Hundert Jahre Klinik Arlesheim

Gespräch mit Daniela Bertschy, Leiterin der Pflege, und Lukas Schöb, Ärztlicher Leiter, über das Jubiläum der Klinik Arlesheim und den Blick in die Zukunft der ersten anthroposophischen Klinik. Das Gespräch führte Wolfgang Held.


Die Klinik Arlesheim feierte dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Wie verlief die Feier?

Daniela Bertschy Anders als geplant! Wir wollten die verschiedenen Zielgruppen mit unterschiedlichen Veranstaltungen ansprechen und besonders auch den Dialog mit der regionalen Bevölkerung verstärken. Da kam uns Corona in die Quere. Doch wir haben auch diese Herausforderung angenommen und die Jubiläumsaktivitäten an die neue Situation angepasst.

Lukas Schöb Einiges konnte zwar nicht stattfinden, für anderes haben wir digitale Lösungen gefunden. Wichtig war für uns, dass wir als Klinikgemeinschaft Geschichten und Erlebnisse aus der frühen und heutigen Zeit gemeinsam erinnert haben und auch auf die nächsten Jahre schauen konnten – dies ist die wichtige Arbeit nach innen. Hinzu kam ein öffentlicher Festakt mit Menschen und Institutionen, mit denen wir verbunden sind. Hierfür haben wir ebenfalls die technischen Möglichkeiten genutzt und sowohl eine Teilnahme vor Ort als auch online ermöglicht.

Beides – innere Kultur und reiches Leben nach außen – hat ja schon Ita Wegman als zwei Seiten einer Medaille empfunden. Außerdem konnte ein erster wissenschaftlicher Kongress mit internationaler Beteiligung zur Integrativen Medizin stattfinden – für mich persönlich ein Meilenstein.

Die Klinik ist enorm gewachsen. Was bedeutet das?

Schöb Als ich vor 20 Jahren an die Klinik kam, arbeiteten hier zwölf fest angestellte Ärzte und Ärztinnen und fünf Assistenzärzte. Insgesamt waren es ungefähr 200 Mitarbeitende, also die Größenordnung des Goetheanum. Da kannten wir uns noch fast alle. Schon mit den 350 Mitarbeitenden vor zehn Jahren war das kaum noch möglich, erst recht nicht nach der Fusion mit der Lukas-Klinik vor sieben Jahren. Gerade als wir uns auf den Weg machten, die Organisation der damaligen Wegman-Klinik weiterzuentwickeln, bahnte sich die Fusion an. Sie war für die Organisationsentwicklung ein Glücksfall, weil sie uns vor die Aufgabe stellte, die innere Architektur der Klinik neu zu fassen. Die Lukas-Klinik und die Ita-Wegman-Klinik hatten verschiedene Kulturen. Deshalb war es nicht überraschend, dass es auf allen Ebenen deutlich knirschte: sozial, kulturell und technisch.

Was ist der Gewinn, was der Verlust?

Schöb Wir sind zusammen stärker geworden als die beiden Kliniken einzeln für sich, und wir haben als neue Klinik Arlesheim Entwicklungen gemacht, die von den beiden Kliniken für sich allein kaum zu stemmen gewesen wären. Rückblickend hätten wir natürlich sicher in den ersten Wirren des Zusammenschlusses manches besser machen können. Man geht nicht ohne Schrammen durch ein Gebüsch! Jetzt haben wir das Dickicht längst verlassen und schauen nach vorn. Darüber bin ich sehr froh. Dabei war auch wichtig, uns unter einem neuen gemeinsamen Namen zu finden. Dass wir Ita Wegman nicht mehr im Namen tragen, lässt die Verbundenheit zu unserer Gründerin nicht kleiner werden. Das gilt auch umgekehrt für den Ort Arlesheim, den wir jetzt im Namen führen. Mit ihm waren wir auch früher schon verbunden.

Daniela Bertschy

Ist die Fusion abgeschlossen?

Bertschy Ich bin überzeugt, dass es uns gelungen ist, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Manchmal zeigt sich an einigen Stellen noch Wehmut, wie es in den einzelnen Kliniken früher war, aber das verschwindet zugunsten der zukünftigen gemeinsamen Kultur. Wir haben in den letzten Jahren viel in die Arbeit unserer gemeinsamen Identität investiert. Das zahlt sich nun aus.

Schöb Als wir uns auf den Weg zu einer gemeinsamen Identität machten, haben wir einige Jahre mit hoher Beteiligung der Mitarbeitenden an der Frage gearbeitet, wer wir eigentlich sind und welches unsere Werte sind. Die Ergebnisse haben wir zu vier Kernwerten destilliert, die wir neuen Mitarbeitenden, aber auch uns selbst immer wieder zur Orientierung nahebringen: gesunde Kräfte stärken – Entwicklung – soziale Wärme – Menschenwürde. Sowohl der Prozess als auch das Resultat waren dabei in meiner Einschätzung wichtig.

Wo kam bei solch einem Prozess der Selbstvergewisserung der Doppelgänger zum Vorschein?

Schöb Überall und immer. (Lachen) Wir hatten zum Beispiel einen Workshop mit der Frage, was geschehen würde, wenn es die Klinik nicht mehr geben würde. Da kam eine Spanne heraus von «Die Welt würde untergehen» bis «nichts». Sich da auszutauschen und zu finden, das hat uns zusammengeführt.

Jetzt steht der große Um- und Neubau an?

