Indien in Zeiten von Covid-19

Indien â€“ ein Land, das man als â€čHalbkontinentâ€ș bezeichnet, so gewaltig sind seine Ausmaße. Was bedeutet die Coronakrise fĂŒr dieses Land mit seiner weltweit zweitgrĂ¶ĂŸten AckerflĂ€che und 7500 Kilometern KĂŒstenlinie?


Indien ist einer der grĂ¶ĂŸten Produzenten von Milch, HĂŒlsenfrĂŒchten, GewĂŒrzen, Tee und Jute sowie von Obst und GemĂŒse, GeflĂŒgel, Reis und Weizen, Fisch und Baumwolle. Die Landwirtschaft ist die Lebensgrundlage von ĂŒber 50 Prozent der Bevölkerung des Landes, und ĂŒber 40 Prozent aller ArbeitskrĂ€fte sind in der Landwirtschaft beschĂ€ftigt, was nur halb so viele sind wie zur Zeit der UnabhĂ€ngigkeit Indiens im Jahr 1947. Der ökologische Landbau ist in Indien im Entstehen begriffen. Nach Angaben des Bundesministeriums fĂŒr Landwirtschaft und lĂ€ndliche Wohlfahrt wurden im MĂ€rz 2020 ĂŒber 2,5 Millionen Hektar Ackerland ökologisch bewirtschaftet. Das sind zwei Prozent der 140 Millionen Hektar NettoaussaatflĂ€che des Landes. Sikkim ist bisher der einzige indische Bundesstaat, der vollstĂ€ndig ökologisch bewirtschaftet wird. Obwohl Indien nur ĂŒber eine kleine BioanbauflĂ€che verfĂŒgt, steht Sikkim, was die Anzahl der Biobauern betrifft, an erster Stelle. Im MĂ€rz 2020 gab es in Indien ĂŒber 1,9 Millionen Biobauern, das sind 1,3 Prozent der insgesamt 146 Millionen Landwirte des Landes. Es wird geschĂ€tzt, dass etwa fĂŒnf Prozent dieser Biobauern biologisch-dynamische PrĂ€parate verwenden. DarĂŒber hinaus gibt es Landwirte, die nicht zertifiziert sind und daher nicht gezĂ€hlt werden, vor allem in HĂŒgel-, Stammes- und Regenfeldanbaugebieten. Indien hat mit ĂŒber 300 Millionen Rindern auch einen der grĂ¶ĂŸten RinderbestĂ€nde der Welt.

Auf dem Markt in Chandigarh, Indien, Foto: Sukhjinder von Pixahive.

Als Straßen und Bahnlinien gesperrt wurden

Die Landwirtschaft in Indien war in den letzten Jahren mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, wie der Landflucht in die StĂ€dte, dem Mangel von Saatgut guter QualitĂ€t, dem Mangel an moderner AusrĂŒstung, schlechten BewĂ€sserungseinrichtungen, kleinen und zersplitterten LandbestĂ€nden, dem unerfreulichen Umgang mit lokalen HĂ€ndlern und ZwischenhĂ€ndlern und dem Mangel an Lagermöglichkeiten. Keine war aber so schwerwiegend wie die Sperren und ReisebeschrĂ€nkungen wĂ€hrend der Covid-19-Pandemie. Die großen Agrarproduktionsstaaten Indiens sind von Arbeitsmigranten aus den weniger entwickelten Teilen des Landes abhĂ€ngig. Als die landesweite Abriegelung Indiens im MĂ€rz 2020 angekĂŒndigt wurde, war die Reaktion darauf eine Massenabwanderung von Arbeitsmigranten zurĂŒck in ihre lĂ€ndlichen Heimatorte, um zu Hause den Lockdown abzuwarten. Der Ernteprozess, der gewöhnlich Mitte April beginnt, geriet aus dem Gleichgewicht, und die Ernte im Juni gehörte zu den besonders stark betroffenen. Im Transportsektor war die Bewegung ĂŒber die Staatsgrenzen hinweg stark eingeschrĂ€nkt worden, was die Beförderung und Lieferung der Ernte und damit ihren Verkauf blockierte. Jahrzehntelang sind Millionen von Arbeitern aus ihren lĂ€ndlichen HĂ€usern und Dörfern in die StĂ€dte abgewandert auf der Suche nach Möglichkeiten und Lebensgrundlagen. Migranten aus lĂ€ndlichen Gebieten arbeiten in Indien als Hausangestellte, auf Baustellen, in Fabriken, in verschiedenen Industriezweigen, in der Landwirtschaft usw. fĂŒr bessere BeschĂ€ftigung, bessere Löhne und einen besseren Lebensstandard. Die plötzliche Durchsetzung der Abriegelung durch die indische Regierung nach einer 14-stĂŒndigen Ausgangssperre benachteiligte diese ohnehin gefĂ€hrdeten Bevölkerungsgruppen unmittelbar, da sie die Menschen daran hinderte, ihre HĂ€user zu verlassen. Alle Transportwege â€“ Straßen, Flugzeuge und Eisenbahnstrecken â€“ wurden gesperrt, auch das Gastgewerbe, Bildungseinrichtungen und Industriebetriebe. Als die Fabriken und ArbeitsstĂ€tten schlossen, mussten Millionen von Wanderarbeitern mit Einkommensverlusten, Nahrungsmittelknappheit und einer ungewissen Zukunft fertigwerden. Ohne Geld, ohne Arbeit, in Ungewissheit darĂŒber, wann die Schließung endlich beendet sein wird, blieb den Wanderarbeitern keine andere Wahl, als in ihre Dörfer zurĂŒckzukehren. Ihre massive Migration aus den Arbeitsstaaten war eine humanitĂ€re und gesundheitliche Herausforderung und ein außergewöhnlicher logistischer Albtraum. Denn damit standen sie vor dem nĂ€chsten Problem: Wie sollten sie ihre Heimat erreichen?

