Es geht um die Mitte

Ein GesprĂ€ch mit Yaroslava Black-Terletska, gebĂŒrtige Ukrainerin und Priesterin der Christengemeinschaft in Köln, ĂŒber den Krieg in ihrem Land. Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Wolfgang Held.


Vor drei Tagen hat Russland seine militĂ€rische Invasion in der Ukraine begonnen. Was denken, fĂŒhlen Sie?

Yaroslava Black-Terletska Ich bin sehr betroffen. Ich höre hĂ€ufig, dass die Ukraine ein junges Gebilde sei, in dem sich der Staat noch finden mĂŒsse. Das stimmt, wenn man mit dem Verfall der Sowjetunion die Geschichte beginnen lĂ€sst. Hebt man den Blick und schaut weiter, dann ist die Ukraine ein uraltes Gebilde. Die Kiewer Rus war ein uraltes Großreich, aus dem spĂ€ter die Ukraine, Russland und Belarus hervorgingen. Es musste sich behaupten gegen die Mongolen, die Tataren, musste gegen alle möglichen Völker sich bewĂ€hren, weil es immer wieder angegriffen wurde â€“ auch von seinen Nachbarvölkern wie Polen oder Deutschland. Es hieß zu kĂ€mpfen, um sich zu schĂŒtzen und sich so selbst zu finden. Aber das ist Vergangenheit! Dass jetzt erneut so ein Überfall ĂŒber unser Land kommt, dass so etwas geschieht, das ist nicht nur menschlich eine Katastrophe, sondern auch historisch. Es ist einfach nicht mehr an der Zeit. Es fĂŒhlt sich an, als wĂŒrde das letzte, das vorletzte Jahrhundert auferstehen. Deswegen fĂŒhlen viele Menschen in der Ukraine und nicht nur dort, dass es falsch ist. Ganz falsch ist â€“ unabhĂ€ngig davon, was man jetzt denkt ĂŒber Russland, ĂŒber die Ukraine, ĂŒber Europa, ĂŒber die EU, ĂŒber die NATO. Ganz jenseits all dieser Debatten ist es grundsĂ€tzlich falsch. Es gehört nicht in unser Jahrhundert hinein. Ja, so fĂŒhlt sich das gerade an.

Ein Vergleich: Von niederlĂ€ndischen Freunden hörte ich, dass der Einfall der deutschen Wehrmacht 1940 in ihr Land so entsetzlich erlebt wurde, weil es der Bruder war, der das Land ĂŒberfiel. Ist das fĂŒr die Ukraine Ă€hnlich?

Ja, das Empfinden ist schon Ă€hnlich, denn genauso wie zwischen Deutschland und den Niederlanden gibt es auch zwischen Russland und der Ukraine sprachliche NĂ€he. Man hat als NachbarlĂ€nder nicht nur eine gemeinsame Geschichte, man fĂŒhlt sich auch auf der sprachlichen Ebene verbunden. Deshalb ist der Überfall so brutal.

Wie klingt fĂŒr ukrainische Ohren das russische Narrativ bzw. die Kriegspropaganda, dass die Ukraine zu einem russischen Großreich gehöre und keine eigentliche Nation sei.

Das klingt ganz schlimm fĂŒr ukrainische Ohren, denn wie schon gesagt, die Geschichte der Ukraine ist ĂŒber 1000 Jahre alt. Wenn man aus einem Narrativ hier AnsprĂŒche ableiten möchte, dann könnten auch die Norweger sagen, dass sie als Wikinger-GrĂŒnder hier das Recht haben, die Ukraine als Teil ihres Landes zu sehen. «Wir haben das einmal erobert und wir haben unsere FĂŒrsten und Könige auf den russischen Thron, den Thron von Rus gesetzt, also gehört das Land uns. Doch den Schweden oder Norwegern kommt das zum GlĂŒck nicht in den Sinn, jetzt nach Kiew einzumarschieren. Die Geschichte ist so reich! Viele Völker haben an dem Staat Ukraine mitgebaut, viele Völker haben mitgemischt, im Schlechten wie im Guten. HĂ€tten solche historischen Narrative heute noch GĂŒltigkeit, dann könnte Polen sich die Westukraine nehmen, denn Galizien war auch die Heimat des polnischen König Johann Sobieski und er hatte dieses Gebiet eine Zeit als Polen-Litauen unter sich. Auch Österreich könnte aufstehen und sagen, dass man etwas von der westlichen Ukraine beanspruche, weil in der österreichisch-ungarischen Monarchie unter Kaiser Franz Joseph die Westukraine sehr beliebt war. Unser Kaiser hat mit Eisenbahn und guten Straßen die Westukraine erschlossen, in die Kultur investiert. Ja, wo sollen wir anfangen und wo sollen wir enden?

