Die Einladung, selbst zu denken

Sich von Fragen leiten zu lassen und eigene Beobachtungen im Äußeren und Inneren daran zu machen, war die Grundlage der Arbeit mit Jochen BockemĂŒhl. Zwei weitere Berichte aus seinem Schaffen.


Das komple­mentÀre Gegenteil zu Wissen

Das Naturwissenschaftsstudium hatte meinen Wissensrucksack prall gefĂŒllt. Dennoch verließ ich die UniversitĂ€t Ende 1987 mit einer gewissen Leere. Was Wissenschaft ist, wie Wissen, Theorien und â€čTatsachenâ€ș entstehen und wie sie zu bewerten sind, solche Fragen blieben unbeantwortet. Das Naturwissenschaftliche Studienjahr, das Jochen BockemĂŒhl und Georg Maier damals am Glashaus anboten, war genau das, was ich suchte, denn sie stellten diese Metathemen ins Zentrum.

Es war ein großes Privileg, in einer unglaublich inspirierenden AtmosphĂ€re mit 20 weiteren suchenden jungen Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen solch grundlegenden Fragen nachgehen zu können. In Hunderten von Stunden haben wir Jochens VortrĂ€gen gelauscht, sie anschließend gemeinsam diskutiert und versucht, seine Inspirationen in eigenen Projekten anzuwenden und mit den erkenntnistheoretischen Schriften Steiners und Goethes zu untermauern. Es war, als lehrte er uns eine völlig neue Sprache, die nach ganz anderen Regeln funktionierte. Denn es ging nicht mehr um die Aneignung von Wissen, sondern um das komplementĂ€re Gegenteil: um den Gesichtspunkt, aus dem heraus Wissen und schließlich Tatsachen entstehen. Dieser Ansatz, den Jochen auf vielfĂ€ltigste Weise praxisnah vermittelte, war ebenso faszinierend wie fruchtbar.

Ich habe im Studienjahr Vertrauen ins eigene Denken gefasst und lernte, welche grundlegende Bedeutung dem Denken und Wahrnehmen im Gestaltungsprozess des Erkennens und Handelns zukommt. Diese Erfahrung hat mein spĂ€teres Leben und mein SelbstverstĂ€ndnis geprĂ€gt. Die Denkwerkstatt â€čVision Landwirtschaftâ€ș wĂ€re ohne das Studienjahr nicht entstanden. Ebenso wĂ€re ich nicht selbstĂ€ndiger Unternehmer geworden in einem ökologischen Marktsegment, das zuerst neu geschaffen werden musste. Das war nur möglich, weil ich die Bedeutung und die Kraft wahrnehmungsnaher Ideen kennengelernt hatte.

Es war, als lehrte er uns eine völlig neue Sprache, die nach ganz anderen Regeln funktionierte. Denn es ging nicht mehr um die Aneignung von Wissen, sondern um das komplementĂ€re Gegenteil: um den Gesichtspunkt, aus dem heraus Wissen und schließlich Tatsachen entstehen.

In den ersten Jahren nach dem Studienjahr habe ich versucht, zwischen der ganz eigenen Welt am Goetheanum und der â€črealen Weltâ€ș, die ich aus dem Studium und meinem beruflichen Umfeld in der Biologie, der Landwirtschaft und dem Naturschutz kannte, eine BrĂŒcke zu schlagen. In diesen BemĂŒhungen bin ich allerdings gescheitert. Der Widerspruch zwischen der großartigen, bodenstĂ€ndigen Erkenntnistheorie von Rudolf Steiner, die den Kern des Studienjahrs bildete, und dem unfehlbaren Status, der seinen spĂ€teren, ausschweifenden â€čErkenntnissen aus den höheren Weltenâ€ș zugebilligt wird und den er sich selbst zubilligte, war unĂŒberbrĂŒckbar. FĂŒr all die lebensprĂ€genden Inspirationen des Studienjahrs am Glashaus bin ich Jochen, mit dem ich von allen Lehrenden am Goetheanum am intensivsten zusammenarbeitete, zeitlebens dankbar.

Andreas Bosshard


Internationale Pharmaziekurse

Die internationalen Pharmaziekurse, angeregt durch Mitarbeitende der Weleda, die mit Jochen BockemĂŒhl in SchwĂ€bisch GmĂŒnd und Arlesheim schon in regelmĂ€ĂŸigen Arbeitsgruppen gearbeitet hatten, haben von 1970 bis 2010 im Glashaus am Goetheanum stattgefunden. ZunĂ€chst trafen wir alle anderthalb Jahre zusammen, um Pflanzen im FrĂŒhling und im Herbst studieren zu können, spĂ€ter folgte ein jĂ€hrlicher Rhythmus. Jeder und jede saß in der Runde an einem Tisch, um studieren, zeichnen oder schreiben zu können. An den WĂ€nden hingen kunstvoll aufgeklebte Blattreihen oder gemalte Bilder von Pflanzen oder Landschaften. Mitarbeitende vieler anthroposophisch- pharmazeutischer Betriebe, selbstĂ€ndige Apotheker und Ärztinnen nahmen am Arbeitskreis teil. Georg Maier vom Forschungsinstitut und Manfred von Mackensen aus Kassel bereicherten die Kurse mit BeitrĂ€gen.

