Ins kalte Wasser springen

Die filmische Werkstatt-Arbeit zu den Mysteriendramen im Dezember 2020: GesprÀch mit Gioia Falk, Christian Peter und Stefan Hasler.


Es sei keine Verfilmung der Mysteriendramen, sondern eine Dokumentation aus der Probenarbeit. So charakterisiert Stefan Hasler die acht Videoblöcke, die Kernszenen aus Rudolf Steiners Dramen zeigen. Als kurz vor Weihnachten AuffĂŒhrungen mit Publikum unmöglich wurden, blieb fĂŒr das Mysteriendramen-Ensemble nur eine Woche, um sich eine digitale Form zu ĂŒberlegen. So entstanden mit dem Dokumentarfilmer Bernard Bonnamour kurz entschlossen filmische Einblicke in die Dramen mit kurzen Statements der Mitwirkenden. Ein GesprĂ€ch mit den Verantwortlichen der Inszenierung ĂŒber die Erfahrungen, mit dem Kameraauge zu arbeiten.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser â€“ oder?

Gioia Falk ja, weil nach der Absage der AuffĂŒhrungen wir rasch zu entscheiden hatten. Alle AktivitĂ€ten abzusagen? Was war noch möglich? Es entstanden verschieden Ideen, positiv etwas «daraus zu machen»; eine war, die Dramen zu lesen, zum Teil zu spielen, in der ursprĂŒnglich geplanten AuffĂŒhrungszeit. Das konnte durchgefĂŒhrt werden. Den Wunsch: “Die Dramen digital“ hatten wir abgelehnt, denn das entspricht zu wenig dem, was Mysteriendramen als BĂŒhnenauffĂŒhrung sind. Ich hatte mich frĂŒher viele Jahre mit der Frage Film und Eurythmie beschĂ€ftigt Einige von uns haben auch im Schauspiel Erfahrung im Umgang mit diesem Mittel. Es war bald klar: Wenn wir Aufnahmen machen, dann muss es eine andere Form sein als was wir als GesamtauffĂŒhrung im Goetheanum pflegen. Ausschnitte, Einblicke, Gedanken zum Einstieg – das schien adĂ€quat. Als ich die jetzt bestehende Inszenierung der Dramen, war eines meiner Anliegen, dem gerecht zu werden, dass sich den Protagonisten im Fortschritt der Schulung ihr Innenleben objektiv von Aussen zeigen kann. Diese Fragestellungen konnten in der Filmarbeit nur sehr wenig erscheinen. Dennoch ist das, was entstanden ist ein Hinweis und ein konkretes Eingehen auf das so aussergewöhnliche Werk.

Ohne filmische BĂŒhnen­erfahrung, wie ging das?

Falk Wir fragten uns oft, ob wir das so ĂŒberhaupt machen können. Was uns den Mut gab, war die besondere Situation und dass wir keinen â€čFilmâ€ș ĂŒber die Mysteriendramen machen, sondern einen Einblick in unsere Proben geben wollten.

Wie ist das VerhÀltnis der Eurythmistinnen zur Kamera?

Falk Bei den großen Gruppen geht es um die Gestaltung des Raumes und wir haben dann abgesprochen, wie und wann Bernard Bonnamour mit seiner Kamera in diesen Raum hereinkommen kann. Bei intimeren Szenen, wie beispielsweise dem Auftritt der SeelenkrĂ€fte, war es wichtig, dass die Eurythmistinnen den Bezug zum Schauspieler sichtbar machen. Die Kamera darf uns nicht ablenken, sonst gelingt diese Beziehung nicht.

Was fĂŒhlt man, wenn man die Szene dann auf Video sieht?

Falk Ich möchte selbst an der Kamera stehen! Wenn man so mit dem Raum umgeht, dann fĂŒhle ich, dass man den Raum zwischen Darsteller und Publikum oft gar nicht einfangen kann. Das ist ein großer und offener und toleranter Raum. Mit Bernard Bonnamour als Kameramann öffneten sich dann bestimmte andere RĂ€ume. Ich konnte erleben, dass er einen Raum öffnen kann, so wie er schaut und sich stellt. Das geht nicht ohne den Menschen. Das ist dann ein bestimmter Stil, eine Interpretation. Leider konnten wir dann nicht an den Einstellungen feilen: Wo ist NĂ€he, wo ist Ferne passend? Auf diese Nacharbeit haben wir verzichten mĂŒssen.