Jenseits all dieser Debatten ist ein Krieg grundsĂ€tzlich falsch. Es gehört nicht in unser Jahrhundert hinein. Ja, so fĂŒhlt sich das gerade an.

Was ist die Ukraine? Sie liegt am Rand Europas und in der Mitte zwischen Asien und Europa.

Sie liegt nicht am Rande, sondern tatsĂ€chlich im Zentrum zwischen den Völkern, zwischen den Religionen und Kulturen. Diese zentrale Lage ist Segen und Fluch gleichzeitig. Die Ukrainer sind ein Volk, das mitten in Europa lebt, und doch scheint es von außen nicht klar zu sein, wo es hingehört, bzw. die EU getraut sich nicht, dies der Ukraine zuzugestehen.

Die Ukraine ist ein großes Land, in dem sich die Menschen endlich gefunden haben, so wie sie sind, so unterschiedlich, wie sie sind. Da leben Russen wie Krimtataren und Ukrainerinnen und Polinnen, griechisch-orthodoxe, römisch-katholische, russisch-orthodoxe, Muslime und große jĂŒdische Gemeinden. Sie leben alle dort in diesem Land Ukraine und alle versuchen miteinander, jetzt unabhĂ€ngig davon, welche Sprache sie zu Hause sprechen und in welche Kirche sie gehen, sich gegen den russischen Angriff zu behaupten. Das ist schon alleine die Antwort. Also wer kann heute noch einen Anspruch erheben und mit welchem Argument?

Der aktuelle Krieg ist auch ein Konflikt der Gesellschaftssysteme, zwischen Demokratie und Autokratie. Wie demokratisch ist die Ukraine?

Ukrainer und Ukrainerinnen sind von Natur aus eine Mischung aus Anarchisten und Demokraten. Das ist eine lustige Mischung: Die Menschen der Ukraine lieben es nicht, wenn jemand ĂŒber sie regiert, ĂŒber sie als ein Fremder bestimmt. Da nehmen sie lieber mit einem eigenen PrĂ€sidenten Vorlieb, und sei er dumm oder korrupt. Wenn so jemand von außen die Spielregeln bestimmen möchte, fĂŒhlen sich alle Ukrainer und Ukrainerinnen, egal in welcher Sprache sie zu Hause sind, vereint und leisten Widerstand. So war das seit Bestehen der Kiewer Rus â€“ eine gewisse Sturheit und Widerstand gegenĂŒber jedem, der von außen kommt und das Was und Wie vorgeben möchte. So war es auch mit der Christianisierung. Die Lateiner, so wurden die Christen aus Rom genannt, kamen mit der Absicht, die Religion hier vorzugeben. Da wehrten sich die noch nicht christianisierten, nennen wir sie Bewohner und Bewohnerinnen des Kiewer Rus und sagten Nein, wir wollen selbst wĂ€hlen. Sie wĂ€hlten, was ihnen gefiel. Ein schönes Beispiel ist die selbsternannte und demokratisch gefĂŒhrte Kosaken-Republik, als Schutzarmee gegen TĂŒrken-Tataren, eine selbst gegrĂŒndete BrĂŒdergemeinschaft, so eine Art Ritterbund. Auch die Nachbarvölker beanspruchten ihre Dienste. Sie kommen ĂŒbrigens auch in der ukrainischen Hymne vor. Aber als sie zu stark wurden, hat die russische FĂŒrstin Katherina sie heimtĂŒckisch vernichtet. Das war immer so in der Geschichte, selbst wenn es nicht perfekt ist, selbst wenn dieser nicht so gut war oder der PrĂ€sident. Aber die Ukrainer möchten, dass sie selbst bestimmen. Und wenn sie spĂŒren, dass da etwas Faules im Spiel ist und jemand ihnen einen PrĂ€sidenten vorsetzen möchte, dann wehren sie sich. So war es mit dem korrupten, von Russland bezahlten Janukowitsch der Fall, der sich an unserem Land bereichert und nichts fĂŒr das Land getan hat. Mögen die Ukrainer und Ukrainerinnen gutmĂŒtig und vielleicht phlegmatisch sein, wenn es ihnen aber zu weit geht, dann wehren sie sich.

