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Gibt es eine anthroposophische Kunst?

Angesichts der Vielfalt des kĂŒnstlerischen Schaffens, das von Menschen hervorgebracht wurde, die sich von der Anthroposophie inspirieren ließen, wird die Frage berechtigt: Ist der Begriff â€čanthroposophische Kunstâ€ș tauglich? Stephan Stockmar vertieft das Thema im Hinblick auf eine Anthroposophie, die ihre universelle Dimension nicht preisgibt.


Anthroposophische Kunst?

Abstrakte Kunst, angewandte Kunst, christliche Kunst, anthroposophische Kunst, Kunst des Blauen Reiters, russische Kunst, spirituelle Kunst, weibliche Kunst, sakrale Kunst 
 Worum geht es bei diesen Kategorisierungen? Um die Frage nach formalen Übereinstimmungen oder um die ErfĂŒllung einer bestimmten Funktion? Ist die Holzplastik Rudolf Steiners christliche Kunst? Wo wĂ€re der Russe Alexej Jawlensky einzuordnen, zu dem Rudolf Steiner gesagt haben soll, er brauche die Anthroposophie nicht, da er ja seine Kunst habe? Was verbindet formal so verschiedene KĂŒnstler wie Wassily Kandinsky und August Macke, Henni Geck und Joseph Beuys oder Ilja Repin und Kasimir Malewitsch miteinander? Sind nicht Nicholas Roerich und Paul Klee ebenso spirituelle Kunstschaffende wie Ninetta Sombart und Niki de Saint Phalle? In welche Rubrik(en) wĂ€re die Kandinsky-SchĂŒlerin Maria Strakosch-Giesler einzuordnen? Hat Franz Marc, der «Symbole» schaffen wollte, «die auf die AltĂ€re der kommenden geistigen Religion gehören», sakrale Kunst geschaffen? Wie weiblich ist die Malerei der Russin Margarita Woloschin? Ist die Ausarbeitung einer Schulungsskizze von Steiner anthroposophische Kunst?

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, wie schwierig im Einzelfall die Zuordnung sein kann â€“ und zwar nicht nur, weil die Kategorien keinen einheitlichen Kriterien folgen und sich insofern nicht ausschließen. Anthroposophische Kunst kann christlich sein, abstrakt, aus dem Umkreis des Blauen Reiters stammen oder von einer KĂŒnstlerin aus Russland, die auch Altarbilder geschaffen hat. Sie sollte auf alle FĂ€lle spirituell sein, erscheint aber gelegentlich auch nur epigonenhaft banal. Die einzelnen Begriffe selbst sind kaum zu fassen oder einzugrenzen: Wo beginnt und wo endet beispielsweise angewandte oder christliche Kunst? Was versteht man unter SpiritualitĂ€t? Welche Rolle spielen die ethnische Herkunft oder das Geschlecht fĂŒr das Erschaffen eines Kunstwerkes? Gibt es eine verbindliche anthroposophische Methode auf dem Gebiet der Kunst?

Es ist durchaus sinnvoll zu fragen, ob in den Werken von aus Russland stammenden KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern etwas spezifisch Russisches zum Ausdruck kommt, so verschiedenartig sie auch sind â€“ selbst wenn sie zur gleichen Zeit gelebt haben. Oder wie sich die weibliche Hand in der Kunst zeigt. Ich kann mit Gewinn das Spektrum angewandter Kunst vom Jugendstil ĂŒber Rudolf Steiner bis hin zu Max Bill und Walter Roggenkamp aufzeigen, das Sakrale in Malewitschs Werken verfolgen oder der Anthroposophin Hilma af Klint abstrakte Malerei vor Kandinsky zusprechen.

Solche vergleichenden Betrachtungen sind in bewusstseinsgeschichtlicher Hinsicht von großem Interesse. Ebenso kann ich untersuchen, was das Spezifische an Steiners kĂŒnstlerischem Werk ist oder wie sich die BeschĂ€ftigung mit der Anthroposophie bzw. mit dem kĂŒnstlerischen Ansatz Rudolf Steiners sowohl vom â€čGegenstandâ€ș her als auch in seiner Behandlung in den Werken von KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern niederschlĂ€gt. Doch komme ich auf diesem Wege zu einem Alleinstellungsmerkmal anthroposophischer Kunst?

Wenn ich von â€čanthroposophischer Kunstâ€ș spreche, im gleichen Sinne wie von abstrakter, christlicher oder buddhistischer Kunst (1), so muss ich zwangslĂ€ufig eine EinschrĂ€nkung in Kauf nehmen.

