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Die Gestalt des Menschen: Ein Gedicht der Welt

Den Leib als Tempel zu erfahren, dazu bietet Goethes Naturbetrachtung einen Weg in vier Schritten: von der Betrachtung ĂŒber das innere Vergleichen und das Imaginieren der ZwischenrĂ€ume zur Erfahrung des Wesens.


Man kann sich darĂŒber wundern, warum wir Menschen fĂŒnf Finger haben und nicht vier oder sechs, warum unser Kopf rund ist und nicht lang gestreckt und warum wir auf zwei Beinen laufen und nicht auf allen vieren. Warum sehen wir gerade so aus und nicht ganz anders? Es gibt zwei gĂ€ngige Antworten. Die eine, darwinistische, besagt: All das ist zufĂ€llig so entstanden und war (ist) gut fĂŒr das Überleben unserer Art. ZufĂ€llig haben sich schon frĂŒh in der Evolution fĂŒnf Finger herausgebildet, und weil sie gut fĂŒr das Überleben waren (oder dabei zumindest nicht störten), sind sie eben erhalten geblieben. Der Kopf hat sich zufĂ€llig gerundet, was dem Überleben diente, und auch der aufrechte Gang ist zufĂ€llig entstanden und hat sich erhalten, weil er (angebliche) Überlebensvorteile brachte, und so weiter und so fort. Die meisten Menschen der westlichen Welt bekommen diese Antwort heute schon mit der Schulbildung eingeimpft und durch eine popularisierte Wissenschaft fortwĂ€hrend aufgefrischt. Es ist aber eine Nullantwort, die tatsĂ€chlich gar nichts erklĂ€rt. Denn hĂ€tten wir sechs Finger oder wĂ€ren unsere Köpfe lang gestreckt, so wĂŒrde auch das mit «es ist gut fĂŒrs Überleben» erklĂ€rt werden. Und natĂŒrlich muss es «gut fĂŒrs Überleben» (gewesen) sein, denn sonst hĂ€tte es eben nicht ĂŒberlebt. Der Darwinismus erklĂ€rt die Gestalt nicht, er lĂ€sst nur die Frage danach verschwinden.

Die zweite Antwort ist religiös: Wir haben fĂŒnf Finger, einen runden Kopf und gehen auf zwei Beinen, weil es dem Schöpfer gefallen hat, uns so zu gestalten. Das ist geistiger und auch gesĂŒnder als Darwins Antwort, aber es erklĂ€rt die Gestalt ebenfalls nicht. Denn wenn es dem Schöpfer anders gefallen hĂ€tte, dann 
 Rein logisch gesehen, ist diese ErklĂ€rung also gleichwertig mit Darwins â€čZufallâ€ș.

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Wir kommen fĂŒr die Götter zu spĂ€t und zu frĂŒh fĂŒr das Seyn.

Dessen angefangenes Gedicht ist der Mensch.

— Martin Heidegger

Der GlĂ€ubige ahnt einen höheren Sinn seines Daseins, aber er weiß nicht, wieso der Schöpfer in der Evolution so viele Tiere als VorlĂ€ufer des Menschen erschaffen musste (von denen der allergrĂ¶ĂŸte Teil wieder ausgestorben ist). Dagegen weiß der Darwinist zwar wie, aber nicht warum er zu dem geworden ist, was er ist.

Beiden Auffassungen ist gemeinsam, dass sie die Formen der Natur von außen erklĂ€ren: Gott habe sie so gemacht oder â€čZufall und Selektionâ€ș. Beide liefern keine wirkliche Antwort auf die Formfrage.

Ein Weg in vier Stufen, die Natur verstehen zu lernen

Ein dritter Weg ist derjenige Goethes. «Wie mich geheimnisvoll die Form entzĂŒckte!», schrieb er in seinem Gedicht â€čBei der Betrachtung von Schillers SchĂ€delâ€ș, «Die gottgedachte Spur, die sich erhalten! / Ein Blick, der mich an jenes Meer entrĂŒckte, / Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.» Dieser Weg versucht, die Formen der Natur aus sich selbst zu verstehen. Wir betrachten sie wie eine geheimnisvolle Schrift, verfasst in einer uns zunĂ€chst unverstĂ€ndlichen Sprache, die es zu erlernen und zu entziffern gilt. Dann wĂ€re die menschliche Gestalt ein Kapitel im Buch der Natur, das es zu lesen gĂ€lte, und sogar ein ganz besonderes. Sie wĂ€re ein Gedicht der Welt. Goetheanismus ist eine Methode, um die Sprache der Natur wirklich verstehen zu lernen, so, wie man einen geschriebenen Text bis in die Intuitionen seines Autors hinein verstehen lernen kann. So schrieb Goethe (an Charlotte von Stein): «Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrĂŒcken, mein langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt ruckts auf einmal, und meine stille Freude ist unaussprechlich.» (1) Die goetheanistische Methode lĂ€sst sich heute als ein klarer, vierstufiger Weg beschreiben:

Die Grundlage und erste Stufe dieses Weges muss immer die konkrete, wissenschaftliche Betrachtung der Fakten bilden. Wir mĂŒssen die menschliche Gestalt zunĂ€chst in ihren vielfĂ€ltigen Formbildungen â€“ zum Beispiel anhand des Skeletts â€“ ausfĂŒhrlich studieren: den SchĂ€del, der seitlich, vorne und unten abgeflacht und von Öffnungen durchbrochen, nach oben und hinten aber geschlossen und gerundet ist; die gebogenen Rippen und die gedrungenen Elemente der WirbelsĂ€ule; die Gliedmaßen als lang gestreckte, sich zur Peripherie hin immer mehr aufgliedernde Formen; SchulterblĂ€tter und Becken als (halb-)schalenförmige Gebilde usw.

Die zweite Stufe besteht darin, durch Vergleich BezĂŒge zwischen den Formen herzustellen. In der WirbelsĂ€ule sieht man zum Beispiel eine kontinuierliche Metamorphose: Von oben nach unten verkleinert sich der Wirbelkanal und vergrĂ¶ĂŸert sich der Wirbelkörper, wĂ€hrend die WirbelfortsĂ€tze im mittleren Bereich am differenziertesten ausgebildet sind. â€“ Auch polar gegensĂ€tzliche Formen lassen sich vergleichen. So ist der Kopf (insbesondere der GehirnschĂ€del) vergleichsweise kugelig, die Gliedmaßen sind strahlig. Der Kopf stellt ein Außen-, die Glieder ein Innenskelett dar, seine Knochen sind verschmolzen, ihre gelenkig durchbrochen, er bildet eine Einheit, sie eine Vielheit, er ist ruhig, sie beweglich, er geschlossen, sie offen usw. Schaut man dann auf den Rumpf, so sieht man, dass sich die beiden polaren Bildungstendenzen in ihm rhythmisch durchdringen und vereinigen: Im Brustkorb hat man eine eher kopfartige, nur wenig bewegliche Gestalt, wĂ€hrend die WirbelsĂ€ule gliedmaßenartig beweglich ist; das Ganze erscheint als eine tendenziell kugelförmige, aber in die LĂ€nge gestreckte Einheit aus vielen strahligen, aber zur Rundung gebogenen Elementen, geschlossen â€“ offen â€“ geschlossen â€“ offen, rhythmisch wechselnd zwischen Ruhe und Bewegung usw.

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Auf einmal sieht man mehr, als man anfangs sah. Man sieht eine â€čGestaltâ€ș, das heißt eine Gestaltung.

Auf einmal sieht man mehr, als man anfangs sah. Man sieht eine â€čGestaltâ€ș, das heißt eine Gestaltung. Man blickt nicht mehr nur Ă€ußerlich auf die fertig gewordenen Formen, sondern kann ihre Bildung innerlich nachvollziehen. Man schaut in dieser besonderen, doppelsinnigen Weise, die so dringend notwendig wieder gelernt und gelehrt werden sollte, weil durch sie die Welterscheinungen wieder sprechend und sinnvoll werden können. Goethe hatte gemahnt, «dass es ein Unterschied sei zwischen Sehen und Sehen, dass die Geistes-Augen mit den Augen des Leibes in stetem, lebendigem Bunde zu wirken haben, weil man sonst in Gefahr gerĂ€t, zu sehen und doch vorbeizusehen». (2)

Die dritte Stufe der goetheanistischen Methode ergibt sich, indem man die Gestaltung und Verwandlung der Formen aktiv nachvollzieht und dadurch innerlich erlebt. Man kommt so dazu, ihre Bildungsgesetze zu verstehen. In der Metamorphose der Wirbelkörper erkennt man zum Beispiel das Ineinanderspielen einer nach oben zunehmenden Leichtewirkung (Wirbelkanal), die sich zum Bewusstseinsraum ausweitet, sowie einer nach unten zunehmenden Schwerewirkung (Wirbelkörper), durch die man stark, aber dumpf mit der Anziehungskraft der Erde verbunden ist. Die WirbelsÀule ist jedoch nicht starr in diese PolaritÀt eingespannt, sondern kann bis zu einem gewissen Grad frei bewegt werden (WirbelfortsÀtze).

