In Farben heilen?

Vor einem Jahrhundert erreichte Rudolf Steiners Werk in vielen Bereichen eine Apotheose. Jedes Jahr können wir nun mehrere Jahrhundertfeste feiern. So auch 100 Jahre ‹Das Wesen der Farbe›.1


Oft nahm Rudolf Steiner Farbe als Beispiel für die Darstellung der Schritte in der geisteswissenschaftlichen Forschung. Farbe ist nicht nur ein wichtiger Ausdruck aller möglichen Naturphänomene. Auch in der Äther- und der Astralwelt äußern sich geistige Wesen in Farbe. Farbe ist das Gewand, in das sich die Wesen kleiden. Wir verwenden Farbe im Industriedesign hauptsächlich funktional. Unbewusst bleibt, wie diese Farbe zur Funktion passt. Wir verwenden Farbe dann rein äußerlich. Aber Farbe, in der sich ein geistiges Wesen in imaginativen Bildern ausdrückt, fügt sich nahtlos in die Eigenschaften dieses Wesens ein, sagte Steiner.2

In der geistigen Welt durchdringen sich geistige Wesenheiten. Was sagt es über das Wesen der Farbe selbst, dass sich die Farbe dazu eignet? Ein Beispiel für Farbe und Imagination: «Wer versucht, sich eine Blume vorzustellen, und dann in seiner Vorstellung alles beiseite lässt, was nicht Farbvorstellung ist, sodass vor seiner Seele ein Bild schwebt wie die von der Blume abgezogene farbige Oberfläche, der kann durch solche Übungen allmählich zu einer Imagination gelangen. Imagination […] wird es erst, wenn nicht nur die Farbe ganz abgehoben ist von dem Sinneseindrucke, sondern wenn auch die dreidimensionale Raumausdehnung sich völlig verloren hat. Dass dies Letztere der Fall ist, kann nur durch ein gewisses Gefühl wahrgenommen werden. [… ] Man fühlt sich nicht mehr außerhalb, sondern innerhalb des Farbbildes, und man hat das Bewusstsein, dass man an seiner Entstehung teilnimmt.»3

Imagination von Farbe

Ich habe erfahren, dass dies ein effektiver Weg ist, um einen imaginativen Farbeindruck zu erzielen, auch wenn es viel Übung erfordert. Von dort aus kann man in zwei Richtungen gehen: die Imagination der Farbe untersuchen, um das Wesen dieser Farbe zu untersuchen; oder untersuchen, wie sich das Wesen der Blume in dieser Imagination ausdrückt. In der Imagination werden nur Eigenschaften eines Wesens ausgedrückt. Es gibt noch zwei weitere Schritte: Die Inspiration führt zu den Taten des geistigen Wesens und erst in der Intuition kommt man zur wirklichen Begegnung mit diesem Wesen. Die Imagination gibt jedoch bereits Einsicht in die Beziehung zum menschlichen Organismus. Schließlich ist der menschliche Organismus als Mikrokosmos ein Abbild des Makrokosmos. Das bedeutet, dass alle Naturphänomene außerhalb von uns ein Pendant in unserem Organismus haben. Rudolf Steiner formuliert es so: «Aber es treten auf die objektiven Bilder. Nur dasjenige, was eigentlich in der menschlichen Gestalt lebt, das hört auf, sich als ein Objekt vor den Menschen hinzustellen. […] Der Mensch sieht jetzt nicht seine einheitliche menschliche Gestalt, sondern die Mannigfaltigkeit alle jener Tierformen, deren synthetisches Durcheinander- und Zusammenformen die menschliche Gestalt ist. Er lernt erkennen auf eine innerliche Weise dasjenige, was im Pflanzenreich, was im Mineralreich lebt.»4 Steiner nennt dies ‹Organologie›. Aus dem imaginativen Farbeindruck gewinnen wir so Einsicht in die Beziehung der Farben zu Teilen oder Aspekten unseres menschlichen Organismus.

