Ich als Methode

Welche FĂ€higkeiten hat das Ich, die es ihm ermöglichen, ein Instrument der Wissenschaft zu sein? Salvatore Lavecchia schlĂ€gt eine BrĂŒcke zwischen dem mikrokosmischen Ich der Sinneswahrnehmung und dem makrokosmischen Ich der UrbildsphĂ€re, denen beiden die DialoggebĂ€rde innewohnt. Das dialogische Ich selbst wĂ€re dann der Weg, das PhĂ€nomen und die Methode einer Wissenschaft, die Steiner als Anthroposophie bezeichnete.


I Die immer dringender notwendige Verwandlung der gewöhnlichen Ich-Vorstellung bildet seit mehreren Jahren ein wesentliches Anliegen meines universitĂ€ren Unterrichts. Ich widme jedes Jahr einen gewichtigen Abschnitt des AnfĂ€ngerunterrichtes dem Versuch, die Zuhörenden weg vom atomistischen Bild des Ich zu bewegen. Das Ich ist nicht ein innerhalb des Leibes verortbarer, finstrer Punkt – eben ein Atom –, der als von der Welt getrennt betrachtet werden soll. Das Ich ist im Gegenteil eine unverortbare Mitte aus unerschöpflicher geistiger WĂ€rme, die augenblicklich eine unendliche SphĂ€re aus geistigem Lichte gebiert, in dem sich andere Wesen durch die Begegnung mit seiner WĂ€rme und mit seinem Licht frei und stimmig offenbaren können.[note] S. Lavecchia, Ich sinne im LICHT. Sinn-Bildung jenseits von Innen und Außen, von Punkt und Umkreis, in â€čDie Dreiâ€ș 7/8, 2013, S. 48 ff. [/note] Dieses eminent dialogische Bild des Ich konnte ich ausgehend vom Werk zentraler Vetreter der antiken Philosophie wie Platon und Plotin ausbauen und vertiefen. Sie haben nĂ€mlich den Urgrund aller Bewusstseins- und Seinsformen so charakterisiert, dass er als urbildhaftes dialogisches Selbst/Ich erlebt werden kann, das als sich uneingeschrĂ€nkt schenkende, unerschöpfliche Quelle geistiger WĂ€rme und geistigen Lichtes wirkt. Jedes Selbst/Ich kann folglich, in seinem wahren Wesen, als treues, schöpferisches Bild dieses Ur-Selbst/Ich wahrgenommen werden. Mir ist es auch möglich gewesen, eine zugleich bildhafte und begriffliche, auf dem Bild einer geistigen WĂ€rme- und LichtsphĂ€re fußende Dynamik zu entwickeln, die ausgehend vom makrokosmischen Ur-Selbst/Ich die spezifische Selbst- und Welterfahrung unseres mikrokosmischen, irdischen Ich gleichsam begrĂŒndet und nachvollziehbar macht.[note] Zu diesen Themen vgl. S. Lavecchia, Das Ich und das Gute. AnsĂ€tze einer Licht-Philosophie in AnknĂŒpfung an Novalis und Platon, in: â€čPerspektiven der Philosophieâ€ș 40, 2014, S. 9 ff.; ders., Frei von sich und von anderem. Zum Ursprung und Wesen des noetischen Selbst in Plotins Philosophie, in â€čPerspektiven der Philosophieâ€ș 46, 2020, S. 20 ff. [/note] Weder die antike noch die spĂ€teren Philosophien konnten mir jedoch ein unmittelbar dialogisches Bild des irdischen Ich als SchlĂŒssel fĂŒr jede mögliche Begegnung mit der sichtbaren Welt, das heißt fĂŒr alle Sinneswahrnehmungen zeigen. Und dies stimmte mich unzufrieden, denn die fruchtbaren Konstellationen, die mir und den Studierenden durch die alte Weisheit geschenkt wurden, blieben wie im Makrokosmischen schwebend, ohne von der mikrokosmischen, irdischen Seite unsrer Ich-Erfahrung her ergriffen und verdichtet werden zu können.

