Die Seele als Schöpfungshelferin

Im Gedenken an den evangelischen Theologen Prof. Christof Gestrich (1940–2018)


Heute die ‹anthroposophische Sache› vertreten, heißt für mich: raus aus der Nische, raus aus den ‹Lagern›, das eigene Profil schärfen und zugleich geistig Verbündete suchen und bemerken. Einen solchen Verbündeten fand ich in Christof Gestrich. In den Jahren vor seinem plötzlichen Tod Ende 2018 nahm er an dem seit 1998 bestehenden Arbeitskreis ‹Anthroposophie und Theologie› teil. Gestrich war Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Arbeitskreis aber war er ein Mensch mit umfassender Bildung und der schönen Gabe, sich einfach auszudrücken, ohne zu simplifizieren. Er war erstaunlich unbefangen, menschlich souverän, verständigungsbereit, ja verständigungswillig. Ich habe an ihm Christusverbundenheit erlebt und tiefe Besorgnis um die Zukunft des Christentums.

Gestrichs Lebensthema war die menschliche Seele. Aber er sprach und schrieb nicht über sie, sondern aus ihr, aus einer wesenhaften Begegnung mit ihr, von ihr impulsiert und beauftragt, bis zu seinem vermächtnishaften kurzen Text ‹Versuch, die Seele zu definieren›, den er wenige Tage vor seinem Tod verfasste.

Strebekraft zu sich selbst

Die Seele ist für Gestrich die ‹Strebekraft zu sich selbst›, zur eigenen Identität. Sie überragt ihre irdische Biografie nach allen Richtungen. Sie stiftet dem Menschen die Intention, einmal zur Übereinstimmung mit sich selbst zu gelangen. So stellt sie das Bild dessen dar, was der Mensch werden soll, ist aber auch jetzt schon als ‹Ohr für Gott› (Luther) im Menschen gegenwärtig. Dem Menschen ist also eine seelische Verfassung eigen, durch die er auf der Suche nach seiner Identität sich selbst übersteigen muss.

Gestrich sieht die große Gefahr, dass die Wirklichkeit der menschlichen Seele verloren geht: in der Theologie durch Anpassung an die Neurowissenschaften, in der Psychologie durch die Reduktion der Seele auf Triebe, in der Philosophie durch die Aufgabe des Begriffes ‹Seele› selbst. An allen drei Fronten tritt Gestrich kämpferisch für die Seele ein. Er macht sich zum Anwalt ihrer Zukunft zu einer Zeit, in der die christliche Kirche in seinen Augen ‹schwächelt›: «Die heutige Kirche hütet nichts mehr, sie ist eine Diskussion geworden.»

Der Schwung der ersten Christen

Die Auferstehungshoffnung drohe sogar unter den Kirchenchristen zu schwinden. «Wo ist der Schwung der ersten Christen geblieben?» In der gegenwärtigen Kirche werde das Reich Gottes nicht mehr geglaubt.

In dieser Situation tritt Gestrich mit voller Kraft für die Wirklichkeit der Seele ein, überzeugt und überzeugend. In der Auseinandersetzung mit den Neurowissenschaften behauptet er die Seele als eigenes Feld und Thema. In der Psychologie findet er einen Verbündeten in C. G. Jung und dessen Unterscheidung zwischen dem gewöhnlichen Ich und dem umfassenden Selbst. In der Philosophie findet er Boden bei Aristoteles’ Ausführungen über die Seele.

So formuliert Gestrich den Menschen als das ‹Projekt der nach dem Ganzwerden strebenden Seele›. Der auferstandene Christus in uns – für Gestrich Spezifikum christlichen Glaubens – schafft für die Seele eine neue Lage. Die gesuchte, unerreichbar ferne eigene Identität kann plötzlich in Christus aufscheinen. Der ‹Christus in uns› ist wie ein geschenkter Vorgriff auf das noch nicht erschienene eigene Selbst der jeweiligen Person. Er tritt individuell auf, aber umfasst zugleich inklusiv alle anderen Geschöpfe.

Der ‹Christus in uns› ist wie ein geschenkter Vorgriff auf das noch nicht erschienene eigene Selbst der jeweiligen Person. Er tritt individuell auf, aber umfasst zugleich inklusiv alle anderen Geschöpfe.

Es erspart der jeweiligen Person nicht die Arbeit der eigenen Selbstwerdung, sondern ermöglicht ihr diese. Durch den «in der Seele angekommenen Christus» wird der Mensch als Individuum und Subjekt gestärkt. Er empfängt einen «himmlischen Schlüssel» auf dem Weg zu sich selbst. Denn mit dem Christus in uns ist Ewigkeit in den inneren Menschen eingezogen.

Der Glanz der Welt

Im Jahr des Mauerfalls 1989 veröffentlicht Gestrich ein umfangreiches Werk mit dem höchst erstaunlichen Titel ‹Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt›. Er misst unsere Welt an dem zentralen alttestamentarischen Begriff ‹kabod› (griech. Doxa, lat. Gloria, Herrlichkeit, Glanz) und kommt zu dem Ergebnis, dass der Glanz der Welt durch die Trennung der Menschheit von der göttlichen Welt verschwunden ist. Dadurch werde alles nichtswürdig, «selbst dort, wo es noch intelligent und geordnet zugeht». Denn der Glanz, die Herrlichkeit der Welt steht und fällt mit der Übereinstimmung des Lebenswillens ihrer Geschöpfe mit dem Willen Gottes. Sind die Geschöpfe in solcher Übereinstimmung, stehen sie im Glanz. Sind sie es nicht, verlieren sie ihre Herrlichkeit und hören auf, zukunftsträchtig zu sein.

