Du musst weiter, immer weiter!

Das prophezeit der Seher Theresias dem Odysseus in der Unterwelt. Die Junge BĂŒhne bringt neun Mal dieses Epos von Homer in einer Textfassung von Andrea Pfaehler auf die BĂŒhne des Goetheanum.


Ein PortrĂ€t, ein Vierzeiler, eine Melodie â€“ fĂŒr wohl jede Kunst gilt: Ist einmal der letzte Pinselstrich gesetzt, das letzte Wort geschrieben, scheint es so leicht, so selbstverstĂ€ndlich, dass man sich als Zuschauer, als Zuhörerin ertappt: «Das hĂ€tte ich selbst so machen können.» Doch bis diese LeichtfĂŒĂŸigkeit, diese Lockerheit geschieht, ist es ein langer Weg. Je weniger von der vergangenen MĂŒhe zu sehen, je weniger vom Schweiß zu riechen ist, umso mehr wird es zur Kunst. Die Legende aus China dazu: Ein Kaiser wĂŒnscht sich ein GemĂ€lde eines Schwans und lĂ€sst den Maler rufen. Der verspricht das Bild in einer Woche. Doch da ist es nicht fertig. Wieder und wieder vertröstet der Maler den Kaiser. Da platzt dem Herrscher der Kragen: «Ich will das Bild jetzt, sonst bist du des Todes.» Da lĂ€sst sich der Maler Blatt und Pinsel bringen, und mit einem Schwung ist der Schwan auf dem Bild. Da droht der Kaiser wieder mit dem Tod, hat er doch lange warten mĂŒssen und sieht nun, wie das Bild husch, husch fertig ist. Was den Maler rettet, ist die FĂŒhrung, die er dem Kaiser durch sein Atelier gibt. Da sind sie, die tausend Studien, Improvisationen und Übungen, die dem schnellen Schwung vorausgingen.

Das Schauspiel trĂ€gt im Namen, dass hier alles Können â€čSpielâ€ș werden sollte, deshalb gilt hier die LeichtfĂŒĂŸigkeit doppelt. Wohl auch aus diesem Grund hat Andrea Pfaehler ein halbes Jahr lang die 18 Jugendlichen in Improvisationen und Übungen an Grenzerfahrungen gefĂŒhrt, um im Spiel spielen zu können.

Wie GefĂŒhle entstehen

Es beginnt mit Bewegung: im Raum schnell gehen, langsam gehen, in Linien, in Kurven gehen, sich Partner und Partnerinnen suchen, sodass er oder sie einen fĂŒhrt, wĂ€hrend man selbst die Augen schließt. Die Sehenden greifen mit schwachem Druck auf den RĂŒcken erst ein, wenn eine Kollision droht, das fordert das Vertrauen â€“ ein Vertrauen, das man spĂ€ter im gemeinsamen Spiel auf der BĂŒhne braucht, und nicht anders als auf der BĂŒhne steigt so die Energie im Übungsraum. Dann soll ein Streit zwischen den Paaren entstehen, bei dem erst die eine, dann der andere in der dominanten Rolle ist, sodass Hoch- und Tiefstatus, wie es in der Schauspielsprache heißt, sich wechseln. Dann geht es um Mitleid, dann um Sorge zwischen den zweien, wobei die GefĂŒhle mal aufgenommen, mal abgewiesen werden können. Alles dient zu dem Dreischritt, GefĂŒhle im Ausdruck erzeugen zu können, sich ihnen ĂŒberlassen zu können und ihnen eine Gestalt zu geben, sie in einen Handlungsbogen zu fĂŒhren. Es habe in den Improvisationen Momente gegeben, so schildert eine der Jugendlichen, wo sie völlig vergessen habe, dass dies eine Improvisation sei und nicht das wirkliche Leben. Das unterstreicht ein anderer Spieler: «FrĂŒher haben wir Szenen improvisiert: Da ist ein Tisch mit Telefon und vielleicht ein Hut auf dem Boden, und dann soll man mit diesen Requisiten eine Handlung starten. Jetzt gab es keine Requisiten, nur den Spielpartner, der einem gegenĂŒbersteht und in die Augen schaut â€“ nichts, was einen Rahmen gibt, was mich hĂ€lt, mir hilft. Das ist schrecklich und wundervoll zugleich, denn da entstehen, das war meine Überraschung, echte GefĂŒhle.» Man mĂŒsse sie sich nicht ausdenken oder bilden. «Je nach meiner Körperhaltung, je nach meinem Blick zu meiner Partnerin, meinem Partner wachsen da andere GefĂŒhle.» Er schildert, das GefĂŒhl des Verliebtseins steige auf diese Weise so echt in ihm auf und verebbe nach der Übung wieder, dass man es kaum fassen könne. FĂŒr das Schauspiel, so ergĂ€nzt er, helfe es ihm, diese GefĂŒhle dann fĂŒr die BĂŒhne hervorzuholen und zu wissen, wie der Körper darauf antworte. Immer wieder taucht so im GesprĂ€ch diese BrĂŒcke zwischen Leib und Seele auf. Ein anderer Jugendlicher: «Weil ich so ein GefĂŒhl von Scham oder Zuneigung nicht â€čherstelleâ€ș, weil ich nicht aktiv, sondern passiv bin, sind diese Emotionen auch echt.»

