Geld muss dem Menschen dienen

In Erinnerung an Wim Scherpenhuijsen Rom (MĂ€rz 1933 – 31. Juli 2020), MitbegrĂŒnder der ING, Ermöglicher der Triodos-Bank und Förderer der Musik und anthroposophischen Architektur.


Im turbulenten Jahr 1933 wurde Wim in Utrecht geboren, als JĂŒngster in einer Familie mit einem viel Ă€lteren Bruder und zwei Ă€lteren Schwestern. Sein Vater war Ingenieur und Berufsoffizier. Seine Mutter war schon 49 Jahre, als sie Wim bekam. Die Familie zog nach Amsterdam. Dank seiner Mutter besuchte Wim die Waldorfschule. Durch seinen Vater lernte er die Musik kennen. So nahmen zwei rote FĂ€den in seinem Leben ihren Anfang. Kurz nach seiner Einschulung brach der Krieg aus. Wims Vater und sein Bruder waren als Kriegsgefangene in Deutschland interniert. Wim war ein rĂŒcksichtsvolles, nachdenkliches Kind, das sich verantwortungsvoll verhielt. Nach Kriegsende ging er aufs Gymnasium und studierte dann ein Jahr lang Wirtschaftswissenschaften an der UniversitĂ€t von Amsterdam, da er fĂŒr die Königliche MilitĂ€rakademie noch zu jung war. Im folgenden Jahr begann er die Offiziersausbildung. Kaum beendet, heiratete er die Geigerin Verena Kaufmann. Sie bekamen vier Kinder. Wim setzte sein Studium fort und wurde WirtschaftsprĂŒfer. Bei der Luftwaffe stieg er bis zum Rang des Hauptmanns auf.

Wim Scherpenhuijsen Rom, z. V. g.

Im Alter von 30 Jahren, 1963, nahm er aber das Angebot an, fĂŒr die NMB-Bank zu arbeiten. In dieser Zeit stellte sich Wim weltanschauliche Fragen. Vertiefende und ĂŒberzeugende Antworten fand er nur in der Anthroposophie. Bei der Bank stieg er schnell auf. Mit 43 Jahren wurde er der jĂŒngste Vorstandsvorsitzende. Wim war dreimal zwei Jahre lang Vorsitzender der NiederlĂ€ndischen Bankiervereinigung und wurde so zur Galionsfigur der Bankenwelt. Strategische Visionen zeichneten ihn aus. Er sah ein, dass eine Kreditbank wie die NMB vom billigeren Kapital einer Sparkasse profitieren konnte, und fusionierte sie mit der Postbank. Mit der Vision von mehr Wettbewerb auf dem europĂ€ischen Markt â€“ er sagte den Euro voraus â€“ strebte er erneut eine VergrĂ¶ĂŸerung an, diesmal mit der wohlhabenden Versicherungsgesellschaft Nationale Nederlanden. So wurde die ING gegrĂŒndet, damals das grĂ¶ĂŸte Finanzunternehmen der Niederlande mit Wim am Ruder. Dabei versteckte er seine anthroposophische Vision nicht. In seiner Rolle als Banker tat Wim zwei wichtige Dinge fĂŒr die Anthroposophie: Mit den Initiatoren Rudolf Mees, der seit 1981 auch im Vorstand der NMB saß, sowie Paul Mackay und Wim Schukking half er 1980 bei der GrĂŒndung einer neuen Bank: der Triodos. Was heute nicht mehr möglich wĂ€re, war damals noch möglich, nicht zuletzt, weil Wim als ehemaliger Vorsitzender der NiederlĂ€ndischen Bankenvereinigung den Antrag bei der Regulierungsbehörde unterzeichnete. In jenen Jahren brachten er und Rudolf Mees ĂŒber den Vorstand der NMB auch die organische Architektur fĂŒr große BĂŒrogebĂ€ude auf den Weg, indem sie Alberts & Van Huut das HauptgebĂ€ude der NMB in Amsterdam entwerfen ließen. Das GebĂ€ude steht heute unter Denkmalschutz. Viele organische Großbauten folgten nach.

Musik war â€“ außerhalb der Arbeit â€“ Wims große Leidenschaft. Er widmete sich ihr als Vorsitzender des Kuratoriums der Concertgebouw-Stiftung und dann elf Jahre lang als Vorsitzender des Vorstands des Royal Concertgebouw Orchestra. Nach seiner Scheidung im Jahr 1987 fand er in der amerikanischen Sopranistin Arleen AugĂ©r eine Seelenverwandte.

Als Wim 59 Jahre alt war, trat er als Vorsitzender der ING zurĂŒck. Arleen war schwer krank geworden und starb im Jahr darauf. Wim zog sich vorĂŒbergehend aus der Öffentlichkeit zurĂŒck, wurde jedoch bald aufgrund seiner Erfahrung und seines Weitblicks von mehreren Ministerien fĂŒr öffentliche Funktionen angefragt. Im Jahr 1998 heiratete er Nolda Broekstra, Musikwissenschaftlerin, die er wĂ€hrend seiner TĂ€tigkeit fĂŒr das Concertgebouw-Orchester kennenlernte â€“ zum dritten Mal eine Musikerin als Partnerin. Gemeinsam beteiligten sie sich zunehmend an anthroposophischen AktivitĂ€ten. Weniger sichtbar fĂŒr die Außenwelt war in Wims Leben sein Engagement fĂŒr die Christengemeinschaft mit der GrĂŒndung der Stiftung The Christian Community International und dass er als Mitglied des Goetheanum-Bauausschusses regelmĂ€ĂŸig nach Dornach flog. Wim war viele Jahre Mitglied des Vorstandes der Iona-Stiftung und Mitglied des Aufsichtsrats der Stiftung Bodenverwaltung Biodynamischer Landwirtschaft in den Niederlanden.

In den letzten Jahren forderte das Alter seinen Tribut, aber er beschwerte sich nie. Nachdem er von Priester Bastiaan Baan die Todesweihe erhalten hatte, ĂŒberschritt er am frĂŒhen Morgen des 31. Juli 2020 die Schwelle. In den vielen BeitrĂ€gen der Trauerfeier hörte man: ein disziplinierter Mann, schon etwas autoritĂ€r, aber bei nĂ€herem Kontakt witzig und freilassend, im Informellen sogar eher zurĂŒckhaltend. Und es tauchte das Bild auf, wie es Lievegoed einmal fĂŒr den Großunternehmer beschrieben hat: ein alter Eingeweihter, der, geleitet vom Karma, rasch seinen Weg in der Welt fand, diesmal, um die anspruchsvolle Materie des Wirtschaftslebens zu bearbeiten. Geld ist Wirtschaftskraft und muss dem Menschen dienen. Dienen ist, was Wim tat.


Mit Dank an Nolda Scherpenhuijsen Rom-Broekstra.

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