Aussicht vom Volodymyrska Girka auf Kiew und den Fluss Dnjepr in 2019, Foto: Robert Anasch

Auf den Ursprung der Kiewer Rus erhebt nun Russland ebenfalls AnsprĂŒche.

Ja, so ist es. Die AnsprĂŒche erhebt nicht Russland, sondern der russische PrĂ€sident und seine Politiker. Doch sie können das weder geschichtlich noch mythologisch noch sprachlich in Anspruch nehmen, weil sie es ja nicht gegrĂŒndet haben. Ganz schlicht und einfach. Das waren viele unterschiedliche slawische und nicht nur slawische StĂ€mme. Das waren Skythen auf diesem fruchtbarem Boden: Krieger und Erdbebauer. Und dann kamen im 8. Jahrhundert die Ruriks, die WarĂ€ger, die sich einen Weg bis nach Konstantinopel bahnten. Sie siedelten sich in diesen mit vielen kleinen slawischen StĂ€mmen bewohnten Gebieten an. Da geschah eigentlich etwas ganz Wunderbares, etwas, von dem man sagt, es könne nur im slawischen Milieu sich so ereignen: Die fremden Eroberer aus dem Norden wurden hier FĂŒrsten, weil sie in diesem Land selbst aufgingen: in dieser Kultur, die sie vorfanden, und in der Sprache, die sie hörten. WĂ€re es nicht so gewesen, wĂŒrden wir heute so eine Art skandinavisch reden. Wie war das möglich? Sie sind in diesem Volk aufgegangen, weil sie es liebten und weil diese Kultur hier stark ist, so scheint mir. Die VitalitĂ€t dieser ukrainischen Kultur â€“ oder wie soll man es nennen â€“ fĂŒhrte dazu, dass die StĂ€mme aus dem Norden ihre eigene IdentitĂ€t hineingegeben haben in diese Kultur. Aus Helga wurde Olga, aus Waldemar wurde Wladimir. Übrigens: Moskau gab es da noch nicht.

Es macht keinen Unterschied, ob wir hier Russisch reden oder Jiddisch oder Krim­tatarisch, wir sind frei.

Ist von diesem nordischen Einfluss noch heute etwas zu spĂŒren?

Ja, durchaus. Ganz Ă€ußerlich steht dafĂŒr ein großes Denkmal im Zentrum von Kiew. Es ist die Skulptur eines großen Schiffes mit den drei BrĂŒdern Kyi (von ihm soll der Name Kiew stammen), Shchek und Khoryv und der Schwester Lybid, die noch im 6. Jahrhundert hier eine Stadt grĂŒndeten. Man erinnert sich an FĂŒrst Wladimir I. oder Jaroslaw, den Weisen, der vor 1000 Jahren viele Kirchen baute und eine goldene Zeit begrĂŒndete, eine BlĂŒtezeit der Kiewer Rus. Sie stehen fĂŒr all die Mythen und Geschichten und Legenden, dich sich um diese nordischen Wurzeln ranken. Die vielen Töchter des Königshauses gingen als Prinzessinnen nach Frankreich, nach Schweden, nach Norwegen, nach Polen und haben die Ukraine weiter mit Westeuropa verwoben.

Liegt in diesem Miteinander von Slawischem und Nordischem der Grund fĂŒr die Schönheit, die man den Ukrainern und Ukrainerinnen zuspricht?

Schönheit und Kampfwille, ja. Ich erzĂ€hle dazu eine Anekdote. 2018 haben wir in der Christengemeinschaft die Gemeinde in Kiew gegrĂŒndet. Wir waren schon lĂ€nger tĂ€tig, aber die offizielle GrĂŒndung geschah erst vor vier Jahren. FĂŒr die Feierlichkeiten hatten wir ein großes GebĂ€ude im Zentrum der Stadt gemietet. Viele Freunde kamen aus dem Ausland, auch aus Georgien, zu den Feierlichkeiten. Gerade mit Georgien ist die Ukraine ĂŒber das Schwarze Meer hinweg, aber auch innerlich eng verbunden. Da traf ich die georgischen GĂ€ste im Zentrum der Stadt, wie sie auf einem Platz saßen und schauten und schauten. Weil es Zeit fĂŒr das Mittagessen war, fragte ich: «Hey Freunde, wieso sitzt ihr hier und schaut so vor euch hin. Wir gehen doch zum Mittagessen.» Da sagte mir ein georgischer Mann mit einem Seufzer, dass er vom Anblick der Kiewer Frauen schon gesĂ€ttigt sei. Wir haben so gelacht.

