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Die Welt als Schachbrett?

Wieder nehmen die internationalen Spannungen zu, aber diesmal ist der Iran im Zentrum. Der PrĂ€sident der USA will erneut Sanktionen einsetzen, und wer sich fĂŒr Wirtschaft interessiert, weiß, dass die Globalisierung heute benutzt werden kann, um wirtschaftliche Kriege zu fĂŒhren. Christine Gruwez versucht hier, die aktuelle Lage in der Weltpolitik zu beleuchten, mit Persien im Mittelpunkt.


Am 21. Mai, in seiner ersten großen Rede seit seinem Amtsantritt im April, verkĂŒndete der amerikanische Außenminister Mike Pompeo in Washington: «Wir werden beispiellosen finanziellen Druck auf das iranische Regime ausĂŒben. Die FĂŒhrer in Teheran werden keinen Zweifel an unserer Ernsthaftigkeit haben.» Und weiter: «Der Stachel der Sanktionen wird nur noch schmerzhafter werden, sollte die Regierung nicht von ihrem inakzeptablen und unproduktiven Weg abweichen, den sie fĂŒr sich und das iranische Volk gewĂ€hlt hat.» (FAZ, â€čIran darf niemals den Nahen Osten dominierenâ€ș, 21. Mai 2018) Die ganze Rede hört sich wie ein Ultimatum an: Das Land wird mit den «hĂ€rtesten Sanktionen der Geschichte» gezwungen, sein Verhalten zu Ă€ndern. Aber was ist hier mit â€čVerhaltenâ€ș gemeint?

Ich war in den USA, als sich PrĂ€sident Donald Trump am 8. Mai aus dem Abkommen mit dem Iran zurĂŒckzog. Seit Langem war dieser RĂŒckzug angekĂŒndet und weltweit von vielen, nicht ohne ein gewisses Schaudern, erwartet worden. Trotzdem kam der Bericht wie ein Blitzschlag. Wie ist das bloß möglich? Noch immer konnten viele nicht glauben, dass dieser RĂŒckzug tatsĂ€chlich stattgefunden hatte.

Vielen war es aber auch ziemlich gleichgĂŒltig. Der Iran ist noch immer weit weg, irgendwo in einem vagen â€čOrientâ€ș, und er ist nur in den letzten Jahrzehnten gelegentlich auf die BĂŒhne der Weltgeschichte gekommen. Und dann als erste Frage: Wie wird der Iran reagieren? Was kommt jetzt? Was ist der nĂ€chste Schritt, oder besser gesagt: der nĂ€chste Schachzug?

Die geopolitischen Strategien verschiedener Nationen als Teil eines weltumspannenden Schachspiels zu deuten, ist eine simple und bequeme Metapher, entspricht aber kaum einer RealitĂ€t. Das heißt: Eine Art von Schachspiel – auch Kriegsspiel genannt und von General von Reiswitz am Anfang des 19. Jahrhunderts als Übung fĂŒr Krieg und militĂ€rische Strategie benutzt  â€“ bestimmt das Grundmuster der VerhĂ€ltnisse zwischen Machtblöcken bis auf den heutigen Tag und hat sich als Kernbestandteil des Umgangs mit Konflikten und Krisen als Wissenschaft etabliert.

William R. Polk, der ein eminenter Kenner des Nahen und Mittleren Ostens ist und seine Karriere in der Kennedy Administration als Advisor for Foreign Politics begann und unter anderem in Harvard lehrte, hat 2009 in â€čUnderstanding Iranâ€ș sehr Einleuchtendes dazu publiziert. Laut der Kriegswissenschaft gibt es zwei Arten von Nationen: diejenigen, die das Spiel mitspielen, und diejenigen, die keine Mitspieler sind. Das Spiel mitspielen heißt zum Beispiel, einer gewissen strategischen Logik zu folgen. Ganz einfach gesagt: Auf eine verbale Drohung antwortet man ebenfalls mit einer verbalen Drohung. Die Figuren des Schachspiels Ă€ndern dann ihren Platz, aber es gibt noch immer keine reale Gefahr. Wird die Drohung ausgefĂŒhrt, antwortet man auf die gleiche Weise. Diese Logik wird im großen Ganzen von der angelsĂ€chsischen Welt vorgegeben. Denn das ist, wie sie dieses Spiel versteht. Es ist auch unmittelbar klar, dass die Iraner dieses Spiel anders verstehen bzw. sich nicht an die von den anderen Mitspielern vorgegebene Logik halten, sie verstehen sich aus ihrer Sicht nicht als Mitspieler.

