Eine vergessene Pioniertat

Zum 150. Geburtstag Rudolf Steiners ist im Berliner Wissenschaftsverlag ein Sammelband erschienen, an dem zahlreiche Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Fachgebieten mitgewirkt haben. Damit liegt ein neuer Überblick ĂŒber den anthroposophischen Kulturimpuls vor, der wissenschaftlichen AnsprĂŒchen genĂŒgt.[note] Rahel Uhlenhoff (Hrsg.), Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Berlin 2011. [/note] Dass schon zu Lebzeiten Steiners ein Ă€hnliches Unternehmen in kleinerem Format und ohne wissenschaftlichen Anspruch durchgefĂŒhrt wurde, ist heute fast vergessen.


Im Februar 1921 wurde Rudolf Steiner 60 Jahre alt. AnlĂ€sslich dieses Geburtstages wurde die heute noch bestehende Kulturzeitschrift â€čDie Dreiâ€ș gegrĂŒndet. Aus dem gleichen Anlass gab der bekannte protestantische Theologe Friedrich Rittelmeyer (1872–1938), der sich schon in frĂŒheren Jahren öffentlich fĂŒr Steiner eingesetzt hatte, eine Festschrift heraus mit dem Titel â€čVom Lebenswerk Rudolf Steiners. Eine Hoffnung neuer Kulturâ€ș.[note] MĂŒnchen, Verlag Chr. Kaiser 1921, 354 Seiten. Die Entstehung der Festschrift ließ sich im Wesentlichen rekonstruieren anhand des dokumentarischen Materials, das mir Christoph Rau, der Biograf Michael Bauers, 2002 zur VerfĂŒgung stellte. Es ermöglicht einen tieferen Einblick in die damaligen Stuttgarter VerhĂ€ltnisse, die von einer Spannung zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und Christengemeinschaft geprĂ€gt waren. Diese besserte sich offenbar auch nicht durch Rittelmeyers Zuzug von Berlin 1923, sondern erst durch dessen Nachfolger Emil Bock nach dem Zweiten Weltkrieg. [/note]

Als Mitarbeiter an seinem Projekt gewann er Schreibende aus verschiedenen Fachgebieten, darunter nicht nur Anthroposophen und Anthroposophinnen. Großen Anteil am Zustandekommen des Buches hatte sein Freund Michael Bauer, der erfahrene PĂ€dagoge und spĂ€tere erste Biograf Christian Morgensterns.

Rasch war die erste Auflage von 4000 Exemplaren vergriffen, sogleich folgte die zweite. BegĂŒnstigt wurde der Erfolg auch dadurch, dass das Buch in einem angesehenen nicht anthroposophischen Verlag herauskam und dass der Herausgeber in der deutschen Öffentlichkeit als Theologe und Prediger weithin bekannt und geschĂ€tzt war. Gerhard Wehr schreibt: «Um 1920 gibt es keinen zweiten Anthroposophen, der [seiner WertschĂ€tzung Steiners] mit dem gleichen persönlichen Gewicht vor der Welt Ausdruck zu geben vermochte als der protestantische Theologe Friedrich Rittelmeyer.»[note]  Gerhard Wehr, Friedrich Rittelmeyer. Sein Leben. Zit nach der 1. Auflage 1985, S. 63. Rittelmeyer hatte damals in Berlin eine große Personalgemeinde, zu der die Elite des Berliner BildungsbĂŒrgertums zĂ€hlte. Theologieprofessoren wie Harnack und Philosophen wie Troeltsch saßen unter seiner Kanzel. Er verkehrte mit bekannten KĂŒnstlern und mit hohen MilitĂ€rs. Vgl. Claudia Beckers Dissertation ĂŒber Rittelmeyer, FU Berlin, 2001. [/note]

Nach seiner Begegnung mit Rudolf Steiner im Jahr 1911 gewann Rittelmeyer immer mehr die Überzeugung, er könne die aus der Anthroposophie empfangenen Anregungen innerhalb der Kirche fruchtbar machen. Einen Ă€hnlichen Weg hatten andernorts bereits einzelne protestantische Pfarrer wie Paul Klein oder Hermann Heisler beschritten.

