Es ist nicht zum Lachen!

Eine seriöse Studie zur Rolle des Humors in der pädagogischen Praxis. Dort beugt er Verstopfung vor, reguliert den Wärmehaushalt, hilft beim richtigen Atmen und führt zu Lockenbildung.


Es ist nicht zum Lachen! Wenn die Pariser Metro während der Stoßzeiten nicht im Drei-Minuten-Takt verkehrt, bleiben viele Tausende Menschen dicht gedrängt in unterirdischen Gängen stecken. Die Wut und der Ärger über die Verantwortlichen dieser Zustände verdichten sich in jedem stecken gebliebenen Individuum zu einem gewaltigen Druck, der sich in Arterien, Muskeln, im Kehlkopf und in der Seele ansammelt und, je nachdem, zu spektakulären Explosionen oder schmerzhaften Verkrampfungen führt – individuell und kollektiv. Eigentlich will ich zu einem wichtigen Vorstellungsgespräch, zu einem charmanten Rendevouz oder zum Shoppen – und jetzt bin ich eingequetscht zwischen übelriechenden Menschen in einem im Tunnel stehenden Wagon.

Es ist nicht zum Lachen! Joseph, der eigentlich ganz vernünftige erwachsene Autist, um dessen Eingliederung in die Arbeitswelt sich eine Gruppe motivierter Erziehender kümmert, macht immer wieder dieselben Dummheiten. Kein Fortschritt! Immer wieder verliert er seinen Job, weil er seine Sympathie für Kolleginnen zu penetrant zum Ausdruck bringt. Und dann gibt es da noch dieses andere Problem: Auf einer bestimmten Metrostrecke zwischen zwei bestimmten Bahnhöfen zieht er immer die Notbremse. Zu seinen Erziehenden sagt er das so: «Da hat wieder jemand ohne Absicht die Scheibe vor der Notbremse eingeschlagen.»

Es ist nicht zum Lachen! Die Erziehenden fühlen nicht nur ihre eigene Ohnmacht, auf sie entlädt sich auch der oben beschriebene Überdruck. Sie möchten Joseph Schritt für Schritt zu mehr Autonomie verhelfen. Sie möchten, dass das Gesundheitsamt ihre kreativen Erziehungsmethoden wertschätzt, stattdessen passieren immer wieder diese Katastrophen.

Und sie lachen doch! Sie verwandeln die verzweifelte Situation in ein Spiel, in das viele Erzieherinnen und Kollegen und auch Joseph selbst einbezogen sind. Die hohe Erwartung auf Besserung seines Verhaltens, die jetzt aufgebaut wird, ist ganz durchdrungen von Humor: Der gewaltige Schritt in punkto Selbsterziehung, der von ihm verlangt wird (= nicht an der Notbremse ziehen), wird mit ihm in der Stimmung eines sportlich heiteren Spiels vorbereitet. Und dann, nach seinem Sieg über sich selbst, auch mit dem ganzen Team der Erzieherinnen und Erzieher entsprechend gefeiert. Auch einige zuvor genervte Metrobenutzer lachen wieder.

Alles außergewöhnlich

Das Arbeitsklima und die Herausforderungen, mit denen Waldorferzieherinnen und -lehrerinnen zu tun haben, lässt sich gut mit der sozialpädagogischen Einrichtung aus der französischen Sozialkomödie des Regieduos Éric Toledano und Olivier Nakache ‹Alles außergewöhnlich› vergleichen: hohe Anforderungen, wenig Geld, zu wenige und nur gerade so mal eben ausgebildete Mitarbeitende, immer anspruchsvollere Eltern, immer schwierigere Kinder und immer strengere Inspektionen. Wenn dann noch Pandemien und Kriege für sozialen Zündstoff sorgen, wie soll man da weiterkommen? Es ist wirklich nicht zum Lachen! Oder doch? Doch, doch! Man kann durch ernsthafte Studien belegen, dass Steiner nicht müde wurde, die verschiedensten seriösen Gründe für Humor anzuführen:

Medizinische Gründe für den Kindergarten: «Freude und Lust sind die Kräfte, welche die physischen Formen der Organe in der richtigsten Art herauslocken.»1