FĂŒr die Gestalt als Ganzer kann man diese PolaritĂ€t auch von innen erleben: nach oben den sich in den kosmischen Umkreis weitenden Bewusstseinsraum, als dessen verdichtetes, physisches Abbild der kugelige Kopf erscheint, nach unten die starke Kraft der Erde, an deren Gegenstoß sich die eigene Willenskraft dumpf entzĂŒndet und als deren Bilder insbesondere die SĂ€ulen der Beine und FĂŒĂŸe, aber auch die ganze aufrechte Gestalt erscheinen. In der Mitte, in der sich diese beiden GegensĂ€tze begegnen und durchdringen, ist man frei â€“ im Geben und Nehmen, im Gestikulieren und Arbeiten. Arme und HĂ€nde, so Rudolf Steiner, sind «das schönste Sinnbild der menschlichen Freiheit» (3).

Die vierte Stufe der goetheanistischen Methode versucht, den erklĂ€renden Begriff, die schöpferische Idee oder das gestaltende Wesen zu erfassen, welche den Erscheinungen zugrunde liegen. FĂŒr die menschliche Gestalt kann man sagen, dass durch sie der durchlichtete Bewusstseinsraum des â€čHimmelsâ€ș mit der materiellen Kraftwelt der â€čErdeâ€ș zusammenkommt. Der Mensch vereinigt in sich Himmel und Erde. Und dort, wo sich diese beiden Bereiche in ihm begegnen und durchdringen, entsteht ein neuer Raum, in dem er selbst schöpferisch werden und von wo aus er seine Umwelt frei gestalten kann.

Damit leuchtet vor dem schauenden Blick die urbildliche Idee der menschlichen Gestalt auf, die schon am Weltanfang da gewesen sein muss und aus der nicht nur diese Gestalt, sondern letztlich die ganze Natur begriffen werden kann â€“ und aus der sie in stufenweiser Absonderung nach Rudolf Steiner tatsĂ€chlich auch hervorgegangen ist. (4) Es zeigt sich die â€čGott-Naturâ€ș, von der Goethe schrieb: «Wir können bei der Betrachtung des WeltgebĂ€udes [
] uns der Vorstellung nicht erwehren, dass dem Ganzen eine Idee zum Grunde liege, wonach Gott in der Natur, die Natur in Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit, schaffen und wirken möge. Anschauung, Betrachtung, Nachdenken fĂŒhren uns nĂ€her an jene Geheimnisse. Wir erdreisten uns und wagen auch Ideen, wir bescheiden uns und bilden Begriffe, die analog jenen UranfĂ€ngen sein möchten.» (5)


(1) Brief an Charlotte von Stein vom 15.6.1786.
(2) Johann Wolfgang von Goethe: Morphologie â€“ einige Bemerkungen. MĂŒnchner Ausgabe, Bd. 12, S. 84.
(3) Rudolf Steiner: Vortrag vom 28.8.1919, in: Erziehungskunst â€“ Methodisch-Didaktisches. GA 294, Dornach 1990, S. 104.
(4) Vergleiche hierzu Christoph Hueck: â€čAlles Niedere hat sich aus Höherem herausentwickelt â€“ Rudolf Steiners Auffassung der Evolution von Mensch und Tierâ€ș I, in: Die Drei, Heft 10/2017, S. 39–49; sowie ders.: â€čMan muss die Natur aus dem Menschen erkennen â€“ Rudolf Steiners Auffassung der Evolution von Mensch und Tierâ€ș II, in: Die Drei, Heft 11/2017, S. 43–56.
(5) Johann Wolfgang von Goethe: Frankfurter Ausgabe, I, 24, S. 449.

Zu den Bildern: Barbara Schnetzler, Geist erinnern, Geist besinnen, Geist erschauen Aquarell, 25 × 25 cm August, Oktober 2015

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