Moralische Stimmungen

Was bedeutet der nächste Schritt der Inspiration, wenn wir nach dem Wesen einer Farbe suchen? «Wir nehmen einfach den Fall, dass wir unseren Blick auf eine gleichmäßig in stark Zinnoberrot leuchtende Farbenfläche richten, und wir nehmen ferner an, dass wir dazu gelangen, alles Übrige, das um uns herum ist, zu vergessen, uns zu konzentrieren ganz auf das Erleben dieser Farbe, sodass wir diese Farbe nicht bloß als etwas vor uns haben, das auf uns wirkt, sondern so, dass wir diese Farbe als etwas haben, worin wir selber sind, dass wir eins werden mit dieser Farbe. Dies aber wird man bei intensivem Seelenleben nicht erleben können, ohne dass die entsprechende Empfindung übergeht in ein moralisches Erleben.»5

Bild: Vortrag von Rudolf Steiner vom 4. Januar 1924 über der Regenbogen.

Diese moralische Stimmung ist das ‹Handeln› des Wesens dieser Farbe. Um zu der moralischen Stimmung zu gelangen, die im Himmelblau lebt, ist die folgende Übung wunderbar: Nehmen Sie sich einen Tag mit strahlend blauem Himmel, an dem Sie alle Zeit der Welt haben, und geben Sie sich ganz dem blauen Eindruck hin. Es kommt ein Moment, in dem das Blau verschwindet und sich eine Unendlichkeit öffnet. In diese Unendlichkeit strömt eine Stimmung der Frömmigkeit und Hingabe.6 Das ist die moralische Stimmung, die im Himmelblau lebt. Dazu muss man in die Farbe hineinwachsen, mit Zeit und Übung.

Diese beiden Wege nenne ich den Weg nach innen und den Weg nach außen. Im imaginativen Farbeindruck, den wir aktiv innerlich schaffen, leben die Eigenschaften der jeweiligen Farbe. Die inspirierende Stimmung, die als geistige Handlung von der Farbe ausgeht, entsteht in unserer Seele durch eine Farbe außer uns, durch das geistige Hineinwachsen. Es öffnet sich eine Unendlichkeit, in die sich diese Stimmung ergießt.

Schließlich ist es möglich, ein Zusammenwachsen dieser beiden Wege zu erreichen, die in einer geistigen Begegnung mit der Farbe, dem Schritt der Intuition, gipfelt: «Aber diese zwei Kräfte, die der Inspiration und die der Imagination, sie können sich vereinigen. Das eine kann sich in das andere einleben. Aber es muss in Vollbewusstheit und in einem Ergreifen des Kosmos in Liebe geschehen. Dann entsteht ein Drittes, ein Zusammenfluss von Imagination und Inspiration in der wahren, in der geistigen Intuition […], und indem man dann in der Intuition zusammenfasst dasjenige, was man über Pflanze, Tier und Mineral kennengelernt hat, mit demjenigen, was sich durch die Imagination ergibt über die menschlichen Organe, dadurch erhält man erst eine wahre Therapie, eine Heilmittellehre, die das Äußere in einem wirklichen Sinne anzuwenden vermag auf das Innere.»7

Farbtherapie

Farbe kann in der Farbtherapie heilend wirken. Ein besonderes Erlebnis, bei dem ich den Farbwesen geistig begegnet bin, hat mich auf diese Spur gebracht. Der Zugang zu dieser Erfahrung war eine intensive, glühende Bewunderung für die Geste der Farbe Gelb. Ich ‹sah› die farbigen Wesen in einem Kreis vereint. Ich habe sie dann als Wesen mit einer Moralität erlebt, die weit über den Menschen liegt. Es war eine große Überraschung, zu erfahren, dass diese Moralität aus ihrem Willen zur Heilung stammt, dem Willen, ‹heil› zu machen. Ein Arzt macht sich zum Instrument des heilenden Willens, der im Patienten oder der Patientin lebt, und verleiht diesem Willen Ausdruck.


Kees Veenman hat seine Untersuchungen in seinem Buch ‹Farbmeditationen› beschrieben (nur auf Holländisch).

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Das Wesen der Farben. GA 291. Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 1991.
  2. Rudolf Steiner, Geheimwissenschaft. GA 13, S. 111. Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 1989.
  3. Rudolf Steiner, Stufen der höheren Erkenntnis. GA 12, Kap. Intuition, Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 1993.
  4. Rudolf Steiner, Grenzen der Naturerkenntnis. GA 322, sechster Vortrag. Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 2020.
  5. Rudolf Steiner, Kunst im Lichte der Mysterienweisheit. GA 275, fünfter Vortrag. Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 1990.
  6. Rudolf Steiner, Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen. GA 136, erster Vortrag, Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 2009.
  7. Siehe Fußnote 4.

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