Rittelmeyers Intentionen

Im Vorwort legte der Herausgeber seine Intentionen dar: Angesichts der ĂŒberwiegend verĂ€chtlichen oder ignoranten öffentlichen Reaktionen auf Steiners AktivitĂ€ten solle «eine AtmosphĂ€re des Ernstgenommenwerdens» fĂŒr dessen Werk geschaffen werden. Der Versuch, ein so umfassendes Werk darzustellen, könne zum ersten Mal nicht gelingen, mĂŒsse aber doch einmal gewagt werden. Dass im Buchtitel und in den KapitelĂŒberschriften der Mann und nicht das Werk genannt wird, rechtfertigt Rittelmeyer damit, dass Steiner mehr als sein Werk den erbittertsten Angriffen ausgesetzt sei.

In der Tat begab sich Rittelmeyer mit dieser Publikation auf vermintes GelĂ€nde. Im Jahr 1921 erreichte die Flut von Pamphleten gegen Steiner ihren bisherigen Höhepunkt. Der Kampf gegen ihn wurde damals von politisch rechten und katholischen Kreisen zur nationalen Pflicht erklĂ€rt. 1922 ging die Hetze in physische Gewalt ĂŒber: Steiner geriet bei seinen Vortragsreisen mehrmals in Lebensgefahr.[note] Vgl. die Dokumentationen zum Attentatsversuch auf Steiner, Archivmagazin Nr. 8, Dornach, Dez. 2018, und zur Vernichtung des Goetheanum, in GA 259. [/note]

Rittelmeyer wĂŒnschte Steiner zu zeigen, dass seine Lebensarbeit nicht vergeblich gewesen war. «Aber nicht um eine Steiner-Mode heraufzufĂŒhren, haben wir geschrieben, sondern um die Besten, Freisten, Ernstesten auf allen Gebieten zur PrĂŒfung herauszufordern.» Die Namen der meisten Mitarbeitenden sind außerhalb der anthroposophischen Bewegung vergessen.

Rittelmeyer fand es angemessen, dass auch â€čAuslĂ€nderâ€ș BeitrĂ€ge schickten: Richard Eriksen war Hochschuldozent in Norwegen, der Schriftsteller Ernst Uehli und der Jurist Roman Boos waren Schweizer. Der Theologe Christian Geyer war viele Jahre Rittelmeyers Kollege und Freund in NĂŒrnberg, ehe dieser 1916 nach Berlin berufen wurde. Hermann Beckh war bis 1920 Orientalist an der Berliner UniversitĂ€t und fĂŒhrender deutscher Indologe. Hans Wohlbold war Biologe und Anthropologe, Gymnasiallehrer und Schriftsteller. Er arbeitete in Weimar an Goethes Nachlass und gab dessen Farbenlehre heraus. Schwebsch war Musikwissenschaftler, spĂ€ter Waldorflehrer. Richard Dedo amtierte als Stadtbibliothekar in Breslau.

Rittelmeyers einleitender Aufsatz ist von hoher AuthentizitĂ€t, weil er auf zahlreiche GesprĂ€che mit Steiner zurĂŒckgreift. Sein zweiter (den ursprĂŒnglich Friedrich Lienhard schreiben sollte) behandelt ein damals kulturpolitisch aktuelles Thema, das gerade im Zusammenhang mit Steiner hohe Wellen schlug. WĂ€hrend Anthroposophen â€“ in strikter Abgrenzung zur anglo-indischen Theosophie â€“ Steiners AnknĂŒpfung an die deutsche Kultur betonten, wurde er von rechten Kreisen als â€čVerrĂ€ter am Deutschtumâ€ș diffamiert.[note] Vgl. Lorenzo Ravagli, Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie. Stuttgart 2004. [/note]

Foto: Xue Li

Stuttgarter â€čKonkurrentenâ€ș

Rittelmeyer startete sein Unternehmen vermutlich schon im Januar 1920 mit einem undatierten Rundbrief an potenzielle Mitarbeitende, in dem er auch die verschiedenen Gebiete aufzĂ€hlte, ĂŒber die er sich BeitrĂ€ge erhoffte: Philosophie, Naturwissenschaft, Religion, Kunst, Politik, PĂ€dagogik, â€čMorgenlandâ€ș, Deutschtum, Goethe. Als Lesende dachte er sich nicht in erster Linie Anthroposophierende, sondern «lebendig interessierte Studenten, suchende Volksschullehrer, geistig höher strebende Proletarier.» Die einzelnen AufsĂ€tze sollten auch als Separatdrucke erscheinen.

