In die flutenden Farben der Welt

Caroline Chanter, Leiterin der Rudolf-Steiner-Malschule in Dornach, hat eine umfangreiche Biografie ĂŒber Gerard Wagner herausgegeben. Dies könnte, wie sie sagt, fast ein Paradox sein, da Wagner selbst behauptete, keine Biografie gehabt zu haben.


TatsĂ€chlich sind Gerard Wagners kĂŒnstlerische Bestrebungen und sein Einleben in die Farbe im Nachlass seiner Bilder zu finden. Aber wie ging der Weg dorthin? Welches sind die Zwischenstationen? Wie haben ihn seine SchĂŒler erlebt?

â€čGerard Wagner. Ein Leben mit Farbeâ€ș ist das Resultat intensiver Recherche, welche die Autorin mit feiner Beobachtungsgabe und eigener lebenslanger Auseinandersetzung mit der Malerei schrittweise enthĂŒllt. Erschienen ist das Werk beim Verlag am Goetheanum in einer sorgfĂ€ltigen Ausgabe mit zahlreichen Abbildungen, mehr als 50 Seiten mit Wagners Arbeiten von 1943 bis 1999, Fotos aus der Kindheit und Jugendzeit, Orten seiner Biografie, erstmals veröffentlichten Dokumenten, Briefen, Erinnerungen, Zeichnungen und GemĂ€lden vom Anfang seines Schaffens. Um Wagners Leben getreu zu dokumentieren, unternahm die Verfasserin Reisen zu den Orten, an denen dieser lebte, traf seine Familie, Freunde, ehemalige SchĂŒlerinnen und SchĂŒler. So bereichert sie ein umfassendes biografisches Material, das in diesem Buch zum ersten Mal kompiliert ist. Das Buch erscheint auch in der englischen Ausgabe bei Rudolf Steiner Press.

Caroline Chanter: Gerard Wagner. Ein Leben mit Farbe. Verlag am Goetheanum, Dornach 2021.

Als SchĂŒlerin dieses eigenstĂ€ndigen KĂŒnstlers wurde Caroline Chanter bald klar, dass sie Unterrichtssituationen und GesprĂ€che mit dem Maler in Notizen aufnehmen mĂŒsse. Besonders weil Wagner eine wachsame, jedoch introspektive Art auch beim Unterrichten hatte und eher auf konkrete, praktische Situationen einging, statt sich in theoretische Exkurse zu verlieren. Als gebĂŒrtige EnglĂ€nderin erschließt Chanter in dieser Biografie die interessante, vielen unbekannte englische Seite von Gerard Wagner. Julie Lange, seine Mutter, wurde in Manchester geboren, und sein Vater, Max Wagner, ursprĂŒnglich aus Plauen (Deutschland), wanderte als junger GeschĂ€ftsmann nach London aus. Gerard Wagner wurde 1906 in Wiesbaden geboren, in dessen Umgebung sein Vater eine Firma grĂŒndete. Doch nach dessen frĂŒhem Tod kehrte die Mutter mit ihren Söhnen nach Großbritannien zurĂŒck. Gerard Wagner wuchs in England auf und studierte am Royal College of Art in London. Diese enge Beziehung zur englischen Kultur und Sprache hat auch fĂŒr die vielen englischsprachigen Studierenden, die aus der ganzen Welt an Wagners Schule kamen, eine wichtige Rolle gespielt.

Im Sommer 1926 kam der junge KĂŒnstler mit Freunden zum ersten Mal nach Dornach, um die â€čEnglish Weekâ€ș am Goetheanum zu besuchen. Das kĂŒnstlerische Leben und die AtmosphĂ€re, die er wĂ€hrend des Baus des zweiten Goetheanum erlebte, motivierten ihn, zu bleiben und weitere KĂŒnste zu erlernen. Malerei und Skulptur, Eurythmie und Sprachgestaltung, Wagner tauchte in verschiedene Kunstsprachen ein. Der junge Gerard Wagner ahnte noch nicht, dass er fast 70 Jahre spĂ€ter die Wandmotive des Grundsteinsaals im Goetheanum malen wĂŒrde.

Malatelier von Caroline Chanter

Die Begegnung mit Rudolf Steiners Werk prĂ€gte ihn tief, und sein Hinweis fĂŒr Maler, «Form aus der Farbe» zu schaffen, wird Wagner konsequent sein Leben lang durchfĂŒhren. Infolgedessen entfaltete er eine Malmethode, um das Farbempfinden einzuĂŒben, sodass ein objektives Erleben der Farbe im Inneren stattfinden kann, das uns befĂ€higt, das geistige Bild allmĂ€hlich zu ersetzen. Er nannte dies «den Schleier von Isis enthĂŒllen». Dabei sei der Prozess, der Weg der konstanten Praxis, das Entscheidende. Es ging ihm nicht darum, dass es schön ist, es war ihm wichtiger, dass es wahr ist, erklĂ€rte er, als jemand seine Metamorphosen-Bilder lobte. Er sprach aus seiner Erfahrung heraus: Der Maler geht ĂŒber die bloßen Ă€sthetischen und formellen Fragen hinaus und wird zum Geistesforscher, indem er die im Lebendigen waltenden KrĂ€fte ins Zentrum seiner Betrachtung stellt. Seine Kunst wird dann Schulungsweg.

Von Gerard Wagners Arbeit in der Stille ging eine Kraft hinaus, die sich ausbreitete und 1967 zu der Eröffnung seiner eigenen Malschule fĂŒhrte. JĂ€hrlich stieg die Zahl der Studierenden. Die letzten Jahre seines Lebens waren von reger TĂ€tigkeit: AuftrĂ€ge fĂŒr Wandmalereien, laufende Kurse, Publikationen, Ausstellungen. Die Hermitage in St. Petersburg eröffnete in Oktober 1997 eine Ausstellung mit 90 Werken von Gerard Wagner, die von einer Tagung mit dem Titel â€čThe artist and the philosophy of color in artâ€ș ergĂ€nzt wurde. Zwei Jahre spĂ€ter von seiner Frau Elisabeth Wagner-Koch und von Caroline Chanter begleitet, starb Gerard Wagner im Alter von 93 Jahren in Arlesheim.

Wagners ƒuvre wird von der Autorin in seiner reichen FĂŒlle prĂ€sentiert. In feinen und vielfĂ€ltigen ZusammenhĂ€ngen verwebt sie das Werk mit einem tiefgegrĂŒndeten Wissen, wodurch das Buch nicht nur zu einem Nachschlagewerk ĂŒber Gerard Wagners Lebenswerk wird, sondern auch zu einem empfehlenswerten Begleitbuch fĂŒr alle, die den Weg der Kunst als inneren Schulungsweg beschreiten wollen.

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