Schon in seinem Vorwort stellt Polk 2009 die krasse Frage: «Wie werden die Iraner, die von einem kulturellen Kodex regiert werden, der nicht der von Amerika oder Großbritannien ist, auf die Androhung von Gewalt reagieren?» (1) Und weiter, noch immer im Vorwort: «Und jetzt, wĂ€hrend ich schreibe, sind Strategie-Experten in Großbritannien und den USA dabei, zu debattieren, welche Drohungen sich am besten eignen, ob strengere Sanktionen oder tatsĂ€chliche Anwendung von Gewalt die iranische Regierung so weit bringen kann, dass sie von ihren PlĂ€nen abrĂŒckt [im Jahr 2009 ging es um die nukleare Bewaffnung]. Sie [Großbritannien und die USA] gehen davon aus, dass vielleicht Sanktionen wirken, wenn Drohungen nichts bewirken. Wenn relativ milde Sanktionen nicht wirken, dann strengere  » (2)

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Wie kann es sein, dass jeder sie in der Sprache sprechen hört, in welcher er geboren ist: Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien, JudĂ€a, Kappadozien, Pontus und Kleinasien, Phrygien und Pamphylien, Menschen aus Ägypten, Libyen und Kyrene, Römer, die hier wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber? Wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden? Wir alle hören sie in unserer Sprache die GrĂ¶ĂŸe Gottes verkĂŒnden.
— Apostelgeschichte, 2: 9–11, Übersetzung von Emil Bock

Jetzt sind wir im Mai 2018 angelangt, bei den «hĂ€rtesten Sanktionen der Geschichte». Hier kann man kaum noch von Drohung sprechen. Die Ă€ußerste Grenze ist erreicht, der nĂ€chste Schritt wĂ€re Krieg. Laut Polk, weil der Iran noch immer nicht der Logik, der einzigen, die einen zum Mitspieler macht, folgt. Weil er sich also weigert, mitzuspielen. In seinem Buch beschreibt er, wie schon ab der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts öfter in Bezug auf den Iran â€čgeĂŒbtâ€ș wurde, wobei im Falle eines Konflikts alle Möglichkeiten, eine nach der anderen, durchgegangen wurden und jedes Mal eine Reaktion vonseiten des Irans simuliert wurde, gemĂ€ĂŸ der angenommenen Logik. Anscheinend hat der Iran in den vergangenen Jahrzehnten kein einziges Mal im Sinne der â€čSimulationâ€ș reagiert.

Unmittelbar nachdem PrĂ€sident Trump den Austritt der USA vollzogen hatte, war die erste Reaktion der iranischen Regierung: «Wir halten uns weiter an das Abkommen.» Die Rolle Europas ist dabei außerordentlich wichtig. Aber jetzt, nach dem 21. Mai? Obwohl die â€čSimulationenâ€ș in der Presse wieder prĂ€sent sein werden – sehr oft auch auf verdeckt provokative Weise –, wird uns dabei kein Schachspiel helfen können.

Warum spielen die Iraner nicht mit? Weil sie nicht dazu gezwungen werden wollen. Und sie haben durch ihre lange Geschichte gelernt, was es heißt, warten zu können. Und mit kleinen Schritten vorwĂ€rtszuschreiten. Ihre tief spirituelle Kultur ist keine einheitliche; verschiedene Völkerschaften und Sprachen, verschiedene Religionen haben diese Kultur genĂ€hrt, oft auch mit Schmerz und Leid. Dadurch können sie dulden und ertragen. Die Resilienz des iranischen Volkes, der Frauen und der MĂ€nner, ist großartig, sowie auch ihre Kunst. Sie gehören zur Menschheit, so wie sie sich einst als Meder und Parther mit den anderen Völkern in Jerusalem getroffen und das Pfingst­ereignis miterlebt haben. Keine Mitspieler, aber Mittragende an unserer gemeinsamen Menschwerdung. Weil keiner fehlen darf.


(1) «What will be the reaction of the Iranians who are governed by a cultural code that is not that of America or Britain to the treat of force?» W. R. Polk, Understanding Iran, Palgrave Macmillan, 2009, XVI-XVII
(2) Polk, 2009, XVII

Bild: Motiv aus der Freitagsmoschee von Yazd

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