Wie steht es um die Krim. Hier macht ja ebenfalls Russland AnsprĂŒche geltend und hat diese durch die Annexion 2014 durchgesetzt.

Die Krim gehört zum Herzen der Ukraine, es liegt hier aber anders als bei Kiew. Die neue slawische Christianisierung, die haben die Gesandten Kyrill und Method aus Konstantinopel zu uns gebracht. Eine wichtige Station war fĂŒr diese frĂŒhen Christen die Krim. Diese Tatsache schildert auch Markus Osterrieder in seinem Buch â€čSonnenkreuz und Lebensbaumâ€ș. Sie hatten, so erzĂ€hlt es eine Legende, in der Nacht eine Inspiration. Sie könnten Slawen nur christianisieren, wenn sie fĂŒr diese eine eigene Schriftsprache entwickeln und ein Vorwort zum Johannesevangelium verfassen wĂŒrden, sodass sie direkt angesprochen wĂŒrden mit den Worten: «Höret, o Slawen, was der Geist fĂŒr euch zu sagen hat.» Dann folgt das Johannesevangelium. Die Inspiration lautete weiter, dass diese neue Schriftsprache aus den drei heiligen Schriftzeichen fĂŒr Vater, Sohn und Geist, also Kreis, Kreuz und Dreieck bestehen sollte. Aus diesen Zeichen ließen sich dann viele Buchstaben entwickeln. Kyrill war im Altgriechischen zu Hause, sodass es naheliegt, dass eine dem Griechischen so nahe Schrift entstand.

Die Krim als Ursprungsort der kyrillischen Schrift?

Es geht hier nicht um irgendwelche politischen Fragen, es geht auch nicht darum, was Rudolf Steiner zu wem gesagt hat. In dem Augenblick auch nicht ĂŒber die große russische Seele.

Inwiefern ist die russische Sehnsucht nach der Ukraine verstÀndlich?

Ja, sie ist verstĂ€ndlich. Die Ukraine ist wie ein schöner Garten, vor allem aus russischer Perspektive. Dort kann man sich erholen. Ein Land wie eine große Datscha, die man nicht selbst versorgen muss. Da fĂ€hrt man schön hin, macht Urlaub und da kochen Menschen gutes Essen. So oder so Ă€hnlich lebt es im kollektiven GedĂ€chtnis aus der sowjetischen Zeit. Die StĂ€dte wie Lwiw (Lemberg) oder Tschernowitz haben einen europĂ€ischen Charakter, auch Kiew oder Charkiw. Es sind StĂ€dte, die auf Kultur gebaut haben, sodass man sich fast in Wien meint. Da fuhren sehr gerne und oft Russen in Urlaub, denn die eigene Sprache wird dort verstanden, man fĂŒhlt sich also weiterhin wie zu Hause. Es wird uns etwas weggenommen, wo wir so gerne immer hinfuhren und wo wir so gerne waren, dieses GefĂŒhl ist sicher verbreitet. Man konnte zu Sowjetzeiten auch nach Georgien, ein Land, das ebenso alt und schön ist, aber mit dem Russischen fĂŒhlt man sich dort fremd. Das ist etwas ganz anderes. Die Sprache verschafft NĂ€he. Sie macht aber auch verletzlich.

Es ist ein Mythos. Aus dieser Perspektive ist die Krim etwas Kostbares, eine Art Mysterienort, der als ein Zipfel an der Ukraine hĂ€ngt. Es ist keine Insel, sondern eine Halbinsel, das spricht eine geografische Sprache. Katharina hat die Halbinsel dann 1783 erobern lassen. Das ist noch nicht so lange her. SpĂ€ter kam dann der Vertrag mit Kruschtschow, der das Eiland wieder der Ukraine gab. Man kann somit nicht guten Gewissen behaupten, die Halbinsel sei schon immer russisch gewesen. Die Krim kann ohne ukrainische Wasserversorgung nicht existieren, deshalb gab es gute GrĂŒnde, das Land wieder der Ukraine zu geben, damit man dort Menschen versorgen kann.

Bei allem Schrecken, den diese Katastrophe bedeutet, was gibt Ihnen Hoffnung?