Der Begriff â€čabstrakte Kunstâ€ș ist von Beginn an umstritten. Ausgerechnet Kandinsky und Malewitsch gelten als Wegbereiter â€čkonkreter Kunstâ€ș. Von Letzterem stammt die Aussage: «Die neue Kunst hat den Grundsatz in den Vordergrund gestellt, dass Kunst nur sich selbst zum Inhalt haben kann. So finden wir denn in ihr nicht die Idee von irgendetwas, sondern nur die Idee von der Kunst selbst, von ihrem Selbstinhalt. Die ureigene Idee der Kunst ist die Gegenstandslosigkeit.» ( 2)

Links: Emil Schweigler, ohne Titel, 1969, Aquarell, Papier; rechts: GĂŒnter Meier, ohne Titel, undatiert, Lithographie

Was heißt hier konkret, was gegenstandslos? Ging es Vincent van Gogh wirklich um den Gegenstand des gelben Stuhls? Sind Luzifer und Ahriman GegenstĂ€nde? Worum geht es in Werken christlichen Inhalts? Sind sie ausschließlich fĂŒr den kultischen Zusammenhang geschaffen? Wenn ja, was unterscheidet sie von angewandter Kunst? Wenn ein christlicher Mönch, der zugleich Zenmeister ist, Mandalas malt, handelt es sich dann um christliche oder um buddhistische Kunst?

Wenn man auf die Unterschiedlichkeit der Werke schaut, die unmittelbar von der Anthroposophie inspiriert wurden und werden, so lĂ€sst sich kaum von einem einheitlichen Stil sprechen, jedenfalls nicht im gebrĂ€uchlichen Sinne. Und wenn man ihren Willen zur GeistrealitĂ€t als Stil bezeichnen möchte: Wieso sollte dieser nicht auch auf KĂŒnstler wie Paul Klee, Alberto Giacometti oder Barnett Newman zutreffen, fĂŒr die Anthroposophie, soweit sie ihr ĂŒberhaupt begegnet sind, sicherlich nur ein KulturphĂ€nomen unter vielen war? Umgekehrt hat Walter Besteher mit Klee vermutlich mehr gemein als mit Hermann Linde 


Peer de Smit bringt die Problematik des Begriffes â€čanthroposophische Kunstâ€ș noch in anderer Hinsicht auf den Punkt: «Es ist kaum gerechtfertigt, Jawlensky als anthroposophischen KĂŒnstler zu bezeichnen, weil sich kaum darstellen ließe, inwiefern anthroposophische Motive und Anregungen in seine Arbeit eingegangen sind [
]. Andererseits sind seine Werke als spirituelle ErfahrungsrĂ€ume möglicherweise anthroposophischer als manches Werk, das sich wie die Ausarbeitung einer Steiner’schen Malskizze ausnimmt.» (3)

Was also bleibt, um einen Begriff wie â€čanthroposophische Kunstâ€ș sinnvoll zu fĂŒllen? Die Inhalte der Anthroposophie? Dann wĂ€re sie nicht gegenstandslos im Sinne von Kandinsky. Und mit bekenntnishafter Weltanschauungskunst hatte Rudolf Steiner nun wirklich nichts am Hut. Wenn die Anthroposophie wirklich universell sein will, ist es wenig hilfreich, sie mittels einer beschrĂ€nkenden Begrifflichkeit durch Abgrenzung zu behaupten. Letzteres fĂŒhrt zwangslĂ€ufig ins Sektierertum.

In zwei Richtungen

Das Thema Kunst und Anthroposophie ist komplex und lĂ€sst sich nicht auf eine griffige Formel bringen. Wie auch andere Themen, geht Steiner es von immer verschiedenen Seiten aus an. Und selbst sein eigenes Kunstschaffen ist nicht ohne Weiteres ĂŒber einen Kamm zu scheren.

WĂ€hrend Steiner in seinem Autoreferat â€čGoethe als Vater einer neuen Ästhetikâ€ș aus dem Jahr 1884 das Schöne ausdrĂŒcklich nicht als die «Idee in Form der sinnlichen Erscheinung», sondern als eine «sinnliche Erscheinung in Form einer Idee» charakterisiert und damit eine von unten aufsteigende Richtung andeutet, kann man im Zusammenhang mit der Gestaltung des Ersten Goetheanum auch eine umgekehrte Richtung ausmachen: «[
] wenn Kunst entstehen soll, dann wird nicht, wie es in der sonstigen Kunst geschieht, wie es in der Kunst bisher geschehen ist, das Sinnliche hinaufgefĂŒhrt, bis man ihm den Glanz des Geistigen geben kann, sondern es wird das Geistige hinuntergefĂŒhrt in das Materielle.» (5) Hier steht fĂŒr ihn offenbar die Richtung von oben nach unten im Vordergrund.