Linien, Katharina MĂŒller

II Wo finde ich im mikrokosmischen, irdischen Ich die gleiche urbildhaft dialogische GebĂ€rde, die im Horizont von Platon und Plotin das makrokosmische Ur-Selbst/Ich charakterisiert? Diese Frage beschĂ€ftigte mich jahrelang. Die Antwort, die ich im Folgenden thematisieren werde, fand ich durch das Werk Rudolf Steiners, dessen Vertiefung ich nie als abgekoppelt von meinen akademischen Forschungswegen empfand. Denn mir ging es nie darum, meinen spirituellen Weg und die akademische Wissenschaft lebensfremd voneinander abzugrenzen, sondern darum, sie als zwei sich einander dialogisch befruchtende Dimensionen im leiblich-seelisch-geistigen Organismus meines Lebens zu ergrĂŒnden. So betrachte ich Steiners Werk nicht als Lieferant von Zitaten, sondern als schöpferisch dialogisches Ganzes. Im prĂ€gnanten Sinne sokratisch, wirkt dieses dynamische Ganze als Hebamme fĂŒr die Fragen und Antworten, die mein Ich als grundlegend fĂŒr Selbsterkenntnis und stimmige Gestaltung der Weltbegegnung empfindet. Und eine dieser Fragen war jahrelang, durch mein hĂ€ufiges und vielfĂ€ltiges Unterwegssein angeregt: Was ist Sinneswahrnehmung in ihrem tiefsten Wesen?

Durch diese Frage gefĂŒhrt, begegnete ich vor einigen Jahren dem bis dahin vernachlĂ€ssigten Anfang einer unvollendeten Betrachtung Steiners zu Hören und Sprechen: Der Typus, das heißt das Urbild, die Idee eines Wahrnehmungsorgans hĂ€ngt mit der FĂ€higkeit zusammen, in sich das Bild eines gleichen fremden Ich gegenwĂ€rtig machen zu können.[note] R. Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment (GA 45), Dornach 2001, S. 186. [/note] Urbild aller unserer Sinnesorgane und -tĂ€tigkeiten ist demzufolge das wahrnehmende Ich, das in der Begegnung mit einem anderen Ich in sich eben das Bild jenes Ich vergegenwĂ€rtigen kann. Dies bedeutet, dass alle, auch die elementarsten Begegnungen mit der Welt, die sich durch die Sinneswahrnehmung ereignen, als AnnĂ€herungen zur WahrnehmungsqualitĂ€t vertieft werden sollten, die in der Begegnung zwischen Ichwesen offenbar wird.[note] Dazu vgl. S. Lavecchia, Anthroposophie als Revolution der Sinne, in: â€čGoetheanumâ€ș 25–26/2019. [/note] Diese QualitĂ€t hat wiederum nichts mit einer Selbstbehauptung des wahrnehmenden Ich zu tun, sondern mit seiner FĂ€higkeit, die autonome Offenbarung des anderen Ich uneingeschrĂ€nkt zu ermöglichen und zu empfangen. Diese FĂ€higkeit impliziert jedoch gerade jene urdialogische GebĂ€rde, jenes urdialogische Bild des irdischen Ich, das ich suchte! Sie widerspricht nĂ€mlich der atomistischen Ich-Vorstellung und klingt mit dem Bild einer Mitte/SphĂ€re aus geistiger WĂ€rme und geistigem Lichte zusammen, das mir durch die Forschungen im Gebiet der antiken Philosophie begegnete. Hiermit handelt es sich also nicht darum, Steiners Aussage zum Typus des Wahrnehmungsorgans als Glaubensinhalt passiv zu betrachten, sondern als Forschungsfrage, als Anregung zu einer neuartigen, aussichtsreichen Vertiefung des Sinnesorganismus schöpferisch wahrzunehmen, zu verstehen, zu prĂŒfen.

III Die revolutionĂ€re Vertiefung des Sinnesorganismus aufgrund des Ich, die Steiner aus Zeitmangel nur ansatzweise durchfĂŒhren konnte[note] FĂŒr einen Versuch in diese Richtung vgl. S. Lavecchia, Un io dialogico. Antroposofia dei sensi, Milano-Udine 2020. [/note], kann das dialogische Wesen des irdischen, mikrokosmischen Ich mit der dialogischen GebĂ€rde zusammenklingen lassen, die das makrokosmisch geprĂ€gte, noch imaginative Denken der Antike im göttlichen Urbild alles Selbst/Ich empfand. Könnte nicht gerade die hier gemeinte Vertiefung, die Steiner intim mit dem Namen Anthroposophie verband, konkret zeigen, was «ein Erkenntnisweg» bedeutet, «der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall fĂŒhren möchte»?[note] R. Steiner, Anthroposophische LeitsĂ€tze (GA 26), Dornach 1989, Leitsatz 1. [/note] Dabei wĂŒrde es sich nicht darum handeln, die Ergebnisse der Wissenschaft zu bestreiten, die das Wahrnehmen und den Sinnesorganismus betreffen, sondern jene Ergebnisse durch eine Methode wahrnehmen und verstehen zu wollen, die mit der Wirklichkeit des wahrnehmenden Ich stimmig zusammenklingt und nicht aus der Betrachtung des Anorganischen trĂ€ge und dogmatisch ĂŒbernommen wird. Diese Methode wĂ€re wiederum kein abstraktes Korsett, das den PhĂ€nomenen aufgezwungen werden wĂŒrde. Denn die dialogische Selbst- und Welterfahrung des Ich sowie das dialogische Ich selbst wĂ€ren hier zugleich der Weg, das zu vertiefende PhĂ€nomengebiet und die Methode einer authentischen, im Sinne Goethes phĂ€nomenologischen Wissenschaft.