Kirke (Anna Sarah Waterstradt) weissagt Odysseus (Cameron Gough), was ihm an Schrecken und PrĂŒfungen bevorsteht – ihre Leidenschaft und Liebe wird selbstlos. Fotos: W. Held.

GefĂŒhle fĂŒhlen

Und ihr schafft dafĂŒr die Bedingungen, dass sich so ein GefĂŒhl einstellt? «Ja, da ist Offenheit wichtig und Konzentration â€“ eine unterstĂŒtzende, eine respektvolle Haltung, dass es entstehen kann.» Er schildert weiter, dass sich da in jedem etwas andere GefĂŒhle bilden wĂŒrden, aber «wenn zwei Seelen sich treffen und sie beide offen sind, dann ist es einfach, â€čGefĂŒhle zu fĂŒhlenâ€ș und sie nicht zu denken oder zu wollen. Offenheit und Konzentration sind aber GegensĂ€tze â€“ oder? «Das ist vielleicht so, aber es braucht dennoch beide, und zwar gleich und auf den Moment, dieses Jetzt, und auf die Begegnung», so ein weiterer aus der Runde. Was heißt das? «Dass man die Angebote wahrnimmt, die der oder die andere sendet.» Eine weitere Jugendliche: «Wenn man sich nicht konzentriert, dann ist man auch nicht offen. Wenn man nicht bei der Sache ist, dann kann man auch nicht bei der Sache sein, sondern ist in irgendetwas gefangen.» Ein anderer Schauspieler kommt noch einmal auf den Mangel an Vorgaben zurĂŒck: «Wenn da keine Requisiten, keine Handlung vorgegeben ist, dann habe ich nichts, worĂŒber ich nachdenken, mir etwas ausdenken kann, dann komme ich nicht in die Versuchung, in den Kopf zu wandern.» Ein anderer Spieler: «Wenn da schon ein Stuhl, ein Tisch oder so etwas auf der BĂŒhne ist, dann ist damit schon eine Richtung vorgegeben. Wenn da nichts ist, dann heißt das, du schöpfst aus dem nichts â€“ da ist das Nichts ein Widerstand.» Und ein weiterer: «Wenn eine Szene mit Telefon, Stuhl und Tisch schon vorgebaut ist, dann sind wir, die da von draußen draufschauen und unsere Erwartungen an die Handlung haben, wie die Götter in der Odyssee. Wenn ich jetzt auf der BĂŒhne Odysseus werde, gibt es natĂŒrlich diese Stimme in mir, die fragt, was wollen sie jetzt von mir sehen?»

Viel mehr als ein Feuerlöscher

«Die Improvisation ohne Vorgaben, bei der ein Angebot von mir kommen kann, das ich aber auch wieder loslassen kann, das hilft mir, mehr zu mir zu kommen und nicht nach diesem Blick von außen zu fragen.» Andere unterstreichen den Wert der Erwartungslosigkeit, der Absichtslosigkeit in der Improvisation. Dann schildert eine Spielerin die Spanne zwischen innen und außen, in sich konzentriert zu sein und zugleich aufmerksam, um beim anderen Spieler, der anderen Spielerin jede kleinste Regung aufnehmen zu können, damit in diesem Nichts etwas sei, aus dem dann eine Handlung werden könne. Ein Jugendlicher, der schon viele Jahre zum Ensemble gehört, schildert, er glaube, die Junge BĂŒhne habe dieses Jahr eine Grenze des Theaterspielens ĂŒberschritten, wo es darĂŒber hinausgehe, dass man Dinge bespiele wie: â€čDas ist ein Feuerlöscher, mit dem ich einen Hausbrand löscheâ€ș. «Wir kommen vielmehr zu einem neuen Bewusstsein von Theatermachen, wo beide Spielenden in und mit ihren Gedanken, Bildern und Emotionen so wach sind, dass wir da viel mehr erschaffen können als das Bild eines Feuerlöschers auf der BĂŒhne.» Dieses â€čmehrâ€ș sei das, was Theater heute ausmache.


AuffĂŒhrungen: 27.–29. August, 3.–5. September, 10.–12. September, Freitag und Samstag um 19.30 Uhr, Sonntag um 16.30 Uhr.

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