Dem gegenĂŒber scheint das aus Beton zu erbauende zweite Goetheanum wieder mehr dem 1888 formulierten Prinzip zu folgen, wenn Steiner 1924 schreibt: «Der alte Bau konnte in der Weichheit des Holzes aus dem Geiste anthroposophischer Anschauung dem Raume, in dem gearbeitet wurde, in allen Einzelheiten seine Gestaltung geben; beim Beton mussten Formen gesucht werden, in denen der Raum aus seiner [des Betons] Natur heraus die Bildungen entfaltet, die die anthroposophische Arbeit aufnehmen können.» (6) Auch andernorts betont er, dass es nun darum geht, einen «dem Betonmaterial gemĂ€ĂŸen modernen Stil zu finden».(7) Dem entspricht auch, dass Steiner beim zweiten Bau â€“ nach der Weihnachtstagung nun selbst erster Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft â€“ offenbar stĂ€rker seinen eigenen Intentionen folgte, wĂ€hrend beim ersten Bau der «Wille der Persönlichkeiten, die sich fĂŒr den Bau einsetzten», maßgeblich dafĂŒr war, «diese StĂ€tte aus Holz aufzufĂŒhren». (8)

Rudolf Steiner zeigt also als Kunstschaffender eine außerordentliche Beweglichkeit im Hinblick auf die Richtungen, aus denen heraus er gestaltet. Im Umgang mit dem weichen und somit aufnahmebereiten Holz steht das HerunterfĂŒhren aus dem Geistigen im Vordergrund, wĂ€hrend der viel irdischere spröde Beton erst als Material bezwungen werden musste, so «dass das menschliche Seelenauge ihm kĂŒnstlerisch folgen kann in seinen Formen». (9)

Das HerunterfĂŒhren des Geistigen und das HerauffĂŒhren von Sinnlichem wird von Steiner in AbhĂ€ngigkeit von Situation und Material also je unterschiedlich gewichtet. Doch auch diese «spirituelle VertikalitĂ€t» â€“ ein von Reinhold FĂ€th im Hinblick auf die «anthroposophische Kunst», die «aus ĂŒbersinnlichen Erlebnissen jenseits der Schwelle zu schöpfen vermag» geprĂ€gter Begriff (10) – scheint mir kein Alleinstellungsmerkmal fĂŒr diese Kunst zu sein; sie ist jeder echten Kunst eigen, wenn sie wirklich aus Erlebnissen schöpft und nicht Vorstellungen ins Bild setzt.

Links: Alo Altripp, ohne Titel, 1983, Aquarell, Papier; rechts: Johannes JĂ€ckli, Mondlandschaften, 1953, Aquarell, Papier

Anthroposophie als Kunst

Was leistet denn aber nun die Anthroposophie fĂŒr die Kunst? Vielleicht kann man dies so beschreiben: Durch sie dringt die suchende menschliche Seele in grĂ¶ĂŸere Höhen bzw. Tiefen vor, verbindet sich bewusster mit den wirkenden KrĂ€ften in Geist und Natur und gestaltet die Selbstverwandlung zur Selbsterkenntnis. So gesehen ermöglicht die Anthroposophie eine gewisse Steigerung des kĂŒnstlerischen Prozesses, ohne jedoch diesen zu verlassen. Sie fĂŒgt nicht prinzipiell etwas Neues hinzu, erneuert aber etwas, was im Laufe der Zeiten â€“ durch die AbschnĂŒrung des Menschen von der geistigen Außen- wie seiner eigenen geistigen Innenwelt â€“ mehr oder weniger verloren gegangen ist.

Anthroposophie selbst â€“ das zeigt auch Steiners angedeutete Beweglichkeit â€“ ist der Kunst wesensverwandt. Sie verbindet Denken und Wollen, Erkenntnis und Handeln miteinander, setzt schöpferische KrĂ€fte im Menschen frei und erschließt so in neuer Weise den Zusammenhang zwischen dem Geistigen im Menschen und in der Welt. In diesem Sinne ist Anthroposophie Kunst; sie bildet die Mitte zwischen â€čbloßerâ€ș Theosophie und Naturwissenschaft, die beide der Gefahr unterliegen, den Menschen als individuelles Wesen zu verlieren. Kunst wie Anthroposophie lassen den Menschen seine Existenz als individuelles geistiges Wesen erfahren.