Am 5. Februar 1920 teilte er seinen Plan Marie Steiner mit. Er ĂŒberließ es ihr, Steiner davon in Kenntnis zu setzen. Gleichzeitig bat er sie um Nennung der geeignetsten Mitarbeitenden. Er wĂŒnschte «möglichst bekannte Namen», hoffte daher auch auf die Mitwirkung Friedrich Lienhards, damals als Herausgeber der Kulturzeitschrift â€čDer TĂŒrmerâ€ș einer der bekanntesten Publizisten Deutschlands. Lienhard stand eine Zeit lang der anthroposophischen Bewegung nahe, zog sich aber zurĂŒck, da er deren Expansion in wirtschaftliche und politische Bereiche nicht mehr mitvollziehen konnte.[note] gl. Wolfgang G. Vögele, Friedrich Lienhard. In: Bodo v. Plato (Hrsg.), Anthroposophie im 20. Jahrhundert. Dornach 2003, S. 458 f. [/note]

Marie Steiner antwortete nicht, setzte aber verschiedene Anthroposophen und Anthroposophinnen von Rittelmeyers Vorhaben in Kenntnis und forderte sie auf, mit diesem in Kontakt zu treten. Rittelmeyer verschickte ein weiteres Rundschreiben, in dem erstmals der Plan auftauchte, Christian Morgensterns Beziehung zu Steiner zu dokumentieren. Morgensterns Witwe sagte zu, fĂŒhlte sich aber dann vermutlich doch ĂŒberfordert, in kurzer Zeit etwas zusammenzustellen.

Eine erste, auf den 26.3.1920 datierte Antwort erreichte Rittelmeyer aus Dornach. Eine Gruppe von Unterzeichnenden, darunter die Waldorflehrer Walter Johannes Stein, Eugen Kolisko und Karl Stockmeyer, betonte die aktuelle Wichtigkeit des wissenschaftlichen Eintretens fĂŒr Steiner, mit Hinweis auf die neuesten Hochschulkurse in Stuttgart und Dornach. Die Gruppe bot sich zur Mitarbeit an, schlug aber vor, das Buch â€čAnthroposophie und Fachwissenschaftenâ€ș zu nennen und einen Ausschuss mit Sitz in Stuttgart zu bilden, der die weitere Planung in die Hand nehmen sollte. Diesem Ausschuss sollten neben Rittelmeyer die genannten Waldorflehrer angehören.

Am 30.3. antwortete Rittelmeyer, er könne â€“ wegen Krankheit â€“ in absehbarer Zeit nicht nach Stuttgart kommen. Auch ein Komitee lehnte er ab, da man zuerst an die denken solle, mit denen er zuerst vertraulich seinen Plan entwickelt habe (z. B. Beckh, Schwebsch). Da Berlin als «Anthroposophie-Zentrale ohnehin abgesetzt» sei, wĂ€re es fĂŒr die Berliner erfreulich, wenn auch einmal von Berlin aus etwas fĂŒr Steiner getan wĂŒrde. Er bat um weitere ThemenvorschlĂ€ge und legte eine wesentlich erweiterte Mitarbeitendenliste bei.

Rittelmeyer wollte Steiner zeigen, dass seine Lebensarbeit nicht vergeblich war.

Doch die Waldorflehrer lehnten in einem Schreiben vom 22.4. die PlĂ€ne Rittelmeyers ab. Nur Stuttgart und der dortige Verlag â€čDer Kommende Tagâ€ș kĂ€me infrage, der Buchtitel â€čVom Lebenswerkâ€ș sei unangebracht, da ein solches noch gar nicht vorliege. Die AufsĂ€tze mĂŒssten «wirkliche wissenschaftliche Leistungen» sein, nötig sei weniger das Wort fĂŒr Steiner als die Arbeit im Sinne Steiners. Die Auswahl der Autoren und Autorinnen sollte nie nach deren öffentlicher Reputation geschehen, sondern nur nach deren â€čLeistungâ€ș.