Wärmetechnische Gründe für die Lehrperson: «Die Fantasie muss notwendig fortwährend lebendig erhalten werden, sonst frieren ihre Produkte verstandesmäßig ein. Das aber wirft ein Licht auf die Art, wie der Lehrer selber sein muss. Er darf in keinem Momente seines Lebens versauern.»2

Atemtechnische Gründe für die Schülerinnen und Schüler: «Humor ist das Ausatmen der Seele. Sie müssen Humor in den Unterricht hineinbringen, das kann aus den verschiedensten Ecken gesucht werden. Der Humor kommt aus dem, was ich den Schwung genannt habe. Der Schwung muss hinein […].»3

Vorbeugung gegen Verstopfung: «Das Lachen ist tatsächlich ein Vorgang, der uns organisch gesund macht. Es wirkt wie eine richtige gesunde ungestörte Verdauung! Nun, da kommen wir dazu, das Humoristische, das Heitere mit dem Verdauungsprozess in eine Beziehung zu bringen.»4

Verlockung

Moderne Erziehungswissenschaft wagt sich nicht bis zum Stuhlgang vor, aber in Bezug auf den Intellekt ist sie ganz einverstanden: «Humor ist eine wertvolle Ressource – eine Grundhaltung, die es ermöglicht, festgefahrene Denk- und Handlungsmuster aufzubrechen und neue Lösungsansätze zu durchdenken.»5

Das wichtigste Format einer Waldorfeinrichtung ist bekanntlich die Pädagogische Konferenz, aus der jede Lehrperson jede Woche erfrischt durch gegenseitige Wertschätzung, durch spannende Forschungsgespräche und hilfreiche Kinderbetrachtungen mit neuem Schwung in den Unterrichts- und Erziehungsalltag geht. Aber wenn der Druck der Sorgen zum Überdruck wird, will die Frische sich nicht immer sogleich einstellen. Das ging auch den Kollegen der ersten Waldorfschule nicht anders, und selbst in Anwesenheit Steiners schien es gelegentlich, als wollten sich nur noch alle die Haare ausraufen.

Einmal brauchte man zum Beispiel dringend zusätzliche Räume, eine Turnhalle, einen Eurythmiesaal und etliches mehr, dabei war es schon schwierig, die Lehrergehälter zu finanzieren, und außerdem gab es noch eine dynamische Inflation. Nicht zum Lachen?

Steiner machte jedenfalls den Vorschlag, dass man zur Schulfinanzierung doch einfach durch Erfindung und Verkauf innovativer Produkte hohe Gewinne machen könnte, wenn die Produkte nur gut aufeinander abgestimmt wären. Am Goetheanum hätte man jetzt das Haarwuchsmittel ‹Verlockung› und eine besondere Rasierseife erfunden. – Ein Kollege ging sofort darauf ein: «Ich wollte es ausprobieren, auf die Gefahr hin, dass mich meine Frau nicht mehr kennt.» Rudolf Steiner: «Unsere Eurythmiedamen haben es schon auf sich genom­men, das Haarmittel hier zu verwenden, damit ihnen Schnurrbarthaare wachsen. Dann werden sie es mit der Rasierseife wieder weg­nehmen. Dann wachsen einem die Tausendmarkscheine auf dem Kopf.»6

Wer weiß, wie die Schule tatsächlich durch die Hyperinflation kam. Auf jeden Fall blieben sie nicht im Tunnel der Sorgen stecken.


Zeichnung von Estella Mare

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft. GA 34, S. 327.
  2. Ders., Allgemeine Menschenkunde. GA 293, S. 202.
  3. Ders., Konferenzen mit Lehrern der Freien Waldorfschulen. Neu herausgegeben 2019 von Christof Wiechert, GA 300b, S. 157.
  4. Ders., Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung. GA 302, S. 21.
  5. Thomas Holtbernd, Der Humor-Faktor – Mit Lachen und Humor das Leben erfolgreich meistern. Paderborn 2002, S. 63. 6 Siehe Fußnote 3, S. 181 f.

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