Der letzte universell anerkannte Wissenschaftler, der in KontinuitĂ€t mit Goethe in die soeben angedeutete Richtung zu gehen wĂŒnschte, war Werner Heisenberg[note] Vgl. z. B. W. Heisenberg, Vortrag (Budapest 1941) â€čDie Goethe’sche und die Newton’sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physikâ€ș, in: Gesammelte Werke, Abt. C, Bd. 1, Berlin 1984, S. 146 ff. [/note]: Eine Wissenschaft wĂŒnschte er, die nicht die gleiche Methode und die gleichen Begriffe fĂŒr alle Dimensionen der Wirklichkeit verwendet; eine Wissenschaft, die Symbol und Gestalt ernst nimmt und die als der Welt zugrunde liegende Wirklichkeit nicht das anorganische Sein, sondern die schöpferischen BewusstseinskrĂ€fte betrachtet, die der Mensch auch direkt durch â€čgeistige Erleuchtungâ€ș erleben und erkennen kann.[note] W. Heisenberg, Ordnung der Wirklichkeit, Gesammelte Werke, C1, S. 217 ff. [/note] FĂŒr diese Wissenschaft ist – nach Goethes Begrifflichkeit, auf die auch Heisenberg hinweist – nicht das anorganische ZufĂ€llige, sondern das Geniale Anfang und Ende der Wirklichkeit.[note] J. W. v. Goethe, NachtrĂ€ge zur Farbenlehre, in: SĂ€mtliche Werke, Bd. 25, Frankfurt a. M. 1989, S. 788 und 795 f. [/note] Und dies ist das Wirklichkeitsgebiet, von dem ausgehend Mensch sich ĂŒber Ă€ußere Schicksalsbestimmungen erheben kann.

Die dialogische GrundgebÀrde des Ich in der Weltbegegnung als Urbild jeder Begegnung empfinden.

Die hier gemeinte Wissenschaft wĂ€re eine, die das Wirken des Ich als Typus eines Wahrnehmungsorgans ernst nehmen und als Substanz der eigenen Methode in der Begegnung mit allen Dimensionen der Wirklichkeit erleben wollen wĂŒrde. Diese Wissenschaft wĂŒrde demzufolge eine Umkehrung der Perspektive im VerhĂ€ltnis zur ĂŒblicherweise anerkannten Wissenschaft bedeuten, und GesetzmĂ€ĂŸigkeit wĂ€re hier nicht Standardisierung oder Algorithmisierung, sondern Geburtshilfe fĂŒr das Einmalige, das Plötzliche, das Schöpferische: Wie bei jeder Wahrnehmung, in der ich entscheide, die dialogische GrundgebĂ€rde des Ich in der Weltbegegnung nicht fĂŒr ein aus neurophysiologischen oder soziokulturellen Dynamiken emergentes PhĂ€nomen zu halten, sondern als Urbild jeder Begegnung zu empfinden, die dem anderen Wesen zur Geburt seiner Wahrheit verhilft. Die Wissenschaft, die durch diese Haltung geboren werden wĂŒrde, wĂ€re deshalb Anthroposophie, weil der Mensch â€“ der ĂĄnthrĂŽpos â€“ sich durch sie als schöpferischer Urgrund einer echten Weisheit – sophĂ­a â€“ offenbaren könnte: einer Weisheit, die, durch die Kraft des Ich geboren, nicht der Selbstbehauptung des Ich dienen, sondern einer harmonischen Welt zur Geburt in stimmiger Kindesgestalt verhelfen wĂŒrde.

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