Es gebe sehr viel mehr geeignete Mitarbeitende, als Rittelmeyer meine. In Stuttgart lerne man diese KrÀfte kennen. «Ganz ausgeschlossen erscheint uns die Beteiligung von Lienhard. Die Art von Deutschtum, die er vertritt, kann nicht unsere Sache sein.»

Am 26.4. antwortete Rittelmeyer: «Ihr heutiger Brief hat leider nur Ablehnung meiner VorschlĂ€ge, keinerlei VerbesserungsvorschlĂ€ge und keine ErfĂŒllung meiner Bitte um Beantwortung meiner Fragen gebracht.» Er wies die Kritikpunkte der Stuttgarter zurĂŒck. Am 28.4. teilte er seine EnttĂ€uschung Marie Steiner mit. Er sei praktisch ausgeschaltet worden. Es solle anscheinend wieder eine esoterische Sache der Anthroposophischen Gesellschaft daraus gemacht werden, die in der Öffentlichkeit nicht wirke. Es mĂŒsse jetzt aber nicht verhandelt, sondern gehandelt werden. «So habe ich mich nun entschlossen, die Sache selbst zu machen.» Er bat, den Herren Lienhard und Blume entsprechende VortrĂ€ge Steiners zukommen zu lassen, damit sich diese grĂŒndlicher ĂŒber Steiners Gedanken zu den geistigen Aufgaben Mitteleuropas und zu gesellschaftlichen Fragen informieren könnten.[note] Wilhelm von Blume lehrte als Jurist in TĂŒbingen und war öffentlich fĂŒr Steiners Sozialreform eingetreten. Er gilt als Schöpfer der 1919 in Kraft getretenen neuen wĂŒrttembergischen Verfassung. [/note]

Auch diesmal antwortete die BriefempfĂ€ngerin nicht. Vermutlich spielte hier schon das komplizierte VerhĂ€ltnis zwischen Marie Steiner und dem â€čreligiösen FlĂŒgelâ€ș der anthroposophischen Bewegung eine Rolle, das sich nach der BegrĂŒndung der Christengemeinschaft 1922 noch verstĂ€rkte.[note] Vgl. Wolfgang GĂ€deke, Marie Steiner und die Christengemeinschaft. Eine tragische Beziehung. Stuttgart 2018. [/note]

Rittelmeyer erinnerte sich zehn Jahre spĂ€ter: «Es war im Jahre 1921, als ich das Buch â€čVom Lebenswerk Rudolf Steinersâ€ș herausgab. Damals habe ich mit den meisten Krach gehabt [
]. Schließlich sagte ich: Nie in meinem Leben arbeite ich wieder mit solchen Anthroposophen zusammen! â€“ Es ist ganz anders gekommen.»[note] Zit. nach Lili Kolisko, Eugen Kolisko. Ein Lebensbild. Gerabronn (Selbstverlag) 1961, S. 259. [/note] Rittelmeyer wurde 1923 von Steiner in den Vorstand der deutschen Landesgesellschaft berufen, wo er bis 1933 amtierte.

Verschiedene Urteile

Professor Römer erwĂ€hnte einmal auf einer Postkarte an Rittelmeyer den â€čintellektualistischen Hangâ€ș der Stuttgarter. Dieser Hang scheint sich zu bestĂ€tigen, wenn man auf den Vorschlag der Stuttgarter/Dornacher Anthroposophen blickt, die Festschrift genau so zu nennen wie den Dornacher Kurs â€čAnthroposophie und Fachwissenschaftenâ€ș. Christoph Rau dazu: «Und man kann wohl Rittelmeyer verstehen, dass er mit solcher Engstirnigkeit nicht zusammenarbeiten möchte, da er sie der Weltbedeutung Steiners nicht fĂŒr angemessen hielt.»[note] Brief von Chr. Rau an den Autor vom 6.9.2002. [/note] Walter Johannes Stein erklĂ€rte seinen Konflikt mit Rit­telmeyer auch mit Temperamentsunterschieden: «Stein sagte, dass der ungelöste Punkt ihrer beiden Beziehungen die verschiedene Art den Gegnern gegenĂŒber sei. FĂŒr Rittelmeyer sei es natĂŒrlich, rĂŒcksichtsvoll anzugreifen, fĂŒr ihn (Stein) aber scharf. Stein mĂŒsste heucheln, wenn er wie Rittelmeyer vorgehen wollte.»[note] Brief von Michael Bauer. Bauer, Briefe 1997, S. 160. [/note]