Im Sinne dieser Betrachtung bedarf es keiner Abgrenzung anthroposophischer von anderer Kunst. Anthroposophie hilft, den kĂŒnstlerischen Prozess â€“ sei es im Hervorbringen oder im Betrachten â€“ tiefer zu verstehen und zu intensivieren, nicht mehr und nicht weniger. Die Kunst selbst bleibt dabei aber einfach das, was sie ist: Kunst.


Stimmen zur Problematik der â€čanthroposophischen Malereiâ€ș

Zitate aus Andreas MĂ€ckler: â€čAnthroposophie und Kunst â€“ GesprĂ€che mit 17 KĂŒnstlernâ€ș, Köln 1980, ausgewĂ€hlt und zusammengestellt von Claudia Törpel

1 «Wer dahingehend die Werke seit Steiner bis zu Joseph Beuys betrachtet, wird mit den Mitteln der Stilanalyse keine sichtbare Verbindung der Arbeiten zueinander finden. Die Suche nach Ă€ußeren Bestimmungsmerkmalen, mittels derer in der Vielzahl von Werken sinnvolle Einteilungen zustande kommen können, setzt nĂ€mlich nicht nur eine abgeschlossene Epoche als Bezugsrahmen voraus, sondern auch die PrĂ€misse des Rezipienten, Prozesse als abgeschlossen betrachten zu wollen.» S. 31

Andreas MĂ€ckler

2 «Er [Hermann Kirchner] reprĂ€sentierte die absolute SelbststĂ€ndigkeit in seiner Kunst; die Anthroposophie war ihm Schulungselement, nicht Verbindlichkeit eines â€čanthroposophischen Stilsâ€ș.» S. 89

Peter Andreas Mothes
1935–2008, schuf u. a. zahlreiche WandgemĂ€lde in der Freien Waldorfschule Engelberg

3 «Den Studenten möchten wir an der Alanus-Hochschule erfahrbar machen, dass hier ein Ausbildungsweg zu finden ist, der nicht zu einer Weltanschauungskunst fĂŒhrt. Denn die gibt es nicht, das wĂ€re Unkunst.» S. 108

Wilfried Ogilvie
1929, gehörte zum GrĂŒndungskollegium der Alanus-Kunsthochschule in Alfter bei Bonn

4 «Es ist ja immer mehr das â€čWieâ€ș einer Darstellung als das â€čWasâ€ș â€“ und das â€čWieâ€ș liegt auch im Material und in der Technik. Dass aus solcher Anschauungsweise heraus keine â€čanthroposophische Kunstâ€ș entstehen kann, wohl aber ein aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft neu und individuell geprĂ€gter Gestaltungswille, wird immer deutlicher erkennbar.» S. 138

Walter Roggenkamp
1926–1995, wurde vor allem durch die Werbegestaltung fĂŒr die Firma Weleda bekannt

5 «In der kunstpĂ€dagogischen und kunsttherapeutischen Ausbildung ist der Prozess das Ziel, und von daher ist die anthroposophische Grundlage sowohl im KĂŒnstlerischen als auch im Wissenschaftlichen ein SelbstverstĂ€ndnis. Geht es hingegen um â€čBilderâ€ș, in der Malerei oder in der Plastik, so gibt es keine Einbindung in einen Stil. Der Student ringt um die eigene Aussage. [
] Wichtig ist uns, die innere SelbstĂ€ndigkeit anzustreben, in die Zukunft hineinzudenken, aus der Anthroposophie keine â€čBekenntnislehreâ€ș zu machen, sondern eine â€čErkenntnislehreâ€ș.» S. 181

Rose Marie PĂŒtz
1907–2002, begrĂŒndete mit ihrem Mann Siegfried PĂŒtz die Kunst-StudienstĂ€tte Ottersberg

 


Gerhard Wendland, â€čWeihnachtsdruck IVâ€ș, 1980, Siebdruck auf Papier.

Gerhard Wendland, â€čWeihnachtsdruck IVâ€ș, 1980, Siebdruck auf Papier.

