers, der seine Gedanken am Schreibtisch aufarbeitet, ist es völlig richtig, das Klimageschehen in Beziehung zu setzen mit der rechnerisch ermittelten durchschnittlichen Temperaturerhöhung ĂŒber einen langen Zeitraum.

    Aus Sicht meiner Balkonblumen ist – völlig unwissenschaftlich – viel wichtiger, wenn wegen der zugenommenen Trockenheit meine Gießkanne Wasser spendet.

    Mit anderen Worten – oder besser: aus meiner Sicht – ist es ein Schmarren, den Klimawandel nur global zu erfassen, noch dazu auf die durchschnittliche Temperaturerhöhung zu beschrĂ€nken.

  2. Ein wichtiger und lĂ€ngst fĂ€lliger Beitrag. Er kratzt an einer Art von anthroposophischer Überheblichkeit, die ich in zwei Varianten meine beobachtet zu haben: 1. als Anthroposoph trage man per se schon zur Nachhaltigkeit bei, weil Anthroposophie mit Konzepten fĂŒr die Landwirtschaft, Medizin, PĂ€dagogik ja nachhaltig wirke; 2. (betrifft v.a. FunktionĂ€re, Vortragsredner aber auch Kulturtouristen usw.) man sieht sich in höherer Mission unterwegs, deshalb sind UmweltsĂŒnden (v.a. der MobilitĂ€t) a priori verziehen. Ab den 1980-er Jahren lernte ich Menschen aus der Oeko-Bewegung kennen, die ökologisches Verhalten auch im Alltag sehr ernst nahmen. Ich bezweifle, ob sie fĂŒr Anthroposophen zu Vorbildern wurden. So philiströs-genau wollte man die Ideen dann doch nicht unbedingt umgesetzt sehen. Schliesslich ist ja auch Rudolf Steiner Auto gefahren.

  3. Lieber Christian Grah,

    herzlichen Dank fĂŒr diesen großen und mutigen Beitrag.
    Es ist Ihnen gelungen, dieses notwendige Thema – ohne VorwĂŒrfe oder Moral – so anzusprechen, dass ich mich motiviert fĂŒhle, weitere konsequente Schritte umzusetzen, wo es mir möglich ist.

    Herzliche GrĂŒĂŸe
    Fritz Otto

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