Dass Rudolf Steiner angesichts sich bekĂ€mpfender Gruppen von Anthroposophen und Anthroposophinnen auf tiefe â€čkarmische HintergrĂŒndeâ€ș hinwies, sei hier nur angedeutet.[note] Vgl. Fred Poeppig: RĂŒckblick 
 Manuskriptdruck. Basel 1964, S. 89 ff., Kapitel â€čKarmische Gruppierungenâ€ș. [/note]

â€čDas StĂ€rksteâ€ș

Rudolf Steiner, der auf das Feiern seines eigenen Geburtstages nie Wert legte und auch selten eine freie Minute hatte, befand sich, als die Festschrift in Dornach eintraf, auf Vortragsreise in Holland.

Erst danach fand er Zeit, Rittelmeyer brieflich zu danken: «[
] Im Namen der anthroposophischen Bewegung sage ich Ihnen herzlichsten Dank fĂŒr Ihr Buch. Dasselbe ist ganz zweifellos so gehalten, dass der Kreis, in dem es wirken kann, gut berĂŒcksichtigt ist. Und wĂŒrde das, was sachlich darinnen steht, ohne Beziehung zu meiner Person vor die Welt treten, so mĂŒsste unmessbar viel Gutes daraus entspringen. Allein es ist nun schon einmal schicksalgemĂ€ĂŸ, dass mir fĂŒr die Empfindungen meiner Gegner die Götter es auferlegen, bei allem, was durch Anthroposophie geschieht, persönlich noch dabei sein zu mĂŒssen. Und ich darf nicht anders handeln, als es geschieht. In unserer Zeit ist es so, dass das Rechte eben grimmige Feindschaft hervorruft. Ihr Aufsatz ĂŒber meine wĂ€hrend des Krieges abgegebenen Urteile war gewiss so berechtigt wie nur möglich. Aber er wirkt nach in vielem, was jetzt die Gegner unternehmen. Nur können sie das nicht sagen und mĂŒssen, oftmals sich selbst, aber zumeist den anderen etwas anderes sagen. So auch wird es mit vielem stehen, was aus Ihrem Buch spricht. Es wird in weitesten Kreisen Ă€rgern. Sie dĂŒrfen sich dadurch nicht entmutigen lassen. [
] Sie, mein lieber verehrter Herr Doktor, haben in einer auch fĂŒr Sie persönlich schweren Zeit Ihr Buch in die Welt geschickt, das so ist, dass die Krankheit dem Buche gegenĂŒber wie die Bringerin der Muße ist, die Ihnen gestattete, das besser zu machen, was Sie auch in guter, aber von Arbeit ĂŒberbĂŒrdeter Zeit mut- und kraftvoll getan hĂ€tten.“[note] Zit. nach Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner. Stuttgart 1953, S. 98 f. [/note]

Rittelmeyer resĂŒmiert: «Die Mitarbeiter an dem Buch könnte es freuen, dass drei Jahre spĂ€ter Rudolf Steiner in einer Sitzung sagte, das Buch sei â€čdas StĂ€rkste, was bisher zum Bekanntwerden der Anthroposophie in der Öffentlichkeit geschehen istâ€ș.»[note] A. a. O., S. 100. [/note]

Publizistisches Echo

Lienhard bringt eine knappe Besprechung im â€čTĂŒrmerâ€ș («Ein gehaltsschweres Sammelwerk», ein «Huldigungsbuch», an dem fortan weder Feind noch Freund vorĂŒbergehen können. Geyers Aufsatz scheint ihm «bedeutsam». FĂŒr die Autoren sei Steiner «ein Erlebnis» gewesen. «So kommt jeder dieser Mitarbeiter dazu, von einem besonderen Ende her Steiner als eine â€čepochaleâ€ș oder â€čphĂ€nomenaleâ€ș Erscheinung zu verehren, wobei natĂŒrlich andre Zeitgenossen oder Meister der Vergangenheit leicht ein wenig neben dem Helden des Festtages verblassen.»)