Hoffnung habe ich, wenn ich mir die Berichte und Bilder anschaue und von vielen Freunden lese, was gerade in all der Not geschieht. Da ist so eine große BrĂŒderlichkeit, eine so große SolidaritĂ€t! Die Menschen helfen einander, alte Frauen machen Kartoffelpuffer und bringen sie den Soldaten auf die Straße, der BĂŒrgermeister Klitschko bastelt mit den Jungs Molotowcocktails. Der PrĂ€sident, ohne jegliche Kriegserfahrung, zieht den Helm an und sagt: Ich bin hier. Man will und muss sein Land verteidigen und tut das gemeinsam. Wir werden Kiew nicht aufgeben. Das ist ein GefĂŒhl, das vereint.

Russland mĂŒsse die Ukraine von einem Regime befreien, so lautet das LĂŒgennarrativ. Wir wollen nicht befreit werden, wir sind frei. Das Ă€rgert Putin sehr. Die Ukrainer werden sich nicht fĂŒr das billige Gas unterwerfen. Stalin hat es mit der kĂŒnstlichen Hungernot gegen die Ukraine auch nicht geschafft. Da starben unter schrecklichsten UmstĂ€nden vier bis acht Millionen Menschen. Es macht keinen Unterschied, ob wir hier Russisch reden oder Jiddisch oder Krimtatarisch, wir sind frei. So fĂŒhlen die Menschen. Da herrscht jetzt eine große Verbundenheit zwischen jĂŒdischen Gemeinschaften, zwischen krimtatarischen Gemeinschaften, russisch sprechend, ukrainisch sprechend, polnisch sprechend. Sogar Roma haben gestern einen russischen Panzer geklaut. Alle helfen, wie sie können. Alle sind versammelt um die Freiheit. Es geht um Freiheit und Selbstbestimmung.

Ich habe mich ĂŒber Gerald HĂ€fners Interview zur Ukraine gefreut. Er sagte aber auch, dass die Ukraine am Rand sei. Da liegt ein sprachliches MissverstĂ€ndnis. Der Namen â€čUkraineâ€ș in russischer Übersetzung heißt auch tatsĂ€chlich â€čLand am Randeâ€ș bzw. â€čam Landâ€ș. Ja, die Ukraine ist aus einer russischen Perspektive ein Rand: Danach sind die Katholiken und die lateinische Schrift. Nimmt man es in ukrainischer Sprache, dann heißt das Wort â€čKraiâ€ș nicht Rand, sondern Land und â€čUâ€ș bedeutet â€čimâ€ș und nicht â€čamâ€ș. Also bedeutet U-Kraine dabei â€čim Landâ€ș, â€čin der Landesmitteâ€ș. Der â€čRandâ€ș gehört zu den Narrativen, die von der russischen Seite tradiert werden. Etymologisch war das so, dass die Leute, die von EroberungszĂŒgen oder Reisen wieder zurĂŒckkehrten, dann sagten, dass sie wieder â€čim Landâ€ș seien, wieder â€čUkraineâ€ș seien, also wieder in ihrem Land. So hat sich der Name gebildet und wurde eine Zeitlang parallel mit â€čRusâ€ș gebraucht. Und ĂŒbrigens, Johann Gottfried Herder in seinem Reisejournal von 1769 spricht sehr zukunftsweisende wahre Worte ĂŒber die Ukraine. Sie mĂŒsste man hier eigentlich zitieren. Aber Putin liest natĂŒrlich keinen Herder.

Ob ich Hoffnung habe? Ja, ja, also ja, ich habe große Hoffnung, wenn ich diese Menschen sehe, wenn ich sehe, wie die StĂ€dte bombardiert werden, Charkiw, Kiew, Odessa und die Menschen trotzdem ihren Humor nicht verlieren und scherzen. Und die Frauen gebĂ€ren in der Nacht in der U-Bahn-Station. Und alle feiern die Geburt und sagen: «Jetzt ist das Baby mit Feuer und Wasser getauft.» Welche BrĂŒderlichkeit ĂŒber das Nationale hinweg dort herrscht! Als ob die Menschen, vielleicht ganz unbewusst, etwas von diesen kostbaren Keimen, von denen Herder sprach, fĂŒr die Zukunft schĂŒtzen mĂŒssen. Das wĂŒnsche ich auch uns hier, unseren, meinen deutschen Freunden, dass sie nicht am Rande der Geschichte untĂ€tig bleiben, nicht an der ErklĂ€rung des Wortes â€čvom Randeâ€ș bleiben, sondern denken, das ist jetzt die Mitte und es geht um die Mitte und da muss man helfen. Denn Menschsein ist heute die Mitte. Und es geht hier nicht um irgendwelche politischen Fragen, es geht auch nicht darum, was Rudolf Steiner zu wem gesagt hat. In dem Augenblick auch nicht ĂŒber die große russische Seele. Die wird bestehen, keine Sorge, auch sie muss sich wandeln. Aber heute geht es darum, meinem Bruder, der in Not ist, zu helfen, bevor es zu spĂ€t ist. Die Ukraine wehrt sich, allein gelassen, gegen den Ungeist des letzten Jahrhunderts, gegen die Lasten der Vergangenheit. Diese Eroberungskriege gehören nicht in unsere Zeit. Wie auch das alte Denken ĂŒber â€čEinflusssphĂ€renâ€ș. Das ist Schnee vom gestern. Heute kann eine Beziehung nur aus Freiheit entstehen. Und Menschen in der Ukraine stehen fĂŒr ihre Freiheit und fĂŒr unsere Freiheit zugleich. Damit wir aufwachen.