Bertschy Vor Kurzem ist der erste Spatenstich für das neue Heilmittellabor erfolgt, anschließend kommt der Ersatzbau für das Haus Wegman. Das ist der äußere Neubau. Doch mindestens gleich wichtig ist die fortlaufende Arbeit im Inneren an Fragen der Führung und Fragen zum Umgang im Sozialen.

Schöb Die große innere Baustelle sehe ich in der Frage: «Gelingt es uns, das enorme Potenzial der Menschen, die wir haben, zu verwirklichen?» Aktuell sind wir tatsächlich in der Lage, dass viele sehr gut ausgebildete Menschen sich für eine Mitarbeit bei uns interessieren. Konkret geht es darum, auf der kulturellen Ebene verständlich zu machen, was Anthroposophische Medizin kann und will, und im Sozialen, wie es uns gelingt, in Partnerschaft von Pflege und Medizin eine bewegliche und gemeinschaftliche Architektur zu schaffen, die junge Menschen anzieht. Ein drittes Feld ist die Wirtschaftlichkeit. Der Finanzdruck ist im Gesundheitssystem ziemlich groß und verlangt, dass wir fortwährend daran arbeiten, in unseren Abläufen wirtschaftlicher zu werden.

Bertschy Kliniken sind traditionell hierarchisch organisiert. Das hat auch seine verständlichen Gründe. Hier spielen Verantwortung und schnelle Abläufe eine bedeutende Rolle. Gleichwohl ist im täglichen Leben das kollegiale Miteinander wichtig. Daran arbeiten wir.

In der Klinik sind Lukas Schöb und ich für die Medizin leitend zuständig. Pflegende und ärztliche Tätigkeit sind somit auf Augenhöhe. Das gilt ebenso für Chefarzt oder -ärztin und Pflegedienstleitung und auch auf allen Stationen: Die ärztliche Stationsleitung arbeitet mit der pflegerischen Stationsleitung in allen wesentlichen Fragen zusammen. Das ist uns wichtig – wir bezeichnen sie als Tandems –, dieser Stil und der Begriff haben sich bei uns positiv etabliert.

Schöb Ein Schlüsselerlebnis war für mich, als mir eine Pflegende sagte: «Pflegekräfte können ihre Anliegen manchmal weniger eloquent vorbringen, aber ihre Aussagen sind realitätsgesättigt, was einem akademischen ärztlichen Votum manchmal fehlt.» Das habe ich als Hypothese anzuwenden versucht und Folgendes festgestellt: Wir können unseren Leitstern, dass es um das Wohl und die Gesundheit unserer Patienten und Patientinnen geht, gut verwirklichen, wenn wir zuhören und aufeinander hören, gerade dort, wo es ‹realitätsgesättigt› ist. Ich habe mittlerweile sehr viele positive Tandem-Erlebnisse gehabt.

Lukas Schöb

Wie steht es mit dem Nachwuchs?

Bertschy Der Fachkräftemangel macht auch vor unserer Klinik nicht halt. Wir sind ja anspruchsvoll: Wir brauchen Mitarbeitende, die sowohl schulmedizinisch als auch in Anthroposophischer Medizin und Pflege gut ausgebildet sind. Wir sind deshalb froh, dass wir eine eigene Ärzteausbildung haben und die Pflege dort nun einbinden.

Schöb Am Schluss der zweijährigen Ärzteausbildung fragen wir die Teilnehmenden nach ihrer Einschätzung, ob sie jetzt das Handwerkszeug haben, um als anthroposophischer Arzt oder als anthroposophische Ärztin zu arbeiten. Da gibt es hohe Zustimmung, dass die Ausbildung praxisrelevant ist. Deshalb ist es auch wichtig, dass eine solche Ausbildung ganz nahe beim Klinikalltag stattfindet.

Welche Rolle spielt die Forschung?

Schöb Forschung spielte im letzten Jahrhundert nicht so eine große Rolle. Erst seit etwa 20 Jahren sind wir mehr in eine Forschungskultur gekommen, so anstrengend das neben dem Klinikalltag auch ist. Wir sind jetzt froh, dass mehrere habilitierte Ärzte und Ärztinnen zur Klinik gehören, sodass wir größere und vernetztere Forschungsprojekte starten können. Aufgaben gibt es da viele! Das geht nur in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk der Anthroposophischen Medizin, bei dem die Sektion am Goetheanum den Kristallisationspunkt bildet. Klinik, Lehre und Forschung unter einem Dach respektive einer Idee, diese Trias zu verwirklichen, sodass sich die drei Bereiche gegenseitig steigern, das ist das Projekt der kommenden Jahre.


Die Klinik Arlesheim in Zahlen

1921 gründet Ita Wegman das ‹Klinisch-Therapeutische Institut› (ab 1971 ‹Ita Wegman Klinik›)

1963 wird die ‹Lukas Klinik› gegründet. 2014 vereinen sich die beiden Kiniken zu ‹Klinik Arlesheim›

23 Ausbildungsstellen in Pflege, Küche, Garten und Therapie

82 Betten für Innere Medizin, Onkologie, Palliativmedizin und Psychiatrie/Psychosomatik

25 Betten für die onkologische Tagesklinik

55 Mio. CHF Umsatz

29 000 Pflegetage im Jahr 2020, 70 Prozent der Patientinnen und Patienten aus der Region

Zusätzlich öffentliche Apotheke und eigene Heilmittelherstellung, öffentliches Café-Restaurant, Naturpark und Demeter-Gärtnerei, Kulturangebot mit Ausstellungen.

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