Stefan Hasler Wir konnten nach dem Filmen das bestehende Material bearbeiten, aber nachdem wir die Sequenzen gesehen hatten, konnten wir nicht noch einmal zurĂŒck auf die BĂŒhne gehen und es von Neuem drehen. Dazu fehlte die Zeit. Der Vorteil dabei: Alle Szenen sind ursprĂŒnglich.

Falk Die Kamera können wir ja mit einem gefĂŒhrten Auge vergleichen. Nun gehört bei Theater und Eurythmie aber das freie, sich selbst und seiner Aufmerksamkeit ĂŒberlassene Auge hinzu. Deshalb bedeutet Video immer eine enorme EinschrĂ€nkung.

Film ertrĂ€gt keinen Pathos und die Mysteriendramen ertragen keine LĂ€ssigkeit â€“ wie lassen sich diese GegensĂ€tze vereinen?

Christian Peter Was den Charme dieses Projektes ausmacht, ist, dass wir da hineingesprungen sind, ohne die Möglichkeit, alles im Einzelnen reflektieren zu können. Aus den Ă€ußeren UmstĂ€nden heraus hatten wir weniger Szenen mit Luzifer und Ahriman als vielmehr die typischen Dialogszenen, wo die Filmsprache naheliegender ist. Nun haben wir die Szene im Mittelalter mit den Widersachern gezeigt. Da sieht man dann, dass der Inhalt noch viel mehr filmische Möglichkeiten bietet, die wir jetzt in solch einem ersten Wurf nicht ausschöpfen konnten. Wenn es heißt: «Du solltest merken, wie der HĂŒter spricht», dann ist das ja eine Stimme im Innern, ein Zweifel, das ruft natĂŒrlich nach vielfĂ€ltigen filmischen Mitteln. Wir haben in der Schnelle, in der wir mit diesem Projekt unterwegs waren, die Kamera vergessen mĂŒssen. Dadurch ist es natĂŒrlich geworden. Weil ich nur bestimmt Darstellerinnen und Darsteller zur VerfĂŒgung hatte, konnte ich keine HandlungsablĂ€ufe zeigen, sondern musste mich auf bestimmte Protagonisten konzentrieren. Ich habe also die Texte so arrangiert, dass man beispielsweise Capesius sieht, wie er sich durch das Bild des Johannes verĂ€ndert, dann Strader begegnet. Wir haben auf biografische Abschnitte der einzelnen Personen fokussiert.

Wie kam es zu den Kommentaren der Mitwirkende nach den Szenen?

Peter Nach den Szenen haben wir die Spielerinen und Spieler gebeten, kurz etwas zu ihrer Rolle zu sagen. Das hat die Szenen schön ergÀnzt. Jeder, der eine Rolle spielt, nimmt dabei ja etwas von sich in die Rolle mit. Diese Beziehung, wie Person und Rolle verschmelzen, das wird in den Kommentaren und Reflexionen offenbar. So werden die biografischen Krisen- und Wandlungsmomente noch verstÀndlicher, die Szenen intensiver.

Die Erfahrung, gewisse Vorstellungen zugunsten des gemeinsamen Tuns loszulassen, das fand ich großartig, und es gehört wohl zu den vielen Dingen, die wir in und durch die Pandemie lernen.

Bei dem ganzen Projekt war mir wichtig, dass die filmischen Szenen aus den Mysteriendramen bei den Betrachtenden den Wunsch wecken und verstĂ€rken, die Dramen dann ganz real im Theater zu sehen. Ich bin davon ĂŒberzeugt, dass die Sehnsucht nach â€čechtenâ€ș Mysteriendramen wĂ€chst, wenn man sich Szenen auf Video anschaut. Das haben wir schon bei der Musik erlebt, als man sie auf CDs hören konnte.