 

6 «Schlimm ist nur, wenn man aus einer Technik ein Schema macht â€“ und dies geschieht leider oft in der anthroposophischen Schleiermalerei.» S. 199

«Steiner sah in der Kunst den Weg im Darstellen des Sinnlich-Übersinnlichen. Dies bedeutet fĂŒr mich in unserer Zeit nicht das Darstellen der ĂŒbersinnlichen Welten im naturalistischen Sinne, das haben frĂŒhere Zeiten so ausgedrĂŒckt â€“ in Engelsdarstellungen usw.» S. 200

Edith Schaar
1926, freischaffende KĂŒnstlerin, war von 1974 bis 1980 Dozentin der freien Kunst-StudienstĂ€tte Ottersberg

7 «Ja, wie soll man die Sache nennen, wenn sie schon benannt werden soll, angesichts der Tatsache, dass so etwas wie â€čanthroposophischeâ€ș Malerei ein Unsinn ist? Wir sind ja nicht dabei, eine â€čLehreâ€ș zu malen. Noch dazu, da es sich bei der Anthroposophie gar nicht eigentlich um eine Lehre handelt, sondern mehr um eine Methode.» S. 228 f.

Karl Schulz-Köln
1921, freischaffender KĂŒnstler mit großem internationalem Renommee

8 «Es wĂ€re verfehlt anzunehmen, der Kunstimpuls Rudolf Steiners mĂŒsste vordringlich einen neuen Kunststil hervorbringen.» S. 256

«Das Aufnehmen dieser [anthroposophischen] Inhalte bereichert den Menschen und differenziert ihn, aber es lĂ€sst auch den Drang innerhalb einer so angefĂŒllten Seele entstehen, sich in naiver Weise in den Erlebnissen dieser Inhalte auszudrĂŒcken. Daraus entsteht eine Vielzahl dilettierender Dilettanten, welche, ohne sich dessen ganz bewusst zu sein, die Zyklen und VortrĂ€ge Steiners illustrieren. Es versteht sich von selbst, dass sich diese KunstĂŒbungen eines großen Zuspruchs erfreuen, trifft man doch damit das, was in den Seelen vieler Gleichgesinnter auch wohnt. Selbst dies wĂ€re begrĂŒĂŸenswert, dass die Anthroposophie die Menschen zum KĂŒnstlerischen fĂŒhrt, hĂ€tte dieser Erfolg nicht die schlechte Gegenwirkung, das VerhĂ€ltnis zu sich und der wirklichen Kunst zu verlieren. In dieser Weise wurde innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft der anthroposophische Kunststil langsam geboren, welcher in einer solchen Breite vorhanden ist, dass er alle anderen BemĂŒhungen zu ĂŒberdecken scheint. [
] Also gibt es einen anthroposophischen Malstil, welcher lernbar ist. Dass ein solcher nur in den Ă€ußeren Manierismus fĂŒhren kann, ist leicht einzusehen. Was aber kann ins Innere und dadurch zu einer Kunstform fĂŒhren, in welcher die Anthroposophie nicht Ă€ußerer Stil wird, sondern Umgestalter der menschlichen Seele?» S. 257

Hans Hermann
1922, war von 1972 bis 1986 Leiter der Sektion fĂŒr bildende KĂŒnste

9 «Es kann in der Kunst heute kein â€čStildiktatâ€ș geben, da im Grunde genommen jeder KĂŒnstler seinen eigenen individuellen Stil entwickeln muss, und es ist demnach außerordentlich einseitig, nur einen bestimmten â€čStilâ€ș als Kunst ĂŒberhaupt anerkennen zu wollen.» S. 279

Karl Heinz TĂŒrk
1928–2001, GrĂŒnder und Rektor der FH fĂŒr Kunsttherapie NĂŒrtingen

10 «Ich glaube nicht, dass es von Bedeutung ist, wenn man einem Bild die â€čanthroposophische Provenienzâ€ș ansieht. Das liegt doch zumeist daran, dass der EtĂŒdencharakter des Farb-Übungsweges nicht zurĂŒckgenommen worden ist und ĂŒber die individuelle OriginalitĂ€t dominiert.» S. 289

Dorothea Rapp
1920–2009, langjĂ€hrige Autorin des Verlags Freies Geistesleben

11 «Anthroposophie ist eine innere, geistige Lebens­haltung, kein Stil, der Ă€ußerlich tradiert werden kann. Sie befruchtet, als â€čethischer Individualismusâ€ș, den schöpferischen Kern des Menschen und vermag deshalb zu ungezĂ€hlten, verschiedenartigsten StilĂ€ußerungen zu fĂŒhren.» S. 310