  1. liebe Frau Black-Terletska, auch ein herzliches Danke auch an Herrn Held
    fĂŒr das ausfĂŒhrliche und klĂ€rende GesprĂ€ch ĂŒber die multi-ethnischen
    EinflĂŒsse mit ihrem starken Zusammenhalt.

  2. Darf ich eine kleine Geschichte beisteuern? Wilhelm Weber aus Speyer, ein anthroposophischer Lehrer aus der „Der-Herr Doktor- hat gesagt- Generation“ hat sie mir erzĂ€hlt. Nach einem Vortrag Rudolf Steiners, den Weber besuchte, wurde der Vortragende gefragt: „Herr Doktor, was sollen wir tun, wenn wir ĂŒberfallen werden?“ Rudolf Steiner antwortete mit einem einzigen Wort. „Zusammenschlagen“.

  3. Wer in der Mitte steht, könnte in alle Richtungen schauen. Warum zeigen alle mit dem Finger nur in eine Richtung?
    WÀre anstelle der Nato-Osterweiterung zwischen Russland und den europÀischen Nato Staaten eine unabhÀngige Mitte geschaffen worden,so hÀtte der Krieg in der Ukraine wohl nie angefangen.
    Die USA, Europa und die Nato hatten es in der Hand. Warum redet keiner darĂŒber?

  4. „Und es geht hier nicht um irgendwelche politischen Fragen, es geht auch nicht darum, was Rudolf Steiner zu wem gesagt hat.“

    Hui! Bei der ersten SatzhĂ€lfte reibe ich mir als kritischer Normalmensch die Augen, bei der zweiten als anthroposophie-suchender Rezipient – denn „zu wem“ hat Steiner ungeheuer viel brennend Interessantes ĂŒber „Politik“ und ZeitlĂ€ufte gesagt?, zu uns natĂŒrlich, „Mitgliedern“
 Dass wir dies Interessante und brennend Notwendige, dessen AktualitĂ€t uns jetzt rasselnd auf die FĂŒĂŸe fĂ€llt, uns nicht erarbeitet haben ĂŒber Jahrzehnte – ein klĂ€gliches VersĂ€umnis. „Helfen, bevor es zu spĂ€t ist“ – wirklich mit Molotowcocktails bzw. Scholz‘ 100 Milliarden, versprochen in einer kultischen Rede mit fĂŒnfmal beschworener „Zeitenwende“ genau an Steiners Geburtstag? FlĂŒchtlinge heiße ich willkommen, doch als meinen klitzekleinen Hilfebeitrag fĂŒr die Mitmenschen dort draußen kann ich eher meinen „politischen“ Friedenstaube-Aufkleber mit „Raus aus der Nato – Nato raus“ empfinden, den ich auf die RĂŒckseite meines Corona-Schildes fĂŒr die Montagsdemos geklebt habe


  5. …………….alles schön und gut, Geschichte usw., aber heute mĂŒssen die Ukrainer*innen gefragt werden, welchen EinflĂŒssen ihre FĂŒhrungsriege sich zugewendet hat, was hinter den Worten von Selenskyj spielt und wie die Worte des Verteidigungsminister Austin zu verstehen sind: „Wir werden Himmel und Erde fĂŒr einen Sieg der Ukraine in Bewegung setzen“ und warum Biden 33000 Millionen $ fĂŒr die Ukraine aufbringen will. Die Empathie mit den Mitmenschen dort braucht einen geistigen Überblick fĂŒr das was wirklich spielt.

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