Bild: Christof Gestrich

In Jesus Christus ist der Glanz der Welt erneuert. Er hat sie am Kreuz neu errungen. «Was von Golgatha ausstrahlt und bis auf den heutigen Tag wirkt, ist ein göttliches Selbstopfer, ist das Ur-Sakrament.» Dieses will die größte Gefahr heilen, in der die Menschheit heute steht: dass sie sich ganz abtrennt von dem ursprünglich angestrebten wahren Selbst, dass sie es vergisst und verleugnet. Das wäre der Tod der Seele. Wird die Menschheit erkennen, dass ihre höhere Existenz auf dem Spiel steht? Wird sie erkennen: «Was von Golgatha in die Welt ausstrahlt, ist Gott selbst, Gott als Geist, als versöhnende lebenserneuernde Kraft.»?

Schöpfungshilfen

Durch den Menschen soll die Schöpfung wieder ihren Glanz bekommen. Gestrich erlebt den Abgrund, der eine solche Perspektive von unserer heutigen Welt trennt. Dennoch denkt er groß vom Menschen, von der Seele und ihren schöpferischen Möglichkeiten. Wie schon aus einer anderen Welt, aus einer höheren Perspektive heraus, schreibt er wenige Tage vor seinem Tod: «Die Seele ist eine Schöpfungsgehilfin. Ihr Auftrag ist, Leben und Licht in die Schöpfung zu bringen.» Man ist erstaunt und fragt sich zögernd: Wer ist diese Seele? Nicht du und nicht ich – und doch: du und ich – denn wer sonst? Man ahnt, diese Seele ist wie die ‹große Schwester› unserer jetzigen Seele – so wie im Grundsteinspruch groß von der Seele gesprochen wird: «Menschenseele! Du …»

Postum erschien Gestrichs letztes Buch 2019: ‹Die menschliche Seele – Hermeneutik ihres dreifachen Weges›. Darin findet sich ein eigenes Kapitel zur Anthroposophie: ‹Erneuerte Sicht von Leib, Seele und Geist in der Anthroposophie. Zur Frage der Reinkarnation (Wiederverkörperung)›. Auf zwanzig Seiten gibt Gestrich ein sachlich faires Bild, das sich ihm durch sein Quellenstudium (besonders Steiners ‹Theosophie›) und durch die Begegnungen in unserem Arbeitskreis gebildet hat. Anders als andere lässt Christof Gestrich eine ganze Etappe von polemischer, unsachlicher Auseinandersetzung als veraltet hinter sich zurück. Er hält den Gedanken der Wiederverkörperung innerhalb des Christentums für möglich, auch wenn er selbst sich ihm (noch) nicht anschließen konnte.

Ich erlebe Christof Gestrich jetzt als einen geistig Verbündeten, mit dem eine spirituelle Zusammenarbeit möglich ist.


Versuch, die Seele zu definieren

Die Seele ist eine Schöpfungsgehilfin. Ihr Auftrag ist, Leben und Licht in die Schöpfung zu bringen. Sie erfüllt ihn in drei Schritten.

Erster Schritt: Sie erweckt aus dem, was da ist, fortpflanzende Lebewesen der verschiedensten Art.

Zweiter Schritt: Sie kümmert sich darum, dass gegen alle Dunkelheiten und Übel des Lebens Licht entsteht. Das ist ja ihr zweiter Auftrag. Um ihn zu erfüllen, ruft sie individuelles Leben hervor, dessen sich einige Geschöpfe, vor allem Menschen, auch bewusst werden. Es entsteht ein Ichbewusstsein, das dem Wahren, Guten und Schönen entgegenstrebt. Es war also immer falsch, die Seele nur mit ‹Leben› gleichzusetzen. Sie steht genauso auch für das Hervorrufen von Licht, das ins Leben einströmen soll. Und dies tut sie in einem zweiten Schritt, auf dem individuelles, biografisches personales Leben entsteht, das sich von einem Geist leiten lässt.

Sterben die Individuen, dann gehen sie über in den ewig flutenden Geist der Liebe, in die Brunnenstube des Guten. Sie legen ihre Defizite ab, bringen aber ihre Individualität mit ein. (Zu den Defiziten gehört, dass ein Individuum den Ruf seiner Seele zum Licht auch überhören könnte.)

Das ist der letzte Schritt, mit dem sich der Schöpfungsauftrag der Seele erfüllt. Die Individuen (Personen) verbinden sich jetzt definitiv mit dem Ewigen und gehen ins Licht über. Als ein guter, heiliger Geist strömen sie zurück ins Leben, um dort die Reich-Gottes-Kräfte zu stärken. Es geht ihnen nicht um Religionen, Kirchen, Dogmen und Abgrenzungen, sondern um weitere Ansammlungen von Kräften des Lichts und des Guten in dem von Übeln heimgesuchten Leben.

Christof Gestrich, 26.11.2018

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