Falk Wir haben uns gemeinsam versprochen, dass es ein Experiment ist, und das hat die TĂŒren geöffnet. Wenn wir uns vorgenommen hĂ€tten, einen Mysteriendramenfilm zu drehen, dann wĂ€ren alle TĂŒren zugefallen.

Hasler TatsĂ€chlich, hĂ€tten wir vor zwei Monaten gewusst, dass wir nicht vor Publikum spielen können und deshalb wĂ€re ein Film zu den Mysteriendramen ins Spiel gebracht worden, dann wĂ€ren die Stimmen dagegen, auch meine, sehr laut gewesen. Wie soll man auf technischem Weg in solch ein StĂŒck kommen, das vom eigenen Mitvollzug lebt? Es war ja ganz anders. Eine Woche vor den Aufnahmen saßen wir mit Nils Frischknecht, unserem GeschĂ€ftsfĂŒhrer der BĂŒhne, zusammen und erfuhren, dass AuffĂŒhrungen mit Publikum vom Bundesrat untersagt sind. Da hatten wir keine Alternative, als all das, was in den Wochen zuvor geprobt und gearbeitet wurde, jetzt mit dem Medium Film zu verbinden. Es ist eine erstaunliche Erfahrung, dass all die Überzeugungen angesichts dieser Wirklichkeit dann in den Hintergrund treten. Überrollt und befreit, das fand beides zugleich statt. Dazu kam das GlĂŒck, dass wir mit Bernard Bonnamour einen Filmer hatten, der mit großer Liebe zum Goetheanum, zur Anthroposophie zu uns stieß. Er hatte die Dramen 2013 gesehen. Wir reden ĂŒber das Schöpfen aus dem Nichts. Hier wurde es zur Erfahrung fĂŒr uns alle. Unser Wille, zu spielen, wie es eben möglich ist angesichts der unmöglichen Bedingungen, warf Vorstellungen und Ausrichtungen ĂŒber den Haufen. Das geschah so radikal fĂŒr jeden von uns, dass uns die Frage verband, wie wir in dieser so fremden neuen Lage zusammen schwimmen können. Dann kamen mehr Szenen zustande, als wir erwartet hatten, es kamen die inhaltlichen Einleitungen von Christian Peter dazu, es kamen Kommentare der Mitwirkenden dazu, es kamen die VortrĂ€ge von Peter Selg und dir, Wolfgang, dazu und so wurde aus den vielen StĂŒcken, Szenen und Momenten ein Ganzes, zu dem wir Ja sagen konnten.

Die Erfahrung, gewisse Ideale zugunsten des gemeinsamen Tuns loszulassen, das fand ich großartig, und es gehört wohl zu den vielen Dingen, die wir in und durch die Pandemie lernen. Beim RĂŒckblick auf unser Projekt sagte ein Ensemble-Mitglied, man mĂŒsse doch wissen, was fĂŒr ein Film entstehen soll. Da sagte Bernard: «Es ist so anders, wenn ich als Filmer dazukomme, das kann man sich nicht ausdenken, das muss man tun und man muss schauen, was man daraus machen kann.»

Wie sind die Reaktionen?

Hasler Durch die NĂ€he zu den Spielenden zeige sich eine besondere IntimitĂ€t. «Ich kann in eine Szene eintauchen, kann sie mehrmals anschauen, kann erfahren, wie es euch Spielenden dabei geht.» Das waren die Reaktionen. Immer wieder hörten wir, dass Zuschauende sagten, dass sie sich nicht ĂŒberfordert fĂŒhlten. NatĂŒrlich dĂŒrfen wir es nicht mit dem eigentlichen Theater vergleichen, es ist ein eigenes Mittel, das zum Theater, zum eigentlichen BĂŒhnenereignis neu hinfĂŒhrt.


Die Filme zu den Mysteriendramen kann man weiterhin anschauen.

Titelbild: Gioia Falk (Eurythmie), Christian Peter (Schauspiel), Foto: W. Held

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