Gespräche mit der Engelwelt

In ihrem letzten Buch hat sich Iris Paxino als eine Hellseherin mit Kontakten in die Welt der Verstorbenen präsentiert. Ihr neues Buch setzt die Berichte über solche Begegnungen fort und beschreibt Kontakte mit Engeln, vor allem mit ihren eigenen.


Die Engel erzählen ihr von der unzählbaren Verschiedenheit von Engeln und sonstigen geistigen Wesenheiten, mit ihren entsprechenden Aufgaben und Funktionen. Die Gespräche sind Interviews, in denen Paxino bei den Engeln Erkundigungen einholt, die sich im Laufe des Buches immer mehr zu ausführlichen Belehrungen entwickeln. Niemals wird sie von den Engeln etwas gefragt, es gibt keine Gegenseitigkeit in den Kontakten.

Nachdem Iris Paxino sich eine kleine weiße Feder, die zu ihr herangeflogen kam, in einem ruhigen Moment wieder anschaute, schloss sie die Augen «und spürte mit dem Herzen zu ihr hin. Nach einigen Augenblicken erschien im Raum ein weißer Engel […]. Überrascht wandte ich mich meinem Schutzengel zu und schaute, wie er auf diese Anwesenheit reagierte. Er trat vertrauensvoll einen Schritt zur Seite, öffnete also den Raum, wies auf den neuen Engel und sagte: ‹Höre ihm zu.› Der weiße Engel begann zu sprechen.»

Es ist klar, das Tor zu ihren Wahrnehmungen ist das Herz. Auf Seite 35 lesen wir: «Die Interaktion zwischen einem Menschen und einem Engel findet im Menschen statt, innerhalb seines eigenen Herzensraums, sie ist kein äußeres, physisches Geschehen.» Zum Methodischen schreibt sie gegen Ende des Buches: «Gibt es eine ‹Methode›, durch die wir zu Engelbegegnungen kommen können? Ich könnte einfach sagen: lieben und üben – und dann wäre dieses Kapitel schon abgeschlossen. In einer herzgeübten Gesellschaft wäre klar, was damit gemeint ist, doch in unserer kopflastigen Zeit kann diese Angabe natürlich noch nicht genügen. Von daher müssen wir nach Wegen suchen, die uns bewusst und Schritt für Schritt den Engeln näherführen können.»

Um dies zu erreichen, nennt sie vor allem die ‹Nebenübungen› zur Ausbildung der zwölfblättrigen Lotusblume, des Herzchakras. Und «Licht, Wärme und Liebe gehören zu den ersten Seelenübungen, damit das Herz zu einem lebendig-aktiven Wahrnehmungs- und Tätigkeitsorgan werden kann.» Kein Wort über die vorangehende notwendige Ausbildung der zwei- und sechszehnblättrigen Lotusblumen, die Rudolf Steiner in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› beschreibt. Dort heißt es: «Würde gleich von Anfang an der Mittelpunkt in die Herzgegend verlegt, so könnte der angehende Hellseher zwar gewisse Einblicke in die höheren Welten tun; er könnte aber keine richtige Einsicht in den Zusammenhang dieser höheren Welten mit unserer sinnlichen gewinnen. Und dies ist für den Menschen auf der gegenwärtigen Stufe der Weltentwickelung eine unbedingte Notwendigkeit. Der Hellseher darf nicht zum Schwärmer werden; er muss den festen Boden unter den Füßen behalten.»1 Auch über das Studium der Geisteswissenschaft als unentbehrliche Stufe der höheren Erkenntnis, über die Ausbildung der übrigen Lotusblumen oder über die Übung der Rückschau vernehmen wir nichts.

Das ruft bei mir die Frage auf, ob dieser von Iris Paxino beschriebene Herzensweg geeignet ist, um der Leserschaft als einziger methodischer Weg empfohlen zu werden. Ich bezweifle es sehr. Nicht umsonst warnt Steiner in seiner ‹Geheimwissenschaft im Umriss› davor, die geistige Welt ohne geeignete Vorbereitung zu betreten; das selbständige Verstehen gewisser Wahrheiten über die geistige Welt gehört zu dieser Vorbereitung. Diese Wahrheiten «sollte der Geheimschüler im regelrechten Entwickelungsgange durch seine gewöhnliche Urteilskraft sich angeeignet haben, bevor er das Verlangen hat, sich selbst in die übersinnlichen Welten zu begeben.»2 Dazu kommt noch, dass man sich täuschen kann, weil man durch die eigene seelische Wesenheit mit ihren Wünschen und Interessen die Wirklichkeit färbt. Rudolf Steiner: «Sobald man jedoch die imaginative Welt betritt, verändern sich deren Bilder durch solche Wünsche und Interessen, und man hat wie eine Wirklichkeit vor sich, was man erst selbst gebildet oder wenigstens mitgebildet hat.»3 Man sieht also nicht die wahre geistige Welt, sondern man sieht sich selbst, das eigene Spiegelbild. Der Herzensweg von Iris Paxino erscheint mir zweifelhaft und macht mich vorsichtig, ihre Mitteilungen als Wahrheiten entgegenzunehmen, die sie selbst als Engelbotschafterin mittels des Mediums ihres eigenen Engelringes (von zwölf zu ihr gehörigen Engeln) empfängt. Diese Mitteilungen sind nicht nachvollziehbar und müssen auf guten Glauben hin angenommen werden. Es fehlt in dem Buch ein zuverlässiger anthroposophischer Erkenntnisweg, der mich von der Richtigkeit ihrer Mitteilungen überzeugt, sooft diese auch mit vereinzelten Anmerkungen Rudolf Steiners illustriert werden, die fast zur Hälfte aus den Inhalten der früheren esoterischen Stunden stammen.


Buch Iris Paxino, Engelstunden – Gespräche mit der Engelwelt, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2021.

Grafik: Fabian Roschka

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach 1961, S. 143.
  2. Rudolf Steiner, Geheimwissenschaft im Umriss. Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach 1989, S. 380.
  3.  Ebd., S. 382.

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