Selbst war ich seit 1972 dabei. Jochens Bruder Michael BockemĂŒhl hatte mich schon in der Schulzeit 1962 an der Hausmannstraße in Stuttgart auf Jochens Forschungen mit Pflanzen aufmerksam gemacht.

Unsere Fragen waren: Was sind Heil- und was Giftpflanzen? Was zeichnet sie aus? In welcher Beziehung stehen sie zum Menschen? Was ist Krankheit? Wie wird aus einer Pflanze ein Heilmittel?

Ganzheitliches Pflanzenstudium

Auch in den Pflanzenstudien am Ă€ußeren Erscheinungsbild und der inneren Bearbeitung wurden wir von Fragen geleitet. Wie zeigt sich das Sal-, das Merkur-, das Sulfur- und das Ascheprinzip im Erscheinungsbild? Wie entwickelt sich die Pflanze im Jahreslauf? Welche Beziehung haben Gestalt und Substanz? Können charakteristische Substanzprozesse an Farben und Formen oder durch Schmecken, Riechen und Tasten erkannt werden? Wie beeinflussen Bodenbeschaffenheit, Landschaft, Klima und planetarische EinflĂŒsse die Pflanze?

Die Bilder, die wir durch intensive Anschauung gewonnen hatten, sollten uns innerlich begleiten bis in den Schlaf hinein. Das Ă€ußere Bild stĂŒlpt sich nach innen um. So eröffnet sich ein innerer, meditativer Erkenntnisweg und innere Beziehungen zwischen mir und der Pflanze entstehen. FĂŒr ein VerstĂ€ndnis der Pflanze in ihrer Beziehung zu Krankheit und Heilwirkung am Menschen studierten wir Angaben von Rudolf Steiner.

Beobachten in der freien Natur

Bild: Adrien Jutard, nach Anregungen von Jochen BockemĂŒhl.

Exkursionen gehörten zu den schönsten Erlebnissen. In Erinnerung sind AuenwĂ€lder am Rhein, Trockenwiesen in den Vogesen, Feuchtstandorte im Kaltbrunnental, Blumenreichtum am JurasĂŒdhang des Blauen. So versuchten wir einmal im Sommer beim Felsli im Goetheanumpark unter den verschiedenen Baumarten unsere Erlebnisse auszudrĂŒcken. Die EindrĂŒcke unter dem Ahorn sind mir jetzt noch gegenwĂ€rtig. Die dekorativen Schattenzeichnungen der gespreizten BlĂ€tter zeigten uns den Umgang des Ahorns mit dem Licht.

In einem eigenen Projekt versuchte ich, den besten Erntezeitpunkt fĂŒr die Löwenzahnwurzel ĂŒber den Bitterstoffgehalt zu bestimmen. Ab April grub ich regelmĂ€ĂŸig ĂŒber das Jahr die Wurzeln aus und trocknete sie. Im MĂ€rz des folgenden Jahres wurde aus jeder Wurzel durch Schmecken eines Warmwasserauszuges der Bittergehalt bestimmt. Zur â€čKalibrierungâ€ș des Geschmackssinns dienten VerdĂŒnnungen von Chinin. Die Bitterkeit stieg im April stetig an, um gegen den Sommer hin abzuflachen. Die regelmĂ€ĂŸige Beobachtung der Entwicklung des Löwenzahns half mir, die Verwandlungen anderer Pflanzen besser zu verstehen.

Dank an Jochen BockemĂŒhl

Jochen BockemĂŒhl hat es verstanden, die Kursteilnehmenden ganz persönlich ins Boot zu nehmen. Unsere volle Aufmerksamkeit war ihm wichtig. Durch wesentliche Fragen fĂŒhrte er uns in eine gemeinsame Arbeit am Thema. Seine bildhaften VortrĂ€ge waren selten, aber von uns sehr geschĂ€tzt. Nach den Kursen fĂŒhlte ich mich reich erfĂŒllt von Erlebnissen und Erfahrungen, die mich bei meinen eigenen Beobachtungen in der Natur bis heute inspirieren; dafĂŒr danke ich Jochen BockemĂŒhl und auch fĂŒr seine herzliche Freundschaft. Die drei BĂ€nde von â€čEin Leitfaden zur Heilpflanzenerkenntnisâ€ș sind bis heute eine wertvolle Anleitung fĂŒr die eigene Arbeit geblieben.

Johanna Lobeck

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