1000 Kilometer zu Fuß

Da die Straßen- und Schienenverbindungen nach wie vor unterbrochen sind, war der RĂŒckweg zu Fuß die einzige Möglichkeit, und sie begaben sich zunĂ€chst auf die Straße. Die sozialen Medien wurden mit herzzerreißenden Bildern ĂŒberflutet: Wanderarbeiter, die barfuß gehen, FĂŒĂŸe mit tiefen GeschwĂŒren, Frauen, die ihre Kinder auf der HĂŒfte tragen, eine Mutter, die ihr Kind auf einem Koffer schleppt, ein MĂ€dchen, das Hunderte von Kilometern mit dem Fahrrad fĂ€hrt und ihren Vater trĂ€gt, usw. Diese Bilder warfen Fragen zu den Vorkehrungen auf, die von den Landesregierungen fĂŒr das Wohlergehen der Wanderarbeiter getroffen wurden, die seit Beginn des Lockdowns viele Tage lang in einer Hitzewelle ohne Nahrung, Wasser, Lohn und Unterkunft gestrandet waren. Die Menschen hatten diese gefĂ€hrlichen Reisen unternommen, manchmal bis zu 1000 Kilometer zu Fuß, ohne Geld und oft tagelang ohne Essen. Viele wurden von Vollzugsbeamten wegen Verstoßes gegen die Abriegelung verhaftet, viele starben an Erschöpfung oder bei UnfĂ€llen auf den Straßen.

Eine weitere Auswirkung dieser Krise ist, dass viele der RĂŒckkehrer in die lĂ€ndlichen Gebiete die Landwirtschaft als ihren neuen Beruf gewĂ€hlt haben.

Eine weitere Auswirkung dieser Krise ist, dass viele der RĂŒckkehrer in die lĂ€ndlichen Gebiete die Landwirtschaft als ihren neuen Beruf gewĂ€hlt haben. Da sie zuvor in stĂ€dtischen Gebieten lebten, haben sie ein besseres VerstĂ€ndnis der dortigen MĂ€rkte und sind gleichzeitig technisch versierter. Auch in den stĂ€dtischen Gebieten hat der Trend zum Essen und Kochen zu Hause zugenommen, und viele Menschen haben begonnen, lokale und biologische Lebensmittel zu konsumieren. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft bietet den oben genannten Bevölkerungsgruppen sowohl eine Option als auch eine vielschichtige Lösung fĂŒr die gegenwĂ€rtige Krise. Gleichzeitig erfĂŒllt sie neun der 17 Ziele fĂŒr nachhaltige Entwicklung (SDGS â€“ Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen, die ich im Folgenden frei interpretiere.

BiosphÀrische Ziele

Ziel 6 (Teilweise) sauberes Wasser – durch die Verbesserung der WasserqualitĂ€t durch Beseitigung der Verklappung gefĂ€hrlicher Chemikalien und die wesentliche Erhöhung der Effizienz der Wassernutzung;

Ziel 13 Klimaschutz und Anpassung – durch StĂ€rkung der WiderstandsfĂ€higkeit und AnpassungsfĂ€higkeit an klimabedingte Gefahren;

Ziel 15 Leben auf dem Land – durch GewĂ€hrleistung der Erhaltung, Wiederherstellung und nachhaltigen Nutzung unseres Ackerlandes.

Soziale Ziele

Ziel 1 Keine Armut – durch Umstellung der Bauern von einer Subsistenz- auf eine Existenzgrundlage durch die Sicherung fairer und gerechter Einkommen in einem assoziativen Wirtschaftsmodell;

Ziel 2 Kein Hunger – durch Beseitigung des Hungers, ErnĂ€hrungssicherheit und verbesserte ErnĂ€hrung; dies hat positive Auswirkung auf

Ziel 3 Gesundheit und Wohlergehen.

Wirtschaftsbezogene Ziele

Ziel 8 Gute Arbeit und Wirtschaftswachstum – durch Erreichen eines höheren Niveaus wirtschaftlicher ProduktivitĂ€t durch Diversifizierung und Innovation, durch Konzentration auf eine hochwertige und arbeitsintensive Produktion, die zu menschenwĂŒrdiger Arbeitsplatzschaffung, Unternehmergeist und KreativitĂ€t fĂŒhrt;

Ziel 10 Weniger Ungleichheiten – durch BefĂ€higung und Förderung der sozialen und wirtschaftlichen Rechte aller, unabhĂ€ngig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Rasse, ethnischer Herkunft, Religion, wirtschaftlichem oder sonstigem Status;

Ziel 12 Nachhaltige Konsum- und Produktionsweise – durch nachhaltiges Management und effiziente Nutzung der natĂŒrlichen Ressourcen.

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