«Gravierend an der Problematik der sogenannten â€čanthroposophischen Kunstâ€ș, die fĂŒr mich einen Unbegriff darstellt, die es ebenso wenig gibt wie eine katholische, marxistische oder buddhistische Kunst, erscheint mir jedoch folgende Tatsache, die in anthroposophischen Kreisen bisher fast völlig verdrĂ€ngt wird: [
] Seine [Steiners] kĂŒnstlerische TĂ€tigkeit (Bau des Goetheanum I und II in Dornach) [
] entstand aus der Notwendigkeit, einen wĂŒrdigen Ă€ußeren Rahmen fĂŒr die BedĂŒrfnisse der rasch wachsenden anthroposophischen Gesellschaft zu schaffen. Was damals aber zeitgemĂ€ĂŸ und berechtigt erschien, als diese Gesellschaft von avantgardistischem Geist erfĂŒllt war, wirkt heute, wenn an diesen Formen starr und dogmatisch festgehalten wird, zugleich peinlich anachronistisch wie sektiererisch.» S. 311

«Daraus wird auch das ganze Elend einer anthroposophischen Ästhetik [
] sichtbar [
]. Steiner selbst hatte sich [
] gegen eine regelhafte NormĂ€sthetik, gleich welchen geistigen Zuschnitts, gewandt und dabei betont, dass jeder KĂŒnstler der Gegenwart eine unverwechselbar eigene, individuelle Ästhetik entwickelt.» S. 312

Diether Rudloff
1926–1989, Kunsthistoriker, Verfasser des Buches â€čUnvollendete Schöpfung. KĂŒnstler im zwanzigsten Jahrhundertâ€ș


Titelbild: David Nash, ohne Titel, 2014, Pastellkreide, Papier

(1) Reinhold J. FĂ€th in: Ænigma: Hundert Jahre anthroposophische Kunst, Olomouc: Kunstmuseum OlmĂŒtz, S. 13
(2) Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, â€čSuprematismus â€“ Die gegenstandslose Weltâ€ș, hrsg. von Werner Haftmann, ĂŒbertragen von Hans von Riesen. Köln: DuMont Schauberg 1962
(3) Peer de Smit, in: Ænigma: Hundert Jahre anthroposophische Kunst, Olomouc: Kunstmuseum OlmĂŒtz, S. 379
(4) Rudolf Steiner, GA 271, Kunst und Kunsterkenntnis: Grundlagen einer neuen Ästhetik, Rudolf Steiner Verlag
(5) Rudolf Steiner, GA 288, â€čArchitektur, Plastik und Malerei des ersten Goetheanumâ€ș, Vortrag vom 14. Januar 1916
(6) Der Wiederaufbau des Goetheanums, in: Das Goetheanum, Sondernummer vom 18.12.1924, in GA 36
(7) Vortrag vom 1.1.1924, in GA 260
(8) Das Goetheanum in seinen zehn Jahren, VI, in: Das Goetheanum, 4.3.1924, in GA 36
(9) Vortrag vom 31.12.1924, in GA 260
(10) Katalog â€čAenigma â€“ Hundert Jahre anthroposophische Kunstâ€ș, 2015, S. 45

Notiz: Die Sektion fĂŒr Bildende KĂŒnste veranstaltet vom 7. bis 9. Dezember 2018 eine Verkaufsausstellung, eine Auktion, FĂŒhrungen, Diskussionen und VortrĂ€ge ĂŒber anthroposophische Kunst. Ein Katalog der zu versteigernden Werke ist ab 15. November auf der Webseite der Sektion zu finden: www.sbk.goetheanum.org. Die hier abgebildeten Werke können in der Auktion erworben werden.

Korrigendum (13.12.2018) der Redaktion: Leider hatten wir versĂ€umt zu erwĂ€hnen, dass die Zitate, die aus Andreas MĂ€cklers Buch entnommen wurden, von Claudia Törpel ausgewĂ€hlt und zusammengestellt wurden. Dies ist oben nachgebessert. Wir entschuldigen uns fĂŒr diese Auslassung.

Korrigendum (1.2.2019): Leider war das Bild von Gerhard Wendland unkorrekt bezeichnet worden. Es war nicht ‘Mischtechnik, ohne Titel’ sondern ein Siebdruck mit dem Titel â€čWeihnachtsdruck IVâ€ș. Dies ist oben nachgebessert.

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