Fehler

Ich wage nĂ€mlich zu behaupten: daß nichts gefĂ€hrlicher sei als irgend einen Satz unmittelbar durch Versuche beweisen zu wollen, und daß die grĂ¶ĂŸten IrrtĂŒmer eben dadurch entstanden sind, daß man die Gefahr und die UnzulĂ€nglichkeit dieser Methode nicht eingesehen.


Ohne Titel, Elena Borer, Acryl auf Papier, 2020

Eine jede Erfahrung, die wir machen, ein jeder Versuch, durch den wir sie wiederholen ist eigentlich ein isolierter Teil unserer Erkenntnis, durch öftere Wiederholung bringen wir diese isolierte Kenntnis zur Gewißheit. Es ist dieses der Natur des Menschen gemĂ€ĂŸ, die Geschichte des menschlichen Verstandes zeigt uns tausend Beispiele und ich habe an mir selbst bemerkt, daß ich diesen Fehler fast tĂ€glich begehe. Der Mensch erfreut sich nĂ€mlich mehr an der Vorstellung als an der Sache. Der Mensch erfreut sich nur einer Sache, in so fern er sich dieselbe vorstellt, sie muß in seine Sinnesart passen, und er mag seine Vorstellungsart noch so hoch ĂŒber die gemeine erheben, noch so sehr reinigen, so bleibt sie doch gewöhnlich nur eine Vorstellungsart.

Wenn von einer Seite eine jede Erfahrung, ein jeder Versuch ihrer Natur nach als isoliert anzusehen sind, von der andern Seite die Kraft des menschlichen Geistes alles was außer ihr ist und was ihr bekannt wird mit einer Ungeheuern Gewalt zu verbinden strebt, so sieht man die Gefahr leicht ein, welche man lĂ€uft, wenn man mit einer gefaßten Idee eine einzelne Erfahrung verbinden oder irgend ein VerhĂ€ltnis, das nicht ganz sinnlich ist, das aber die bildende Kraft des Geistes schon ausgesprochen hat, durch einzelne Versuche beweisen wollen.

Es entstehen durch eine solche BemĂŒhung meistenteils Theorien und Systeme, die dem Fortschritte des menschlichen Geistes, den sie im gewissen Sinne befördern sogleich wieder hemmen und schĂ€dlich werden.


GekĂŒrzt aus: Johann Wolfgang von Goethe, Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt, Naturwissenschaftliche Schriften 1792–1797.

Letzte Kommentare

Facebook