In der â€čChristlichen Weltâ€ș schreibt der Theologe und Pazifist Walther Nithak-Stahn, ein Berliner Kollege Rittelmeyers, eine mehrseitige wohlwollende Rezension. Er nennt es ein mutiges Buch, denn «der Name Steiner genĂŒgt heute, um denen, die sich öffentlich zu ihm bekennen, in weiten Kreisen den wissenschaftlichen Charakter, wenn nicht die volle geistige NormalitĂ€t abzusprechen.» «Es ist kaum ĂŒbertrieben, dass Rudolf Steiner gegenwĂ€rtig in Deutschland die stĂ€rkste Persönlichkeitsmacht darstellt [
]. Seit 40 Jahren lebt und schafft er so Ungeheures, und wir kennen ihn nicht.» Das Buch strahle in vielfachen Lichtbrechungen einen Geist aus, «dessen ĂŒberreiche Lebensleistung auch dem NichtĂŒberzeugten den imponierenden Eindruck einer kaum fasslichen Spannweite hinterlĂ€sst.»

An die Festschrift anknĂŒpfend, erörtert Hans Hartmann (â€čNeue Westdeutsche Lehrerzeitungâ€ș vom 5.11.1921) GrundsĂ€tzliches zu Steiners Anthroposophie. Dieses Buch sei klarer und angenehmer zu lesen als die Steiner-Schriften selbst. «Es ist wie ein Prisma, das steinersches Licht in allen Farben widerspiegelt.» Er empfiehlt die LektĂŒre denen, die noch nicht glauben, dass Steiner auf fast allen Gebieten Originelles geleistet habe.

Dass die Festschrift, wie Steiner voraussah, viele Ă€rgern wĂŒrde, zeigt das Verdikt des Philosophen und Gnosisforschers Hans Leisegang, eines bekannten Steiner-Kritikers, der 1922 in einem Referat sagte, das Buch sei «das verlogenste Machwerk der Weltliteratur».[note] Zit. nach GA 259, S. 797. Wie Leisegang ĂŒber Steiner dachte, zeigt sein Satz: «Welche satanische Freude muss dieser â€čHellseherâ€ș daran haben, wenn er sieht, dass so viele Menschen auf seinen banalen Unsinn hereinfallen.» Hans Leisegang, Die Grundlagen der Anthroposophie. Hamburg 1922, S. 68. [/note]

Aus heutiger Sicht

Viele Praxisfelder der Anthroposophie konnte die Festschrift noch nicht berĂŒcksichtigen, da diese erst in ihren AnfĂ€ngen steckten beziehungsweise noch gar nicht inauguriert waren: Medizin, Landwirtschaft, HeilpĂ€dagogik. Ein Kritiker bedauerte das Fehlen eines Kapitels ĂŒber Musik. Aber auch in ihrer lĂŒckenhaften Form stellte Rittelmeyers Unternehmung eine Pioniertat dar. Das Buch gehört zu den Meilensteinen der Wirkungsgeschichte der Anthroposophie zu Lebzeiten Steiners. Es dĂŒrfte fĂŒr Steiner persönlich, der selbst unter den UnzulĂ€nglichkeiten seiner AnhĂ€nger litt und zugleich permanenten öffentlichen Angriffen ausgesetzt war, einer der seltenen Lichtblicke gewesen sein, ein Hoffnungsschimmer auf dem mĂŒhsamen Weg zu der von ihm intendierten â€čneuen Kulturâ€ș.


Anmerkung: Der Text ist erstmalig erschienen am 27.4.2021 bei Themen der Zeit

Titelbild: Xue Li

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